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Die Liebe der Segolène Royal

Tuesday, March 6th, 2007

Sie trägt eine weiße Bluse mit halbem Stehkragen und eine komische Kette aus Gold. An ihren Seiten klebt ein Pulk aus Journalisten, Beratern und Bodyguards und als sie die stickige Halle betritt, ertönen ein paar Takte scheppernder Musik – eine krude Mischung aus Marsch und Mersey-Beat. Die Menschen in dem Raum stehen alle auf und klatschen, ganz so als wollten sie sagen: erhebt euch, ihr Linken dieser Stadt und schaut her, denn hier kommt Segolène Royal, die Jeanne d´Arc der französischen Sozialisten. Ich rauche meine Zigarette zu Ende und setze mich auf einen Treppenabsatz. Und zwar ganz hinten, dort wo die Kameramänner ihre Geräte aufgestellt haben und den Auftritt der Präsidentschaftskandidatin mit stoischer Miene runterfilmen. Madame Royal hat jetzt das Podium erreicht. Sie schüttelt ein paar Hände und lächelt dabei, während ihr dunkelbraunes Haar im Licht der Neonlampen glänzt wie Seide. Ich kann verstehen, dass die Menschen Segolène mögen, denn sie ist hübsch und wirkt sympathisch. Von den furchteinflößenden Gestalten, die die Marken „links“ und „Frau“ in Deutschland seit Jahren monopolisiert haben scheint die aparte Französin ungefähr ähnlich weit entfernt, wie der trikolore Überfussballer Zinedine Zidane von Christian Wörns. Oder könnte sich irgendwer Heidemarie Wieczorek-Zeul auf dem Cover der „Vogue“ vorstellen?

Schade nur, dass Segolène Royal jetzt auch noch über Politik sprechen muss. Denn über Politik zu sprechen ist eine schwierige Sache. Entweder, man treibt sein Publikum mit einem emotionalen Trommelfeuer an die Urnen und riskiert dafür das Etikett des Populisten und Demagogen. Oder aber man serviert den Zuhörern eine stumpfe Ansammlung politisch korrekter Harmlosigkeiten. Die ecken zwar nirgends an, haben dafür aber die aufputschende Wirkung von Schlaftabletten. Segolène Royal hat sich heute leider für die zweite Variante entschieden. Egal ob es um Europa, die Achse Berlin-Paris, Terrorismus, den Stellenabbau bei Airbus oder wieder um Europa geht – die Worte der Lichtgestalt der französischen Sozialisten haben höchstens die Strahlkraft einer Nachttischlampe. Auf ein Bekenntnis zur sozialen Sicherheit („Frankreich muss wieder gerechter werden“ – aha!) folgen Allgemeinplätze zur Welt im Grossen und Ganzen („Ich will den Frieden fördern“) und reihenweise Versprechungen („ich werde mich um all das kümmern“). Mehr Geld für Studenten, sozial Benachteiligte, Praktikanten und – sie spricht ja schließlich in Berlin – für die Auslandfranzosen. „Ich frage mich, ob die Frau im Lotto gewonnen hat, bei all dem was sie da verspricht“, raunt Phil und ich muss ihm recht geben: wer Segolène heute Abend zuhört, könnte meinen, die Manna falle demnächst in dicken Flocken vom Himmel.

An nichtsagende Phrasendrescherei und leere Versprechungen habe ich mich als Wähler inzwischen gewöhnt. Und dass sich Frau Royal nicht zu weit aus dem ideologischen Fenster lehnt, kann man ebenfalls nachvollziehen. Schließlich haben Frankreichs Linke aus dem traumatischen Wahldesaster von 2002 ihre Lehren gezogen. Damals hatte der spröde Ex-Premier Lionel Jospin bereits wie der sichere Sieger ausgesehen, ehe er  den Karren mit einer späten Kehrtwende hin zur altlinken Klassenkampfrhetorik dann doch noch an die Wand fuhr und seiner Partei eine Niederlage von beinahe epischem Ausmaß bescherte. Der Zurückhaltung mag unter diesen Umständen durchaus etwas Weisheit innewohnen. Was mich an diesem Abend aber vielmehr überrascht, ist die Tatsache, dass es Segolène nicht fertig bringt, die Leere mit Charme aufzufüllen. Sie wirkt müde und abgekämpft, blass und farblos, ihre Worte ziehen beinahe ungehört an mir vorbei und verlieren sich irgendwo in der abstoßenden Hässlichkeit des Konferenzsaals des Westberliner Hotels. „So wird das nix“, meint Bastian, der neben mir sitzt. „Der Frau fehlt die Aura, die Grandezza.“

Vielleicht weiß sie ja instinktiv, dass der Elyséepalast mit zunehmender Dauer des Wahlkampfes immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Weil die machtgierigen, alten Männer der Sozialistischen Partei mit den Zähnen knirschen und sowieso nur warten, dass sie fällt. Weil der Terrier Nicolas Sarkozy, der Kandidat der Rechten, die Umfragen seit einiger Zeit anführt. Oder der Zentrist Bayrou immer näher rückt. Und zu guter Letzt ist da ja auch noch Jean-Marie Le Pen, dessen kinnlose Visage wie ein Damoklesschwert über dem kollektiven Gedächtnis der Linken schwebt. Jetzt hebt Segolène Royal den Arm. Sie ruft  „Vive la France“ und „Vive la République“. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und jemand schenkt ihr einen Strauss roter Rosen. Rote Rosen sind Blumen voller Symbolgehalt; wer rote Rosen schenkt, drückt damit seine Liebe aus. Aber lieben die Franzosen Segolène? Und selbst wenn sie das täten, würde es genügen? Denn Frankreich ist trotz seines republikanischen Kultes im Grunde genommen ein zutiefst monarchischer Staat. Und Monarchen liebt man nicht in erster Linie. Monarchen fürchtet man.

Die Franzosen haben, so scheint mir, ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu ihrem Staat. Einerseits verehren sie ihn mit einer Mischung aus Stolz und Erwartungshaltung, andererseits hassen sie ihn wie die Pest. Dieses Volk, das die Rhetorik und die hitzige Debatte liebt wie kein anderes, pflegt seine Herrscher stets mit Pomp und Gloria zu inthronisieren um ihnen dann bei der erstbesten Gelegenheit den Kopf abzuschneiden. Die sich daraus entwickelnden antiken Dramen bedürfen stets einer minimalen Fallhöhe. Ob Segolène diese Fallhöhe auszufüllen vermag, ist äußerst fraglich. Und das liegt nicht etwa daran, dass sie eine Frau ist. Das Symbol der Republik ist ebenfalls weiblich. Aber la Marianne hat mit einer netten Mademoiselle aus den Vogesen nur wenig gemein. Wenn Frankreich eine Frau wäre, dann eine opulente Puffmutter, eine alte Mätresse oder eine hysterische, etwas zu stark geschminkte Drama Queen. Segolène Royal aber ist keine Drama Queen. Sie ist einfach nur ein Mädchen vom Lande. Und Mädchen vom Lande sterben in den klassischen Dramen stets einen tragischen Tod. Sie sterben aus Gram über die unerwiderte Liebe.

Der nächste Sturm kommt bestimmt

Tuesday, January 23rd, 2007

Der Sturm ist längst vorbei und im „Zu mir oder zu dir“ stirbt das Wochenende einen sanften Tod. Ich klopfe ein blau – weiß gestreiftes Kissen zurecht, um meinen geschundenen Rücken darauf zu betten, Dave bringt zwei Gläser White Russian, ich nippe an der süßen, weißen Flüssigkeit und Dave sagt, er fühle sich wie der Typ in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. „Bill Murray erlebt hundert Mal hintereinander denselben Tag. Ich hingegen erlebe hundertmal hintereinander dasselbe Wochenende. Am Schluss steht dann jedes Mal dieser Moment der Ruhe.“ Tatsächlich scheinen sich die Dinge immer mehr anzugleichen und um den Abenden eine individuelle Note zu geben, variiere ich hin und wieder meine Garderobe. Heute trage ich einen wollenen Mantel, ein Jackett von Strellson, dazu Handschuhe aus Leder. Ich versuche, meine innere Abgerissenheit zu kaschieren. Trotzdem fragt mich der Typ hinter der Bar im „Zu mir“, ob es mir wirklich gut ginge. „Du siehst nämlich richtig fertig aus,“ sagt er. Kein Wunder, denke ich, schließlich habe ich die letzten vier Wochen durchgefeiert.

Gestern trug ich eine khakifarbene Mütze aus China – dieselbe Art Kopfbedeckung, wie sie die roten Garden während der Kulturrevolution anhatten, als sie unter dem poetischen Motto „lasst tausend Blumen blühen“ wie ein wilder Mob durch die Strassen Pekings zogen und wahllos Menschen umbrachten. Ich fühlte mich daher ein wenig morbide und auch zynisch, denn als mich ein Mädchen fragte, ob ich ein Linker sei, sagte ich „nein“ und „ich trage dieses Ding bloß aus ästhetischen Gründen.“ So eine Haltung war offenbar mehrheitsfähig und wenn nicht das, dann zumindest akzeptabel. Aber wen verwundert das schon, dachte ich, die Partys in Mitte gleichen sich im Grunde genommen doch alle: Wohnungen mit Stuck an der Decke, italienischer Rotwein aus Plastikbechern, betörende Mädchen in Stiefeletten und Jeanshosen, sparsame Musik und egozentrische DJ´s. Die Leute stehen dann alle rum, tanzen ein wenig und reden über sehr oberflächliche Dinge. Das ist wunderschön blasiert, aber eben auch zutiefst traurig. Ich sprach mit einem Mädchen, dass ich am Abend zuvor im Berghain kennen gelernt hatte, wobei kennen gelernt nicht viel heißen will, denn wir hatten bloß am Ende einer brüllenden, rohen Partynacht abwechselnd irgendwelche Sachen zueinander gesagt. Ich wusste daher nicht, was ich zu ihr sagen sollte, sie erzählte daraufhin von ihrem Sohn und mir fehlten erst recht die Worte. Junge Leute mit Kindern machen mich sprachlos, sie lassen mein eigenes Leben stets vollkommen sinnentleert erscheinen.

Ich bin dann weggegangen und habe mich dabei gefühlt wie Mao Tse Tung, als er Henry Kissinger eröffnete, er sei bereit, bis zu dreißig Millionen Chinesen für einen Atomkrieg zu opfern, – nämlich kalt und berechnend; ich habe Julien daraufhin das Fläschchen weggenommen, welches er sich den ganzen Abend über unter die Nase gehalten hatte und dieses in meine Manteltasche gesteckt. Später, im Rodeo, habe ich mit dem Geist aus der Flasche gesprochen, dessen Worte ihre Wirkung nur noch in abnehmendem Masse entfalteten, was aber nichts machte, da die Musik und der Gin das ihrige taten. PF saß dann mit einem Mädchen auf einem braunen Sofa bei den Toiletten, als sie ein Lied von Moby spielten und ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich tanzte. Zumindest glaubte ich das gestern. Dave fragt jetzt, ob ich Bier nähme, ich sage „ja“, er steht auf und zwei Mädchen setzen sich. Es sind Lucy und Andrea. Lucy trägt eine Tasche, die wir ihr zum Geburtstag geschenkt haben und Andrea sagt, sie sei an einer furchtbaren Party in Greifswald gewesen. „Die Leute dort waren vollkommen unentspannt. Ganz anders als in Berlin.“ Bloß ein paar hübsche Jungs wären da gewesen. „Aber die rannten alle rum wie gestochene Bienen. Wir haben ein Bier getrunken und sind gegangen.“

Ich denke daran, dass ich heute am späten Nachmittag mit Nasenbluten aufgewacht war. Jetzt liege auf dem Sofa einer Bar, die man gemeinhin als Lounge bezeichnen würde: warme Lichtflecken an den Wänden und auf den Gesichtern der Besucher, der Sänger von Beatplanet steht am DJ-Pult und spielt seine eigene Musik, ein paar Typen kiffen und alle sind unheimlich entspannt. Der typische Berliner Post-Orgasm-Chill eben. Oder mit anderen Worten: ein Drink, eine Packung französischer Filterzigaretten und die verblassende Erinnerung an ein paar Augenblicke des kollektiven Rauschs als Komponenten des vorläufigen Glück. Eigentlich gibt es nichts kleinbürgerlicheres als diese Stadt, deren Bewohner es sich in der Ecke des geregelten Nonkonformismus gemütlich gemacht haben. Bereits der kleinste Windstoss lässt sie zittern. „Das sind ja richtige Weicheier“, hatte David gerufen, als wir am vergangenen Donnerstag vor der verrammelten Türe des Dr. Pong gestanden hatten. „Da braucht bloß so ein Lüftchen ein paar Bäume auszureißen und schon verbarrikadieren sich alle in ihren Wohnungen und warten auf das Ende der Welt.“ Das Ende der Welt fand nicht statt und der Orkan zog vorüber, denke ich, als wir durch die von kleinen Ästen übersäte Lychenerstrasee nach Hause gehen. Aber der nächste Sturm kommt bestimmt.

Helden der Popkultur

Wednesday, November 15th, 2006

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Jean-Paul Belomondo und Jean Seberg in Godards Kultfilm „Ausser Atem“? Steve McQueen und Ali Mac Graw in „Getaway“, kurz vor Antritt der Flucht? Beides möglich, aber trotzdem falsch. Die Szene spielt weder in New Mexiko noch im Paris der späten fünfziger Jahre, sondern in der BRD des Jahres 1968. Der Hintergrund: deutsche Anarchisten zünden Kaufhäuser an. Die Hauptdarsteller: Andreas Baader und Gudrun Ensslin oder: Bonnie and Clyde als deutsche Terroristen. „Die RAF war von Anfang an Pop“ behauptet meine Tischnachbarin Anke und weist auf all die Bilder hin, die die Terroristen als Ikonen zeigen. Anke hat in ihrere Magisterarbeit über die RAF geschrieben. Ich überlege eine Weile und nicke dann. Schliesslich habe ich Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex mit siebzehn als Abenteuerroman gelesen. Schnelle Autos, ein unstetes Leben und eine Prise Revolutionsromantik. Und über allem die Ästhetik der französischen Nouvelle Vague. Vielleicht ging es auch nur darum, den Mädchen zu imponieren. Das würde jedenfalls die sinnlosen Worthülsen der Kassiber erklären. Und Baaders Vorliebe für gelbe Porsche Carreras. Was die RAF von den heutigen Terroristen unterscheidet? Sie liebten das Leben, nicht den Tod. Das machte sie kalkulierbar. Und rückblickend gesehen irgendwie naiv. Kann so etwas Sympathie wecken? „Damals erklärte sich laut einer Umfrage jeder siebte Deutsche bereit, Baader und seine Leute bei sich aufzunehmen“, sagt Anke und lächelt scheu. „Ich glaube“, fügt sie dann an, „ich hätte auch dazu gehört.“ Und ich? Ich weiss nicht, wie weit ich gegangen wäre. Der Reiz des unverbrauchten, radikalen Abenteuers lässt sich ja nicht wegdiskutieren. Mit anderen Worten: vielleicht hätte ich mitgemacht.?

Er war mein Kanzler

Saturday, November 11th, 2006

Es ist Spätherbst in Berlin und in den Strassen hängen die ersten Nebelfetzen. Schwere, nasse Klumpen, deren feuchte Kälte dir dann den ganzen Winter lang in den Knochen hängt. Das will ich mir nicht antun. Darum bleibe ich zu Hause, ziehe die Vorhänge zu und sehe fern. Im Bayrischen Rundfunk hockt Gerhard Schröder bei Siegmund Gottlieb und redet über sein Buch. Na klar, denke ich, er hat ja gerade seine Memoiren veröffentlicht. Jetzt flitzt er von einer Talkshow zur nächsten und plaudert aus dem Nähkästchen von sieben Jahren Rot-Grün. Ja, damals, haha, als ich mit den Joschka, dem Oskar und dem Bodo… so oder ähnlich läuft das dann die ganze Zeit. Die Gerd-Show. Ein Medienmensch war der Schröder ja immer schon. Jetzt wird er auch noch zum Popstar. Zu einer Art Dieter Bohlen der Politik. Die Parallelen lassen sich durchaus ziehen. Wo im Oeuvre des Ex-Modern Talking – Mannes ein Penisbruch zum literarischen Orgasmus führt, erreicht das Schröder-Werk seinen point-culminant zweifellos in der Wahlnacht 2005, als des Kanzlers Verhalten ins Subobtimale abdriftet. „Herr Schröder“, möchte man ihn fragen, „waren sie damals eigentlich betrunken?“

Genau das tut Siegmund Gottlieb und der Altkanzler beugt sich vor und geht zum Gegenangriff über. „Ich möchte da mal was klarstellen, ich war nicht voll“, sagt er und redet von „Stress“ und „all dem, was ich einstecken musste, ganz besonders von Leuten wie ihnen.“ Dabei lächelt er giftig. Schröder ist immer noch derselbe, denke ich. Der Kämpfer, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Den Kopf geduckt, die Schultern gespannt, diesen ich-habe-immer-recht Ausdruck im Gesicht – so sieht ein Mann aus, der sich durchboxen musste. Der unter Dauerbeschuss stand. Ein Arbeiterkind im Brioni-Anzug. Aber für was steht Schröder eigentlich? Für die westdeutsche Version des American Dream? Für das Ende der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer Sparkassen – Gemütlichkeit und dem illusorischen Traum vom bequemen Wohlstand für alle? Ist er der Genosse der Bosse? Der Mann der Hartz IV erfand? Der Deutschland in den Krieg führte? Oder aber der grosse Reformer? Der Friedenskanzler, der dem US-Präsidenten die Stirn bot? Schröder wirkt wie ein Chamäleon, er tut scheinbar alles und nichts zugleich. Gestern noch Staatsmann, heute Aufsichtsrat bei Gasprom. Kann man so einen Typ ernst nehmen? Darf man ihm ein Land anvertrauen? Und überhaupt: hat Schröder Deutschland ruiniert?

An dem Abend, an dem Rot- Grün die Bundestagswahlen 1998 gewann, sass ich Wohnzimmer meines Onkels in Tel Aviv. Draussen ging ein heisser Spätsommertag zu Ende und auf meiner Haut klebte der metallene Staub aus den Strassen von Nazareth. Die ARD zeigte Bilder von der SPD-Wahlparty. Schröder stand zwischen Oskar Lafontaine und Joschka Fischer, trank Champagner und bog sich vor Lachen. Ich war damals achtzehn Jahre alt und seit ich mich erinnern konnte, wurde Deutschland von Helmut Kohl regiert. Kohl war die fleischgewordene Bräsigkeit. Er sah aus wie der Filialleiter einer Kreissparkasse und redete wie ein Pfälzer Gastwirt. Zudem hatte er einen birnenförmigen Kopf und war furchtbar dick. 1998 war Kohl am Ende, er passte einfach nicht mehr zum wiedervereinigten Deutschland der späten Neunzigerjahre. Schröder hingegen, war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ein Windhund, ein pragmatischer Macher, mal Kumpel, mal Arschloch, der aber immer irgendwie die richtigen Worte fand. Ich erinnere mich, dass ich Schröder damals überhaupt nicht mochte. Ich hielt ihn für einen aalglatten Gauner, einen, der dich bloss nett anlächelt um dir gleichzeitig dein Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen. Heute bekenne ich: ich habe mich geirrt. Schröder war kein Gauner. Er war ganz einfach nur einer von uns. Er war der Kanzler der nicht gehaltenen Versprechen, der geplatzten Träume, der grossen Illusionen und Enttäuschungen. Egal ob New-Economy – Blase, Spassgesellschaft, 11. September, neue Ernsthaftigkeit oder Irakkrieg – der Kanzler wirkte immer irgendwie planlos. Und glich damit der Generation, die unter ihm aufwuchs. Orientierungslosigkeit gepaart mit Spontaneität, das Prinzip Hoffnung als Motto und eine ungewisse Zukunft vor Augen. So hat Schröder regiert. Und ich gelebt.

Ich schalte den Fernseher aus, gehe trotz des schlechten Wetters nach draussen und treffe Phil im Pong. Wir hocken an der hölzernen Bar und trinken Ricard, während ein Typ mit halblangen Haaren Retro-Rock auflegt. Das Pong ist beinahe leer und draussen geht jetzt leichter Regen nieder. „Wenn Schröder da wäre, würde ich ihn auf ein Bier einladen“, sage ich. Phil nickt. „Ich hab Schröder auch gemacht. Er war halt einfach ein ganz normaler Typ. Konnte es mit einem Bauarbeiter genauso wie mit einem Soziologieprofessor. Der Mann hatte ganz einfach Charisma.“ Hatte. Denn Schröder ist nicht mehr da. Er hat vor einem Jahr aufgehört. Und wird nie wieder zurückkehren. Sagt er zumindest. Als Schröder an die Macht kam, war ich gerade volljährig geworden und hatte die grosse weite Welt vor mir. Als er 2005 abgewählt wurde, schloss ich mein Studium ab, war abgespannt, ein kleines bisschen desillusioniert und trank zuviel Alkohol. Es ist erstaunlich, wie sich die Dinge entwickeln. Damals wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Inzwischen weiss ich: er war mein Kanzler

Die Jugend von heute

Tuesday, November 7th, 2006

Es ist Samstagnachmittag und ich bin an der YOU. Die YOU ist die größte Jugendmesse Europas, und weil sie diesen Status innehat, kommen natürlich nicht nur ganz viele Jugendliche an die YOU, sondern auch mindestens so viele Unternehmen, die sich dann auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln, um in der Gunst der Halbwüchsigen ganz oben zu stehen. Da gibt es dann den Beauty-Stand von Bébé, wo sich die Mädchen die Pickel zuspachteln lassen können. Oder eine fette Snowboard – Halfpipe, mit der Nokia offenbar den Beweis erbringen möchte, dass Mobiltelefone echt fette Lifestile – Accessoires sind und nicht etwa nur Taschengeldfresser. Die Kids stehen dann kaugummikauend in den Nazi-Bauten des Berliner Messegelände rum und lassen sich mit irgendwelchen Werbegeschenken zumüllen, während auf der VIVA – Bühne nebenan die fünf gelackten Berufsjugendlichen von US 5 die Mädels zum Kreischen bringen. Alles in allem ein richtiges Konsumparadies, irgendwo zwischen BRAVO, Petting, Alcopops und HJ-Reichjugendtag. Mir kommt Joachim Lottmann in den Sinn. Der hat nämlich mal ein Buch geschrieben, über die Jugend von heute und behauptet, von der käme nix mehr: keine Revolte, keine gute Musik und nicht einmal mehr richtiger Sex.

Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Die YOU jedenfalls ist wie Wasser auf die Mühlen aller Zivilisationspessimisten, Jugend – Hasser und Untergangsphilosophen. Die Jungs sehen aus wie schwule Hiphopper, die Mädchen wie minderjährige Prostituierte aus Osteuropa. Die Geschlechterrollen scheinen den Gangsta – Videos zu entstammen und würden wohl jeder emanzipierten post-68er Mutter die Tränen in die Augen treiben. Statt K1 und Emma scheinen heute Neukölln und Bushido angesagt, wo mit Frauen eigentlich „nur gefickt“ wird. Den Teenagern scheint das alles aber zu gefallen. Laut schnatternd schieben sie sich durch die Hallen und bewegen sich mit einer beneidenswerten Eleganz durch das Trommelfeuer einer grellen Warenwelt, die ich selbst nur noch als Terror wahrnehme. Simon, den die UFA extra aus Köln hierher geschickt hat, nennt das „audiovisuelle Reizüberflutung“. Im Prinzip meint er aber dasselbe. Wir gehen daher nach draußen, rauchen eine Zigarette und trinken Cola. Bier gibt´s hier natürlich keines. „Ich verstehe das nicht“, sagt Simon. „Ich wäre als Sechzehnjähriger niemals an so eine Veranstaltung gegangen. Wenn die alle so drauf sind, dann gute Nacht.“

Vielleicht sind liegt es ja an meiner Grundeinstellung und alles wird eines Tages gut. Aber im Moment bestätigt die YOU bloß meinen tiefen Pessimismus. Deutschland ist fertig, denke ich und dann kommt mir die Diskussion mit Volker in den Sinn, die wir vor zwei Wochen in dessen Hamburger Wohnung geführt hatten und die mit der larmoyanten Feststellung endete, dass dieses Land vor die Hunde gehen würde. Na ja, vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als eine Flasche billigen Rotwein intus hatte und als schlechtbezahlter Mediensklave auf Castingtour war. Und dass Volker gerade aus Kasachstan zurückgekehrt war, wo er als vermeintlicher Entwicklungshelfer fünf Monate lang untätig rumsaß und billigen Wodka trank. Wir saßen also bei ihm in der Küche und irgendwann sagte ich, dass ein Land, in dem alle gutausgebildeten Menschen auswanderten, in einer global konkurrenzierenden Weltwirtschaft keine Chance hätte. „Braindrain und Akademikerarbeitslosigkeit zusammen – so was ist einfach absurd.“  – „Tja“, sagt Volker, „der Zug fährt in Richtung dritte Welt. Wie Kasachstan. Alle, die was drauf haben, gehen weg. Selbst die Ossis arbeiten schon in Österreich!“. Zurück bleiben dann, – um noch mal den Lottmann zu zitieren – die Schwachen, die Dummen und die Alten. „Und die ganz Jungen, die dann in so einer absterbenden Gesellschaft aufwachsen“, fügt Volker an. „Zum Glück hab´ ich den Schweizer Pass. Seit ich in Deutschland lebe, kommt mir der vor wie eine Lebensversicherung.“

Jetzt stehe ich also zwischen all den Pimps und Bitches und weiß nicht ob ich mich über die Gnade der frühen Geburt freuen soll oder nicht. Sind wir eigentlich zukunftsfähig oder geht ganz Europa den Bach runter? Werden Leute wie ich irgendwann einmal fähig sein, ein Land zu regieren? Und was passiert dann mit den heute Sechzehnjährigen? Eigentlich hasse ich den Generationenbegriff, aber es gibt Augeblicke, da kommt man um ihn nicht rum. Wenn wir also wirklich eine Generation sind, dann grenzen wir uns doch irgendwie ab. Bloß wie? Die Golfer hatten ihre große Zeit in den Neunzigern, labten sich am schnellen Geld und pflegten nebenbei ihre Luxusneurosen. Daraus entstanden Vera am Mittag, Benjamin von Stuckrad – Barre und eine postmoderne Alltagskultur. Oder in anderen Worten: emotionale Verwirrtheit auf solider materieller Basis. Bei den Jüngeren liegen die Dinge genau umgekehrt: fehlende Jobsicherheit und Unterschichtendebatte versus Weltkirchentag, feste Beziehungen und Nichtraucherbars. Und wir? Die Dazwischengeborenen? Sind wir völlig aus dem Häuschen? Sind wir gleich zweimal gestrandet, ideel sowie materiell? Haben wir mit zu vielen verschiedenen Sexualpartnern geschlafen und gleichzeitig für 400 Euro im Monat Fronarbeit geleistet und sind deshalb sowohl emotional als auch rational ausgebrannt? Das alles würde jedenfalls meinen Defätismus erklären. Und denjenigen meiner Freunde. „Ich halte das nicht mehr länger aus“, sagt Simon jetzt und weist mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Lass uns gehen.“ Wenig später hocken wir in einer Kneipe um die Ecke, trinken Bier und reden über Fussball. „Eigentlich“ denke ich nach ein paar Gläsern, „ist die Zukunft doch einfach egal.“ Und genau das ist das Problem.

Born to Run

Wednesday, October 11th, 2006

Nördlich von Wiesbaden wird das Land hügeliger. Die dreispurige Betonpiste der A3 windet sich über die Kuppen der Berghänge, stürzt sich Abhänge hinab und setzt in hohen Stelzen über breite Täler. Beiderseits der Fahrbahn erstrecken sich tiefe Wälder und irgendwo hier muss die Varusschlacht stattgefunden haben, dieses mythenumwobene Gemetzel, in dem die Germanen unter Arminius den Vormarsch des römischen Imperiums stoppten und die nördliche Grenze der mediterranen Hochkultur mit Eisen und Blut für immer festlegten. Ganz nach dem Motto: bis hier und nicht weiter reicht die Zivilisation, dahinter sind nur noch Barbaren. Die bewaldete Gegend zwischen Frankfurt und Köln scheint sowieso zum Grenzland prädestiniert: hier sangen die deutschen Nationalisten im 19. Jahrhundert von der „Wacht am Rhein“, standen die französischen Truppen während der Rheinlandbesetzung in den zwanziger- und Dreißigerjahren, ehe sie im Zuge der Appeasement – Politik der Westmächte vor Hitlers Wehrmacht kampflos kehrtmachten, um nach Jahren der kollektiven, europäischen Selbstzerfleischung gemeinsam mit ihren Gegnern von damals den geteilten Kontinent gegen einen neuen Feind namens Sowjetunion zu verteidigen. Der Krieg, der Hass, der überbordende Nationalismus, diese blutrünstigen Fratzen der Geschichte, scheint im Westerwald so präsent, dass man meinen könnte, er tropfe wie Harz aus den Nadeln der Tannenwälder. Dabei wirkt die Gegend eigentlich friedlich; saftige, grüne Wiesen, hin und wieder etwas Wald und über allem der blaue, kalte Himmel eines sonnigen Herbsttages.

Die Familie, die ich caste, bewohnt ein geräumiges Haus in einem Kaff irgendwo in der Nähe von Limburg. Die Leute führen mich in ihr sonnendurchflutetes Wohnzimmer und geben sich weltmännisch; er habe bereits in Bahrein, Frankreich und Spanien gearbeitet, sagt der Vater, die Tochter spricht fließend Französisch und der jüngste Sohn sieht nicht nur aus wie der Junge auf der Kinderschokolade, sondern strebt auch eine ähnliche Karriere an: er macht nämlich als Kinderstar bei irgendwelchen Produktionen des WDR mit. Ich weiß nicht was ich von alledem halten soll, dann meldet sich der Jägermeister von gestern Abend in einer Ecke meines Gehirns und einen Augenblick lang will ich einfach nur meine Kamera hinschmeißen und wegrennen. Irgendwie stehe ich das Casting durch, der Vater der Familie entpuppt sich mit der Zeit jedoch als ein ziemlicher Schleimer; er geht mit mir nach draußen, raucht eine Zigarette, fachsimpelt über Autos und fängt dann auch noch mit so einem von-Kollege-zu-Kollege – Gespräch über die Medienbranche an. Bei dem Typ handelt es sich offenbar um einen richtigen Namedropper, er hört gar nicht mehr auf, von irgendwelchen Produzenten, Intendanten und Regisseure zu erzählen, die ich nicht kenne. Ich sage „ja“ und „amen“ und „überhaupt, ich muss jetzt los“ und fliehe mit offenem Autofenster, eine fast abgebrannte Zigarette im Mundwinkel. Aus dem Radio nölt James Blunt look who`s alone now, it´s not me, it´s not me und ich möchte dem blöden, gitarrespielenden Weichei am liebsten ins Gesicht schreien: ja, ich bin jetzt wieder allein und ich bin verdammt noch mal froh drum. Stattdessen wechsle ich ganz einfach den Sender.

Die Fahrt in den Süden gleicht einem barfüssigen Gang durch die antike Hölle; ab Frankfurt geht auf sämtlichen Autobahnen und Bundesstrassen gar nichts mehr, Mitteldeutschland steht kurz vor dem totalen Verkehrskollaps. Zudem streiken auch noch irgendwelche Bahnangestellte in der Gegend, weil sie mit den Tarifverträgen nicht zufrieden sind. Verflucht noch mal, was geht mich das alles an, sage ich laut und sehe meinen nächsten Termin in Nürnberg in weite Ferne rücken. Nach mehreren Stunden Stop-and-go komme ich völlig entnervt in Würzburg an, mein Rücken tut weh und ich bin komplett durchgeschwitzt. Nie mehr Autofahren im Rhein-Main-Gebiet, sage ich mir. Nie mehr, nur über meine Leiche! Zum Glück übernimmt Philip das Steuer und drückt den Wagen mit 180 kmh nach München runter, es ist beinahe Elf Uhr, als wir dort ankommen und wir beschließen, uns sofort die Kante zu geben. Das klappt leider nicht, weil ihr aus unerfindlichen Gründen in einer vollkommen bekloppten Tabledance – Bar im Kunstpark landen, dort unser letztes Geld für zwei Drinks ausgeben und die verbleibende Zeit damit verbringen, eine Reihe osteuropäischer Tänzerinnen und zwei männliche Stripper davon zu überzeugen, dass wir a) kein Geld haben und b) nicht schwul sind. Der Laden, in dem außer uns nur fette Engländer rumhängen, gibt mir den Rest und als ein kahlgeschorener Animator in Hotpants und Ledergilet die Gäste auffordert, zu Robbie Williams Song Angels gemeinsam die Feuerzeuge in die Luft zu heben, hauen wir schließlich ab. Das darf doch nicht wahr sein, das kann nicht München sein, denke ich, aber soviel Zeit habe ich gar nicht, denn am nächsten Nachmittag sind wir wieder am Trinken – diesmal allerdings am Oktoberfest. Durch einen glücklichen Zufall landen wir in einem Bierzelt, die Luft da drinnen ist so schwer, dass ich sie beinahe anfassen kann, aber nach drei Mass bin ich bei den Leuten und als mir ein völlig betrunkener Aargauer mit hochrotem Kopf eine Villiger -Zigarre mit Plastikmundstück anbietet, schunkle ich paffend mit. Den Rest des Abends verbringe ich im Wachkoma, irgendwo zwischen Rummelplatz, gebrannten Mandeln und Indie – Pop. Ich wanke hin und her, einen Drink in der Hand und ein Flimmern vor den Augen. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Lisa sagt, sie habe mich dann gegen vier Uhr früh zu Hause deponiert.

Es ist Sonntag Mittag, ich wache auf und stelle fest, dass ich erstens in meinen Kleidern geschlafen habe und zweitens in spätestens zwei Stunden in Nürnberg sein muss. Ich krieche zu meinem Wagen (laufen geht nicht, dazu bin ich immer noch zu betrunken), brettere im Vollrausch über die Autobahn nach Norden, stopfe in einem Burger King an einer vierspurigen Einfallstrasse bei Nürnberg einen pomadigen Wopper in mich rein und lasse mich wenig später von einem fränkischen Hausmeister mit Oberarmen wie Pferdeschenkel durch ein leeres Schulhaus führen. Der Hausmeister hat eine glänzend polierte Glatze und Ringerohren, die ihm wie verbeulte Blechteller am Schädel kleben. Er wünsche sich einen sportlichen Opa mit Harley, sagt er und seine blonde Frau, die aussieht wie eine Barbiepuppe die zwei Minuten lang in eine Mikrowelle gesteckt wurde, nickt beflissentlich. Ich muss mich richtig anstrengen, um die Filmerei einigermaßen anständig auf die Reihe zu kriegen und als ich eine Stunde später wieder im Wagen sitze, bin ich völlig fertig. Trotzdem beschließe ich nochmals aufs Oktoberfest zu gehen, und rufe Steffi an, die mich zu irgendeinem Schützenfestzelt dirigiert Das Oktoberfest ist nämlich eine äußerst egalitäre Veranstaltung, da hocken dann die Söhne der Münchner Schickeria in ihren Polohemden gleich neben fetten Oberbayern in Lederhosen und besoffenen australischen Touristen mit Sandalen an den Füssen und heben alle fünf Minuten den Bierkrug, um ein Prosit in den Dunst raus zu schreien. Jeder ist im Bierzelt daheim, Klassenunterschiede scheint es auf der Wiesn – abgesehen vom schickelnden Käferzelt – keine zu geben. Dafür dreht eine polternde Blaskapelle irgendwelche Rock – Classics durch den musikalischen Fleischwolf und die Mädels tragen diese engen Dirndl, die ihnen die Brüste hochdrücken und diese gleich auch noch ein bisschen größer aussehen lassen. „Ah, Schweizer. Sehr schön!“, brüllt mir ein junger Typ quer über den Tisch entgegen. „Wo wohnst du?“ will er wissen. – „In Berlin“, antworte ich – „Mein Beileid“ sagt der Typ und stößt mit mir an. Typisch, denke ich, Münchner können Berlin nicht riechen. Berliner München aber auch nicht. Dann die letzte Runde: noch einmal Ich will heim nach Fürstenfeld singen, ein Brathändel mit den bloßen Fingern zerlegen und dann ab ins P1, in die Münchner Nobeldisko, wo unter anderem Oliver Kahn seine Freundin aufgerissen hat. Steffi trägt ein äußerst geschmackvolles Dirndl, in dunkelrot und blau, sehr dezent, sehr ladylike. Sie hängt sich bei mir ein und als ich in dem dunklen Raum stehe, umgeben vom lederüberzogenen fin-de-siècle- Deko der French- House –Ära der späten Neunzigerjahre mit quadratischen Sitzelementen und aufgereihten Absolut-Flaschen, stelle ich fest, dass ich Steffi eigentlich ganz gerne mag. Ich drücke sie an mich, als sie geht und gebe mein letztes Geld für eine Gin Tonic aus. Lisa erzählt, dass sie bis heute Nachmittag in Österreich war, dann ist Schluss. Am nächsten Morgen warte ich auf meine Maschine nach Berlin und trinke Kaffee. Die Leute um mich herum sehen müde aus. Sie sind geboren um zu rennen und ich bin jetzt einer von ihnen. Es gibt nur eine Gewissheit, denke ich: am Ende bleibt alles unklar.

Southern Comfort

Tuesday, October 10th, 2006

Mein Linienflug nach Stuttgart hat Verspätung und ich sitze untätig in der Lagerhalle, die in Berlin Schönefeld als Abfertigungsgebäude dient. Mit der rechten Hand zerdrücke ich einen Kaffeebecher aus Karton, mit der linken blättere ich in einer zerfledderten Ausgabe der Bild-Zeitung, die irgendwer auf einem der Bistrotische des Coffee-Shops liegen gelassen hat. Ich werde zu spät in Stuttgart sein und meinen Termin verpassen, denke ich – aber egal, ich kann ja nichts dafür. Irgendwann lassen sie uns dann endlich einsteigen und die Maschine hebt ab, Richtung Süden. Unter mir schrumpfen Autobahnen, Bundestrassen und Eisenbahnlinien zu immer dünneren werdenen Adern, die sich einem Netz gleich durch das grau braune Land ziehen, ehe sie unter einem schmutzig weissen Film aus Wolken und Dunst verschwinden. Der Kaffee brennt in meinem Magen, ich bestelle etwas Mineralwasser bei einer kühlen, blondhaarigen Stewardess und muss dafür zwei Euro bezahlen – natürlich, Germanwings ist eine verfluchte Billigfluggesellschaft, da kann man froh sein, wenn man während dem Flug wenigstens kostenlos pinkeln darf. Anne-Marie hat mir erzählt, dass früher alle Firmenmitarbeiter Business Class flogen, weil sich dort die Tickets leichter umbuchen liessen. Diese fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Darum sitze ich nun in dieser gelb – rot bemalten Röhre und lasse mich, eingezwängt zwischen fettig glänzenden Rentnerpaaren und Möchtegern – Geschäftsleuten in schlecht sitzenden Stangenanzügen von einer Flughafenbaracke zur nächsten transportieren. Fliegen im Jahre zweitausendundsechs hat mit Eleganz und Exklusivität etwa eben soviel gemein, wie Mac Donalds mit dem Fünf-Sterne – Restaurant von Michel Gérard – nämlich gar nichts.

In Stuttgart hole ich meinen Mietwagen ab – einen Ford Focus mit der Beschleunigung eines kasachischen Eselskarren. Wie ich mit diesem Scheiss-Concept-Car (so heissen diese Kisten glaub’ ich im Fachjargon) auf der German Autobahn überleben soll, ist mit ein Rätsel. Aber soweit kommt es erst gar nicht, denn auf der Rhein-Neckar-Autobahn herrscht Stau: überall Baustellen, die mindestens eine Fahrspur blockieren und den Verkehr alle drei Kilometer fast vollends zum Erliegen bringen – an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Ich zwänge mich zwischen tschechischen Lastwagenkolonnen quer durchs Schwabenland, Hügel rauf, Hügel runter und dauernd klebt einem so ein Depp in einem Audi oder BMW an der Stossstange, drängelnd und wild blinkend. Als ob es nur an mir liegen würde, dass nichts vorwärts geht. Ab Karlsruhe wird es dann besser, ich fahre konstant 160, mehr lässt sich aus meinem Wagen nicht rausholen. Am späten Nachmittag bin ich in Südbaden, ich durchquere die Rheinebene und nähere mich den Ausläufern des Schwarzwaldes, die wie eine olivgrüne Socke am Horizont liegen. Die Dörfer hier sehen sauber aus, sauber und reich, fast wie in der Schweiz, die ja nur eine knappe Autostunde entfernt liegt. Lauter kleine Einfamilienhaussiedlungen, viel Bausparkassenarchitektur, kleinbürgerliche Bescheidenheit mit sauber gefegten Bürgersteigen und grün bemalten Radwegen. Diese radikale Durchschnittlichkeit setzt sich fort, als ich bei der Familie, die ich casten muss, im Wohnzimmer sitze: Häckeldeckchen, Nippes und eine Wanduhr, die penetrant tickt. „Kommen se, Käffche“ ruft die Mutter Birgit, wir sitzen an einem Tisch aus hell lackiertem Holz und die Familienmitglieder erzählen mit stoischer Freundlichkeit von sich selbst: keine Brüche, keine Extreme, Biographien so geradlinig wie die Kieferstämme im Hochschwarzwald. Obwohl die Kinder kein Gymnasium besuchen, gibt es kaum Grund zur Sorge: während in anderen Bundesländern ein Realschulabschluss wohl automatisch in ein Schicksal als Harz IV – Empfänger mündet, machen die Jungen hier ganz einfach eine Banklehre. So wie das vor dreissig Jahren üblich war, als das Land noch BRD hiess.

Am Abend treffe ich Niels in einer Bar in Freiburg. Er umarmt mich und bestellt gleich zwei Jägermeister. „Der alten Zeiten wegen“, ruft er. Wir stossen an und leeren das bittere Zeug in einem Zug runter. Freiburg ist eine schöne Stadt, die Badische Weinseligkeit vermischt sich mit Elsässer Charme, die Leute stossen mit Spätburgunder an und essen Flammekuche, Frankreich liegt ja auch gleich jenseits des Rheins. Dieses Stück Savoir-Vivre berührt mich und obwohl ich irgendwo mal gelesen habe, dass in Freiburg nur Esoteriker und Studenten wohnen, weckt der Ort meine Sympathie. Niels stimmt mir grundsätzlich zu, aber nach ein paar Flaschen Tannzäpfle kommt bei ihm plötzlich so etwas wie Berlin-Nostalgie auf. „Irgendwie ist das alles hier ja ganz nett“, sagt er und schaut rüber zum Fernseher, wo jetzt Leverkusen gegen den FC Sion spielt. „Aber Freiburg ist halt ein Dorf. Ein kleines, provinzielles Dorf. Hier hat man schnell einmal die Runde gemacht.“ Ich bestelle noch eine Runde Jägermeister und als Sion den Ausgleich schiesst, springe ich auf. „Ihr Schweizer!“ ruft ein fetter Typ hinter der Bar hervor, „ihr habt doch bloss den Schiri bestochen, mit eurem Geld“ – „Und wer hat den Krieg verloren?“ gebe ich zurück. „Leverkusen macht euch 4:1 fertig, dass sag’ ich dir!“ – „Blödsinn, ihr fliegt raus“. Dummerweise gewinnt Leverkusen, wenn auch nur mit 3:1.  „Nix für Ungut“, ruft der Fettsack versöhnlich und ich gebe ihm die Hand. Es gibt Abende, da muss man einfach in Frieden auseinander gehen. Und heute ist genau so ein Abend: Der Barmann, ein sympathischer Secondo mit aalig gegelter Igelfrisur, dessen Eltern aus Palermo stammen, gibt eine Runde aus und ein blond gelocktes Mädchen stellt sich quer über den Tresen als Halbfranzösin vor: „Meine Mama kommt aus Toulouse“, sagt sie, verdreht die Augen und zieht lasziv an einer Marlboro-Light. Später treten wir raus in die Dunkelheit, vor meinem verschwommenen Auge leuchtet Freiburg wie ein mit Kerzen und Girlanden behängter Weihnachtsbaum. Ich schlafe in Niels Wohnzimmer, auf dem Sofa und bin sofort weg. Der Südwesten Deutschlands, denke ich, ist vielleicht nicht sexy, dafür hat er etwas anderes zu bieten: der Süden ist gemütlich. Das mag zwar lächerlich tönen, aber es gibt durchaus richtige Momente für diese Gemütlichkeit. Denn sie umfasst dein Herz und hält es warm, selbst draussen, in der kalten, weiten Welt.

Nächste Ausfahrt: Bitterfeld

Monday, October 9th, 2006

Gestern war Julien genervt, was aber sicher nicht an der Gesamtsituation lag, sondern nur daran, wie die Party am Samstag Abend geendet hatte. „Ihr seid zwei richtige Deppen, du und Phil“, hat er zu mir gesagt, während ich ein paar Meter hinter meiner Schwester herging, die gemeinsam mir einer Freundin zu Besuch war. „Da haben wir für ein Mal die ganze Wohnung voller Paquets und dann müsst ihr zwei Flachwichser euch natürlich prügeln.“ Ich habe gar nicht erst versucht, mich zu rechtfertigen, warum auch – dieses Wochenende erscheint mir rückblickend wie ein Horrortrip, eine Aneinanderreihung von zutiefst verunsichernden Grenzerfahrungen. Ich weiß nicht mehr wie viele Leute in den rot erleuchteten Zimmern rumstanden und Wodka in sich reinleerten; Julien war der Meinung, dass es sich um mehr als Hundert handelte -  ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr fähig bis Zehn zu zählen. Ich weiß nur noch, dass irgendwann Bonaparte, der Schweizer Songschreiber und Produzent, der gemeinsam mit einem Freund von mir aus Bern an der Popkomm gespielt hatte, ein Set auflegte, welches die Mädels zum Tanzen brachte. Dann wir alles grau und brüchig und meine Erinnerung setzt am düsteren Sonntag Morgen wieder ein, der in einen von Magenkrämpfen und fürchterlichen Kopfschmerzen geschüttelten Nachmittag überging. „Na, ja“, kommentierte Julien den Abend, „die Leute haben aus allen Löchern gekotzt: aus dem Wohnzimmerfenster, über den Balkon und selbst in den Hausflur. Ich glaub´ ich habe noch nie so viele Besoffene auf einem Haufen gesehen. Und die Mädels, Mann! Eine von den Schwedinnen hat mich auf den Mund geküsst. Ich hätte die flachgelegt. Aber du und Phil, ihr musstet natürlich eure Show abziehen.“

Jetzt ist alles vorbei. Ich fahre auf der Autobahn Richtung Süden und mein Verstand ist nach zwei Tagen Alkohol- und Drogenabstinenz klar wie ein Bergkristall. Ich bin auf Castingtour – ich caste Familien für eine Fernsehshow auf RTL 2 – und drücke das Gaspedal meines Ford Mondeo bis zum Anschlag durch. Der Wagen rast über das silbergraue Band aus Betonplatten, welches von Berlin aus quer durch die Ostdeutsche Provinz nach Bayern führt. Die Autobahnen hier sind neu und breit und leer, sie sind die Reminiszenz der Kohl- und Schröderjahre, die einzigen sichtbaren Relikte einer Epoche, in der die deutsche Politik unter „Aufbau Ost“ offenbar ein wenig mehr verstand, als bloße Kesselflickerei. Das Symbol dieser Anstrengungen und deren Scheiterns liegt an einem Autobahnkreuz nördlich von Leipzig: mitten in der dunkelgrünen Ebene, zwischen leeren Lagerhallen, Billigmärkten und den Filialen amerikanischer Fast- Food – Ketten steht da der überdimensionierte Bau des Flughafens Leipzig-Halle. Wie eine gigantisches Insekt aus Stahl und Glas hebt sich das Terminalgebäude von der platten Umgebung ab, doch vor dem Pharaonischen Bau herrscht gähnende Leere. Zwischen zwei- drei bunt bemalten Billigfliegern und einer DC-10 Frachtmaschine liegt ein weites Feld von Beton und Teer. Die Bezeichnung „Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland“, die auf großflächigen Schildern beiderseits der Fahrbahn prangt, wirkt da wie purer Hohn: das einzige, was hier in interkontinentale Sphären abhebt, ist der Größenwahn – und vielleicht hin und wieder ein Charterflieger nach Punta Cana oder der obligate Bumsbomber in Richtung Pattaya.

Kurz nach Gera verlasse ich die Autobahn und finde mich in einer längst vergessen geglaubten Zeit wieder. Die Dörfer in Thüringen sehen offenbar alle gleich aus: abgewrackt, ältlich und müde. Hier herrscht noch richtige Kittelschürzenarchitektur, mit rissigen, grauen Fassaden, ausgebleichten Vorhängen und wurmstichigen Fensterrahmen. Frisch wirken nur die Lidl-Supermärkte und die zur „Bundesagentur für Arbeit“ hochstilisierten Filialen der Arbeitsämter. Verwundern tut das natürlich keinen: bei mehr als zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit verkörpern diese meist sechseckigen, hellrot leuchtenden Klinkersteinbauten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Günther, der Vater der Familie, die ich besuche, hat da eigentlich noch Glück gehabt, er arbeitet in einer Dosenfabrik. Trotzdem will er nicht so recht reden und sitzt schweigend in der düsteren Küche, während mir seine Frau die ganze Zeit dünnen Filterkaffee einschenkt. Die Kinder hocken derweil im Wohnzimmer und sehen fern. Früher war Günther Stellwerkbeamter bei der deutschen Reichsbahn, aber das ist lange her. Die Reichsbahn gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden, genau so wie der dazugehörige Staat, die DDR, wo Günther groß geworden ist. Günther ist jedoch kein Nostalgiker, er hat nichts übrig für die Ostverklärung, die nach der Wende einsetzte und die Ex-Staatspartei PDS als Wendeverliererverein in den Bundestag katapultierte. „Ich war ein Heimkind“, sagt er leise. „Damals hat man halt alle Leute, die nicht ins Schema passten, einfach abgeschoben.“ Er zuckt mit den Schultern und wirkt irgendwie defätistisch, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. „Immerhin habe ich wieder Arbeit“, sagt er ein paar Mal und fängt an zu lächeln. Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den Adiletten an den Füssen und der dunkelblauen Trainerjacke sieht er aus, wie die Verkörperung des typischen Proleten-Ossi.

Doch der Eindruck täuscht, denn die Kinder sind keine verzogenen Tyrannen, die Ehefrau kein übergewichtiger, hysterischer Kugelblitz und Günther selbst kein Dosenbiertrinkender Fernseh- Fußballgucker. „Zur Zeit haben wir Glück“, findet er, „aber das kann sich schnell ändern.“ Da hat er recht, denn die Konkurrenz ist bereit und liegt im fernen Osten. Wer braucht noch Industrie in Thüringen, wenn irgendwelche Chinesen schneller und günstiger arbeiten. Der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel ist ein unabwendbarer Fakt, keine Gewerkschaft und auch keine Regierung kann ihn aufhalten, weder Streiks noch Maßnahmenpakete, noch irgendwelche klug formulierte Reformen werden den Gang der Geschichte verändern. Und auch die NPD nicht, die den Leuten weismacht, sie könnte es und mit schlecht sitzenden Reiheanzügen und Buchhaltervisagen Landkreis um Landkreis erobert, indem sie die Menschen mit nationalen Lügen füttert, die bereits vor sechzig Jahren in Tränen und Blut geendet hatten. Sie ist nicht mehr als ein kurzer Spuk, ein oberflächlicher Kratzer im stählernen Mantel der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit.  „Die Sonne“, denke ich, während ich im sterbenden Tageslicht über die A9 nach Norden jage, „geht im fernen Osten auf. Im Westen geht sie unter“. Rechts der Fahrbahn erhebt sich jetzt ein dunkelblaues Strassenschild. Darauf steht: Nächste Ausfahrt: Bitterfeld.

Ein Tag im September

Tuesday, September 12th, 2006

Ich nehme die S7 Richtung Berlin-Stadtbahn. Es ist ein Tag im September, die Sonne steht dementsprechend tief und taucht die märkischen Laubwälder rundherum in mildes Licht. Im Fünf-uhr-dreißig- Zug sind wenig Leute, ich setze mich auf einen Klappsitz mit türkisfarbenem Polster und versuche, die Wochenendausgabe der taz zu lesen. „Bin Laden: der Sieger“, steht vorne drauf und sofort widert mich die peinliche Schadenfreude an, die da offenbar unterschwellig mitschwingt. Ich lege die Zeitung weg und hebe den Kopf und denke: what if? Nehmen wir mal an, mein Zug würde bei der Einfahrt in den neuen Hauptbahnhof in die Luft gesprengt – so wie dies vor ein paar Jahren mit den Regionalzügen in Madrid oder den Bussen und U-Bahnen in London geschehen war: Ein gewaltiger Knall, die Außenwände der Waggons zerbersten, und Teile von Türen und Fensterscheiben fliegen messerscharfen Klingen gleich durch die Luft. Eine unglaubliche Druckwelle reißt die wartenden Passagiere vom S-Bahnsteig, zermalmt ihre Knochen an Eisenträgern oder unter herunterfallenden Balkenstücken und bohrt glühend heiße Metallstücke in ihre Körper. In kürzester Zeit gleicht der Glas- und Stahlpalast des Hauptbahnhofes einem Schlachtfeld: dunkelrotes Blut auf hellem Stein, das Schreien und Wimmern der Verletzten, welches bis zur Kuppel dringt und von dort als Echo wieder niedergeht, auf die ausgebrannten Gerippe der drei S- und Regionalbahnzüge, die zeitgleich explodierten und deren Plastikinterieur mit dem zerronnenen Körperfett der pulverisierten Passagiere zu einer klebrigen, schwarzen Masse verschmolzen ist.

Was würde danach geschehen? Berlin im Ausnahmezustand, der öffentliche Nahverkehr kommt zum erliegen, Polizei und Bundeswehr sperren die drei städtischen Flughäfen ab, das Mobilfunknetz bricht wegen Überlastung zusammen, eine sichtlich bestürzte Kanzlerin hält eine Ansprache ans deutsche Volk, ihr französischer Kollege Jacques Chirac bekundet seine Solidarität und bekräftigt die deutsch-französische Freundschaft, Präsident Bush spricht von einem „verbrecherischen Akt der Barbarei, der sich gegen die Freiheit und die Demokratie richtet“ und redet dann „von einem gemeinsamen Vorgehen gegen diejenigen, die Hass und Leid sähen“ und Russlands Staatschef Wladmir Putin meldet sich umgehend aus Moskau und verdammt den Terrorismus im Allgemeinen und die Tschetschenen im Speziellen. Auf allen Fernsehsendern laufen Sondersendungen, Ofpertelephone werden eingerichtet und Politologen, Fraktionsvorsitzende und Vertreter der großen Religionsrichtungen hocken bei Sabine Christiansen und reden über „die Ankunft des Terrors in Deutschland und die damit verbundenen Konsequenzen.“ Will heißen: die komplette medial-gesellschaftliche Verarbeitungsmaschinerie setzt sich mit ihrer ganzen Wucht in Gange, zerlegt das Geschehene in Einzelteile, sucht nach Erklärungen ringt um Lösungen und beäugt die Ungeheuerlichkeit so lange, bis sich die Möglichkeit des Terrors in den Köpfen der Menschen als ganz normales Übel unserer Zeit eingenistet hat – irgendwo zwischen Hartz IV, Verkehrsunfallstatistik und Frühjahrsüberschwemmung.

Jetzt fährt der Zug in den Hauptbahnhof ein und nichts geschieht. Friede über der deutschen Hauptstadt, der Albtraum bleibt ein Albtraum, mehr nicht. „Man kann sich ja trotzdem amüsieren“, sagt Phil, als er mich später am Abend zu Hause abholt, um etwas essen zu gehen. „Abgesehen davon ist der Terror banal geworden. Zumindest seit dem 11. September. Wir machen ja sogar Witze darüber.“ Hat der Anschlag auf das World Trade Center unser Leben verändert? Hat er mehr bewirkt, als einen kurzen Schauer des Entsetzens und das betäubende aber auch berauschende Gefühl, ein Stück Geschichte zu erleben? Where were you when we were getting high? Ich saß in einem Reisebüro in Bern und buchte einen Flug nach Bilbao, als die Nachrichten aus den USA den Tag zur Nacht machten. Ausgerechnet Bilbao, Baskenland, dort wo die ETA seit dreißig Jahren mit Bomben und Attentaten für Angst und Schrecken sorgten. Am Abend fuhr ich nach Genf und traf dort Jules, in einer Bar in Carouge. Wir tranken Rotwein und sprachen mit zwei Mädchen am Nebentisch. Eine von ihnen, so stellte sich im Verlaufe des Gesprächs heraus, stammte aus Israel. „Du kennst dich also mit solchen Sachen aus“, fragte Jules, dem der Wein Mut gegeben hatte. –„Womit?“, wollte die Israelin wissen. – „Na ja, damit halt“, machte Jules, griff sich eine der leeren Weinflaschen, die vor uns auf dem runden Holztisch standen, hob sie hoch und tat, als ob es sich bei dem Ding um eine Rohrbombe handle: „Booom!“ Die Israelin sah im ersten Augenblick etwas verwirrt aus. Dann wich sie zurück, hielt die Hand vor den Mund und fing an zu lachen. Jules lachte ebenfalls und ich auch. Da lagen rund dreitausend tote Körper in Trümmern und wir saßen in einer Genfer Bar und lachten uns kaputt. „Finde ich gut“, sagt Phil, während er sein Fahrrad aufschließt „das Leben muss ja schließlich weitergehen. Wir wollen ja nicht kapitulieren.“ – „Stimmt“, antworte ich. Denn wir sind Zyniker. Und Zyniker sind die größten Moralisten. Solange wir Zyniker bleiben, haben die Bärtigen verloren – taz-Titel hin oder her.

Happiness is a Warm Gun

Friday, August 25th, 2006

„Meine Freundinnen in Bordeaux waren bis vor kurzem alle in festen Händen, weißt du, ich war da als Single richtig die Ausnahme. Also eine hat ’nen festen Freund seit fast fünf Jahren,  – fünf Jahre, überleg dir das mal – dann hat sie Schluss gemacht, wieso weiß ich auch nicht, aber vermutlich hatte sie einfach die Nase voll oder jemanden anderes kennen gelernt, na ja, wie auch immer; die zweite hat ihren Typen nach vier Jahren Beziehung geheiratet und steht jetzt, nach gerade mal knapp zehn Monaten Ehe vor der Scheidung, das ist bitter, nicht wahr“, Lydia macht eine kurze Pause, offenbar will sie, dass ich irgendetwas sage, ich nicke darum ein paar Mal, wiege den Kopf hin und her und wiederhole ganz einfach ihren letzten Satz: „Yeah, so was tönt wirklich bitter“ – „Eben“, fährt Lydia fort, sie spricht schnell und laut und die ansonsten weichen Zischlaute tönen bei ihr wie Papier, das gerade in Fetzen gerissen wird. Aber vielleicht liegt es an ihrer Herkunft: Bordeaux ist nicht Paris und das Französisch des Südens ein von rauschenden Konsonanten unterbrochener Singsang. „Aber dieses Mädchen, ich meine jetzt nicht die, die verheiratet war, sondern eine andere, die hat es am härtesten getroffen“, sagt sie jetzt und ich reiße einzelne Etikettenstücke von meiner Bierflasche. Es ist Mittwochabend, im Zu Mir oder zu Dir läuft nicht viel und Lydia sitzt neben mir und hört gar nicht mehr auf zu reden. Der Typ – ein Peruaner -  habe sie zwei Mal betrogen, sagt sie, zwei Mal -  „Wen? Dich ?“ frage ich etwas geistesabwesend, „Scheiße nein, natürlich nicht mich, eine meiner Freundinnen, sag ich doch!“ – „Und du?“ – „Was und ich?“ – „Na ja“, ich versuche das Gespräch irgendwie wieder auf eine persönliche Ebene zu hieven, „was ist eigentlich mit dir?“ sage ich einfach so, ohne wirklich zu wissen, welche Antwort ich jetzt erwarten sollte. „Phh „ macht Lydia, „ich hatte ja diese Geschichte, aber das ist jetzt vorbei. Alles vorbei.“

Ich frage nicht weiter und stehe auf um Drinks zu holen. Als ich zurückkomme, macht Lydia ihr finales Statement und sagt: „Ich glaube nicht, dass man richtig glücklich werden kann“. Solche Worte wiegen natürlich furchtbar schwer und bedürfen einer Erklärung, ich frage daher :“Wie meinst du das?. Sie verwirft die Hände, nimmt ein paar Mal Anlauf und sagt dann: „Weil sich die Leute nicht ein Leben lang gegenseitig lieben können. So was klappt einfach nicht.“ – „Aber bei deinen Eltern hat es doch geklappt. Die sind doch immer noch zusammen, oder?“ erwidere ich. Das sei etwas anderes, sagt Lydia, „die stammen aus einer anderen Generation“. Womöglich hat sie recht. Ich kann mich erinnern, dass sie vor ein paar Wochen einmal von ihrem Vater erzählt hat. Er sei im Krieg gewesen, wie alle Portugiesen, die in den Siebzigerjahren jung waren. Allerdings, so Lydia, habe er nie darüber geredet. „vermutlich hat er ein paar scheußliche Sachen gesehen“. Möglich wäre es, denn der Krieg, den Portugal damals in seiner südwestafrikanischen Kolonie Angola führte, war äußerst brutal gewesen: Guerilleros der marxistischen MPLA, die ganze Farmerfamilien mit Kreissägen hinrichten, Regierungssoldaten, die Dörfer samt Bewohner niederbrennen  – das Wirrwarr aus afrikanischer Unabhängigkeit, amtimperialistischem Befreiungskampf und klandestinem Kräftemessen der Supermächte hat Salazars Portugal damals mit voller Wucht getroffen. Beinahe 230’000 junge Männer kämpften schmutzige Dschungelkriege in Angola, Mozambique und Guinea-Bissau, ließen sich mit Macheten die Köpfe abhacken oder wurden für den Rest ihres Lebens zu psychischen Wracks, während ihre deutschen und französischen Altersgenossen zur gleichen Zeit ein paar Pflastersteine auf Polizisten warfen, um dann nachher dreißig Jahre lang von einer „Revolution“ zu faseln. „Mein Vater“, sagt Lydia, „hat in der Militäruniform geheiratet, unmittelbar bevor er nach Afrika eingeschifft wurde. Er hat es getan um meine Mutter abzusichern. Schließlich wusste er ja nicht, ob er jemals wiederkehren würde. Es ging nicht einfach nur ums Glücklichsein, sondern ums Überleben.“

Jetzt ist alles anders und ich glaube die gleiche Geschichte zu hören, die mein Großvaters dreißig Jahre früher erlebt hatte. Salazar oder Hitler, Angola oder Russland; die Unterschiede bestehen – abgesehen von dem historisch beispiellosen Verbrechen des Holocaust -  in Namen, Zahlen, Örtlichkeiten. Ansonsten bleibt der Kampf ums nackte Überleben, dessen gespenstische Ungeheuerlichkeit nur noch als Schatten einer fernen Vergangenheit über der von Wohlstandsdepressionen und Befindlichkeitsdebatten geprägten Gegenwart. Ich habe keine Ahnung, was Krieg ist. Ich sehe hin und wieder Bilder aus irgendwelchen nahöstlichen Ländern,  Jungs mit Kalaschnikows und Trainerjacken oder die krümeligen schwarzgrünen Wärmebilder einschlagender Fernlenkwaffen. So what? Das ist doch alles viel zu weit weg um das Glück von der metaphysischen Ebene runter zu holen und als das zu definieren, was es früher vermutlich einmal war: Ehe, Friede, Wohlstand, ein Auto und einen Kühlschrank. Lydia fragt mich ob ich noch etwas zu Trinken möchte. Ich nicke, sie steht auf und kommt kurz darauf mit einem White Russian zurück. „Ich glaube ja nicht, dass es früher besser war“, sagt sie und setzt sich wieder auf die blaugrün gestreifte Couch. „Aber rückblickend sieht es so einfach aus: du lernst einen Jungen in der Nachbarschaft kennen, heiratest ihn und gründest eine Familie, basta!“ – „Willst du eine Familie?“ frage ich sie. „Ich. Du meinst, ob gerne mal Kinder hätte?“ Ich nicke. „Sicher will ich Kinder. Alle Frauen wollen Kinder. Eigentlich suchen wir Frauen bloß zwei Dinge: Stabilität und Kinder. Beides passt nicht in unsere Zeit. Darum sind wir unglücklich.“ – „Ist das nicht ein bisschen gar einfach als Erklärung?“ – „Natürlich ist es einfach. Aber irgendwie stimmt es ja trotzdem.“ Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich darauf schon antworten?

Als ich um halb zwei nach Hause komme, sitz Julien auf dem Balkon und raucht einen Joint. „He Dan, hock dich hin und rauch’ noch schnell ne Zigarette“, ruft er. Ich frage ihn, wo er war, er sagt: „Bei einer Arbeitskollegen. Achtunddreißig – aber die Figur: der Hammer! Trotz zwei Kindern.“ – „Wie alt sind denn die Kinder?“ will ich wissen. „Einer ist vierzehn. Das Alter des Anderen hab ich vergessen“ – „Vierzehn?“ – „Jep. Wirkt aber älter.“ – „Und du hast mit ihr geschlafen. Mit der Mutter, meine ich.“ – „Ja“, Julien fängt jetzt an zu grinsen. „Und der Sohn hatte nix dagegen“, frage ich– „Nein hat er nicht. Ich hab ihn gefragt: Hör mal, was ist dir lieber: dass ich mit deiner Mutter ins Bett gehe oder irgend so ein fetter haariger fünfzigjähriger Sack? Da hat er dann ja gesagt.“ Julien bietet mir etwas Joint an, ich lehne dankend ab. Ich blicke auf die Schönhauserallee runter, sehe den wenigen Fahrrädern hinterher, deren Dynamos leise surren. Vielleicht sollte ich ja in die Fremdenlegion gehen, so wie Friedrich Glauser das gemacht hat. Aber die würden mich mit ziemlicher Sicherheit wieder nach hause schicken. Zu schmächtig. „Sag mal Julien“, frage ich dann. „Bist du glücklich?“ – „Was? Was laberst du da?“ höre ich ihn sagen – „Ob du glücklich bist?“  – „Glücklich? Natürlich bin ich glücklich. Ich habe mit einer gutaussehenden, sympathischen Frau geschlafen und in zwei Tagen ist Wochenende. Warum verdammt noch mal sollte ich da unglücklich sein?“