Wir aus dem Westen
Ich sitze in meiner Küche an der Schönhauserallee und esse argentinisches Rindfleisch. Das Zeug ist 100% Natura und stammt von garantiert glücklichen Viechern, die drei Mal pro Tag mit irgendwelchen Ölen eingerieben werden und nur Bio - Gras zu fressen kriegen. Dazu gibt es Pasta mit einer hausgemachten Tomatensauce und später noch ein Glas Multivitaminsaft. Danach sehe ich mir gemeinsam mit Julien so einen französischen Studiofilm an, in dem alle Protagonisten die ganze Zeit Foie Gras aus handgetöpferten Lehmbehältern in sich reinstopfen und gleichzeitig ihre Frauen betrügen. Während der Film läuft werde ich dann doch ein wenig schwach und rauche eine Zigarette, bereue dies aber gleich wieder. Um 00:45 finde ich dann, es wäre langsam Zeit ins Bett zu gehen, schlüpfe in meine frisch gewaschene Baumwolle - Bettwäsche und lese ein halbes Kapitel in einem Buch von Rüdiger Safranski. Danach schlafe ich ein.
Ich gebe es ja zu, ich lebe mitten im Getto der Öko – Digital – Boheme – Nomenklatura Deutschlands. Im Prenzlauer Berg gibt es den größten Bio – Supermarkt Europas, übermäßig viele junge Frauen mit geländetauglichen Kinderwagen und geländeuntauglichen Fahrrädern sowie eine ganze Menge Second – Hand – Läden, in denen ein Nierentisch aus Hartplastik 500 Euro kostet. Die Leute fahren erst um neun zur Arbeit und auf der Kastanienallee kommt der Milchkaffee im Wasserglas und heißt dann Latte Macchiato. Es gibt hier wenige Türken, dafür umso mehr Franzosen und Italiener. Und an der Eberswalderstrasse konnte man bis vor kurzen einen Bio – Döner kaufen. So weit so gut. Aber lässt sich deswegen ein ganzer Stadtbezirk unter dem Schlagwort Neo – Biedermeier zum Problemfall erklären? Für die Zeit offenbar schon. Das Hamburger Wochenblatt ortet zwischen Torstrasse und Kollwitzplatz nichts anderes als Pornobrillenträger, Öko – Schwaben und hysterische Mütter, die zwischen Yoga, überteuerten Altbauwohnungen und vagen, arbeitsähnlichen Nachmittagsbeschäftigungen eine keim- und konfliktfreie Selbstverwirklichung betreiben. Das mag bis zu einem gewissen Grade durchaus stimmen und ich bin ja der erste, der sich darüber lustig macht. Aber was verdammt noch mal soll daran so schlimm sein? Und überhaupt? Was wäre Berlin ohne den fürchterlichen Prenzlauer Berg?
Man kann über die Attraktivität der Tangente Mitte/Prenzlauer Berg ruhig geteilter Meinung sein. Vielleicht sind die Strassen nicht dreckig genug und es gibt zu wenige Gammelfleisch – Döner. Eines hingegen ist unumstritten: die viel gescholtene Schickimicki – Boheme hat Berlin für Außenstehende zum ersten Mal seit langem wieder attraktiv gemacht. Denn hier liegen die Galerien der ganzen New Yorker Exilkünstler, die vor der lustfeindlichen Politik ihrer Stadt nach Übersee geflohen sind. Hier hat Hedi Silmane den Heroin- Chic erfunden und nicht etwa in Lichterfelde-Ost. Früher war das anders. Ich kann mich an die Fernsehbilder vom Mauerfall oder von der Weltmeisterschaft 1990 erinnern. Die Leute, die sich da in den Armen lagen, sahen alle gleich aus, egal ob sie nun aus dem Osten oder dem Westen stammten. Sie trugen die Jeans bis über den Bauchnabel, hatten bunte Windjacken an und die gleichen Frisuren wie Rudi Völler. Dazu sang ein schauspielernder Bademeister aus Amerika „I am looking for Freedom.“ Will irgendwer da hin zurück? Ich bestimmt nicht. Und da bin ich sicherlich nicht der einzige. „Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich nach Berlin ziehen werde, hat sie mich angeguckt, als würde ich mich freiwillig in ein osteuropäisches Umerziehungslager einweisen lassen“, sagte Julien einmal. Inzwischen hat sich diese Sichtweise radikal geändert. Berlin ist für viele Europäer zu einer vielleicht etwas naiven, realitätsfernen aber umso aufregenderen Utopie gworden. Zu einer Stadt, in der man leben möchte. Und das ganz bestimmt nicht wegen Bushido, der Neuköllner Rütli – Schule oder dem Aldi - Supermarkt in Wedding.
In den übrigen europäischen Metropolen hat man offenbar keine solchen Probleme. Julien beispielsweise, bezeichnet sich selbst als Pariser, obwohl er eigentlich in der Nordfranzösischen Provinz aufgewachsen ist. In Berlin wäre so etwas ein Sakrileg. Hier bleibt ein Zugezogener für immer ein Zugezogener, Punkt. Aber mal ehrlich, was wäre diese Stadt ohne all die Öko - Schwaben, die westdeutschen Provinzler oder die Easy- Jet – Ladungen voller Franzosen, Spanier und Engländer, die mit rauchenden Köpfen und kribbelnden Fingern voller Tatendrang in Schönefeld auf dem Bahnsteig stehen? Vermutlich nicht viel mehr als eine weitere ostdeutsche Stadt mit Männerüberschuss, zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und leeren Kassen. Wer das möchte, kann uns ruhig zum Teufel jagen. Und ach ja, bevor ich es vergesse. Die Steaks hat Julien übrigens beim Ulrich gekauft. Und zwar drüben, im Westen.
January 29th, 2009 at 4:04 pm
Hier, zeig Julien mal das:
http://www.ichwerdeeinberliner.com