Stille Tage in Bern
Ich sitze in der Transitlounge des internationalen Flughafens von Kopenhagen und warte auf meinen Anschlussflug nach Zürich. Diese Transitlounges sehen überall auf der Welt genau gleich aus: es gibt Sofas aus Kunstleder, große Flachbildschirme mit nervösen Dauernachrichtensendungen und überall hocken Geschäftsleute in bieder geschnittenen Stangenanzügen. Weil es nichts zu tun gibt, lese ich in einer Ausgabe der Herald Tribune, die mir eine hochgewachsene, blonde Stewardess der Scandinavian Airways mit einem kühlen Lächeln in die Hand gedrückt hat. Gleich auf der ersten Seite stoße ich auf einen Artikel über die Parlamentswahlen in der Schweiz. Offenbar muss es um die Schweiz furchtbar schlimm stehen - ansonsten würde wohl keine amerikanische Zeitung jemals einen eidgenössischen Urnengang auf der Frontseite abhandeln. Normalerweise gilt der Alpenstaat jenseits des Atlantiks bloß als Schokolade produzierende Privatbank – wenn er nicht gerade mit Schweden verwechselt wird. Dem Wahlkampf sei dank ist das jetzt nicht mehr so. Denn die Bilder von brennenden Barrikaden und rassistischen Plakaten haben offenbar Spuren hinterlassen und selbst der bärtige Produktionsleiter in meiner Firma, der sich sonst jeden Morgen spaßeshalber nach dem Stand meines Nummernkontos erkundigt, fragte nach den Krawallen in Bern vor drei Wochen voller Betroffenheit, ob es denn meiner Familie auch gut ginge, - „nach all dem was da unten passiert.“ Ich habe beschwichtigend genickt und mich nachher fast ein bisschen gefühlt, als käme ich aus Nordirland.
Gegen zehn Uhr Abends lande ich endlich in Zürich, der Flughafen dort ist genauso leer wie der Spätzug Richtung Bern. Draußen liegt der Aargau in der Dunkelheit, Städte wie Lenzburg oder Olten, matt beleuchtete Monumente der Durchschnittlichkeit, des absoluten Mittelmasses mit ihren Einfamilienhaussiedlungen, Supermärkten und Vorortsbahnhöfen. Alles andere als die Kulisse für einen Bürgerkrieg, denke ich. Und überhaupt: wird hier nicht einfach nur übertrieben? Die Schweiz wird seit über fünfzig Jahren von einer Vierparteienkoalition regiert, wobei Regieren hier eher Verwalten gleich kommt, denn in den wirklich wichtigen Fragen entscheidet jeweils das Volk. Und um dieses zu überzeugen, braucht man mehr als nur eine paar zusätzliche Sitze im Parlament. „Der große Rechtsruck ist ausgeblieben“, staunt denn auch die Herald Tribune, nachdem die rechtgerichtete Schweizerische Volkspartei anstatt gleich das ganze Land zu überrollen, bloß ein paar Prozentpunkte dazugewonnen hat und nun bei rund 29 Prozent der Stimmen steht. Würde beispielsweise die deutsche SPD jemals so ein Ergebnis einfahren, dann könnte sich Kurt Beck gleich als erster über die von geforderte Frührente freuen. In der Schweiz gibt es keine absolute Mehrheiten und auch kein schwarz oder weiß, dafür aber ein fein abgestuftes Grau. Diese Besonderheit ist für Außenstehende nicht leicht zu verstehen und bedarf der genaueren Betrachtung. Den meisten Korrespondenten der großen ausländischen Medien war das offenbar zu kompliziert. Sie reproduzierten stattdessen den Unsinn vom rückständigen, rassistischen Alpenvolk und taten so als stünde mit Christoph Blocher ein zweiter Adolf Hitler Gewehr bei Fuß. Jetzt wundern sie sich, dass die düster vorhergesagte, braune Machtübernahme offenbar doch nicht stattgefunden hat.
Die nächsten Tage verbringe ich in Bern. Die Stadt schläft wie immer und gibt ein pittoreskes Bild ab: schwere Sandsteinfassaden ragen in den Hochnebel, der sich in Wintertagen jedes Mal über das schweizerische Mitteland legt. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich das Gymnasium besucht und von hier wollte ich immer weg. Wenn du in deine Heimatstadt zurückkehrst, denke ich, dann ist das wie wenn du dir eine deiner alten Platten wieder anhörst: du weißt eigentlich ganz genau, weshalb du sie vor langer Zeit in irgendeinem Wandschrank entsorgt hast und bist trotzdem irgendwie berührt. Die Erinnerung ist eine äußerst irrationale Sache, man kann sie sich weder aussuchen noch steuern und als ich gemeinsam mit Dave in einer der wenigen Bars unten in der Altstadt sitze und Bloody Mary trinke, denke ich dass ich hier trotz allem ein wenig zu Hause bin. Ich frage Dave ob er gewählt hat, er verneint. „Ich wusste ja nicht wen. Die SVP widert mich mit ihrem Populismus an, die Sozialdemokraten sind weinerliche Versager und die ganzen Liberalen sehen aus wie nichtssagende Versicherungsvertreter. Furchtbar aber wahr.“ Dann ruft der Barmann „letzte Runde“, es ist kurz nach Zwei und ich denke an ein Zitat von Kuno Lauener, dem Leadsänger der größten Berner Rockband aller Zeiten, Züri West. Auf die Frage, weshalb so viele Bands aus Bern kämen, hat er geantwortet, in einer Stadt, in der um halb eins die Bürgersteige hochgeklappt werden, bliebe einem nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren und Songs zu schreiben.
Als ich Bern mit dem Mittagszug Richtung Frankreich verlasse, ist das Wetter besser geworden. Bei Kriegstetten bricht die Sonne durch die Wolkendecke und taucht die dunkelgrünen Jurahänge in ein weiches Licht. Dieses Land ist ein zynisches, kleines Monster, denke ich. Mal umarmt es dich, mal stößt es dich von sich. Bevor ich in Basel durch den Zoll gehe, rauch eich eine letzte Zigarette auf dem Bahnhofsvorplatz. Gleich gegenüber, neben der Filiale des amerikanischen Schnellrestaurants Mc Donalds steht eine Plakatwand mit dem umstrittenen Wahlplakat der SVP. Jemand hat „Nazis raus“ über das Sujet mit den weißen und schwarzen Schafen geschrieben. Gleich daneben hängt ein Poster der schweizerischen Fremdenverkehrszentrale. Darauf steht: „Welcome to Switzerland.“