The Future is Unwritten
Wednesday, December 19th, 2007Die Leute suchen sich immer die Weihnachtszeit aus, um Berlin zu verlassen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt im Winter einfach viel zu kalt ist und die Leuchtgirlanden in der Friedrichstrasse dem Eiswind aus Sibirien so gut wie nichts entgegen zu setzen haben. Oder aber es ist nur, weil wieder ein Jahr zu Ende geht und damit ein weiterer dieser künstlich geschaffenen Abschnitte vorüber ist, von denen man in einem durchschnittlichen Leben vielleicht gerade mal neunzig Stück zur Verfügung hat und die dir daher mit fortlaufender Dauer deiner Existenz immer wertvoller erscheinen. „Wenn PF nach Argentinien abhaut, dann ist alles wieder so wie am Anfang“, sagt Julien, während wir beim Italiener in der Schönhauserallee sitzen und auf unser Essen warten. „Das stimmt“ sage ich. „Wir werden zu zweit durch den Prenzlauer Berg ziehen, hin und wieder bei Phil im Dr. Pong ein Glas Ricard trinken und dabei irgendwelche alte Anekdoten aufwärmen.“ Skizzenhafte Geschichten aus einer hitzegeplagten, schnellen Zeit, deren dunkle Ränder im Fernglas der Erinnerung zunehmend dünner werden und die uns daher wie verklärte Überlieferungen aus einer längst vergangenen, goldenen Epoche vorkommen werden.
Julien mag diese Wehmut nicht. Er zündet sich eine Zigarette an, blickt nervös umher, während der jugoslawische Kellner mit Ruccola bedeckte Pizzas bringt. Draußen fährt eine hell erleuchtete U-Bahn Richtung Alexanderplatz und Julien sagt: „Vielleicht suche ich mir Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff.“ – „Auf einem Sexschiff?“ – „Nein, kein Sexschiff. Ein richtiges Kreuzfahrtschiff. Ein Kumpel von mir hat das gemacht: dreitausend Mittelstandsfrauen auf Prozac und viel mehr Geld, als du ausgeben kannst. Danach käme ich zurück und würde endlich mein Restaurant aufmachen.“ – „Dann würdest du ein Restaurant aufmachen.“ „Na klar würde ich das. Ein richtiges Bistro wie in Frankreich. Mit großen Spiegeln an der Wand, wo jeden Mittag das Menu mit Kreide draufgeschrieben würde und mit einer halbrunden Bar aus dunklem Holz voller Pernotflaschen, bretonischen Schnäpsen und korsischem Calva. Ein richtiges französisches Bistro eben.“ Ich sage zu Julien, dass ich das gut fände und dass ich ihn, sobald ich genügend Geld hätte auch dabei unterstützen würde. Er lacht und meint, in dem Falle könne er wohl ewig warten. „Bis einer von uns es zu etwas gebracht hat, dauert es doch mindestens noch zehn Jahre. Und überhaupt: wer weiß schon wo wir in zehn Jahren sein werden.“
Vermutlich längst nicht mehr in Berlin. Das Gesicht der Stadt wird ein anderes sein, die Furchen geglättet von unzähligen Schönheitsoperationen, die Strassen gesäubert und die Lichter viel heller und damit auch viel unbarmherziger in ihrer Enthüllungskraft. Hertha BSC wird vielleicht deutscher Meister gewesen sein und der Flughafen Tempelhof ein Denkmal ohne Seele. Im rauchfreien Berghain tanzen dann die spanischen und italienischen Touristen zum Retro – Techno aus den Nullerjahren, während ein zum Veganer konvertierter Pete Doherty im renovierten Tränenpalast ein Unplugged – Konzert für einen Haufen sitzende, mit übereinandergelegten Beinen wippende Mittvierziger gibt. PF wird in Patagonien auf einer windschiefen Holzveranda sitzen, an seinem dritten Roman schreiben und – wenn er Glück hat – immer noch mit der bezaubernden Jen verheiratet sein, Sascha hat die Höhen und Tiefen einer Popkarriere hinter sich und längst keine existenziellen Sorgen mehr, Phil versucht sich mit einer Tischtennis – Bar – Kette namens Dr. Pong, Julien hockt in seinem Bistro und verleiht dem Pariser Glamour die feinen Schattierungen der Unterwelt und Lisa wird – wenn die Dinge so laufen wie sie laufen sollten - die talentierteste Schriftstellerin unserer Generation. Und ich? Vermutlich werden meine Augen ein wenig wässrig sein und mein Haar etwas lichte, aber solange ich meine Zigaretten noch rezeptfrei bekomme und man mir in der gelenkten Demokratie namens Europa/Deutschland die Umweltplakette für meinen Ford Mustang nicht verweigert, geht es mir einigermaßen gut.
Ich bezahle bei dem jugoslawischen Kellner und lasse etwas Trinkgeld liegen, was dieser mit einem Lächeln quittiert. Draußen schlägt mir die Kälte ins Gesicht, hinter den Fenstern leuchten Bruchstücke von naiver Weihnachtsbeleuchtung und Julien sagt: „Was ich im Winter am meisten mag ist der Himmel. Er sieht beinahe lila aus.“ Zu Hause drehe ich die Heizung auf und sehe fern. Beckmann spricht mit Karl Lagerfeld und Karl Lagerfeld trägt wie immer eine korrigierte Sonnebrille und sagt: „Die Vergangenheit ist mir gleichgültig. Die einzigen Dinge, die zählen, sind die Gegenwart und die Zukunft.“ Das stimmt, denke ich. Aber die Zukunft ist ein unbeschriebenes Blatt.

