Schnee auf der Schönhauserallee
Jedes Mal, wenn ich nach Kreuzberg fahre, überkommt mich eine unbestimmte Melancholie. Ich weiß nicht woran das liegt. Vielleicht ist es nur die Angst, irgendetwas zu verpassen. Ich bin ziemlich selten hier unten, zwischen Oranienstrasse und Bergmann – Kiez, ich lebe auf der anderen Seite der Spree und kann daher nur erahnen, wie der Alltag hier aussehen mag. Meist sind es ja die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. „Kreuzberg ist schmutzig“, hat Julien im Spass gesagt, als wir von Bastis Abschiedsparty weggegangen sind, aber ich habe nicht geantwortet und stattdessen gedacht, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, ein paar Jahre am Landwehrkanal zu wohnen. Du gehst spätabends in die Ankerklause, prostest den speckigen Lederjackentypen mit Jägermeister zu und tanzt mit einem rothaarigen Mädchen Chachacha. Danach läufst du nach Hause, in deine Einzimmerwohnung unterm Dach und schreibst ein Stück über einen Mann, der seinen Namen vergisst. Natürlich wäre so ein Leben nichts anderes, als ein zuckersüsses Klischee der Poesie, eine Art romantisches Refugium der Anti – Moderne. Aber mal ehrlich: meint Klischee in diesem Fall nicht einfach nur eine überspitzte Form des Ideals?
Dave reicht mir ein Glas voller Bier. Er ist für ein paar Tage nach Berlin gekommen, weil er es in Bern gerade nicht mehr aushält. “Meine Freunde dort scheinen alle zu wissen was sie wollen”, sagt er. Ich sage etwas zustimmendes, betrachte die Leute um mich herum, die vor der getäfelten Innenwand eines Lokals namens Monarch stehen und sich zu undefinierbarem Rocksound wabernd hin und her bewegen, als Julien und PF ankündigen, nach Hause zu fahren. „Wir könnten es noch mal bei den Bachstelzen probieren“, sage ich in den Lärm, aber PF schüttelt den Kopf und Julien sagt betreten: „Sinnlos.“ Eigentlich wollten wir ja gleich nach Bastis Abschiedsparty zu den Bachstelzen und sind deshalb frierend quer durch Kreuzberg gelaufen. Aber dort standen sich all die Partygänger die Beine in den Bauch und weil wir keinen Türsteher kannten und auch keinen DJ oder sonst irgendwen, der wichtig genug gewesen wäre, um uns einfach durchzuwinken, sind wir zum West Germany gegangen und haben an den verschlossenen Türen gerüttelt. Umsonst, die Party war schon längst weitergezogen. Jetzt sitze ich im Monarch, gegenüber der getäfelten Wand, trinke Bier und denke darüber nach, wie es wäre, in Kreuzberg zu wohnen, während meine Freunde finden, es wäre längst Zeit zu gehen.
Früher haben wir jeweils ganze Jahrhunderte durchgestanden. Wir haben die Nacht zum Tag gemacht – und wenn der Vorrat reichte – den darauffolgenden Tag zur Nacht. So könnte es auch heute sein, aber aus irgendeinem Grund sind die Beine lahm geworden und Kopf schwer und dumpf. Phil meint immer, das liege am Jahreszeitenwechsel, vielleicht hat er ja recht und es liegt nur am Schneegestöber im Lichtkegel des Taxis, welches uns lautlos nach Hause bringt. „Wir könnten ins Zu Mir und zu Dir gehen, auf einen Absacker- Drink“, sage ich zu Dave. Er nickt und wir vollbringen einen letzten Kraftakt, steigen an der Ecke Eberswalder aus und stapfen die Lychenerstrasse hoch. „Ich habe keine Ahnung, was ich nach meinem Studium tun soll“, sagt Dave kurz darauf mit einen White Russian in der Hand. „Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir alle furchtbar verwöhnt sind. Uns ging es immer zu gut. Darum mussten wir uns nie für irgendetwas Richtiges entscheiden.“ Ich nicke so halb als Elsa, die ein bisschen später kam und lauter schwere Flocken im Haar hat, ankündigt, nach Paris zurückkehren zu wollen. „Es zerreißt mir das Herz, Berlin zu verlassen. Aber ich will aus meinem Leben noch irgendetwas machen.“ Vielleicht, sagt sie dann noch, bräuchten wir alle einen Tritt in den Hintern, eher wir uns endlich bewegen würden. Und zu mir: „Eigentlich finde ich es schade, dass du dich so gehen lässt.“
Ich betrachte mein Glas voller träge schwimmender Eiswürfel und sehe, wie sich die Leute ihre Mäntel überziehen. Ein Typ mit langen Haaren kommt auf uns zu, geht in die Hocke und sagt: „Leute, wir machen Schluss.“ Und als wir in die klirrende Kälte treten ist sie zurück, die unbestimmte Melancholie. Vielleicht, denke ich, bin ich tatsächlich dabei, ein Stück meines Lebens zu verpassen. Oder Phil hat recht und es ist nur der Schnee auf der Schönhauserallee.
November 28th, 2007 at 9:57 am
Nächste Woche kochen, dringend!
December 2nd, 2007 at 8:43 pm
ich hoffe du kannst gut schwimmen- das meer des selbstmitleides ist recht tief ………
December 18th, 2007 at 12:41 pm
ja is ok…schreib nich mehr is ok…gehts noch?