Archive for the ‘krieg und frieden’ Category

Dies ist kein Vorsatz, sondern ein Wunsch

Wednesday, January 2nd, 2008

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Beim Italiener in der Kastanienallee warten wir ungefähr anderthalb Stunden auf unser Essen und PF hat am Ende solchen Hunger, dass er nebst seiner Pizza gleich noch einen ganzen Teller Pasta verdrückt. Aber wer will ihm das schon übel nehmen, schließlich hat der Alkohol in seinem Magen jede Menge verbranntes Ödland hinterlassen. Später wollen wir dann ins Zu mir oder zu dir, aber  weil das Zu mir oder zu dir zu ist, gehen wir ins Dr. Pong. Ich lege meine Beine auf den Glastisch im hinteren Teil des Raumes und warte, bis mir Dave eine Flasche Bier bringt. Der DJ spielt sanften Elektropop und ein blondes Mädchen sieht meine winzigen Augen und lacht und sagt laut: „Silvester, eben.“ Ich nicke und das Mädchen geht weg und ich denke: gut, das ist also jetzt 2008.

Dann kommt Dave mit dem Bier und als ich den ersten Schluck genommen habe, merke ich, dass ich heute besser nicht trinken würde, aber dazu ist es zu spät und überhaupt sind Neujahrsvorsätze eine furchtbar dumme Sache. Was soll sich schon von einem Tag auf den anderen groß ändern, denke ich, mein Alltag ist schließlich eine Art zähflüssige Masse, die sich nur unter schwerstem Aufwand in eine bestimmte Richtung lenken lässt.  Dann fällt mir ein, dass mich gestern inmitten des Lärms irgendwer gefragt hat, was ich mir eigentlich für das neue Jahr wünschen würde. Weil ich im Wünschen aber nicht sehr gut bin und zudem mit jedem Drink einfallsloser werde, habe ich mich um die Antwort gedrückt und stattdessen irgendetwas Blödes gesagt. Gute 12 Stunden später, als all die Touristen langsam nach Hause fahren und ich im Dr. Pong endlich wieder die Beine auf den Glastisch legen kann, weiß ich endlich was ich will: man stelle sich vor, es ist Sommer, unten läuft die 88. Minute und die Schweiz führt gegen Italien 5:1 durch Tore von Frei, Yakin und Barnetta. Noch zwei Zeigerumdrehungen und wir sind Europameister. Das ist kein Vorsatz, sondern ein Wunsch, und zwar ein ziemlich unrealistischer. Aber selbst die naivste Hoffnung stirbt ja bekanntlich erst ganz am Schluss.

pic: www.blick.ch

Wir aus dem Westen

Thursday, November 15th, 2007

Ich sitze in meiner Küche an der Schönhauserallee und esse argentinisches Rindfleisch. Das Zeug ist 100% Natura und stammt von garantiert glücklichen Viechern, die drei Mal pro Tag mit irgendwelchen Ölen eingerieben werden und nur Bio - Gras zu fressen kriegen. Dazu gibt es Pasta mit einer hausgemachten Tomatensauce und später noch ein Glas Multivitaminsaft. Danach sehe ich mir gemeinsam mit Julien so einen französischen Studiofilm an, in dem alle Protagonisten die ganze Zeit Foie Gras aus handgetöpferten Lehmbehältern in sich reinstopfen und gleichzeitig ihre Frauen betrügen. Während der Film läuft werde ich dann doch ein wenig schwach und rauche eine Zigarette, bereue dies aber gleich wieder. Um 00:45 finde ich dann, es wäre langsam Zeit ins Bett zu gehen, schlüpfe in meine frisch gewaschene Baumwolle - Bettwäsche und lese ein halbes Kapitel in einem Buch von Rüdiger Safranski. Danach schlafe ich ein.

Ich gebe es ja zu, ich lebe mitten im Getto der Öko – Digital – Boheme – Nomenklatura Deutschlands. Im Prenzlauer Berg gibt es den größten Bio – Supermarkt Europas, übermäßig viele junge Frauen mit geländetauglichen Kinderwagen und geländeuntauglichen Fahrrädern sowie eine ganze Menge Second – Hand – Läden, in denen ein Nierentisch aus Hartplastik 500 Euro kostet. Die Leute fahren erst um neun zur Arbeit und auf der Kastanienallee kommt der Milchkaffee im Wasserglas und heißt dann Latte Macchiato. Es gibt hier wenige Türken, dafür umso mehr Franzosen und Italiener. Und an der Eberswalderstrasse konnte man bis vor kurzen einen Bio – Döner kaufen. So weit so gut. Aber lässt sich deswegen ein ganzer Stadtbezirk unter dem Schlagwort Neo – Biedermeier zum Problemfall erklären? Für die Zeit offenbar schon. Das Hamburger Wochenblatt ortet zwischen Torstrasse und Kollwitzplatz nichts anderes als Pornobrillenträger, Öko – Schwaben und hysterische Mütter, die zwischen Yoga, überteuerten Altbauwohnungen und vagen, arbeitsähnlichen Nachmittagsbeschäftigungen eine keim- und konfliktfreie Selbstverwirklichung betreiben. Das mag bis zu einem gewissen Grade durchaus stimmen und ich bin ja der erste, der sich darüber lustig macht. Aber was verdammt noch mal soll daran so schlimm sein? Und überhaupt? Was wäre Berlin ohne den fürchterlichen Prenzlauer Berg?

Man kann über die Attraktivität der Tangente Mitte/Prenzlauer Berg ruhig geteilter Meinung sein. Vielleicht sind die Strassen nicht dreckig genug und es gibt zu wenige Gammelfleisch – Döner. Eines hingegen ist unumstritten: die viel gescholtene Schickimicki – Boheme hat Berlin für Außenstehende zum ersten Mal seit langem wieder attraktiv gemacht. Denn hier liegen die Galerien der ganzen New Yorker Exilkünstler, die vor der lustfeindlichen Politik ihrer Stadt nach Übersee geflohen sind. Hier hat Hedi Silmane den Heroin- Chic erfunden und nicht etwa in Lichterfelde-Ost. Früher war das anders. Ich kann mich an die Fernsehbilder vom Mauerfall oder von der Weltmeisterschaft 1990 erinnern. Die Leute, die sich da in den Armen lagen, sahen alle gleich aus, egal ob sie nun aus dem Osten oder dem Westen stammten. Sie trugen die Jeans bis über den Bauchnabel, hatten bunte Windjacken an und die gleichen Frisuren wie Rudi Völler. Dazu sang ein schauspielernder Bademeister aus Amerika „I am looking for Freedom.“ Will irgendwer da hin zurück? Ich bestimmt nicht. Und da bin ich sicherlich nicht der einzige. „Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich nach Berlin ziehen werde, hat sie mich angeguckt, als würde ich mich freiwillig in ein osteuropäisches Umerziehungslager einweisen lassen“, sagte Julien einmal. Inzwischen hat sich diese Sichtweise radikal geändert. Berlin ist für viele Europäer zu einer vielleicht etwas naiven, realitätsfernen aber umso aufregenderen Utopie gworden. Zu einer Stadt, in der man leben möchte. Und das ganz bestimmt nicht wegen Bushido, der Neuköllner Rütli – Schule oder dem Aldi - Supermarkt in Wedding.

In den übrigen europäischen Metropolen hat man offenbar keine solchen Probleme. Julien beispielsweise, bezeichnet sich selbst als Pariser, obwohl er eigentlich in der Nordfranzösischen Provinz aufgewachsen ist. In Berlin wäre so etwas ein Sakrileg. Hier bleibt ein Zugezogener für immer ein Zugezogener, Punkt. Aber mal ehrlich, was wäre diese Stadt ohne all die Öko - Schwaben, die westdeutschen Provinzler oder die Easy- Jet – Ladungen voller Franzosen, Spanier und Engländer, die mit rauchenden Köpfen und kribbelnden Fingern voller Tatendrang in Schönefeld auf dem Bahnsteig stehen? Vermutlich nicht viel mehr als eine weitere ostdeutsche Stadt mit Männerüberschuss, zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und leeren Kassen. Wer das möchte, kann uns ruhig zum Teufel jagen. Und ach ja, bevor ich es vergesse. Die Steaks hat Julien übrigens beim Ulrich gekauft. Und zwar drüben, im Westen.

Stille Tage in Bern

Tuesday, October 30th, 2007

Ich sitze in der Transitlounge des internationalen Flughafens von Kopenhagen und warte auf meinen Anschlussflug nach Zürich. Diese Transitlounges sehen überall auf der Welt genau gleich aus: es gibt Sofas aus Kunstleder, große Flachbildschirme mit nervösen Dauernachrichtensendungen und überall hocken Geschäftsleute in bieder geschnittenen Stangenanzügen. Weil es nichts zu tun gibt, lese ich in einer Ausgabe der Herald Tribune, die mir eine hochgewachsene, blonde Stewardess der Scandinavian Airways mit einem kühlen Lächeln in die Hand gedrückt hat. Gleich auf der ersten Seite stoße ich auf einen Artikel über die Parlamentswahlen in der Schweiz. Offenbar muss es um die Schweiz furchtbar schlimm stehen - ansonsten würde wohl keine amerikanische Zeitung jemals einen eidgenössischen Urnengang auf der Frontseite abhandeln. Normalerweise gilt der Alpenstaat jenseits des Atlantiks bloß als Schokolade produzierende Privatbank – wenn er nicht gerade mit Schweden verwechselt wird. Dem Wahlkampf sei dank ist das jetzt nicht mehr so. Denn die Bilder von brennenden Barrikaden und rassistischen Plakaten haben offenbar Spuren hinterlassen und selbst der bärtige Produktionsleiter in meiner Firma, der sich sonst jeden Morgen spaßeshalber nach dem Stand meines Nummernkontos erkundigt, fragte nach den Krawallen in Bern vor drei Wochen voller Betroffenheit, ob es denn meiner Familie auch gut ginge, - „nach all dem was da unten passiert.“ Ich habe beschwichtigend genickt und mich nachher fast ein bisschen gefühlt, als käme ich aus Nordirland.

Gegen zehn Uhr Abends lande ich endlich in Zürich, der Flughafen dort ist genauso leer wie der Spätzug Richtung Bern. Draußen liegt der Aargau in der Dunkelheit, Städte wie Lenzburg oder Olten, matt beleuchtete Monumente der Durchschnittlichkeit, des absoluten Mittelmasses mit ihren Einfamilienhaussiedlungen, Supermärkten und Vorortsbahnhöfen. Alles andere als die Kulisse für einen Bürgerkrieg, denke ich. Und überhaupt: wird hier nicht einfach nur übertrieben? Die Schweiz wird seit über fünfzig Jahren von einer Vierparteienkoalition regiert, wobei Regieren hier eher Verwalten gleich kommt, denn in den wirklich wichtigen Fragen entscheidet jeweils das Volk. Und um dieses zu überzeugen, braucht man mehr als nur eine paar zusätzliche Sitze im Parlament. „Der große Rechtsruck ist ausgeblieben“, staunt denn auch die Herald Tribune, nachdem die rechtgerichtete Schweizerische Volkspartei anstatt gleich das ganze Land zu überrollen, bloß ein paar Prozentpunkte dazugewonnen hat und nun bei rund 29 Prozent der Stimmen steht. Würde beispielsweise die deutsche SPD jemals so ein Ergebnis einfahren, dann könnte sich Kurt Beck gleich als erster über die von geforderte Frührente freuen. In der Schweiz gibt es keine absolute Mehrheiten und auch kein schwarz oder weiß, dafür aber ein fein abgestuftes Grau. Diese Besonderheit ist für Außenstehende nicht leicht zu verstehen und bedarf der genaueren Betrachtung. Den meisten Korrespondenten der großen ausländischen Medien war das offenbar zu kompliziert. Sie reproduzierten stattdessen den Unsinn vom rückständigen, rassistischen Alpenvolk und taten so als stünde mit Christoph Blocher ein zweiter Adolf Hitler Gewehr bei Fuß. Jetzt wundern sie sich, dass die düster vorhergesagte, braune Machtübernahme offenbar doch nicht stattgefunden hat.

Die nächsten Tage verbringe ich in Bern. Die Stadt schläft wie immer und gibt ein pittoreskes Bild ab: schwere Sandsteinfassaden ragen in den Hochnebel, der sich in Wintertagen jedes Mal über das schweizerische Mitteland legt. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich das Gymnasium besucht und von hier wollte ich immer weg. Wenn du in deine Heimatstadt zurückkehrst, denke ich, dann ist das wie wenn du dir eine deiner alten Platten wieder anhörst: du weißt eigentlich ganz genau, weshalb du sie vor langer Zeit in irgendeinem Wandschrank entsorgt hast und bist trotzdem irgendwie berührt. Die Erinnerung ist eine äußerst irrationale Sache, man kann sie sich weder aussuchen noch steuern und als ich gemeinsam mit Dave in einer der wenigen Bars unten in der Altstadt sitze und Bloody Mary trinke, denke ich dass ich hier trotz allem ein wenig zu Hause bin. Ich frage Dave ob er gewählt hat, er verneint. „Ich wusste ja nicht wen. Die SVP widert mich mit ihrem Populismus an, die Sozialdemokraten sind weinerliche Versager und die ganzen Liberalen sehen aus wie nichtssagende Versicherungsvertreter. Furchtbar aber wahr.“ Dann ruft der Barmann „letzte Runde“, es ist kurz nach Zwei und ich denke an ein Zitat von Kuno Lauener, dem Leadsänger der größten Berner Rockband aller Zeiten, Züri West. Auf die Frage, weshalb so viele Bands aus Bern kämen, hat er geantwortet, in einer Stadt, in der um halb eins die Bürgersteige hochgeklappt werden, bliebe einem nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren und Songs zu schreiben.

Als ich Bern mit dem Mittagszug Richtung Frankreich verlasse, ist das Wetter besser geworden. Bei Kriegstetten bricht die Sonne durch die Wolkendecke und taucht die dunkelgrünen Jurahänge in ein weiches Licht. Dieses Land ist ein zynisches, kleines Monster, denke ich. Mal umarmt es dich, mal stößt es dich von sich. Bevor ich in Basel durch den Zoll gehe, rauch eich eine letzte Zigarette auf dem Bahnhofsvorplatz. Gleich gegenüber, neben der Filiale des amerikanischen Schnellrestaurants Mc Donalds steht eine Plakatwand mit dem umstrittenen Wahlplakat der SVP. Jemand hat „Nazis raus“ über das Sujet mit den weißen und schwarzen Schafen geschrieben. Gleich daneben hängt ein Poster der schweizerischen Fremdenverkehrszentrale. Darauf steht: „Welcome to Switzerland.“

Rollkragen im Weltall

Tuesday, August 28th, 2007

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“Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen.“ So fängt es immer an. Weil heute Samstagabend ist und man um acht Uhr eigentlich noch nicht weggehen kann, schaue ich fern und lande dabei unversehens auf der TV-Resterampe von Kabel 1 wo gerade eine Star-Trek - Retrospektive läuft. Will heissen: naive Geschichten, viel Gerede über Beamen und Warp (?) und lauter Leute, die, wenn ihr Raumschiff unter Beschuss steht, komisch mit dem Oberkörper hin- und herwackeln. Die Sechzigerjahre, denke ich, waren – zumindest rückblickend betrachtet - eine tolle Zeit: Autos durften noch wie Autos aussehen anstatt wie überdimensionierte Flusssteine und wer „Zukunft“ sagte, meinte damit Wohlstand und Fortschritt und nicht etwa Klimawandel und Terror. Logisch, dass ein Raumschiff damals gar nicht anders aussehen konnte, als die Enterprise: ein stromlinienförmiger, optimistisch weiß lackiert Designerteller, mit einer Kommandobrücke wie einer Cocktaillounge aus den späten Neunzigerjahren, der durch die unendliche Weiten eines Pappmaché – Weltalls saust. Ein Stück klinische Sauberkeit voll rührenden Pop-Art-Charme aus einer Zeit des naiven Fortschrittsglaubens, ehe dann in der Post- Vietnam – Ära nur noch dreckverschmierte Mülltonnen (Ridley Scott) oder infantile Spielzeugflieger (George Lucas) in die Schwerelosigkeit entlassen wurden.

Julien, der mir ein kühles Bier in die Hand drückt, hält das alles natürlich für Weltraumschrott, aber ich halte dagegen. „Nein“, erwidere ich, „Raumschiff Enterprise ist ein Stück ästhetischer Vollkommenheit. Schau dir nur mal die Uniformen an.“ Tatsächlich tragen die weiblichen Besatzungsmitglieder Stiefeletten und enganliegende Cocktailkleider, während ihre männlichen Kollegen nur im Rollkragenpulli von Bord gehen. So was hat man seit Jahren nicht mehr gesehen und neben den Strampelanzügen und Jean- Paul- Gaultier- trifft- Hare Krischna – Büßergewändern, mit denen die Protagonisten neuerer Science Fiction – Produktionen bedeutungsschwanger durch irgendwelche computergenerierte Endzeit - Fantasialänder stolpern, wirken Kirk und Co wie die letzten Überlebenden des Planète Style. Überhaupt hat die Crew der Enterprise mit den pathetisch daherschwafelnden Hippies des Neo- Star- Wars- Matrix- Universums wenig gemeinsam: Kapitän Kirk ist ein leicht neurotischer Homme à Femmes mit Hang zur Befehlsverweigerung, Spock, seines Zeichens erster Offizier und einziger Nicht-Mensch an Bord, gibt den spitzohrigen, ultrarationalen Schiffs – Homo- Faber, der mit dem Skeptiker und Chefarzt Leonard „Pille“ McCoy stets wegen der großen Zukunftsfragen der Menschheit (rationaler Zukunftsoptimismus versus Zivilisationskritik) über Kreuz liegt. Scotty, der gutmütige Boardmechaniker, verkörpert den Nerd aus der Prä – PC- Ära und Han Solo schließlich, gibt den Quotenasiaten zu einer Zeit, als die Chinesen noch mit dem Rezitieren von Mao – Zitaten beschäftigt waren, anstatt sich mit Elektronikkram auseinander zu setzen.

Aber auch jenseits der kühlen Ästhetik hat die vom ehemaligen Bomberpiloten Gene Roddenberry erfundene Serie Fernsehgeschichte geschrieben. Das Raumschiff Enterprise hatte bereits 1966 mit dem fliegenden Diana-Ross-Verschnitt Lieutnant Uhura eine schwarze Frau als Offizierin an Bord. Mehr noch: unter Kirks Kommando fand auch Amerikas erster Filmkuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen statt - ein für damalige Verhältnisse ungeheuerliches Vorkommnis. Entsprechend waren auch die Reaktionen: die konservativen Südstaatler liefen Sturm, während Martin Luther King die Serie fortan als humanistische Errungenschaft pries. Die gemischtrassische Besatzung der Enterprise stieß aber auch anderswo in unbekannte Welten vor. Mitten im Kalten Krieg tauchte mit dem Navigator Pavel Chekov sogar ein Russe an Bord des Schiffes auf. Seine Berufung in die Crew verdankt er angeblich einer Beschwerde aus der Raumfahrtnation der ersten Stunde: der Sowjetunion. Moskau hatte sich in einem Artikel in der KPdSU – Postille Prawda offenbar darüber echauffiert, dass in der Vielvölkermannschaft der Enterprise kein einziger Slawe vertreten sei. Mit Erfolg: von nun an sorgte der stets patriotische Genosse Chekov („Unsinn, Scotch wurde von einer alten Frau in Leningrad erfunden“) für politisches Tauwetter im Weltall.

Dann ist Schluss. Ich sehe den Star Trek Film nicht bis zu Ende, schalte stattdessen den Fernseher aus und gehe rüber ins Wohnzimmer, wo Julien unseren Gästen Roséwein einschenkt. Während wir ein Lied von Jefferson Airplane hören, denke ich daran, dass der libertäre Geist im All längst passé ist. Die unzähligen Nachfolgeserien zur Enterprise sind im wabernden Esoteriksumpf aus gutturalen Lauten und güldenen Schärpen zur Bedeutungslosigkeit verkommen,  - was vorzüglich in die zunehmend lustfeindlichen Jahre des neuen Jahrtausends passt. Rauchfreie Bars? Zwölf Euro für ein Glas Bier? Was um Himmels Willen soll das alles? Kapitän Kirk hätte sich vermutlich zurückgelehnt, spöttisch gelächelt und etwas Scotch getrunken. „Ich bin sicher, der Mann hat in seinem Raumschiff gekifft“, sage ich auf der Taxifahrt ins Picknick, aber niemand gibt mir eine Antwort. Stunden später tanzen wir zum schnellen Schlag der Musik und ich sage leise, beinahe zu mir selbst: nein, ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen. Jemand hält ein kleines Tütchen in die Höhe und ruft: „Wir sind glücklich“. Ich schließe meine Augen und sehe nur noch tausende kleiner Sterne. Ich weiß was das bedeutet: Berlin, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Milligramm schweren Besatzung fünf Stunden lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen. Beam me up, Scotty!

Dog Day Afternoon

Tuesday, August 14th, 2007

Als ich in die Bar 25 komme, habe ich bereits ein paar Stunden in diesem improvisierten Club an der Warschauerstrasse hinter mir. Um da rein zu gelangen, musste man erst durch einen Dönerladen, vorbei an den beschlagenen Auslagen voller Haloumi und Mekanek und schließlich die Treppe runter, die in solchen Läden normalerweise zum Klo führt. Unten ging es erst ins Freie, dann durch etwas Dickicht in Richtung Spreeufer, bis irgendwann lauter wartende Menschen auftauchten. Weil Sascha, der DJ, in der kommenden Woche hier auflegen wird, standen wir auf der Gästeliste und kamen ohne Probleme rein. Das Donnergrollen kam näher und in dem zweistöckigen Bunker schlug mir schließlich der Bass um die Ohren. An Berliner Untergrund-Partys dürfen ein paar Dinge nicht fehlen, denke ich: knisternde Soundanlagen, schwitzende Leute und jede Menge Wasserflaschen. Ein Mädchen, das leider nicht besonders schön war, klammerte sich an meinen Unterarm und fragte mich irgendetwas sinnloses, aber ich hielt den Kopf hoch oben und ging nach draußen um eine Zigarette zu rauchen.

Als ich in die Bar 25 komme, glaube ich, den härtesten Teil bereits hinter mir zu haben, nachdem Julien in Harakiri – Manier ein Taxi angehalten hatte. Er rannte einfach auf die Strasse, mit weitaufgerissenen Augen und pochenden Lungen. Irgend so ein spanisches Mädchen hatte ihn nett gefunden und ihm ein kleines Tütchen mit künstlichem Beschleuniger hingehalten. Er hatte daraufhin seinen nassen Finger reingesteckt und das Zeug nachher abgeleckt. Seither dreht er sich viel schneller als wir und sieht die Welt wie aus einem Intercity Express. Das alles kommt in Wellen über uns und zum Zeichen, dass ich verstanden habe, hebe ich die rechte Hand und tue so, als würde ich einen imaginären Klingelknopf drücken. Immer wieder, ohne Unterbruch, denn der flirrende Bass der Musik drängt mich dazu. Der DJ ist ein Kanonier, der uns mit rasenden Soundpartikeln beschießt und wenn wir uns nicht im Takte seiner Salven bewegen, dann bringt uns der Beschuss ins Grab. Ich weiß um die Gefahr, darum schließe ich meine Augen, sobald uns das Taxi ausgespuckt hat.

Als ich sie wieder aufmache, bin ich immer noch in der Bar 25 und ein Mädchen spricht zu mir, auf Englisch. Ich weiß nicht was sie sagt, denn sie redet furchtbar schnell und auch etwas undeutlich. Als ich sie frage, ob sie Drogen genommen habe, nickt sie kurz und sagt dann: „Eine halbe“. „Willst du mehr?“, frage ich, obwohl ich gar keine Drogen besitze, aber sie schüttelt den Kopf. „We are working“, sagt sie noch. Ich will wissen, was das zu bedeuten hat, aber sie will nicht antworten, legt stattdessen ihren Kopf gegen meine Schulter. „What are you doing?“ Sie sagt erst nichts, sieht sich um, löst sich von mir und meint, sie wäre aus London hergeschickt worden, um nach neuen Trends Ausschau zu halten.  Kurz darauf ist sie verschwunden und ich starre ins braune Wasser der Spree. Neue Trends? Ich sehe bloß Menschen mit Gesichtern aus zerknittertem Papier, die, Sklaven gleich, immer weiter tanzen, - selbst wenn dieses Tanzen im Grunde genommen nichts anderes mehr ist, als ein sterbendes Wanken. Die Überlebenden der Nacht sehen alles andere als glorreich aus. Vielleicht sollte ich irgendwann nach Hause gehen.

Aber ich gehe nicht nach Hause. Ganz im Gegenteil, ich trinke Gin Tonic und rauche eine Zigarette nach der anderen, ganz so, als stünde mir eine glorreiche Nacht bevor. Dabei ist bereits Sonntagnachmittag und der Himmel über Berlin bedeckt. Jane, das Mädchen aus Glasgow erzählt von zu Hause und sagt, dass dort alle Ketamin nehmen würden. Ich weiß nicht, wie Ketamin wirkt und frage sie, ob das gut sei, aber sie sagt, sie selber nehme keine Drogen. „Dabei nehmen alle meine Freunde. Und nicht nur das. Alle nehmen. Vor den Klubs warten die Bullen mit Hunden, so schlimm ist es geworden. Manchmal sterben die Leute auf der Tanzfläche. Aber irgendwie geht es immer weiter und keiner hört auf, sich die Fresse zuzupudern. Bis diese ganze Scheisse irgendwann mal hochgeht.“  Denn irgendwann, findet Jane dann noch, würde irgendetwas Schlimmes passieren. „Irgendetwas schlimmes, damit alle aufhören.“

Als ich die Bar 25 endlich verlassen will, ist zwei Uhr Nachmittags und ein sehr, sehr junger Österreicher fragt mich nach Heroin. Aber ich habe keins und will auch gar keines besitzen. Ich sitze dann in der U-Bahn, zwischen den gleichgültigen Gesichtern der Touristen, den hängenden Blicken der Alkoholiker und denke an gar nichts. Als ich Stunde später aufwache, sagt Julien, dass Phil verschwunden sei. „Einfach so, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Als er auch am Montagnachmittag noch nicht aufgetaucht ist, fange ich an, mir Sorgen zu machen, obwohl es eigentlich gar keinen Grund dazu gibt. „ Der ist doch mit einem Mädchen durchgebrannt“, sagt Julien und zündet sich einen Joint an. Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass nichts Schlimmes passiert. Aber vielleicht muss irgendetwas Schlimmes passieren. Irgendetwas schlimmes, damit alle aufhören.

Der Regen fällt auf Westberlin

Thursday, July 12th, 2007

Der Regen fällt auf Westberlin. Es ist kein schwerer, triefender Regen sondern vielmehr ein federleichter, sprühender, der den abgebrochenen Altweiberzahn der Gedächtniskirche in eine nassen Trauerschleier hüllt. Westberlin ist ein kalter, deprimierender Ort, denke ich, niemals möchte ich hier leben müssen. Rund um den Bahnhof Zoo versinkt die kühle Nüchternheit der Nachkriegszeit langsam im Dornröschenschlaf, während drüben, in Mitte amerikanische Künstler in zerrissenen Jeans aufgeregt Vernissagen eröffnen.  Der Tod macht auch ganz unten nicht halt und selbst die Prostituierten und Drogenabhängigen sind bereits ans Kottbusser Tor umgezogen. Zurück bleiben weggeworfene Fast-Food- Behälter, Sex-Shops und ein paar dröhnende Kleiderläden. Ich lasse meine Zigarette auf den nassen Teer fallen. Wenn die Lokführer nicht gestreikt hätten, wäre ich hier niemals ausgestiegen. „Fahren sie mit der U-Bahn nach Zoo und schauen sie weiter“, hat die Frau am BVG-Schalter zu mir gesagt, um dann sofort wieder in eine stoische Gleichgültigkeit zu verfallen. Den Berlinern scheint alles egal zu sein, die leere Weite ihrer vernarbten Stadt hat sie offenbar hart gemacht. Vierzig lange Jahre verlief hier die Front. Jetzt, wo die russischen Panzer längst im Kaukasus vergammeln, ist Westberlin gefallen. Aber den Menschen ist es offenbar wurscht, genauso wie die Tatsache, dass die S-Bahnen nicht fahren.

Als ich vor zehn Jahren das erste Mal in Berlin ankam, schien die Sonne über Westberlin. Es war die klare, kalte Sonne eines nebelfreien Wintertages, die die steinerne Krone der Gedächtniskirche in ein silbernes Licht tauchte. Die Menschen gingen schnell und mit erhobenem Kopf. „Hier ist also Berlin“, dachte ich und fuhr mit der S-Bahn quer durch die schlammigen Baugruben in Mitte. Drüben, am Alex hingen nur Penner und im Prenzlauer Berg waren die Strassen voller Löcher.  Aber das spielte eigentlich keine Rolle, denn selbst ich als Kind der Provinz hatte schnell begriffen, wo die Musik in Zukunft spielen würde. Allerdings war die Zukunft noch ein ferner Ort, die Millionen von Kinderwagen rund um den Kollwitzplatz undenkbar und der Regierungssitz ein besserer Plattenbau im beschaulichen Bonn. Offenbar gab es damals wilde Partys im Osten, aber ich habe das nicht einmal am Rande mitgekriegt. Stattdessen sah ich mir einen Film von Roberto Rodriguez an. Der Film hieß The Faculty, war unterirdisch schlecht und Rodriguez ließ sich am Ende der Vorstellung sogar noch zu einem wahnsinnig einfallsreichen Scherz hinreißen und sagte: „Ich bin ein Berliner.“ Nur: er sagte diese Worte weder vor dem roten Rathaus, noch in einem der funkelnden Paläste rund um die Friedrichstrasse, sondern im Zoo Palast. Mitten im kleinen, grauen Westberlin.

Jahre später gehe ich die Kastanienallee hinab und die Leute um mich herum tragen ihre Sonnebrillen auch bei Nacht. Die Welt hier ist ein Laufsteg, der nie endet und auf dem sogar das stoischste Understatement zur Pose erstarrt. Ich berausche mich an mir selbst und meinen Freunden geht es – glaube ich – ebenso. Wir trinken uns durch Vernissagen, feiern in Bars mit zerschlissenen Sofas, vergolden die Trümmer unserer Erinnerungen und lassen zahllose, durchgefeierte Nächte so zu epischen Ereignissen werden. Manchmal berühren wir dabei den Himmel und manchmal stecken wir bis zum Hals im Dreck. Aber das macht nichts, denn wir haben es uns in unserem Leben ziemlich gut eingerichtet und am Ende der Torstrasse, dort wo Wedding anfängt, drehen wir immer rechzeitig ab, bevor es zu spät ist. Gestern Abend, als wir im Zu mir oder Zu Dir saßen, sprach PF davon, nach Argentinien zu gehen. „Irgendwie muss sich etwas ändern, das ist alles zu schlaff, zu einfach“, hat er gesagt.  Ich habe dann noch etwas White Russian getrunken und mit zwei Mädchen aus Sachsen gesprochen. Eines der Mädchen hat gesagt, Leipzig wäre die schönste Stadt der Welt und ich habe genickt und bei mir selbst gedacht, dass das nicht stimmt. Berlin ist die schönste Stadt der Welt, weil der Alltag hier ein mit opulenten Individualisten besetztes Drama ist und ich mit der hyperrealistischen Spröde der Provinz nach alledem gar nicht mehr zurechtkommen würde.

Der Regen fällt immer noch auf Westberlin, er ist bloss schwerer geworden, das Wasser rinnt in Bächen von den schmutzigen Betonfassaden und die Leute eilen gebückten Ganges über die nassen Strassen. Ich stehe am Bahnhof Zoo und warte darauf, dass die S-Bahn endlich wieder fährt, nachdem die Lokführer den ganzen Morgen gestreikt haben. Den Berlinern ist das egal, mir inzwischen auch, denn ich bin mickrig klein und von der Trunkenheit ist nur noch der Kater übriggeblieben. Vielleicht, denke ich in diesem Augenblick, ist dieser Ort unausweichlich und ich wache eines Tages im Mief des sterbenden BRD-Kleinbürgertums auf. Dann würde er mich reinwaschen und in die sinnstiftende Enge der Provinz zurückschwemmen, der Westberliner Regen.

Held der Arbeit

Friday, July 6th, 2007

Ich trinke Bier in der Bar 25 und vorne auf der Bühne spielt Bonaparte sein Set. Ich habe heute vierzehn Stunden lang gearbeitet und gestern auch und vorgestern sogar noch mehr. Eigentlich, denke ich, sollte ich längst im Bett liegen und schlafen, aber ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich muss raus, unter die Leute und trinken. Meine Freunde haben alle etwas eingeworfen, aber ich weiß, dass ich mir das nicht leisten kann. Ansonsten würde ich morgen wieder auf den Knien rumrutschen und den rhythmisch niedergehenden Hammer in meinem Kopf verfluchen, während der Pulschlag der Musik unter den Neonlampen des Büros weitermachen würde wie bisher und mich langsam in Richtung Wahnsinn treiben würde. Nein, das will ich nicht, sage ich mir und trinke stattdessen noch etwas Bier, denn Bier ist im Grunde genommen nichts anderes als glückbringendes, gelbes Wasser: es hilft gegen den Durst, schont den Rachen und reinigt den Kopf von unnötigen Sorgen, ohne ihn gleich in einen Haufen triefenden Matsch zu verwandeln.

„Ich respektiere deine Haltung“, sagt Julien ein paar Mal und meint damit die Tatsache, dass ich trotz kompletter Überarbeitung nicht nach Hause gegangen, sondern hier her gekommen bin. Ich lächle ein wenig und schaue weg, ich will nicht diskutieren, jedenfalls nicht über das, ich fühle mich ausgenutzt und schmutzig, wie jemand, der um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird und dies zu alledem auch noch lächelnd hinnimmt. Ich trinke noch ein Bier und etwas Wodka mit Red Bull, den Julien mir hinhält und spüre die Flammen der Euphorie und des Selbstbewusstseins, welches der Alkohol jeweils in mir entfacht. „Weißt du was“, sage ich zu Julien, der mich entrückt anschielt, „ich habe genug. Ich mache noch diesen einen Auftrag fertig, dann kündige ich. Diese Scheissbude kann mir mal. Die sollen sich einen anderen Idioten suchen.“ Julien nickt und sagt etwas aufmunterndes, dann haut er mir noch auf die Schulter und verschwindet. Etwas später sehe ich ihn durch die Hüttenlandschaft der Bar 25 torkeln, er fasst den Mädchen an die Hüften und fragt sie, ob sie alleine seien. Aber die Mädchen sind nicht alleine oder behaupten jedenfalls, sie wären es nicht und Julien wird immer weggetretener und sieht irgendwie ein bisschen traurig aus.

Die Spree, diese dreckige Kloake fließt langsam vorbei, und ich spucke in das schlammige Wasser, als mich Phil um Geld anhaut. Er habe leider keines mehr, sagt er und erzählt dann zum x-ten Mal die Geschichte, wie er heute Nachmittag innerhalb von nur sechs Stunden ein WG-Zimmer gefunden hat. „Die erste WG, die ich besuche, nimmt mich sofort“, ruft er abschließend und ballt mit fanatisch-euphorisiertem Blick die Hand zur Faust. Ich drücke ihm ein Becks in die Hand, er trinkt daraus und geht tänzelnd weg. Einen Augenblick lang komme ich mir ziemlich blöd vor; ich arbeite das ganze Wochenende durch für einen Hungerlohn, nur um dann meinen arbeitslosen Freunden beim Feiern zuzusehen, und ihnen wenn möglich auch noch die Drinks vorzuschießen. Aber ehe ich mich aufrege, schaltet mein Hirn auf Rausch und Gleichgültigkeit und begnügt sich mit der Feststellung, dass ein Morgen in der Bar 25 doch eigentlich ganz angenehm sei, Arbeit hin oder her. Zudem steht jetzt auch noch PF neben mir und redet irgendetwas von wegen Jobsuche und Ebay, aber schon Julien hat früher einmal bei Ebay gearbeitet und diese Tätigkeit gehasst. „Ebay ist ein Witzverein“, hat er damals gesagt. „Ich habe die meiste Zeit nichts anderes getan, als meinen Myspace- Account schön hergerichtet und Videos auf dem Internet angeschaut.“ Ich kann mir PF nicht bei Ebay vorstellen. „Ich mir auch nicht“, sagt er selbst jetzt, „aber die Aussichtslosigkeit meiner finanziellen Lage führt fast zwangsläufig da hin.“ Das kann ich nicht glauben. Berlin ist die Stadt des Müßiggangs, denke ich und meine Freunde sind alles Müßiggänger, darum passen sie ja perfekt hierher. Sie sind alle auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und sogar wenn sie ihn eher torkelnd denn gehend beschreiten, ist das für mich immer noch ein Grund, sie manchmal um ihre scheinbare Leichtigkeit zu beneiden.

Ich verlasse die Bar 25 gegen fünf Uhr früh und nehme ein Taxi in Richtung Prenzlauer Berg. Es ist bereits Tag, als der Wagen quer durch den realsozialistischen Größenwahn rund um den Alex kurvt. Phil und ich haben die Fenster runtergekurbelt, rauchen Zigaretten und trinken Wodka pur aus einem Glas, welches Phil aus der Bar 25 mitgehen ließ. „Könnten sie die Musik etwas lauter machen?“ fragt Phil den Taxifahrer zum zweiten Mal, der Typ dreht das Autoradio auf und U2 schreien In the Name of Love in den kränklich gelben Berliner Morgenhimmel. Es ist Sonntag und in sechs Stunden muss ich wieder im Büro sein. In der DDR hätte ich für so was noch den Titel Held der Arbeit verliehen gekriegt. Heute bekomme ich nicht einmal mehr das.

1993

Tuesday, June 19th, 2007

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Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich das erste Mal an einer Party war, aber ich glaube, das muss so um 1993 herum gewesen sein. Wir fuhren damals mit unseren Mountainbikes zu einer Efeuüberwachsenen Villa, die im Berner Stadtteil Weissenbühl lag, tranken Cola und tanzten mit den pummeligen Mädchen aus unserer Parallelklasse zu Dr. Albarns It´s My Live. Ich weiß noch, dass eines der Mädchen ein paar Tage später bei mir anrief und fragte, ob ich mit ihr gehen wollte. Ich habe eine Weile lang überlegt und dann „nein“ gesagt. Das Mädchen hat daraufhin nicht mehr mit mir gesprochen, aber das hat mich nicht im Geringsten gestört, denn ich stand kurz vor dem Übertritt ins Gymnasium und würde sowohl das Mädchen als auch die Efeuüberwachsene Villa nie mehr wieder sehen. Was übrig bleibt, ist der kurze, aber heftige Rausch des Augenblicks, den du wie ein verwischtes Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen deiner Erinnerung ablegst und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachtest.

Heute ist wieder so ein Augenblick und als ich auf dem Dach dieses leerstehenden Hauses stehe und mit meinen Augen aus Milchglas in die Morgensonne blinzle, glaube ich erneut eines dieser Polaroidfotos geschossen zu haben. Ich sehe die erwachenden Konturen vor mit, die sich aus der cremefarbenen Oberfläche schälen und den Moment für immer festhalten. „Daniel, komm runter“, ruft Lady Lanza, ich sehe sie durch Luke hindurch auf dem Dachboden stehen und lächle sie an, trunken vor Glück und ein paar anderen Dingen. Weiter hinten sitzen ein paar Typen auf warmen Metallplatten und rauchen etwas Pott während tief unten, in der Eberswalderstrasse die Straßenbahnen der Linie 10 in Richtung Nordbahnhof fahren. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, heißt es immer, und heute haben wir uns daran gehalten. „Das hier“, hat irgendeiner meiner Freunde gerufen, „entschädigt uns für all die nutzlosen, deprimierenden Winterabende, die wir trinkend im Dr. Pong verbracht haben.“

„Das ist wie nach der Wende, als im Osten all die Häuser leer standen“, hat Sascha, der DJ gesagt, obwohl er doch damals viel zu jung gewesen war. 1993 war Berlin eine offene Wunde, der Heilungsprozess setzte gerade erst ein und Stadt war wild und frei. Inzwischen ist der Heilungsprozess beinahe abgeschlossen und wir sitzen bloß nächtelang in Bars, die aussehen wie Raumstationen und trinken Gin Tonic, während ein diskreter DJ den Rhythmus der Musik in sonore Chromstahlstrukturen gießt. Nur heute ist alles anders, denn wir haben ein leerstehendes Haus besetzt und darin gefeiert. Paul hat von allen Leuten Geld eingesammelt und unten beim Spätkauf vier Kisten Sternburg Export gekauft, Sascha hat acht Stunden lang bis zur Erschöpfung hinter den Plattentellern gestanden und wir haben getanzt, als wären wir auf Drogen. „Ich fühle mich wie auf Ecstasy, dabei hab ich gar nix eingeworfen“, hat Dave gerufen und ist in irgendeinem der Zimmer verschwunden. Die Leute standen im Treppenhaus, auf den Balkonen, in den leeren, verlassenen Küchen und umarmten sich unter dem Stuck langsam zerfallender Gründerzeitwohnungen. Es gab keinen Eintritt und keine Türsteher, keine Bar und keine Klos mit elektrischen Händetrockner. Und niemand fragte: „Was machst du eigentlich in Berlin.“ Diese Dinge spielten alle überhaupt keine Rolle und ich bin sicher, wenn sich die Freiheit in nur einer Nacht gewinnen ließe, hätten wir sie bestimmt gewonnen.

Ich habe dann irgendwann ein dunkelhaariges Mädchen auf den Mund geküsst und danach einen Augenblick lang in den Armen gehalten. Später habe ich dann Phil und die anderen gesucht, aber die waren alle längst verschwunden. Jetzt stehe ich auf dem Dach und es ist Sonntag und Lady Lanza ruft immer noch, ich solle endlich runterkommen. Ich frage warum, sie sagt: „Caroline fährt noch runter in die Bar 25, da gehst du doch sicher auch noch mit“. Als ich dann wenig später auf der Rückbank eines Taxis sitze und durch das frühmorgendliche Berlin in Richtung Ostbahnhof fahre bleibt nichts zurück, als der kurze und heftige Rausch eines Augenblicks, den ich wie ein Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen meiner Erinnerung ablege und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachte.

Das Mädchen aus der Efeuüberwachsenen Villa hat inzwischen – so glaube ich jedenfalls – einen Gleisbauarbeiter geheiratet und ein paar Kinder zu Welt gebracht. Genau weiß ich das nicht, denn ich habe sie seit 1993 nie mehr gesehen.

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Der Herbst des Patriarchen

Tuesday, May 15th, 2007

“Was, du bist immer noch da?“ – „Draußen regnet es quer. Da kann ich einfach nicht nach Hause laufen“. Julien nimmt den Herrenhut ab, den er immer trägt, streicht sich durch die Haare und lässt sich auf einen Barhocker fallen. „Eigentlich wollte ich früh ins Bett. Aber das klappt nie.“ Später trinkt er ein Bier und dreht einen Joint. Wir sitzen im Dr. Pong, Oliver dreht an seinem schwarz lackierten Verstärker aus dem HiFi- Kambrium herum und eine Gruppe amerikanischer Touristen in zu großen T-Shirts und Adiletten stellen entzückt fest, dass man in Berliner Bars Pingpong spielen kann. „Ich habe überhaupt nichts gegen Amis“, sagt Dave, „aber sie sehen nun mal alle Scheisse aus. Oder käme es dir je in den Sinn, um elf Uhr Abends in Gummisandalen in eine Bar zu gehen?“ Natürlich nicht, denke ich, aber wir Europäer sind schließlich alles postmoderne Ästheten, denen nach der Dekonstruktion aller positivistischen Erklärungsansätze nicht anderes bleibt, als die hymnische Überhöhung des schönen Scheins. „Wir achten auf unser Aussehen“, sage ich, „selbst wenn wir nur rüber zu Kaisers Bier kaufen gehen.“ Schließlich sind wir die Kinder der Neunzigerjahre und die Neunzigerjahre waren die Epoche, in der Barbourjacken in die Literatur eingeführt wurden. Eigentlich waren die Neunzigerjahre unsere Zeit. Wir waren bloß zu jung um das zu erkennen.

Aber diese Zeit ist längst vorbei und kommenden Mittwoch verschwindet auch der allerletzte Repräsentant dieser goldenen Jahre aus unserem medial geprägten Bewusstsein. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. In dem Augenblick, in dem er durch das Tor des Elysée-Palast schreitet und – seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy nur eines kühlen Blickes würdigend - an den wächsern wirkenden Prätorianern der republikanischen Garde vorbei auf eine abgedunkelte Limousine zu geht, legt sich der schwere Damastvorhang der Geschichte endgültig über all das, was wir in einigen Jahrzehnten vielleicht als die große Zeit des Übergangs bezeichnen werden. Will heißen: Francis Fukuyama und das Ende der Geschichte, Sex im Oval Office, Dot-Com Blase, Prä-Osama - Ära in Nahost und so weiter und so fort. Chirac ist der letzte Dinosaurier, der einzige Überlebende einer ganzen Generation von Staatsmännern, die der grimmigen Fratze der Politik wenigstens ein paar Jahre lang die clowneske Maske des Pop aufgesetzt haben. Er muss sich inzwischen ziemlich alleine vorkommen. Sein ehemaliger Kumpel, Gerhard „hol-mir-mal-ein-Bier“ – Schröder ist bereits vor zwei Jahren polternd aus dem Amt gerumpelt. Der Ur-Politpopper Blair, mit dem er seit dem Irakkrieg sowieso auf Kriegsfuss steht, hört diesen Sommer ebenfalls auf. Und mit all den zackigen Männern, die im Hexagon nun das sagen haben werden, hat er ungefähr gleich viel gemeinsam wie ein Nachtklubbesitzer mit der Sittenpolizei. Ja, ja, die lustigen Jahre sind vorbei.

Zuletzt, so schreibt der Chirac – Biograph Franz-Olivier Griesbert, hätten sich am Hofe des letzten republikanischen Königs sowieso längst Verfallserscheinungen breitgemacht. Von allen Getreuen verlassen, habe der Präsident alleine im Elysée Palast gesessen und der Dinge geharrt, die kommen mochten. Selbst der Hund der Familie Chirac habe die Erosion der Macht gespürt und angefangen, den Staatssekretären die Schuhe zu zerbeißen. Die Szenerie erinnert an Halie Selassies Ende in Ryszard Kapuczinskis Meisterwerk „König der Könige“. Oder an Garcia Marques´ Herbst des Patriarchen. Mit dem Unterschied, dass Chiracs Regnum nicht – wie diejenigen der zitierten Autokraten - in Eisen und Blut enden wird, sondern – wenn er Pech hat - allerhöchstens vor dem Richter. Aber macht das den letzten Akt nicht beinahe noch trauriger? „Oh, le vieux Jacques“, sagt Julien jedes Mal, wenn der alte Präsident am Fernsehen auftaucht und auf einer schier endlos erscheinenden Abschiedstournee zum hundertsten Male Angela Merkels Hand küsst. Manchmal, denke ich, schwingt in seiner Aussage beinahe so etwas wie Mitleid und Wehmut mit.

Dabei ist Jacques Chirac selbst keineswegs unschuldig an dem tristen Schauspiel. Zwölf Jahre hatte er Zeit, Frankreich stark, groß, gerecht und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu machen. Zwölf Jahre, in denen er die halbe Welt mit Atomversuchen ärgerte, eine komfortable Mehrheit im Parlament verspielte und Frankreich durch seine Totalopposition während des Irakkrieges erst jenseits des Atlantiks und später, nach dem verlorenen EU-Verfassungsreferendum auch noch innerhalb Europas außenpolitisch isolierte um eine bleiernes, von sozialen- und wirtschaftlichen Fieberkrämpfen geschütteltes Land zu hinterlassen. Chiracs politische Bilanz ist eigentlich verheerend, sie erscheint als ein ungenießbarer Cocktail aus halbherzigen, gaullistischen Großmachtsanfällen, abgetrieben Reformversuchen und unendlichem Taktieren, das nichts anderem diente, als dem reinen Machterhalt. Und trotzdem kann man dem Mann nicht böse sein. Warum, bloß, warum?

Vor etwas mehr als einem Monat traf ich Jacques Chirac in der französischen Botschaft in Berlin. Während Angela Merkel draußen vor dem Brandenburger Tor anlässlich des Jahrestages der Römer Verträge blaue Luftballone in den Berliner Frühjahrshimmel steigen ließ, plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen der deutsch-französischen Beziehungen, bekannte sich als Bierliebhaber und äußerte sich ausführlich zu dem „wunderschönen Henkelglas mit Deckel aus dem Sechzehnten Jahrhundert“, welches ihm die Kanzlerin offenbar kurz zuvor als Geschenk überreicht hatte. Nach der Veranstaltung gab er allen Anwesenden die Hand, bedankte sich für die schöne Zeit und fand für jeden einzelnen ein passendes Wort. Es war eine Demonstration des Charmes, des Stils, der Grandeur. Eine Lektion der Demagogie selbstverständlich, aber eben, lassen wir uns nicht gerne angenehm einlullen? Chirac so erscheint mir rückblickend, war der letzte Postmodernist in Amt und Würden. Jetzt kommen die Macher, die Pragmatiker, die sich – ähnlich wie die Sandalentragenden Amerikaner im Dr. Pong  - einen Dreck um die Ästhetik kümmern, weder rauchen, noch trinken und stattdessen verbissen Pingpong spielen. „Vielleicht“, sagt Dave jetzt, „ist unsere Zeit hier rum und wir sollten uns langsam eine neue Bar suchen“. Ich weiß, dass er das nur im Spaß meint. Trotzdem ist es ein Stich ins Herz, wenn auch nur ein ganz kleiner.

La France va mal

Tuesday, April 10th, 2007

Ich sitze auf dem aufklappbaren DDR-Sofa in meinem Wohnzimmer und rauche eine Zigarette. Phil starrt auf den Computerbildschirm und macht - wie immer – tausend Sachen gleichzeitig. „Eigentlich sollte ich ja einen Artikel über Knut, den Eisbären schreiben. Aber ich habe einfach keine Lust dazu.“ Stattdessen loggt er sich auf der Seite des französischen Privatsenders Canal Plus ein und ruft die letzten paar Ausgaben der täglichen Talk-Show le Grand Journal auf. Normalerweise ist le Grand Journal ein sanfter, unterhaltsamer Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem sich Frankreichs soziokulturelle Elite der kultivierten Selbstbeweihräucherung hingibt. Jetzt aber ist im Hexagon der Wahlkampf ausgebrochen und der damit verbundene Trend des politischen Hundekampfs macht auch vor den Toren des Beigbeder´schen „Nouvelles on Ecstasy“ – Walhallas nicht halt. Darum flirrt heute Jean-Marie Le Pens fleischiges Gesicht über Phils LCD-Bildschirm und ruft: „La France va mal.“

Phil schüttelt den Kopf und greift nach einer beinahe leeren Packung Marlboro, die vor ihm auf dem Tisch liegt, er sieht abgespannt aus, abgespannt und matt, er zündet sich eine Zigarette an und während er das tut, denke ich daran, dass in den letzten paar Wochen sehr viele Dinge schief gelaufen sind und ich mich kaum mehr wiedererkenne, wenn ich morgens in den zersprungenen Spiegel in meinem Badezimmer schaue. Meine Augen sind schmal und meine Tränensäcke dick und geschwollen und der dumpfe Druck in meinem Kopf erinnert mich daran, dass wir alle zu weit gegangen sind. „Wir sollten eine Pause einlegen“, sage ich. „Zumindest eine Woche lang“. Phil sieht mich an, lässt etwas Asche in den übervollen Aschenbecher fallen, nickt und grinst. „Okay, ein paar Tage wenigstens“, probiere ich es noch einmal– „Einverstanden. Bloß: morgen ist Fußball.“ „Ihr ignoriert mich alle absichtlich“ ruft Le Pen in die Runde und meint damit den Kommentator mit dem Bürstenschnitt, der ihm ein Scheitern vorausgesagt hat. Le Pen ist ein alter Faschist, ich habe Kopfweh und la France va mal.

Es war nicht von einem Tag auf den anderen passiert, es hatte sich um einen schleichenden Niedergang gehandelt, ein langsamer, aber unaufhaltsamer Zersetzungsprozess, den wir erst begeistert begrüßten, ehe er uns alle in die Tiefe riss. In Berlin sind die Dinge so einfach, vieles, was du tust scheint keinerlei Konsequenzen zu haben und am Ende steht immer ein Flugzeug bereit, das dich weit weg in ein anderes Land bringt. Im Dr. Pong konnte ich meinen Kopf kaum mehr aufrecht halten, aber ich habe trotzdem weitergemacht. PF bestellte Jägermeister und dann spielten sie einen Song von The Knife, den wir alle kannten. Nach dem dritten Kurzen ging es mir einigermaßen gut, ich konnte klar sehen und aufrecht stehen und als in der zentralen Randlage der elektronische Puls wieder einsetzte, fing ich sogar an zu lächeln. Dann begannen die Leute rundherum, sich gegenseitig zu küssen und ich sagte zu PF: „Wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns verschwinden“. Wir liefen die Schönhauserallee hoch und tranken Kaffee aus Pappbechern bei Mc Donalds. Das Flugzeug ist gelandet, ich habe festen Boden unter den Füssen, aber was nützt das schon, wenn ich gleichzeitig ein Stück meines Gehirnes in höchsten Höhen zurückgelassen habe? „Selbst Pauline findet, das alles wäre zuviel„ hat PF gesagt und mit einem Plastiklöffel in der Brühe herumgestochert. Dann hat er innegehalten und einfach so losgelacht: „Eigentlich hat sie mich noch nie nüchtern gesehen.“

„Ihre Redezeit ist vorüber“, unterbricht der Moderator den polternden Le Pen. Ich drücke meine Zigarette aus und dann ist auch dieser Schwindel wieder da, der mich tagelang niederdrückt und mich stundenlang regungslos in meinem Bett verharren lässt. Phil klappt sein Notebook zu und steht auf, „Keine Angst, ich hole nur Wasser“, sagt er. Ich weiß nicht, was die anderen machen, ich will es eigentlich gar nicht wissen, ich will nur alleine sein, irgendwo weit weg, vielleicht zu Hause, wo sich meine Eltern um mich kümmern. Phil kommt mit einem Glas in der Hand zurück ins Wohnzimmer, er bleibt in der Mitte des Raums stehen und starrt einen Augenblick lang mit leerem Blick ins Nichts. „Vielleicht“, sagt er dann, „sollten wir in nächster Zeit irgendetwas sinnvolles tun“.- „Ja klar“, sage ich, „sicher, sicher.“ Irgendetwas Sinnvolles. Bitte, denn La France va mal.