Und niemals vergessen!
Tuesday, July 25th, 2006Ein grauer Dunst hängt über Berlin und lässt alles rundherum schmutzig aussehen. Unter dieser Suppe bewegt sich kein Lüftchen und jede kleinste Bewegung wird zur schweisstreibenden Tortur. So stelle ich mir das Leben in einem tropischen Land vor: du sitzt mit reglos ausgestreckten Gliedmassen da und spürst, wie dir der Schweiss trotz aller Bewegungsverweigerung in schmalen Bächen über Gesicht und Arme läuft. Ich hasse dieses Wetter und würde jetzt am allerliebsten in einem Pool liegen, mit einem Pina Colada in der Hand und etwas Bossa-Nova-Jazz im Hintergrund. Aber das geht nicht, stattdessen stolpere mit Niels durch einen tannzapfenübersähten Wald bei Köpenik, hinter dicken, bierseeligen Männern in rotweissen T-Shirts her, auf denen manchmal sogar Dinge stehen wie “No Going Area” oder “Böhze Onkels”, meist aber bloss “Eisern, eisern Union.”
Niels hat uns beide für ein Testspiel des 1.FC Union akkreditiert, offiziell sind wir also als Journalisten da. “Nee” sagt der Ordner und lächelt unsicher, “wo man die Pressetickets abholen kann, wees ick wirklick nich.” Wir auch nicht, und darum hetzen wir dreimal nacheinander durch den Wald, der das Stadion von der in einem trostlosen Betonblock untergebrachten Geschäftsstelle trennt, bis uns irgendwer anweist, zum P4 rüber zu gehen. P4! Was um Himmels Willen ist P4, frage ich mich und stelle mir einen grau verputzen Betonbau vor, ein Stück DDR-Bürokratie halt, mit Linoleumboden und staubigen, leeren Kunstfaserschränken. Doch stattdessen entpuppt sich P4 als ein Parkplatz, ein ganz normaler, verdammter Parkplatz an dessen rostigem Einganstor ein Typ in leuchtgelber Weste rumsteht und allen ankommenden Fahrzeugen ein weisses Kuvert durch die Fensterscheibe schiebt. Die Szene erinnert mich an die Treffen der Drogendealer am Hirschegraben in Bern, die bei ihren geschäftlichen Kontaken oft ähnlich indiskret zur Sache gingen. “Müller?” fragt der Typ als wir uns nähern und er meint damit offensichtlich Niels, der ja Müller zum Nachnamen heisst. Er gibt ihm daraufhin ein von Hand beschriebenes Kuvert. Drinnen sind unsere Karten. Was für ein Witz denke ich und verstehe, weshalb dieser Klub nur in der Regionalliga spielt. Niels denkt offenbar das gleiche. “Beim nächsten Mal mache ich keine Akkreditierung, gehe statdessen einfach hin und sage Müller. Das klappt mit Sicherheit.”
Union spielt gegen Borussia Dortmund und verliert 2:6. Kein Wunder, schliesslich handelt es sich bei den Gästen aus dem Ruhrgebiet ja um einen Bundesligaklub. Den Unionlern scheint die Niederlagen dementsprechend egal zu sein, sie feiern ganz einfach sich selbst und vielleicht auch ein wenig ihre Geschichte, die sie gerne mit etwas Dissidententum verknüpfen. Damals, zu DDR-Zeiten, war der 1.FC Union das ungeliebte Kind des Ostens. Verstossen von den Offiziellen pendelte der Klub zwischen erster und zweiter Liga und musste seine besten Spieler stets an die Konkurrenz vom BFC Dynamo abgeben, wo Stasi-Chef Erich Mielke in den Achtzigerjahren einen realsozialistischen Ost-FC Bayern aufzubauen versuchte. Heute, mehr als fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer haben die Vorzeichen gekehrt: in der vergangenen Oberliga-Saison schickten die Eisernen Unionler den BFC Dynamo gleich mit einer 8:0 Packung nach Hause und stiegen in die Regionalliga auf, während die ehemals so übermächtige Konkurrenz in Hohenschönhausen vor ein paar Glatzen gegen den Fall in die Bedeutungslosigkeit anspielt.
Gleich neben mir steht ein Typ in einem Trikot der schweizerischen Nationalmannschaft. Er schreit immer wieder “Frei, Frei”,obwohl er ein Union-Tuch um den Kopf trägt und Alex Frei beim Gegner aus Dortmund spielt. Vielleicht hat das mit den Türkei-Spielen im vergangenen November zu tun, als die Kicker vom Bosporus über die kleinen Schweizer stolperten. Seither gibt’s in Deutschland T-Shirts zu kaufen, auf denen “4:2″ oder “Danke Schweiz” steht. Bei Anhängern von Union oder Dynamo erfreuen sich die ganz besonderer Beliebtheit, – was möglicherweise einiges über die politischen Tendenzen aussagt, die bei der Stammklientel der besagten Klubs vorherrschen. Nach dem Spiel esse ich eine Brezel und leere einen halben Liter Bier in einem Zug. Das Zeug klebt irgendwie am Gaumen und schmeckt ein wenig bitter. Es ist immer noch heiss, aber die Wolken haben sich verzogen und der Himmel über dem Stadion leuchtet blau. Eine zu braun gebrannte Blondine mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel, die aussieht wie die Mädels in dem Film “Manta, Manta” steht unter einem Sonnenschirm und verkauft Dauerkarten. Wir sitzen in der Mixed Zone im Gras und ich rauche eine Zigarette. Christian Wörns kommt vorbei und Niels schlägt im Spass vor, ihn irgendwas über Klinsmann zu fragen: “Der nützt doch sicher jede Glegenheit, um irgendwelchen Schwachsinn rauszulassen” – “Wir könnten ihm auch ohne Vorwarnung in die Beine grätschen”, erwidere ich, aber Wörns geht bereits zum Bus. Die Spieler von Borussia Dortmund verteilen Autogramme; geduldig wie Tiere stehen sie vorne am Zaun und schreiben ihre Namen auf Kartons, Poster, Postkarten und Trikots.
Als wir ebenfalls zum Ausgang laufen, trottet Alex Frei neben uns her. Er trägt eine äusserts metrosexuelle Umhängetasche aus schwarzem Nylon und sieht aus, wie einer von diesen luftigen Sommer-Techno-Typen an der Love-Parade. “Alex, Alex, bring ‘nen Edding mit!” ruft ein Typ mit Dortmund-Schal und Frei hält demonstrativ den Stift in die Höhe. – “Du bist mein absoluter Lieblinsspieler” tönt es daraufhin vom Gitter her, doch Alex Frei guckt bloss rüber, macht “Bof…”, winkt ab und zuckt mit dem Schultern. Offensichtlich ist ihm das alles egal, er tut seinen Job, mehr nicht, aber was soll man sonst von ihm verlangen – er ist ein moderner Söldner, ein gut bezahlter Angestellter einer Traumfabrik namens Borussia Dortmund. Und die ist weit weg von der Welt da draussen, der Welt der Altglassammler, der Hartz IV-Empfänger, der Bierfahnen, der geschlagenen Männer, deren Gesichter vor allem eines verkünden: mit uns ist kein Staat mehr zu machen. Was ihnen bleibt, sind die rissigen Betonstufen des Union-Stadions, wo die letzten Fans in ihren rotweissen T-Shirts stehen, die Hand zur Faust recken und immer wieder rufen: “Und niemals vergessen: Eisern Union!”

