Archive for the ‘krieg und frieden’ Category

Und niemals vergessen!

Tuesday, July 25th, 2006

Ein grauer Dunst hängt über Berlin und lässt alles rundherum schmutzig aussehen. Unter dieser Suppe bewegt sich kein Lüftchen und jede kleinste Bewegung wird zur schweisstreibenden Tortur. So stelle ich mir das Leben in einem tropischen Land vor: du sitzt mit reglos ausgestreckten Gliedmassen da und spürst, wie dir der Schweiss trotz aller Bewegungsverweigerung in schmalen Bächen über Gesicht und Arme läuft. Ich hasse dieses Wetter und würde jetzt am allerliebsten in einem Pool liegen, mit einem Pina Colada in der Hand und etwas Bossa-Nova-Jazz im Hintergrund. Aber das geht nicht, stattdessen stolpere mit Niels durch einen tannzapfenübersähten Wald bei Köpenik, hinter dicken, bierseeligen Männern in rotweissen T-Shirts her, auf denen manchmal sogar Dinge stehen wie “No Going Area” oder “Böhze Onkels”, meist aber bloss “Eisern, eisern Union.”

Niels hat uns beide für ein Testspiel des 1.FC Union akkreditiert, offiziell sind wir also als Journalisten da. “Nee” sagt der Ordner und lächelt unsicher, “wo man die Pressetickets abholen kann, wees ick wirklick nich.” Wir auch nicht, und darum hetzen wir dreimal nacheinander durch den Wald, der das Stadion von der in einem trostlosen Betonblock untergebrachten Geschäftsstelle trennt, bis uns irgendwer anweist, zum P4 rüber zu gehen. P4! Was um Himmels Willen ist P4, frage ich mich und stelle mir einen grau verputzen Betonbau vor, ein Stück DDR-Bürokratie halt, mit Linoleumboden und staubigen, leeren Kunstfaserschränken. Doch stattdessen entpuppt sich P4 als ein Parkplatz, ein ganz normaler, verdammter Parkplatz an dessen rostigem Einganstor ein Typ in leuchtgelber Weste rumsteht und allen ankommenden Fahrzeugen ein weisses Kuvert durch die Fensterscheibe schiebt. Die Szene erinnert mich an die Treffen der Drogendealer am Hirschegraben in Bern, die bei ihren geschäftlichen Kontaken oft ähnlich indiskret zur Sache gingen. “Müller?” fragt der Typ als wir uns nähern und er meint damit offensichtlich Niels, der ja Müller zum Nachnamen heisst. Er gibt ihm daraufhin ein von Hand beschriebenes Kuvert. Drinnen sind unsere Karten. Was für ein Witz denke ich und verstehe, weshalb dieser Klub nur in der Regionalliga spielt. Niels denkt offenbar das gleiche. “Beim nächsten Mal mache ich keine Akkreditierung, gehe statdessen einfach hin und sage Müller. Das klappt mit Sicherheit.”

Union spielt gegen Borussia Dortmund und verliert 2:6. Kein Wunder, schliesslich handelt es sich bei den Gästen aus dem Ruhrgebiet ja um einen Bundesligaklub. Den Unionlern scheint die Niederlagen dementsprechend egal zu sein, sie feiern ganz einfach sich selbst und vielleicht auch ein wenig ihre Geschichte, die sie gerne mit etwas Dissidententum verknüpfen. Damals, zu DDR-Zeiten, war der 1.FC Union das ungeliebte Kind des Ostens. Verstossen von den Offiziellen pendelte der Klub zwischen erster und zweiter Liga und musste seine besten Spieler stets an die Konkurrenz vom BFC Dynamo abgeben, wo Stasi-Chef Erich Mielke in den Achtzigerjahren einen realsozialistischen Ost-FC Bayern aufzubauen versuchte. Heute, mehr als fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer haben die Vorzeichen gekehrt: in der vergangenen Oberliga-Saison schickten die Eisernen Unionler den BFC Dynamo gleich mit einer 8:0 Packung nach Hause und stiegen in die Regionalliga auf, während die ehemals so übermächtige Konkurrenz in Hohenschönhausen vor ein paar Glatzen gegen den Fall in die Bedeutungslosigkeit anspielt.

Gleich neben mir steht ein Typ in einem Trikot der schweizerischen Nationalmannschaft. Er schreit immer wieder “Frei, Frei”,obwohl er ein Union-Tuch um den Kopf trägt und Alex Frei beim Gegner aus Dortmund spielt. Vielleicht hat das mit den Türkei-Spielen im vergangenen November zu tun, als die Kicker vom Bosporus über die kleinen Schweizer stolperten. Seither gibt’s in Deutschland T-Shirts zu kaufen, auf denen “4:2″ oder “Danke Schweiz” steht. Bei Anhängern von Union oder Dynamo erfreuen sich die ganz besonderer Beliebtheit, – was möglicherweise einiges über die politischen Tendenzen aussagt, die bei der Stammklientel der besagten Klubs vorherrschen. Nach dem Spiel esse ich eine Brezel und leere einen halben Liter Bier in einem Zug. Das Zeug klebt irgendwie am Gaumen und schmeckt ein wenig bitter. Es ist immer noch heiss, aber die Wolken haben sich verzogen und der Himmel über dem Stadion leuchtet blau. Eine zu braun gebrannte Blondine mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel, die aussieht wie die Mädels in dem Film “Manta, Manta” steht unter einem Sonnenschirm und verkauft Dauerkarten. Wir sitzen in der Mixed Zone im Gras und ich rauche eine Zigarette. Christian Wörns kommt vorbei und Niels schlägt im Spass vor, ihn irgendwas über Klinsmann zu fragen: “Der nützt doch sicher jede Glegenheit, um irgendwelchen Schwachsinn rauszulassen” – “Wir könnten ihm auch ohne Vorwarnung in die Beine grätschen”, erwidere ich, aber Wörns geht bereits zum Bus. Die Spieler von Borussia Dortmund verteilen Autogramme; geduldig wie Tiere stehen sie vorne am Zaun und schreiben ihre Namen auf Kartons, Poster, Postkarten und Trikots.

Als wir ebenfalls zum Ausgang laufen, trottet Alex Frei neben uns her. Er trägt eine äusserts metrosexuelle Umhängetasche aus schwarzem Nylon und sieht aus, wie einer von diesen luftigen Sommer-Techno-Typen an der Love-Parade. “Alex, Alex, bring ‘nen Edding mit!” ruft ein Typ mit Dortmund-Schal und Frei hält demonstrativ den Stift in die Höhe. – “Du bist mein absoluter Lieblinsspieler” tönt es daraufhin vom Gitter her, doch Alex Frei guckt bloss rüber, macht “Bof…”, winkt ab und zuckt mit dem Schultern. Offensichtlich ist ihm das alles egal, er tut seinen Job, mehr nicht, aber was soll man sonst von ihm verlangen – er ist ein moderner Söldner, ein gut bezahlter Angestellter einer Traumfabrik namens Borussia Dortmund. Und die ist weit weg von der Welt da draussen, der Welt der Altglassammler, der Hartz IV-Empfänger, der Bierfahnen, der geschlagenen Männer, deren Gesichter vor allem eines verkünden: mit uns ist kein Staat mehr zu machen. Was ihnen bleibt, sind die rissigen Betonstufen des Union-Stadions, wo die letzten Fans in ihren rotweissen T-Shirts stehen, die Hand zur Faust recken und immer wieder rufen: “Und niemals vergessen: Eisern Union!”

Krieg der Welten

Wednesday, July 19th, 2006

Ich schalte den Computer ein und stelle fest, dass sich der Krieg ausgeweitet hat. Auf Spiegel – Online schrieben sie, dass die Bodentruppen der israelische Armee in den Libanon eingerückt sind.  Frage: kann dies das Ende sein? Oder ist es das Ende? Warum eigentlich nicht, denke ich. Nehmen wir mal an, Israelis und Syrer geraten aneinander, woraufhin die IDF Damaskus bombardiert. Dann müsste der Verrückte im Iran bloss ein paar von seinen mit prosaischen Namen versehenen Mittelstreckenraketen auf Tel Aviv und Haifa abschiessen und wir hätten einen so genannten Full Scale War. Auf den folgt dann das übliche Terror-Tohuwabohu mit martialisch angekündigten Selbstmordattentaten in den westlichen Metropolen.

In Berlin gab es sogar schon die ersten kleinen Demonstrationen – es ist ja seit dem ersten Golfkrieg Usus geworden bei jedem militärischen Konflikt im Nahen Osten unüberlegt auf die Strasse zu rennen und “Bush, du Schwein”, “Sharon = Hitler” oder “Israel + USA = Terror State” auf Pappschilder zu malen. Ich selbst habe mich da immer zurückgehalten. Die Welt ist zu kompliziert, als dass man sie auf ein paar griffige Parolen reduzieren kann. Bei der taz, wo ich zur Zeit arbeite, gehen die Wogen ebenfalls hoch. Ein Redakteur im Inlandteil hat eine Israelfahne auf dem Tisch stehen. Ein anderer trägt ein Palästinensertuch. Die radikal konträren Ansichten der beiden sind symptomatisch für die Uneinigkeit der deutschen Linken bei der Bewertung des Nahost-Konfliktes: hin- und hergerissen zwischen der aus kollektivem Schuldbewusstsein entstandenen Israelsolidarität einerseits und der antiimperialistisch motivierten Palästinatümmelei andererseits will den Genossen einfach keine entgültige Analyse gelingen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Karl Marxsche Instant- Geschichtslehre mit ihrem  schablonenhaften  Full-Frontal-Materialismus einem derart vielschichtigen Konflikt wie demjenigen im Nahen Osten, niemals gerecht werden kann.

Sowieso scheinen sich die meisten Leute, wenn es denn um das magische Viereck Israel-Palästina-Irak-USA geht, ziemlich schnell von allen Formen des Descartschen Realismus zu entfernen. Stattdessen lassen sie dann den dumpfen Emotionen freien Lauf. Der ewige Krieg in Nahost ist ein Thema der Tränen und des Hasses, ein Sujet, welches auch bei eigentlich Unbeteiligten  zu wütenden Reaktionen führt. Beispiel: wer damals im Genf des Jahres 2003 nicht gegen den Irakkrieg war, wurde von den selbsterklärten Basisdemokraten der Attac gleich mal als Faschist bezeichnet. Ich fand das lustig, hab mich aber bloss gefragt, weshalb die Leute bei dem Thema gleich an die Decke gehen. Erklärungen gibt es ja genug: latenter Antisemitismus, Araberhass, unausgegorener Antiimperialismus oder ganz einfach die romantische Suche nach einem Ideal, die sich dann in der Verklärung des Judenstaates oder der ernst gemeinten Betitelung von PLO oder Hizbolla als Befreiungsbewegungen ausdrückt.  Die ganze Oberflächlichkeit der Menschheit scheint sich am Nahostkonflikt aufzureiben und manchmal frag ich mich, ob sich die Bibel nicht doch recht hat. Dort steht nämlich irgendwo “Israel, du sollst den Völkern dieser Welt ein Prüfstein sein” oder so etwas ähnliches.

Aber worum geht es eigentlich? Um böse und gut? Was bleibt ohne all den ideologischen Ballast? 1997 flog ich zum letzten Mal nach Israel. An was ich mich erinnere? An rote Egged-Busse, viel Staub und leere Petflaschen, atemberaubend schöne Soldatinnen in Kampfanzügen und Spitzen-BH’s, die Bettler in der Jerusalemer Altstadt, ein paar marlbororauchende Palästinensische Jugendliche in Nazareth, (deren Adressen ich längst verloren hab), Souvenir-Shops mit Arafat-Konterfeis, den Fussballmatch Maccabi Haifa gegen Paris Saint-Germain, die klinisch sauberen Mauern von Akko, den Schnee auf dem Golan und Bombenalarm im Tel Aviver Busbahnhof. Ich war 17 und in einem Land, das ich nicht kannte und das mich partiell überforderte. Jetzt hocke ich bei der taz, es Berlin 2006 und der Krieg findet auf dem Bildschirm statt. Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig abkühlen.

Twenty Four Hour Party People

Tuesday, July 18th, 2006

Ich sitze bei Phil auf dem Sofa und lese in einer alten Ausgabe des Fussballmagazins 11 freunde einen Artikel über das französische Wunderteam von 1984. Damals hatte ein Genie namens Michel Platini die Blauen zum Europameistertitel geführt. Phil spielt Command and Conquer am Computer. “Sag mal Phil”, frage ich, “Was würdest du sagen: wer von beiden war grösser, Platini oder Zidane?” Phil überlegt kurz, dann wippt er mit dem Kopf und redet sich irgendwie raus, in dem er auf Pierre verweist. “Also wenn du Pierre fragst, dann sagt der ganz sicher Platini. Ganz sicher. Und das hat nix mit Zidanes Abgang zu tun, weisst du.” – “Warum sagst du das?” will ich wissen.  – “Was?” – “Warum redest du von Zidanes Abgang?” – “Weil Pierre geweint hat, nachdem Zidane vom Platz gegangen war”. Phil räuspert sich und kratzt sich am Kopf. “Pierre fand die Sache mit Zidane viel schlimmer als die Niederlage. Niederlagen vergesse man, hat er dann gesagt, das nächste Spiel gegen Italien käme ja schon bald. Zidanes Kopfstoss hingegen bleibe für die Ewigkeit.” – “Aha”, mache ich und verstehe – schliesslich bin ich Fussballfan und zum Fussballfansein gehört die überhöhung der Tragödie und der leidensfähigkeit. Fussballfans sind eigentlich die Schiiten des Sports, denke ich: Sie warten und warten auf die Rückkehr des letzten Kalifen und kasteien sich bis dahin mit den Seelenschmerzen des andauernden Misserfolgs.

Doch die WM ist seit einer Woche vorbei und der Schmerz klingt langsam ab. Dafür breitet sich die sommerliche Leere aus. Wir übertünchen sie mit Musik und billigem Alkohol. “Fuck Forever”, immer wieder, bei offenem Fenster und Jägermeister aus der Flasche. Tagsüber schauen wir uns dann Russ Meyers Faster Pussycat, Kill, Kill an. “In Russ Meyers Welt sind die Frauen aktiv, die Männer hingegen bloss passiv. Auch in sexueller Hinsicht”, sagt Jules, ein Freund aus Wien, der übers Wochenende bei uns in Berlin ist. “Find ich gut” erwidert Julien, der draussen auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Ich kenne Jules aus gemeinsamen Genfer Zeiten, ich habe ihn dort mal mit einer Kaution aus dem Gefängnis geholt, nachdem er die dämliche Idee gehabt hatte, im Rotlichtbezirk des Paquis wahllos Nummernschilder von tiefergelegten Sportwagen abzureissen. Die Sportwagen gehörten den lokalen Bordellbesitzern, die natürlich alles andere als zimperlich waren und Jules vor die Wahl stellten: “Entweder wir rufen die Bullen – oder aber wir machen das auf unsere Weise”. Jules entschied sich für die Bullen. Gott sei Dank.

Jetzt hockt er da in Phils Wohnzimmer und surft auf irgendwelchen Internetseiten. Später gehen wir dann alle zu mir, trinken und feiern bis in die Morgenstunden. Und so geht es weiter, immer wieder, jeden Tag, jeden verdammten Abend. Es ist ein Flirt mit der andauernden Besinnungslosigkeit, der nur hin und wieder von wachen Momenten unterbrochen wird. In solchen Augenblicken schmerzt dann mein Magen und ich kriege den Eindruck, mein Kopf sei aus Stein. Ich verdamme mich und beschliesse einmal mehr, mein Leben zu ändern. Aber daraus wird natürlich nichts. Am Sonntag ist dann endlich alles vorrüber. Nachdem wir bis in die frühen Morgenstunden mit dem Onkel meiner Nachbarin, der in Paris Filme produziert im August Fengler gesessen sind und warmen Wodka getrunken haben, falle ich in einen komatösen Schlaf. Irgendwann weckt mich Jules, der in mein Zimmer kommt, den Fernseher anwirft und sich eine Zigarette anzündet. “Komm schon, steh auf”, ruft er lachend. “Im nahen Osten herrscht Krieg.” Fehlen nur noch die Happy Mondays mit Twenty Four Hour Party People denke ich und drehe mich weg.

Ein Hauch von 1998

Friday, July 7th, 2006

Frankreich wird gegen Italien um den Weltmeistertitel spielen und ein Hauch von 1998 liegt in der feuchten Berliner Hitze. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, die nach dem Endspiel in Paris begonnen hatte und irgendwann zwischen 2000 und 2001 zu Ende ging. Damals stemmten Laurent Blanc und Didier Deschamps die Trophäe in die Höhe, Jospin und die Sozialisten regierten und in der Hitparade stand dieser komische Song von Liquido, zu dem alle wild hüpften. Ich war 18, 19 und 20 – je nach Jahr – und ging in Bern zur Schule. Bern war genügsam und rückblickend betrachtet irgendwie herrlich provinziell. Damals sah ich das natürlich anders und wollte bloss weg. Ich fuhr zweimal nach Paris und fand das – gaub’ ich sehr schön – schwitzte mich mit Kumpels auf Interrail-Tour von Barcelona nach Bergen und formulierte genau denjenigen naiven Absolutheitsanspruch, den jede Jugend vorrübergehend als Banner vor sich herträgt: ich will Idealist sein, der eigenen Existenz einen Sinn verleihen und die totale, radikale Liebe finden.

Jahre später quäle ich mich durch einen neuen Jahrhundert – Sommer (denn inzwischen wird ja jedes Jahr beinahe ein Hitzerekord aufgestellt) und warte auf die Zukunft, die vielleicht gar nicht mehr passiert. Vielleicht ist das Spektakuläre nur furchtbar unspektakulär geworden. Oder aber die Zeiten haben sich geändert. Erst kam die Börsenbaisse, dann die Anschläge in New York, das peinliche Vorrundenaus in Korea, schliesslich die paar Kriege und die damit verbundene Flucht in die luftige Lounge des Relativismus. Bloss keine Ernsthaftigkeit. Aber das macht nichts, denn hin und wieder füllen sie dir trotz allem deinen Drink auf. Ich sitze dann vor dem Visite ma Tente an der Schwedter – Strasse und rauche den krümeligen Rest eines Joints, den Julien liegen liess um jubelnd aufzuspringen. Jetzt hüpft er da vorne rum und singt mit den anderen Franzosen: “On est en finale, on est en final, on est on est on est en finale.” Ich sehe mich um: die Reste eines Charguterie – Tellers stehen umher, leere Kronenbourg – Flaschen werden getreten, Bänke fallen und rigendwer ruft. “Zidane ohohohoo!”

Die Franzosen liegen sich in den Armen. Selbst in der Vostädten von Paris, diesen trostlosen Betonwüsten, tanzen die Jugendlichen mit der Tricolore in den Händen. Dort wo vor Monaten Autos und Geschäfte brannten, gibt nun der Mythos vom Black – Blanc – Beur wieder ein Lebenszeichen von sich. Das Land labt sich am unumstösslichen Ideal einer laizistischen Republik, welche die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Rassen und Religionen unter dem Banner der französischen Nation und den Klängen der Marseillaise als gleichwertige Citoyens vereinigt. Schön wärs. Doch die Realität sieht anders aus: düsterer, ältlicher und furchtbar müde. Das Land hat harte Zeiten hinter sich. Soziale Unruhen, Streiks und politische Skandale schütteln das Hexagon wie Fieberkrämpfe. Gut, dass man dies wenigstens während der Weltmeisterschaft vergessen kann, aber die Zukunft hält unangenehme Dinge bereit: den Präsidentschaftwahlkampf beispielsweise, der die Nachfolge des senilen Jacques Chirac klären soll. Der macht die Misere deutlich: während sich die potentiellen Nachfolger gegenseitig zerfleischen, wenden sich die Bürger der Republik voller Degout ab.

Wer die französischen Spieler nach dem Sieg gegen Portugal beobachtet hat, der kann vielleicht ahnen, wie es um den Gemütszustand der Grande Nation steht: So richtig ausgelassen gefreut hat sich nämlich keiner. Gesichter voller Stolz. Aber auch voller Müdigkeit. Es sind die alten Helden ohne Zukunft, die es noch einmal wissen wollen. Die Männer von 1998 auf einer glorreichen Abschiedstournee. “Bonjour Nostalgie” sollte er heissen, dieser kurze Sommernachtstraum für ein schwer atmendes Land.

Nächstes Jahr in Stockholm

Thursday, June 22nd, 2006
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Deutschland erlebt in diesen Wochen die grösste Party aller Zeiten. Was aber wäre die ohne Schweden? 50’000 von ihnen kamen nach Berlin, um ihre Mannschaft gegen Paraguay spielen zu sehen. Es war ein übler Kick aber Ljungbergs Tor kurz vor Schluss rettete den Tag und sorgte für ein wunderbares Chaos auf dem Wittenbergplatz. Zehntausende tanzten im biederen Westen und wir waren mittendrin. “Heja” rufen, mit blonden Mädchen reden und Starköl trinken. Vergesst die Brasilianer und ihren Samba – Firlefanz – der wahre Spass kommt aus dem hohen Norden. Inzwischen sind die gelb-blauen Wikinger wieder weg. Aber sie kommen zurück. Am Samstag trifft das Tre Kronar – Team nämlich auf den Gastgeber Deutschland. In München. Eigentlich sollte man hinfahren. Geht aber nicht, weil ich am Tag zuvor in Hannover sein werde. Darum: nächstes Jahr in Stockholm!

Der Tod der Favoriten?

Thursday, June 15th, 2006

In der 93. Minute ist es so weit. Der zweiundzwanzigjährige David Odonkor flankt in den Strafraum, Neuville reagiert am schnellsten und schiebt den Ball ins Tor. Eins zu Null für Deutschland. Rundherum springen die Leute auf und recken die Arme in die Sommernacht. Der Pfälzer auf der Bank hinter mir hatte Neuville vorhin noch als Arschloch beschimpft. “Bloss der nicht!” rief er, als Klinsmann den kleinen Angreifer in der siebzigsten Minute einwechselte. Jetzt aber, nach dem Sieg über Polen und der vorzeitigen Achtelfinalqualifikation scheint alles vergessen: “Da vergeb ich ihm sogar sein Handstor gegen Kaiserslautern!” – “Welches Handstor?” – “Das vor zwei Jahren, im Abstiegskampf Lautern gegen Gladbach. Normalerweise verzeiht man sowas nie!”

Natürlich nicht. Hier ist ja Deutschland und Fussball eine Religion. Seit am vergangenen Freitag die Weltmeisterschaft angefangen hat, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Die Menschen quälen sich tagsüber durch die Hitze um sich dann Nachts ekstatisch in die Arme zu fallen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Szenen die sich auf den Strassen Berlins nach dem Sieg gegen Polen abspielen, erinnern an eine Mischung aus Karneval und Volksaufstand. Tausende Menschen ziehen fahnenschwenkend durch die Stadt, singen und tanzen. Die Demonstrationen gegen Hartz IV und Irakkrieg wirken im Vergleich dazu wie uninspirierte Sit-ins obskurer K-Gruppen. Das hier hingegen ist die geballte Macht des Volkes. Zum letzte Mal kam sie in dieser Form wohl im November 1989 zum Tragen. Damals fegte sie ein Regime weg. Diesmal soll sie Deutschland zur Fussballweltmeisterschaft tragen.

Ob das reicht? Schwer zu sagen. Beim Auftaktspiel gegen Costa Rica verzückte Klinsmanns Mannschaft den neutralen Beobachter sowohl mit fulminanten Weitschüssen als auch mit haarsträubenden Abwehrfehlern. Das Resultat war das torreichste Eröffnungsspiel aller Zeiten. Gegen Polen machten die Verteidiger dann ein ordentliches Spiel. Dafür hatten die Stürmer Ladehemmungen, während Ballack und Co. mit ihren polnischen Kollegen im Mittelfeld eine Art Fuss-Volleyball praktizierten. Erst in der letzten Viertelstunde wurde alles besser. Aber noch lange nicht richtig gut.

Die Konkurrenz hat sich in dieser ersten Woche allerdings auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert: England stolperte dank freundlicher Mithilfe eines südamerikanischen Verteidigers zu einem 1:0 über Paraguay, Schweden blamierte sich beim torlosen Remis gegen den Fussballzwerg Trinidad & Tobago, Holland und Italien taten ihre Pflicht und gewannen gegen Jugoslawien beziehungsweise Ghana ohne Glanz. Portugal bot gegen seine ehemalige Kolonie Angola ein Stück Fussballporno und zelebrierte den institutionalisierten Querpass so lange, bis das Publikum nahezu geschlossen hinter dem unbedarften Aussenseiter aus Afrika stand. Frankreichs Zeitlupenfussball gegen die Schweiz verlieh der Abschiedstournee von Zinedine Zidane die unfreiwillige Tragik eines zu Tode gespielten Theaterstücks. Titel: “Der Hebst des Patriarchen” oder “Boujour Tristesse” – je nach dem ob er sich auf Zizou selbst oder den Rest der Altherrentruppe bezieht.

Den jämmerlichsten Einstand bot aber der Titelverteidiger und Kronfavrit Brasilien. Die Selecao, die sich alle vier Jahre bei Modefans und Volkshochschul – Salsakurs – Teilnehmern höchster Beliebtheit erfreut, spielte beim Debüt gegen Kroatien wie ein Haufen aufgeblasener, überbezahlter Millionäre. Da lief überhaupt nichts zusammen: lange Pässe in den leeren Raum, ein statisches Mittelfeld und einen Eisenfuss namens Emerson in der Abwehr, neben dem sorgar Christian Wörns wie ein Filigrantechniker gewirkt hätte. Doch das war noch nicht mal das Schlimmste. Was wirklich zu denken gab, war der Zustand des Brasilianischen Sturms. Für den gab es nur ein passendes Wort: Totalausfall. Adriano knüpfte nahtlos an seine verkorkste Saison bei Inter Mailand an und grätschte Nico Kovac vom Platz.  Ronaldo war überhaupt nicht zu sehen. Apathisch und lustlos schleppte der Real-Stürmer seine überflüssigen Kilos über den Platz. Bei Freistössen oder Eckbällen schlich er sich einfach davon. Es war eine totale Demontage. Selbst Ronaldinho, der zwar blass aber anständig spielte, liess sich von der Arbeitsverweigerung seines Kollegen anstecken und verschwand zeitweise in der Leere des Nichts. Dass sie das Spiel aber trotzdem gewannen, hatten die Brasilianer gerade mal zwei Dingen zu verdanken: den ausgezeichneten Leistungen von Kaka und Robinho – als einzige in Normalform – sowei der mangelnden Präzision der kroatischen Stürmer. Die hatten nämlich einfach zu viel Respekt vor den Samba-Trümmern.

Ob Deutschland unter solchen Vorzeichen vielleicht doch Weltmeister werden kann? Ich weiss es nicht. Eine Chance haben Klinsmanns Jungs allemal. Wenn sie nur nicht auf Spanien, Tschechien, Argentinien oder die Elfenbeinküste treffen. Die sind nämlich in bester Spiellaune und haben bisher positiv überrascht. Als ich spätabends mit ein paar Kumpels aus Schweden vom Oranienburger Tor nach Hause fahre, treffe ich einen Typen mit einer Schweizerfahne. Er sitzt im Tram gleich hinter uns. “Hopp Schwiiz” rufe ich, er grinst und winkt zurück. “Wir werden Weltmeister”, ruft er dann. Ich überlege kurz und nicke dann einfach. Wieso eigentlich nicht? Träumen wird man ja wohl noch dürfen.

From Teheran With Love

Wednesday, May 10th, 2006

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…but what is really amazing about all this is the the fact that the irani guy apparently aint no analphabet.

Punkrock Forever

Tuesday, May 2nd, 2006

Die olivgrünen Kastenwagen der Berliner Polizei stehen mitten auf der Strasse, die blinkenden Lichter auf dem weissen Blech der Dächer tauchen die angesengten Altbauten an der Eberswalderstrasse in ein flackerndes, kühles Blau. Ein paar Punks schreien „Yo, ihr Bullen!“ in die milde Frühlingsnacht. Dazu schwenken sie dann ihre halbvollen Bierflaschen und heben beide Arme. Sie sehen dann aus wie die ekstatischen Zeugen einer Marienerscheinung, denen es vor lauter Überwältigung die Sprache verschlagen hat. Dabei sind sie bloss betrunken und ein wenig unterbelichtet. Aber das macht eigentlich gar nichts, denn die Punks gehören ebenso zu Berlin wie der Alex, der Kudamm, der Reichstag, der Führerbunker, der Checkpoint – Charlie, der Flughafen Tempelhof, Klaus Wohwereit, der Bär und all die blöden Ampelmännchen. Punks sind mehr wert als man denkt, sie machen die einzige glaubwürdige Werbung für die deutsche Hauptstadt und vereinigen all diejenigen Eigenschaften, die Berlin für Nicht – Berliner so wahnsinnig attraktiv machen: sie sind freiwillig erwerbslos, trinken tagsüber, haben zu viele Hunde, tragen asymetrische Frisuren sowie ranzige Lederjacken mit Korkenziehern dran, hören eine Art Blasmusik namens Ska und haben politische Ansichten, die man im besten Falle noch als psychotisch abtun kann. Und trotzdem sterben sie nicht aus.

Morgen ist der erste Mai. Ein ganz besonderer Tag für alle Punks, – was eigentlich ziemlich erstaunt, denn schliesslich ist der erste Mai ja der Tag der Arbeit, und Arbeit und Punk, das geht ja nun mal ganz und gar nicht zusammen. Aber das muss ja nicht unbedingt einen Sinn ergeben, bloss Spass machen. Schliesslich handelt es sich beim Tag der Arbeit (der sich übrigens von allen anderen, nicht so bezeichneten Tagen des Jahres dadurch unterscheidet, dass an ihm eben gerade nicht gearbeitete wird!?) ja um eine angeblich linke Sache und linke Sachen sind ja mal grundsätzlich in Ordnung. Deswegen wählt auch ganz Berlin stets links – ausser den Charlottenburgern natürlich, aber die gelten seit dem Untergang des alten Westens sowieso als vernachlässigbare Wendeverlierer. Punks haben mit Charlottenburg natürlich nichts am Hut, denn Charlottenburg ist sauber und bürgerlich. Es gibt dort womöglich grün lackierte Robidog – Kästen mit kleinen braunen Plastiktüten drin, deren Zweck darin liegt, die Hundekacke vom Gehsteig zu pflücken und fachgerecht in einem Kübel zu entsorgen. Einem Punk käme so etwas nie in den Sinn. Hundekacke erst in die Plastiktüte und dann ab in den Kübel? So was kann ruhig als faschistisch durchgehen. Oder zumindest als repressiv.

Die meisten Punks wohnen in Kreuzberg. Sie gehen dort in Kneipen, wo das Bier nicht mehr als einen Euro kostet und explizit dilettantisch tönende Rockmusik stets sehr laut abgespielt wird. Am ersten Mai treffen sich dann alle Punks ebenfalls in Kreuzberg um gemeinsam gegen das „System“ vorzugehen. Das „System“ kommt in vergitterten VW – Bussen angefahren, trägt jägergrüne Uniformen und nennt sich Polizei. Die bevorzugte Waffe gegen das System ist die leere Bierflasche. Mit etwas Verve geschleudert entfaltet sie eine verheerende Wirkung und kann bei korrektem Masseneinsatz zur Vermüllung des Systems führen. Einzelne Systemkritiker verleihen ihren Argumenten mit brennenden PKW´s mehr Gewicht. Ob die Besitzer der zweckentfremdeten Fahrzeuge allerdings zum System gehören, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen und spielt deswegen auch keine Rolle. Hauptsache es knallt. Unglücklicherweise scheint der Kampf gegen das System aber in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität zu verlieren. 2004 gab es nur fünfzig verletzte Polizisten. 2005 noch weniger. So etwas kommt in etwa der Torflaute an der WM 1962 in Chile gleich. Damals hatte die Fifa nach einem durch Gehässigkeiten, Zuschauerschwund und grauenhaftem Defensivfussball geprägten Turnier ernsthaft darüber debattiert, die Fussballweltmeisterschaft komplett einzustellen. Genau so müssten die Punks jetzt darüber debattieren, am ersten Mai nicht mehr auf die Strasse zu gehen. Denn die Strassenschlacht in der Oranienstrasse ist selbst ein Wendeverlierer geworden. Genauso wie die Charlottenburger mit ihren reaktionär – faschistoiden Robidog – Kästen.

Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse liefern sich vereinzelte Punks jetzt Gefechte mit der Polizei. Wir stehen daneben und trinken Berliner Pilsner. Ich weiss nicht was die Punks in einem Kulturyuppie – Quartier wie dem Prenzlauerberg eigentlich wollen. Echte Strassenschlachten sind hier nicht zu haben; jede Agitation ist doch von vorneherein zum Scheitern verurteilt, sie fällt in sich zusammen wie der Schaum auf den Milchkaffeegläsern in den Szenebars in der Kastanienallee. Die Revolution hat keine Kinder hier oben, an der alles beherrschenden Lässigkeit prallt die Wut einfach ab. Ein vermummter Typ wirft eine Flasche gegen einen Metallpfeiler, Julien schüttelt bloss den Kopf, geht rüber zu einer Gruppe junger Leute und fragt was das alles soll. „Fuck the Police!“ sagen die Leute und heben die Fäuste. „Ihr Deppen“ macht Julien, „ihr verbrennt ja nicht mal Autos. Geht nach Hause.“ Sie schütteln lachen die Köpfe und sehen dabei aus, als hätten sie kein Wort verstanden. Trotzdem machen sie weiter.

Zwei Tage später wird mir ein Arbeitskollege erzählen, dass in Kreuzberg noch weniger lief als hier. Punk ist also tot. Geboren in den Siebzigern, gefeiert in den Achtzigern, angeschossen in den Neunzigern und zu Grabe getragen in den Nullerjahren. Kreuzberg pennt statt Kreuzberg brennt. Wer schuld ist? Schwer zusagen: vielleicht die elektronische Musik, der Krieg gegen den Terror, die Wirtschaftskrise oder aber einfach nur Vivien Westwood und Pete Doherty. Wir wenden uns ab, Julien sagt „Ridicule“. Im Pong spielen sie Tischtennis wie immer, aus den Boxen dröhnt die Retro – Post – Punker der Babyshambles mit Fuck Forever und der Ricard kostet nur zwei Euro: es gibt keine Gründe für eine Revolution. Zwei Tage später lese ich in der Morgenpost, dass Karel Gott mit sechsundsechzig Jahren noch ein Kind gezeugt hat und der Dänische Prinz gerne Hundefleisch isst. Punkrock forever.

Vier gute Gründe gegen Kinder

Saturday, April 15th, 2006

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Endlich mal ein konstruktiver Beitrag zur Überalterungsdebatte.

Keiner liebt uns

Thursday, April 13th, 2006

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Der Himmel ist grau über dem leeren Rund, das Mommsenstadion heisst. Auf den paar Betonstufen, die sich um Tartanbahn und Spielfeld ziehen, verlieren sich kleine Gruppen Zuschauer. Manche haben Lila Schals an. Ich trinke wie die meisten von ihnen Bier aus einem Plastikbecher und rauche eine Zigarette. Nils kommt vom Klo zurück, er schlägt vor, irgendetwas zu essen, ich halte das für eine gute Idee und bestelle bei der offensichtlich unter Bluthochdruck leidenden Dame am Imbissstand Buletten mit Senf. Sie wünscht mir „guudden Appeddidd“ und lächelt. Ich lache etwas gequält zurück und gehe an ein paar alten Männern in Mänteln vorbei zu Nils, der mit leeren Händen dasteht. „Isst du nix?“, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Ich bin Vegetarier.“

Der beinahe schon charmant ambitionslos wirkende Sportplatz ist die Heimstätte des Fussballvereins Tennis Borussia Berlin, kurz TeBe. TeBe, das heisst Westen, tiefer Westen, Charlottenburg und Reinickendorf, Einfamilienhäuser, Bürgerliche Appartements, Massegelände und Umfahrungsstrassen, diejenige Gegend halt, die mit der Wende von der Insel zum Aussenbezirk der ganz normalen Hauptstadt geworden ist. Das Berlin – Berlin Lebensgefühl der zum Quartier – Latin hochrenovierten Bezirke Prenzlauerberg und Mitte scheint hier meilenweit entfernt zu sein.

Tennis Borussia spielt heute gegen irgendeine türkische Mannschaft, deren Namen ich nicht richtig lesen kann. Türkylspor oder so ähnlich heisst die. Kaum ist der Anstoss ausgeführt, fangen die TeBe – Anhänger an zu singen. „Lila – Weisse, Lila – Weisse“ schreien sie in die kühle Nachtluft. Der Lärm, den sie veranstalten ist beachtlich, ihr Stehvermögen ebenfalls, sie singen über die ganzen Neunzig Minuten und lassen sich dabei weder durch die zunehmend schlechter werdende Witterung noch durch das grausige Oberliga – Gebolze auf dem Feld entmutigen. Doch, doch, sage ich zu mir, solche Leute kann man respektieren.

Dabei sind TeBe – Fans nicht gerade zahlreich erschienen, um ihre Mannschaft, die in der Oberliga derzeit allerhöchstes gutes Mittelmass darstellt, zum Sieg zu schreien. Höchstens ein Duzend hart gesottener Leutchen verliert sich auf den Betonstufen der Gegengerade. „So was ist ganz normal hier“, erklärt mir Alex, ein Geschichtsstudent aus Friedrichshain. „Wir sind nämlich einer der unbeliebtesten Klubs in ganz Deutschland.“ Weshalb das? Er zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder dem Spiel zu. Bald ist Halbzeit und es steht immer noch Null zu Null. Torchancen gab es so gut wie gar keine.

Gibt es Gründe, die Tennis Borussia zu hassen? Okay, der Klub steht für Charlottenburg, er gilt somit als der Verein der Reichen. Klar, dass sich ein nach proletarischer Anerkennung dürstender Bohemien – Junker mit Wohnung am Arkonaplatz mit den Borussen nicht identifizieren kann. Dazu kommt die jüdische Vergangenheit, die zwar, so Alex, „heute eh keine Rolle mehr spielt“, die gegnerischen Fans aber immer noch zu antisemitischen Gesängen inspiriert. Vor allem die sehr spährlich behaarte Stammklientel des Ostberliner Ex-Stasi – Vereins BFC Dynamo zeigt sich in diesem Zusammenhang dann immer ganz besonders geschichtsbewusst. Dem TeBe – Anhang scheint das allerdings nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil, bei dem Gedanken an die eigene Unbeliebtheit empfindet man sogar ein wenig Stolz: „No one loves us. We don’t care“, verkündet trotzig ein Transparent von der Haupttribüne. Ich gehe daran vorbei und merke, dass ich für diesen Verein eine tiefe Sypathie empfinde.

Das Spiel endet torlos, eine uninspirierte Vorstellung unter stärker werdendem, kaltem Nieselregen. Nils kauft sich einen Schal, ich ein T-Shirt. Vorne, bei der S-Bahn Station treffen wir Alex wieder. Er hat einen dieser Fan – Freundschaftschals umgeschlungen, auf denen die Verbundenheit zweier Vereine üblicherweise  mit einem stilisierten Händedruck symbolisiert wird. Die Tennis Borussen haben aber keine Freunde. Auf dem Schal ist die für den befreundeten Klub vorgesehene Fläche deshalb frei gelassen. Darunter trägt er ein lila Trikot, das aus besseren Zeiten stammt. Damals hatte die Göttinger Gruppe die Borussen mit viel Geld und noch viel mehr Versprechungen in die Zweite Bundesliga gehievt. Doch der Traum währte kurz. Anstatt die Lila – Weissen wie vollmundig angekündigt in den Europapokal zu führen, riss die Versicherungsgesellschaft den Verein in einen Strudel aus finanziellen Skandalen, die mit dem Konkurs der Gruppe und dem sportlichen Totalabsturz der ersten Mannschaft endeten.

Heute ist alles vorbei. Die Oberliga – Realität mag hin und wieder trist aussehen, trotzdem hält Alex zu dem Verein. Warum, kann er auch nicht sagen. Bevor wir an der Friedrichstrasse aussteigen, schlage ich ihm vor, den Freundschaftsschal zu signieren, den er um den Hals trägt. Er ist einverstanden und ich schreibe „Servette FC: Hertha BSC – Bezwinger, UEFA – Cup 2001“ in das leere Feld.