Wochenende in Berlin

Und dann rollt wieder so ein Wochenende an. Eigentlich läuft es immer gleich ab: ich sitze vor dem winzigen Fernseher in der Ecke meines Zimmers und sehe mir die ARD-Sportschau an, wo irgendwelche Leute aus westdeutschen Kleinstädten bei der Wahl zum „Tor der Woche“ einen Toyota Auris gewinnen, während Julien drüben seinen Rausch vom Freitagabend ausschläft. Draußen werden die Tage kürze und kälter und durch meine weißen Vorhänge dringt ab vier Uhr nachmittags nur noch blassblaues Dämmerlicht. Irgendwann holt mich die Türklingel aus meinem TV-Halbschlaf, ein paar Freunde haben Wein und Wodka mitgebracht, wir sitzen dann im Wohnzimmer, trinken selbstgemachte Cocktails und reden dummes Zeug. Die Zeit verstreicht langsam und zäh und weil es eigentlich wenig Neues zu erzählen gibt, wärmen wir alte Geschichten auf und erzählen immergleiche Witze. Um halb zwölf kommt PF und Julien sagt: „Wir wollen nichts kaufen, Hausierer unerwünscht“ oder „Passt auf eure Mobiltelefone auf, der Zigeuner ist da.“ PF kontert, indem er sich laut über sein Schicksal beklagt, welches ihm ach so ignorante und ungebildete Freunde wie uns beschert habe. „Irgendwann“, sagt er, „wenn ich reich und berühmt bin, werde ich mich mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid an euch erinnern.“

Julien spielt etwas Elektropop auf seinem Computer und lässt die Flügeltüre offen, die sein Zimmer vom Salon trennt. Die Stereoanlage haben wir letzte Woche an Lucy zurückgegeben, da diese die ihrige an Phil zurückgegeben hatte, nachdem Phil bei ihr ausgezogen war, aber das ist eine andere Geschichte, die gehört nicht hier her. Jedenfalls haben wir keine Stereoanlage mehr und Julien dreht jetzt die Aktivboxen an seinem Computer auf, aber dass soll sich alles ändern, irgendwann, wenn einer von uns sich aufrappelt und zu den Türken im Wedding fährt und dort ein gebrauchtes Gerät kauft. Bis dahin geht alles weiter wie bisher: wir schlagen uns mehr schlecht als recht durch, leben auf Pump, ignorieren die offenen Rechnungen, die in schöner Regelmäßigkeit im Briefkasten landen. „Vergiss nicht, am Montag die Typen von der Gasfirma anzurufen, damit sie endlich jemanden vorbeischicken, der den Boiler repariert“, sagt Julien, bevor wir uns auf den Weg ins Dr. Pong machen. „Damit wir endlich wieder warm duschen können.“ - „Kennst du das Gefühl, dass dir alles entgleitet?“, frage ich mich daraufhin selbst und fühle wieder dieses Unwohlsein tief innen im Bauch, das ich immer dann spüre, wenn ich weiß, dass ich die Dinge, die ich eigentlich jetzt tun sollte mit geschlossenen Augen auf Übermorgen verschiebe.

Später, im Dr. Pong, ist dieses Gefühl bereits viel schwächer geworden, und als wir dann gefühlte Lichtjahre später in einem Taxi durchs herbstliche Berlin fahren, von einer Party zur nächsten, mitten in dem luftleeren Raum zwischen Gestern und Morgen, dieser euphorisierenden Grauzone zwischen Tag und Nacht, in der es keine Vergangenheit und auch keine Zukunft gibt, da ist es völlig verschwunden und ich lächle freudig vor mich hin, während der Taxifahrer langsam mit den Kopf wackelt, immer im Takt eines Popsongs, dessen Namen ich inzwischen längst wieder vergessen habe. Dann fängt das Tanzen wieder an, denn eigentlich ist das ganze Wochenende ja ein einziger Tanz. PF legt eine wunderbare Pirouette hin, als er uns am Eingang eines Clubs auf die Gästeliste redet, er nennt einfach ein paar Namen und winkt wichtig mit den Armen; wir kommen rein und drinnen sind die Leute glücklich und schön, sie trinken bunte Drinks aus hohen Gläsern und tragen Kleider wie die Darsteller aus „Zurück in die Zukunft“. Ein Mädchen hat Geburtstag und nimmt mich beim Arm, ich gehe auf Watte und die Musik ist plötzlich ganz weit weg, sie wird immer leiser, verschwindet schließlich ganz. Vielleicht bin ich jetzt im Himmel, denke ich, stelle dann aber fest, dass ich mich viel zu früh gefreut habe, denn plötzlich ist der Lärm wieder da und ich lehne an einer gekachelten Wand und warte, dass eine Klokabine frei wird. Aber die Leute da drinnen nehmen Drogen oder haben Sex und kümmern sich einen Dreck um die Dinge, die sie umgeben. Sie gehen an dir vorbei, als existiertest du nicht und blicken durch dich hindurch, mit weitaufgerissenen Augen und Schweißperlen auf der Stirn. Es sind Augenblicke der totalen Einsamkeit und du weißt überhaupt nicht, wie du mit der schwindenden Euphorie umgehen sollst. Du schließt einfach die Augen und wartest darauf, dass alles vorbei geht.

Und dann ist wirklich alles vorbei, das Wochenende rollt langsam aus, kommt sanft zum stehen, irgendwo zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg, in einer beinahe leeren Straßenbahn. Sascha, der DJ sitzt auf einem grau lackierten Sicherungskasten und spielt ein Lied von France Gall auf seinem Handy, während die anderen im schmutzigen Stoff der Sitze vor sich hindösen. Draußen liegen leere Straßenzüge und das Licht ist blass und grau, so wie immer im Herbst. “Wenn du arbeitest”, denke ich, kurz bevor ich an der Haltestelle Eberswalderstrasse aussteige, “verbringst du die meiste Zeit deines Lebens damit, auf das Wochenende zu warten.” Du freust dich darauf wie ein kleines Kind, obwohl du genau weißt, dass du damit die Erwartungen ins Unendliche schraubst und im Endeffekt dann bloß enttäuscht werden wirst. Aber das macht nichts, denn das nächste Wochenende kommt ja bestimmt.

4 Responses to “Wochenende in Berlin”

  1. David Says:

    “u d’wäut isch es chirschi
    wo schrumpft u chliner u chliner wird
    u i bi gäng ungerwägs
    i bi gäng ungerwägs
    u vorwärts chumen i nid”
    ************************
    U d’wäut dräit sich no geng!

  2. Dr P. Says:

    Na.. Meine Stereo Anlage könnt ihr eigentlich haben, ich nutze sie nicht. Ich verbringe sowieso mehr Wachzeit bei euch als in meinem Zimmer..
    Daniel, du machst Druck an mir, jetzt muss ich auch auf meinem blog weiterschreiben. hab doch ein paar ideen, aber noch nichts wirklich konkrett.
    Oh by the way, ich arbeite Heute abend noch, und es gibt eine junge russiche Person, die dich dort treffen möchte.
    grüsse

  3. Mirilla Says:

    People don’t want their lives fixed. Nobody wants their problems solved. Their dramas. Their distractions. Their stories resolved. Their messes cleaned up. Because what would they have left? Just the big scary unknown.

  4. Norman Says:

    Sich von WE zu WE hangeln, um dem Gefühl zu entkommen, dass einem alles entgleitet. Ich halte es für eine zweifelhafte Methode. Naja, wird schon

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