Der Herbst des Patriarchen
Tuesday, May 15th, 2007“Was, du bist immer noch da?“ – „Draußen regnet es quer. Da kann ich einfach nicht nach Hause laufen“. Julien nimmt den Herrenhut ab, den er immer trägt, streicht sich durch die Haare und lässt sich auf einen Barhocker fallen. „Eigentlich wollte ich früh ins Bett. Aber das klappt nie.“ Später trinkt er ein Bier und dreht einen Joint. Wir sitzen im Dr. Pong, Oliver dreht an seinem schwarz lackierten Verstärker aus dem HiFi- Kambrium herum und eine Gruppe amerikanischer Touristen in zu großen T-Shirts und Adiletten stellen entzückt fest, dass man in Berliner Bars Pingpong spielen kann. „Ich habe überhaupt nichts gegen Amis“, sagt Dave, „aber sie sehen nun mal alle Scheisse aus. Oder käme es dir je in den Sinn, um elf Uhr Abends in Gummisandalen in eine Bar zu gehen?“ Natürlich nicht, denke ich, aber wir Europäer sind schließlich alles postmoderne Ästheten, denen nach der Dekonstruktion aller positivistischen Erklärungsansätze nicht anderes bleibt, als die hymnische Überhöhung des schönen Scheins. „Wir achten auf unser Aussehen“, sage ich, „selbst wenn wir nur rüber zu Kaisers Bier kaufen gehen.“ Schließlich sind wir die Kinder der Neunzigerjahre und die Neunzigerjahre waren die Epoche, in der Barbourjacken in die Literatur eingeführt wurden. Eigentlich waren die Neunzigerjahre unsere Zeit. Wir waren bloß zu jung um das zu erkennen.
Aber diese Zeit ist längst vorbei und kommenden Mittwoch verschwindet auch der allerletzte Repräsentant dieser goldenen Jahre aus unserem medial geprägten Bewusstsein. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. In dem Augenblick, in dem er durch das Tor des Elysée-Palast schreitet und – seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy nur eines kühlen Blickes würdigend - an den wächsern wirkenden Prätorianern der republikanischen Garde vorbei auf eine abgedunkelte Limousine zu geht, legt sich der schwere Damastvorhang der Geschichte endgültig über all das, was wir in einigen Jahrzehnten vielleicht als die große Zeit des Übergangs bezeichnen werden. Will heißen: Francis Fukuyama und das Ende der Geschichte, Sex im Oval Office, Dot-Com Blase, Prä-Osama - Ära in Nahost und so weiter und so fort. Chirac ist der letzte Dinosaurier, der einzige Überlebende einer ganzen Generation von Staatsmännern, die der grimmigen Fratze der Politik wenigstens ein paar Jahre lang die clowneske Maske des Pop aufgesetzt haben. Er muss sich inzwischen ziemlich alleine vorkommen. Sein ehemaliger Kumpel, Gerhard „hol-mir-mal-ein-Bier“ – Schröder ist bereits vor zwei Jahren polternd aus dem Amt gerumpelt. Der Ur-Politpopper Blair, mit dem er seit dem Irakkrieg sowieso auf Kriegsfuss steht, hört diesen Sommer ebenfalls auf. Und mit all den zackigen Männern, die im Hexagon nun das sagen haben werden, hat er ungefähr gleich viel gemeinsam wie ein Nachtklubbesitzer mit der Sittenpolizei. Ja, ja, die lustigen Jahre sind vorbei.
Zuletzt, so schreibt der Chirac – Biograph Franz-Olivier Griesbert, hätten sich am Hofe des letzten republikanischen Königs sowieso längst Verfallserscheinungen breitgemacht. Von allen Getreuen verlassen, habe der Präsident alleine im Elysée Palast gesessen und der Dinge geharrt, die kommen mochten. Selbst der Hund der Familie Chirac habe die Erosion der Macht gespürt und angefangen, den Staatssekretären die Schuhe zu zerbeißen. Die Szenerie erinnert an Halie Selassies Ende in Ryszard Kapuczinskis Meisterwerk „König der Könige“. Oder an Garcia Marques´ Herbst des Patriarchen. Mit dem Unterschied, dass Chiracs Regnum nicht – wie diejenigen der zitierten Autokraten - in Eisen und Blut enden wird, sondern – wenn er Pech hat - allerhöchstens vor dem Richter. Aber macht das den letzten Akt nicht beinahe noch trauriger? „Oh, le vieux Jacques“, sagt Julien jedes Mal, wenn der alte Präsident am Fernsehen auftaucht und auf einer schier endlos erscheinenden Abschiedstournee zum hundertsten Male Angela Merkels Hand küsst. Manchmal, denke ich, schwingt in seiner Aussage beinahe so etwas wie Mitleid und Wehmut mit.
Dabei ist Jacques Chirac selbst keineswegs unschuldig an dem tristen Schauspiel. Zwölf Jahre hatte er Zeit, Frankreich stark, groß, gerecht und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu machen. Zwölf Jahre, in denen er die halbe Welt mit Atomversuchen ärgerte, eine komfortable Mehrheit im Parlament verspielte und Frankreich durch seine Totalopposition während des Irakkrieges erst jenseits des Atlantiks und später, nach dem verlorenen EU-Verfassungsreferendum auch noch innerhalb Europas außenpolitisch isolierte um eine bleiernes, von sozialen- und wirtschaftlichen Fieberkrämpfen geschütteltes Land zu hinterlassen. Chiracs politische Bilanz ist eigentlich verheerend, sie erscheint als ein ungenießbarer Cocktail aus halbherzigen, gaullistischen Großmachtsanfällen, abgetrieben Reformversuchen und unendlichem Taktieren, das nichts anderem diente, als dem reinen Machterhalt. Und trotzdem kann man dem Mann nicht böse sein. Warum, bloß, warum?
Vor etwas mehr als einem Monat traf ich Jacques Chirac in der französischen Botschaft in Berlin. Während Angela Merkel draußen vor dem Brandenburger Tor anlässlich des Jahrestages der Römer Verträge blaue Luftballone in den Berliner Frühjahrshimmel steigen ließ, plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen der deutsch-französischen Beziehungen, bekannte sich als Bierliebhaber und äußerte sich ausführlich zu dem „wunderschönen Henkelglas mit Deckel aus dem Sechzehnten Jahrhundert“, welches ihm die Kanzlerin offenbar kurz zuvor als Geschenk überreicht hatte. Nach der Veranstaltung gab er allen Anwesenden die Hand, bedankte sich für die schöne Zeit und fand für jeden einzelnen ein passendes Wort. Es war eine Demonstration des Charmes, des Stils, der Grandeur. Eine Lektion der Demagogie selbstverständlich, aber eben, lassen wir uns nicht gerne angenehm einlullen? Chirac so erscheint mir rückblickend, war der letzte Postmodernist in Amt und Würden. Jetzt kommen die Macher, die Pragmatiker, die sich – ähnlich wie die Sandalentragenden Amerikaner im Dr. Pong - einen Dreck um die Ästhetik kümmern, weder rauchen, noch trinken und stattdessen verbissen Pingpong spielen. „Vielleicht“, sagt Dave jetzt, „ist unsere Zeit hier rum und wir sollten uns langsam eine neue Bar suchen“. Ich weiß, dass er das nur im Spaß meint. Trotzdem ist es ein Stich ins Herz, wenn auch nur ein ganz kleiner.

