Archive for November, 2007

Schnee auf der Schönhauserallee

Tuesday, November 27th, 2007

Jedes Mal, wenn ich nach Kreuzberg fahre, überkommt mich eine unbestimmte Melancholie. Ich weiß nicht woran das liegt. Vielleicht ist es nur die Angst, irgendetwas zu verpassen. Ich bin ziemlich selten hier unten, zwischen Oranienstrasse und Bergmann – Kiez, ich lebe auf der anderen Seite der Spree und kann daher nur erahnen, wie der Alltag hier aussehen mag. Meist sind es ja die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. „Kreuzberg ist schmutzig“, hat Julien im Spass gesagt, als wir von Bastis Abschiedsparty weggegangen sind, aber ich habe nicht geantwortet und stattdessen gedacht, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, ein paar Jahre am Landwehrkanal zu wohnen. Du gehst spätabends in die Ankerklause, prostest den speckigen Lederjackentypen mit Jägermeister zu und tanzt mit einem rothaarigen Mädchen Chachacha. Danach läufst du nach Hause, in deine Einzimmerwohnung unterm Dach und schreibst ein Stück über einen Mann, der seinen Namen vergisst. Natürlich wäre so ein Leben nichts anderes, als ein zuckersüsses Klischee der Poesie, eine Art romantisches Refugium der Anti – Moderne. Aber mal ehrlich: meint Klischee in diesem Fall nicht einfach nur eine überspitzte Form des Ideals?

Dave reicht mir ein Glas voller Bier. Er ist für ein paar Tage nach Berlin gekommen, weil er es in Bern gerade nicht mehr aushält. “Meine Freunde dort scheinen alle zu wissen was sie wollen”, sagt er. Ich sage etwas zustimmendes, betrachte die Leute um mich herum, die vor der getäfelten Innenwand eines Lokals namens Monarch stehen und sich zu undefinierbarem Rocksound wabernd hin und her bewegen, als Julien und PF ankündigen, nach Hause zu fahren. „Wir könnten es noch mal bei den Bachstelzen probieren“, sage ich in den Lärm, aber PF schüttelt den Kopf und Julien sagt betreten: „Sinnlos.“ Eigentlich wollten wir ja gleich nach Bastis Abschiedsparty zu den Bachstelzen und sind deshalb frierend quer durch Kreuzberg gelaufen. Aber dort standen sich all die Partygänger die Beine in den Bauch und weil wir keinen Türsteher kannten und auch keinen DJ oder sonst irgendwen, der wichtig genug gewesen wäre, um uns einfach durchzuwinken, sind wir zum West Germany gegangen und haben an den verschlossenen Türen gerüttelt. Umsonst, die Party war schon längst weitergezogen. Jetzt sitze ich im Monarch, gegenüber der getäfelten Wand, trinke Bier und denke darüber nach, wie es wäre, in Kreuzberg zu wohnen, während meine Freunde finden, es wäre längst Zeit zu gehen.

Früher haben wir jeweils ganze Jahrhunderte durchgestanden. Wir haben die Nacht zum Tag gemacht – und wenn der Vorrat reichte – den darauffolgenden Tag zur Nacht. So könnte es auch heute sein, aber aus irgendeinem Grund sind die Beine lahm geworden und Kopf schwer und dumpf. Phil meint immer, das liege am Jahreszeitenwechsel, vielleicht hat er ja recht und es liegt nur am Schneegestöber im Lichtkegel des Taxis, welches uns lautlos nach Hause bringt. „Wir könnten ins Zu Mir und zu Dir gehen, auf einen Absacker- Drink“, sage ich zu Dave. Er nickt und wir vollbringen einen letzten Kraftakt, steigen an der Ecke Eberswalder aus und stapfen die Lychenerstrasse hoch. „Ich habe keine Ahnung, was ich nach meinem Studium tun soll“, sagt Dave kurz darauf mit einen White Russian in der Hand. „Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir alle furchtbar verwöhnt sind. Uns ging es immer zu gut. Darum mussten wir uns nie für irgendetwas Richtiges entscheiden.“ Ich nicke so halb als Elsa, die ein bisschen später kam und lauter schwere Flocken im Haar hat, ankündigt, nach Paris zurückkehren zu wollen. „Es zerreißt mir das Herz, Berlin zu verlassen. Aber ich will aus meinem Leben noch irgendetwas machen.“ Vielleicht, sagt sie dann noch, bräuchten wir alle einen Tritt in den Hintern, eher wir uns endlich bewegen würden. Und zu mir: „Eigentlich finde ich es schade, dass du dich so gehen lässt.“

Ich betrachte mein Glas voller träge schwimmender Eiswürfel und sehe, wie sich die Leute ihre Mäntel überziehen. Ein Typ mit langen Haaren kommt auf uns zu, geht in die Hocke und sagt: „Leute, wir machen Schluss.“  Und als wir in die klirrende Kälte treten ist sie zurück, die unbestimmte Melancholie. Vielleicht, denke ich, bin ich tatsächlich dabei, ein Stück meines Lebens zu verpassen. Oder Phil hat recht und es ist nur der Schnee auf der Schönhauserallee.

Wir aus dem Westen

Thursday, November 15th, 2007

Ich sitze in meiner Küche an der Schönhauserallee und esse argentinisches Rindfleisch. Das Zeug ist 100% Natura und stammt von garantiert glücklichen Viechern, die drei Mal pro Tag mit irgendwelchen Ölen eingerieben werden und nur Bio - Gras zu fressen kriegen. Dazu gibt es Pasta mit einer hausgemachten Tomatensauce und später noch ein Glas Multivitaminsaft. Danach sehe ich mir gemeinsam mit Julien so einen französischen Studiofilm an, in dem alle Protagonisten die ganze Zeit Foie Gras aus handgetöpferten Lehmbehältern in sich reinstopfen und gleichzeitig ihre Frauen betrügen. Während der Film läuft werde ich dann doch ein wenig schwach und rauche eine Zigarette, bereue dies aber gleich wieder. Um 00:45 finde ich dann, es wäre langsam Zeit ins Bett zu gehen, schlüpfe in meine frisch gewaschene Baumwolle - Bettwäsche und lese ein halbes Kapitel in einem Buch von Rüdiger Safranski. Danach schlafe ich ein.

Ich gebe es ja zu, ich lebe mitten im Getto der Öko – Digital – Boheme – Nomenklatura Deutschlands. Im Prenzlauer Berg gibt es den größten Bio – Supermarkt Europas, übermäßig viele junge Frauen mit geländetauglichen Kinderwagen und geländeuntauglichen Fahrrädern sowie eine ganze Menge Second – Hand – Läden, in denen ein Nierentisch aus Hartplastik 500 Euro kostet. Die Leute fahren erst um neun zur Arbeit und auf der Kastanienallee kommt der Milchkaffee im Wasserglas und heißt dann Latte Macchiato. Es gibt hier wenige Türken, dafür umso mehr Franzosen und Italiener. Und an der Eberswalderstrasse konnte man bis vor kurzen einen Bio – Döner kaufen. So weit so gut. Aber lässt sich deswegen ein ganzer Stadtbezirk unter dem Schlagwort Neo – Biedermeier zum Problemfall erklären? Für die Zeit offenbar schon. Das Hamburger Wochenblatt ortet zwischen Torstrasse und Kollwitzplatz nichts anderes als Pornobrillenträger, Öko – Schwaben und hysterische Mütter, die zwischen Yoga, überteuerten Altbauwohnungen und vagen, arbeitsähnlichen Nachmittagsbeschäftigungen eine keim- und konfliktfreie Selbstverwirklichung betreiben. Das mag bis zu einem gewissen Grade durchaus stimmen und ich bin ja der erste, der sich darüber lustig macht. Aber was verdammt noch mal soll daran so schlimm sein? Und überhaupt? Was wäre Berlin ohne den fürchterlichen Prenzlauer Berg?

Man kann über die Attraktivität der Tangente Mitte/Prenzlauer Berg ruhig geteilter Meinung sein. Vielleicht sind die Strassen nicht dreckig genug und es gibt zu wenige Gammelfleisch – Döner. Eines hingegen ist unumstritten: die viel gescholtene Schickimicki – Boheme hat Berlin für Außenstehende zum ersten Mal seit langem wieder attraktiv gemacht. Denn hier liegen die Galerien der ganzen New Yorker Exilkünstler, die vor der lustfeindlichen Politik ihrer Stadt nach Übersee geflohen sind. Hier hat Hedi Silmane den Heroin- Chic erfunden und nicht etwa in Lichterfelde-Ost. Früher war das anders. Ich kann mich an die Fernsehbilder vom Mauerfall oder von der Weltmeisterschaft 1990 erinnern. Die Leute, die sich da in den Armen lagen, sahen alle gleich aus, egal ob sie nun aus dem Osten oder dem Westen stammten. Sie trugen die Jeans bis über den Bauchnabel, hatten bunte Windjacken an und die gleichen Frisuren wie Rudi Völler. Dazu sang ein schauspielernder Bademeister aus Amerika „I am looking for Freedom.“ Will irgendwer da hin zurück? Ich bestimmt nicht. Und da bin ich sicherlich nicht der einzige. „Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich nach Berlin ziehen werde, hat sie mich angeguckt, als würde ich mich freiwillig in ein osteuropäisches Umerziehungslager einweisen lassen“, sagte Julien einmal. Inzwischen hat sich diese Sichtweise radikal geändert. Berlin ist für viele Europäer zu einer vielleicht etwas naiven, realitätsfernen aber umso aufregenderen Utopie gworden. Zu einer Stadt, in der man leben möchte. Und das ganz bestimmt nicht wegen Bushido, der Neuköllner Rütli – Schule oder dem Aldi - Supermarkt in Wedding.

In den übrigen europäischen Metropolen hat man offenbar keine solchen Probleme. Julien beispielsweise, bezeichnet sich selbst als Pariser, obwohl er eigentlich in der Nordfranzösischen Provinz aufgewachsen ist. In Berlin wäre so etwas ein Sakrileg. Hier bleibt ein Zugezogener für immer ein Zugezogener, Punkt. Aber mal ehrlich, was wäre diese Stadt ohne all die Öko - Schwaben, die westdeutschen Provinzler oder die Easy- Jet – Ladungen voller Franzosen, Spanier und Engländer, die mit rauchenden Köpfen und kribbelnden Fingern voller Tatendrang in Schönefeld auf dem Bahnsteig stehen? Vermutlich nicht viel mehr als eine weitere ostdeutsche Stadt mit Männerüberschuss, zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und leeren Kassen. Wer das möchte, kann uns ruhig zum Teufel jagen. Und ach ja, bevor ich es vergesse. Die Steaks hat Julien übrigens beim Ulrich gekauft. Und zwar drüben, im Westen.