Archive for the ‘wege zum ruhm’ Category

The Future is Unwritten

Wednesday, December 19th, 2007

Die Leute suchen sich immer die Weihnachtszeit aus, um Berlin zu verlassen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt im Winter einfach viel zu kalt ist und die Leuchtgirlanden in der Friedrichstrasse dem Eiswind aus Sibirien so gut wie nichts entgegen zu setzen haben. Oder aber es ist nur, weil wieder ein Jahr zu Ende geht und damit ein weiterer dieser künstlich geschaffenen Abschnitte vorüber ist, von denen man in einem durchschnittlichen Leben vielleicht gerade mal neunzig Stück zur Verfügung hat und die dir daher mit fortlaufender Dauer deiner Existenz immer wertvoller erscheinen. „Wenn PF nach Argentinien abhaut, dann ist alles wieder so wie am Anfang“, sagt Julien, während wir beim Italiener in der Schönhauserallee sitzen und auf unser Essen warten. „Das stimmt“ sage ich. „Wir werden zu zweit durch den Prenzlauer Berg ziehen, hin und wieder bei Phil im Dr. Pong ein Glas Ricard trinken und dabei irgendwelche alte Anekdoten aufwärmen.“ Skizzenhafte Geschichten aus einer hitzegeplagten, schnellen Zeit, deren dunkle Ränder im Fernglas der Erinnerung zunehmend dünner werden und die uns daher wie verklärte Überlieferungen aus einer längst vergangenen, goldenen Epoche vorkommen werden.

Julien mag diese Wehmut nicht. Er zündet sich eine Zigarette an, blickt nervös umher, während der jugoslawische Kellner mit Ruccola bedeckte Pizzas bringt. Draußen fährt eine hell erleuchtete U-Bahn Richtung Alexanderplatz und Julien sagt: „Vielleicht suche ich mir Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff.“ – „Auf einem Sexschiff?“ – „Nein, kein Sexschiff. Ein richtiges Kreuzfahrtschiff. Ein Kumpel von mir hat das gemacht: dreitausend Mittelstandsfrauen auf Prozac und viel mehr Geld, als du ausgeben kannst. Danach käme ich zurück und würde endlich mein Restaurant aufmachen.“ – „Dann würdest du ein Restaurant aufmachen.“ „Na klar würde ich das. Ein richtiges Bistro wie in Frankreich. Mit großen Spiegeln an der Wand, wo jeden Mittag das Menu mit Kreide draufgeschrieben würde und mit einer halbrunden Bar aus dunklem Holz voller Pernotflaschen, bretonischen Schnäpsen und korsischem Calva. Ein richtiges französisches Bistro eben.“ Ich sage zu Julien, dass ich das gut fände und dass ich ihn, sobald ich genügend Geld hätte auch dabei unterstützen würde. Er lacht und meint, in dem Falle könne er wohl ewig warten. „Bis einer von uns es zu etwas gebracht hat, dauert es doch mindestens noch zehn Jahre. Und überhaupt: wer weiß schon wo wir in zehn Jahren sein werden.“

Vermutlich längst nicht mehr in Berlin. Das Gesicht der Stadt wird ein anderes sein, die Furchen geglättet von unzähligen Schönheitsoperationen, die Strassen gesäubert und die Lichter viel heller und damit auch viel unbarmherziger in ihrer Enthüllungskraft. Hertha BSC wird vielleicht deutscher Meister gewesen sein und der Flughafen Tempelhof ein Denkmal ohne Seele. Im rauchfreien Berghain tanzen dann die spanischen und italienischen Touristen zum Retro – Techno aus den Nullerjahren, während ein zum Veganer konvertierter Pete Doherty im renovierten Tränenpalast ein Unplugged – Konzert für einen Haufen sitzende, mit übereinandergelegten Beinen wippende Mittvierziger gibt. PF wird in Patagonien auf einer windschiefen Holzveranda sitzen, an seinem dritten Roman schreiben und – wenn er Glück hat – immer noch mit der bezaubernden Jen verheiratet sein, Sascha hat die Höhen und Tiefen einer Popkarriere hinter sich und längst keine existenziellen Sorgen mehr, Phil versucht sich mit einer Tischtennis – Bar – Kette namens Dr. Pong, Julien hockt in seinem Bistro und verleiht dem Pariser Glamour die feinen Schattierungen der Unterwelt und Lisa wird – wenn die Dinge so laufen wie sie laufen sollten - die talentierteste Schriftstellerin unserer Generation. Und ich? Vermutlich werden meine Augen ein wenig wässrig sein und mein Haar etwas lichte, aber solange ich meine Zigaretten noch rezeptfrei bekomme und man mir in der gelenkten Demokratie namens Europa/Deutschland die Umweltplakette für meinen Ford Mustang nicht verweigert, geht es mir einigermaßen gut.

Ich bezahle bei dem jugoslawischen Kellner und lasse etwas Trinkgeld liegen, was dieser mit einem Lächeln quittiert. Draußen schlägt mir die Kälte ins Gesicht, hinter den Fenstern leuchten Bruchstücke von naiver Weihnachtsbeleuchtung und Julien sagt: „Was ich im Winter am meisten mag ist der Himmel. Er sieht beinahe lila aus.“ Zu Hause drehe ich die Heizung auf und sehe fern. Beckmann spricht mit Karl Lagerfeld und Karl Lagerfeld trägt wie immer eine korrigierte Sonnebrille und sagt: „Die Vergangenheit ist mir gleichgültig. Die einzigen Dinge, die zählen, sind die Gegenwart und die Zukunft.“ Das stimmt, denke ich. Aber die Zukunft ist ein unbeschriebenes Blatt.

Schnee auf der Schönhauserallee

Tuesday, November 27th, 2007

Jedes Mal, wenn ich nach Kreuzberg fahre, überkommt mich eine unbestimmte Melancholie. Ich weiß nicht woran das liegt. Vielleicht ist es nur die Angst, irgendetwas zu verpassen. Ich bin ziemlich selten hier unten, zwischen Oranienstrasse und Bergmann – Kiez, ich lebe auf der anderen Seite der Spree und kann daher nur erahnen, wie der Alltag hier aussehen mag. Meist sind es ja die kleinen Dinge, die den Unterschied ausmachen. „Kreuzberg ist schmutzig“, hat Julien im Spass gesagt, als wir von Bastis Abschiedsparty weggegangen sind, aber ich habe nicht geantwortet und stattdessen gedacht, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, ein paar Jahre am Landwehrkanal zu wohnen. Du gehst spätabends in die Ankerklause, prostest den speckigen Lederjackentypen mit Jägermeister zu und tanzt mit einem rothaarigen Mädchen Chachacha. Danach läufst du nach Hause, in deine Einzimmerwohnung unterm Dach und schreibst ein Stück über einen Mann, der seinen Namen vergisst. Natürlich wäre so ein Leben nichts anderes, als ein zuckersüsses Klischee der Poesie, eine Art romantisches Refugium der Anti – Moderne. Aber mal ehrlich: meint Klischee in diesem Fall nicht einfach nur eine überspitzte Form des Ideals?

Dave reicht mir ein Glas voller Bier. Er ist für ein paar Tage nach Berlin gekommen, weil er es in Bern gerade nicht mehr aushält. “Meine Freunde dort scheinen alle zu wissen was sie wollen”, sagt er. Ich sage etwas zustimmendes, betrachte die Leute um mich herum, die vor der getäfelten Innenwand eines Lokals namens Monarch stehen und sich zu undefinierbarem Rocksound wabernd hin und her bewegen, als Julien und PF ankündigen, nach Hause zu fahren. „Wir könnten es noch mal bei den Bachstelzen probieren“, sage ich in den Lärm, aber PF schüttelt den Kopf und Julien sagt betreten: „Sinnlos.“ Eigentlich wollten wir ja gleich nach Bastis Abschiedsparty zu den Bachstelzen und sind deshalb frierend quer durch Kreuzberg gelaufen. Aber dort standen sich all die Partygänger die Beine in den Bauch und weil wir keinen Türsteher kannten und auch keinen DJ oder sonst irgendwen, der wichtig genug gewesen wäre, um uns einfach durchzuwinken, sind wir zum West Germany gegangen und haben an den verschlossenen Türen gerüttelt. Umsonst, die Party war schon längst weitergezogen. Jetzt sitze ich im Monarch, gegenüber der getäfelten Wand, trinke Bier und denke darüber nach, wie es wäre, in Kreuzberg zu wohnen, während meine Freunde finden, es wäre längst Zeit zu gehen.

Früher haben wir jeweils ganze Jahrhunderte durchgestanden. Wir haben die Nacht zum Tag gemacht – und wenn der Vorrat reichte – den darauffolgenden Tag zur Nacht. So könnte es auch heute sein, aber aus irgendeinem Grund sind die Beine lahm geworden und Kopf schwer und dumpf. Phil meint immer, das liege am Jahreszeitenwechsel, vielleicht hat er ja recht und es liegt nur am Schneegestöber im Lichtkegel des Taxis, welches uns lautlos nach Hause bringt. „Wir könnten ins Zu Mir und zu Dir gehen, auf einen Absacker- Drink“, sage ich zu Dave. Er nickt und wir vollbringen einen letzten Kraftakt, steigen an der Ecke Eberswalder aus und stapfen die Lychenerstrasse hoch. „Ich habe keine Ahnung, was ich nach meinem Studium tun soll“, sagt Dave kurz darauf mit einen White Russian in der Hand. „Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass wir alle furchtbar verwöhnt sind. Uns ging es immer zu gut. Darum mussten wir uns nie für irgendetwas Richtiges entscheiden.“ Ich nicke so halb als Elsa, die ein bisschen später kam und lauter schwere Flocken im Haar hat, ankündigt, nach Paris zurückkehren zu wollen. „Es zerreißt mir das Herz, Berlin zu verlassen. Aber ich will aus meinem Leben noch irgendetwas machen.“ Vielleicht, sagt sie dann noch, bräuchten wir alle einen Tritt in den Hintern, eher wir uns endlich bewegen würden. Und zu mir: „Eigentlich finde ich es schade, dass du dich so gehen lässt.“

Ich betrachte mein Glas voller träge schwimmender Eiswürfel und sehe, wie sich die Leute ihre Mäntel überziehen. Ein Typ mit langen Haaren kommt auf uns zu, geht in die Hocke und sagt: „Leute, wir machen Schluss.“  Und als wir in die klirrende Kälte treten ist sie zurück, die unbestimmte Melancholie. Vielleicht, denke ich, bin ich tatsächlich dabei, ein Stück meines Lebens zu verpassen. Oder Phil hat recht und es ist nur der Schnee auf der Schönhauserallee.

Wochenende in Berlin

Monday, October 15th, 2007

Und dann rollt wieder so ein Wochenende an. Eigentlich läuft es immer gleich ab: ich sitze vor dem winzigen Fernseher in der Ecke meines Zimmers und sehe mir die ARD-Sportschau an, wo irgendwelche Leute aus westdeutschen Kleinstädten bei der Wahl zum „Tor der Woche“ einen Toyota Auris gewinnen, während Julien drüben seinen Rausch vom Freitagabend ausschläft. Draußen werden die Tage kürze und kälter und durch meine weißen Vorhänge dringt ab vier Uhr nachmittags nur noch blassblaues Dämmerlicht. Irgendwann holt mich die Türklingel aus meinem TV-Halbschlaf, ein paar Freunde haben Wein und Wodka mitgebracht, wir sitzen dann im Wohnzimmer, trinken selbstgemachte Cocktails und reden dummes Zeug. Die Zeit verstreicht langsam und zäh und weil es eigentlich wenig Neues zu erzählen gibt, wärmen wir alte Geschichten auf und erzählen immergleiche Witze. Um halb zwölf kommt PF und Julien sagt: „Wir wollen nichts kaufen, Hausierer unerwünscht“ oder „Passt auf eure Mobiltelefone auf, der Zigeuner ist da.“ PF kontert, indem er sich laut über sein Schicksal beklagt, welches ihm ach so ignorante und ungebildete Freunde wie uns beschert habe. „Irgendwann“, sagt er, „wenn ich reich und berühmt bin, werde ich mich mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid an euch erinnern.“

Julien spielt etwas Elektropop auf seinem Computer und lässt die Flügeltüre offen, die sein Zimmer vom Salon trennt. Die Stereoanlage haben wir letzte Woche an Lucy zurückgegeben, da diese die ihrige an Phil zurückgegeben hatte, nachdem Phil bei ihr ausgezogen war, aber das ist eine andere Geschichte, die gehört nicht hier her. Jedenfalls haben wir keine Stereoanlage mehr und Julien dreht jetzt die Aktivboxen an seinem Computer auf, aber dass soll sich alles ändern, irgendwann, wenn einer von uns sich aufrappelt und zu den Türken im Wedding fährt und dort ein gebrauchtes Gerät kauft. Bis dahin geht alles weiter wie bisher: wir schlagen uns mehr schlecht als recht durch, leben auf Pump, ignorieren die offenen Rechnungen, die in schöner Regelmäßigkeit im Briefkasten landen. „Vergiss nicht, am Montag die Typen von der Gasfirma anzurufen, damit sie endlich jemanden vorbeischicken, der den Boiler repariert“, sagt Julien, bevor wir uns auf den Weg ins Dr. Pong machen. „Damit wir endlich wieder warm duschen können.“ - „Kennst du das Gefühl, dass dir alles entgleitet?“, frage ich mich daraufhin selbst und fühle wieder dieses Unwohlsein tief innen im Bauch, das ich immer dann spüre, wenn ich weiß, dass ich die Dinge, die ich eigentlich jetzt tun sollte mit geschlossenen Augen auf Übermorgen verschiebe.

Später, im Dr. Pong, ist dieses Gefühl bereits viel schwächer geworden, und als wir dann gefühlte Lichtjahre später in einem Taxi durchs herbstliche Berlin fahren, von einer Party zur nächsten, mitten in dem luftleeren Raum zwischen Gestern und Morgen, dieser euphorisierenden Grauzone zwischen Tag und Nacht, in der es keine Vergangenheit und auch keine Zukunft gibt, da ist es völlig verschwunden und ich lächle freudig vor mich hin, während der Taxifahrer langsam mit den Kopf wackelt, immer im Takt eines Popsongs, dessen Namen ich inzwischen längst wieder vergessen habe. Dann fängt das Tanzen wieder an, denn eigentlich ist das ganze Wochenende ja ein einziger Tanz. PF legt eine wunderbare Pirouette hin, als er uns am Eingang eines Clubs auf die Gästeliste redet, er nennt einfach ein paar Namen und winkt wichtig mit den Armen; wir kommen rein und drinnen sind die Leute glücklich und schön, sie trinken bunte Drinks aus hohen Gläsern und tragen Kleider wie die Darsteller aus „Zurück in die Zukunft“. Ein Mädchen hat Geburtstag und nimmt mich beim Arm, ich gehe auf Watte und die Musik ist plötzlich ganz weit weg, sie wird immer leiser, verschwindet schließlich ganz. Vielleicht bin ich jetzt im Himmel, denke ich, stelle dann aber fest, dass ich mich viel zu früh gefreut habe, denn plötzlich ist der Lärm wieder da und ich lehne an einer gekachelten Wand und warte, dass eine Klokabine frei wird. Aber die Leute da drinnen nehmen Drogen oder haben Sex und kümmern sich einen Dreck um die Dinge, die sie umgeben. Sie gehen an dir vorbei, als existiertest du nicht und blicken durch dich hindurch, mit weitaufgerissenen Augen und Schweißperlen auf der Stirn. Es sind Augenblicke der totalen Einsamkeit und du weißt überhaupt nicht, wie du mit der schwindenden Euphorie umgehen sollst. Du schließt einfach die Augen und wartest darauf, dass alles vorbei geht.

Und dann ist wirklich alles vorbei, das Wochenende rollt langsam aus, kommt sanft zum stehen, irgendwo zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg, in einer beinahe leeren Straßenbahn. Sascha, der DJ sitzt auf einem grau lackierten Sicherungskasten und spielt ein Lied von France Gall auf seinem Handy, während die anderen im schmutzigen Stoff der Sitze vor sich hindösen. Draußen liegen leere Straßenzüge und das Licht ist blass und grau, so wie immer im Herbst. “Wenn du arbeitest”, denke ich, kurz bevor ich an der Haltestelle Eberswalderstrasse aussteige, “verbringst du die meiste Zeit deines Lebens damit, auf das Wochenende zu warten.” Du freust dich darauf wie ein kleines Kind, obwohl du genau weißt, dass du damit die Erwartungen ins Unendliche schraubst und im Endeffekt dann bloß enttäuscht werden wirst. Aber das macht nichts, denn das nächste Wochenende kommt ja bestimmt.

Campari Soda

Tuesday, August 21st, 2007

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Es ist Freitag und ich bestelle Campari Soda. Weit unter mir liegt das Wolkenmeer, weiß und flach wie ein Eisfeld, während oben die strahlende Sonne langsam untergeht. Mein Rückflug hat über eine Stunde Verspätung und ich habe die letzte Ausgabe des Vanity Fair bereits in der Bar des Flugplatzes überflogen. Nun sitze ich untätig da und blicke durch ein ovales Fenster nach draussen. Der Himmel wird jetzt gegen oben hin immer dunkler und wenn ich mich ein wenig nach vorne beuge, kann einen der beiden Motoren sehen. Doch die Propellerblätter drehen sich viel zu schnell um für das menschliche Auge sichtbar zu sein und bilden daher nur noch eine Art kreisrunden Wirbel, den ein dünner, silbern glänzender Rand vom Abendhimmel trennt. Hin und wieder gibt es kleine Turbulenzen und dann schwankt das Flugzeug in der Luft.

Es ist Freitag und hinter mir, weit unten, wo sie jetzt die Straßenlaternen einschalten, liegt Süddeutschland. Die Leute dort haben mich angestarrt wie einen Ausserirdischen, als ich vorfuhr, aber der Typ am Friedsrichshafener Flughafen hatte mir auch nicht gerade ein besonders diskretes Fahrzeug zugeteilt. In dem schneeweißen Audi TT kam ich mir vor wie ein Kokaindealer aus Miami – Vice. Auf dem Rückweg hielt ich trotzdem mehrmals an, denn da war diese Kirche, Barock natürlich, Fassaden aus Zuckerguss und Dächer aus Gold, im Hintergrund Rebberge und die blaue Fläche des Sees. Ich mag Kirchen, denn ihre steinernen Mauern versprechen stets eine stabile, glückliche Zukunft. Ob sie ihr Versprechen auch halten, ist eine andere Frage. Wenn ich eines Tages heiraten werde, dann hier, denke ich, während ich schnellen Schrittes über Kies gehe und in den Wagen steige. „Tut mir leid, aber Campari haben wir keinen“, sagt die Stewardess und lächelt kühl. Ich antworte, das mache überhaupt nichts und bestelle stattdessen Gin Tonic. Ich bin volkommen ruhig, denn ich weiß genau, was kommen wird.

Es ist Samstag und ich trinke Gin Tonic, als sich plötzlich ein Mädchen nackt auszieht und in ein aufblasbares Kinderschwimmbecken aus Plastik steigt. Das Mädchen winkt mit den Armen und macht die ganze Zeit uhh- uhh. Etwas Wasser schwappt über den Beckenrand, die Leute treten ein wenig zurück und betrachten die Szene mit einer Mischung aus Befremden und Amüsement. „Das ist Berlin“, sagt Dave zu einer der beiden Französinnen. Die Französinnen schütteln die Köpfe und fangen dann an zu lachen. Offenbar finden sie das alles sehr witzig – was allerdings keineswegs erstaunt. Schließlich darf man Berlin inzwischen getrost als eine Art Vergnügungspark bezeichnen. Da wird einem alles geboten: achtundvierzig Stunden Party am Stück, ein unendliches Stück Musik zu dem du tanzt und die Augen weit aufgerissen, weil der Schnee aus den Anden deine Sinne betäubt. „Ich habe ein richtiges Vergnügungsset gekauft. Da ist alles drin was du brauchst, um die Höhen und Tiefen der Nacht sicher zu überstehen“, sagt Julien, ballt seine faust um ein Säckchen aus durchsichtigem Plastik und geht zu den Dixie – Klos nach hinten.

Dabei ist beinahe immer noch Samstag, kurz nach Mitternacht und der Faden meiner Biographie wird erst viel später reißen. Dann aber dafür richtig. Wir tanzen zum Takt der Musik, ein Dealer will einer der beiden Französinnen Pillen verkaufen und fragt sie, als sie dankend ablehnt, mit rührender Ernsthaftigkeit, in welchen Pornofilmen sie denn mitgespielt habe. „So was ist doch ein Kompliment“, sagt Julien, der sich einem Schneepflug gleich durch die Nacht wühlt und dessen Wahrnehmung dementsprechend getrübt ist. Später, als es schon hell wird, liege ich unter einer Art improvisiertem Zeltdach und klappe Miris kleinen Taschenspiegel zu. Ich will mein Gesicht nicht sehen. Nicht jetzt. Die Leute um mich herum tragen Sonnenbrillen und das Mädchen von vorhin hat sich längst wieder angezogen. Das ist auch gut so, denn wir erwarten weder Sex noch Liebe. Ein paar Stunden Vergnügen reichen völlig aus und wir sind seelisch und körperlich völlig erschöpft. Eigentlich ein trauriger Zustand, aber die Trauer ist ein gefühl und Dinge wie Gefühle sind sehr, sehr weit weg. Ich will den Ort hier verlassen und denke darüber nach, mich irgendwo an die Spree zu setzen und einen Cuba Libre zu trinken. Oder einen White Russian.

Es ist Sonntag und ich betrachte die Eiswürfel in meinem Glas, die träge in der weißen Flüssigkeit schwimmen. Julien fragt, ob ich etwas zum Wachmachen dabei hätte, aber ich schüttle bloß den Kopf. Im Zu mir oder zu Dir legt der DJ sanften Pop auf und die Mädchen kaufen Space – Cakes. „Ich glaube, in unserem Zustand könnte der Typ uns sogar eine ganz normale Gurke verkaufen“, sagt Dave. „Er müsste bloß draufschreiben, dass es sich dabei um Drogen handelt.“ Wir sind wie Pawlowsche Hunde. Das Wochenende liegt im Sterben aber wir wollen das irgendwie nicht wahrhaben, versuchen, den Ritualen mit aller Macht noch einmal Leben einzuhauchen und der immer wiederkehrenden Normalität die golden glänzende Haube des Besonderen aufzusetzen. Manchmal gelingt es uns, manchmal nicht. Heute war ein guter Tag und als ich spätabends aus dem warmen Lichtermeer des Zu Mir oder zu Dir auf die regennasse Strasse trete, versuche ich möglichst nicht an morgen zu denken. Und auch nicht an all die Tage und Wochen danach. Denn ich weiß was kommen wird. Unter mir, so wird es heissen, liegen die Lichter von Berlin, der Kapitän sagt: „Wir erreichen in Kürze den Flughafen Tempelhof“, es ist Freitag und ich glaube ich bestelle noch etwas Campari Soda.

You Look Like Lindsay Lohan

Wednesday, June 13th, 2007

Draussen ist es stockfinster und trotzdem heiss und als ich in dem Wagen von diesem Mädchen nach Mitte fahre, kurble ich hektisch das Fenster runter. Ich brauche Luft, viel Luft, denn ich habe Unmengen geraucht, letzte Nacht. Mein Hals fühlt sich daher an wie aus Pergament und ich spüre eine leichtes Stechen in der Lunge. Aber das geht vorüber, man muss nur ein wenig trinken und schon versinken alle Schmerzen im lockeren Schaum der Benommenheit. Gestern hat das jedenfalls auch geklappt und wir lagen uns nach mehreren Stunden im Dr. Pong alle in den Armen, beinahe wahnsinnig vor Glück. PF sagte irgendetwas von wegen „nur noch ein Schritt und wir sind alle berühmt“ und ich pflichtete ihm bei, gemeinsam redeten wir unsere Leben schön und irgendwie glaubten wir auch daran, wenigstens einen Abend lang, einen weiteren Abend. In Berlin ist so etwas ja auch nicht allzu schwer, hier brauchst du dich bloss mit einem Drink vor das Dr. Pong zu stellen und in betrunkenem Zustand laut über deine mögliche Zukunft nachzudenken, um dich wie ein Popstar zu fühlen. Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte.

Das Mädchen parkt den Wagen in einer Seitenstrasse nahe der amerikanischen Botschaft und wir gehen in einen Club, der Picknick heisst. „Ich hoffe wir kommen da rein“, sagt das Mädchen, „jetzt wo das Rio zu ist, muss hier die Hölle los sein.“ Im Rio waren vorher all die Elektrotrash – Leute zu Hause, die aus jeder Party ein Happening machten. Will heissen: die Mädchen sahen aus wie Farah Fawcett im LSD-Rausch, die Jungs trugen hautenge Jeans und absurde Hüte während vorne auf der Bühne drei furchterregend geschminkte israelische Matronen in leuchtenden Polyesterbadeanzügen eine Art Post-Punk-Girlie-Elektro-Rock – Intifada entfachten. Das Rio war Schlachthaus und Paradies zugleich und es gab Abende, da glaubte ich den Himmel zu berühren. Ich bekenne, ich habe diesen Club geliebt, denke ich, als wir vor dem Picknick stehen. Die Sorge das Mädchens bezüglich des Einlasses erweist sich als unbegründet, wir kommen ohne Probleme rein und landen aus irgendeinem Grund auch noch auf der Gästeliste. Ein Typ mit geschminkten Augenrändern gibt uns Lakritzebonbons und das Mädchen sagt: „Ich habe da drinnen einmal aufgelegt. Ich glaube, die Party ist gut.“

Ein paar Stunden später steht die Welt um mich herum in Flammen und ich drehe mich mittendrin um meine eigene Achse und lache. Lady Lanza - eine Freundin aus Schweden - trägt ein Paar dieser kurzen Stiefeletten aus Wildleder und sieht ein wenig aus wie ein It-Girl, obwohl sie im Grunde genommen gar keines ist und wo das Mädchen hin gegangen ist, mit dem ich hergekommen war, weiss ich nicht. Zwei lesbische DJ’s spielen Musik so präzise wie Fernlenkwaffen und ich halte mich mit aller Kraft an meinem Becher voller Gin fest. Die Menschen hier drinnen sind schön und nett und möglicherweise auf euphorisierenden Drogen. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor und sie sind alle bloss glücklich. Ich gebe mein Bestes um mithalten zu können, komme aber kaum aus meiner Bucht heraus, die Strömung wirft mich immer wieder zurück. Einen Augenblick lang, denke ich, ich wäre reich und berühmt obwohl ich genau weiss, dass ich es nicht bin, aber niemals zuvor wurde mir die Illusion auf eine so schöne Art vermittelt. Ich glaube hier drinnen geht das den meisten Menschen so.

Ich gehe an einem Paar vorbei, dessen beinahe physische Vollkommenheit nicht einmal mehr Neid hervorruft, sondern bloss ehrliche und uneingeschränkte Bewunderung. Im Gang der zu den Toiletten führt, begegne ich einem Mädchen, das aussieht wie Lindsay Lohan. Lindsay Lohan mag zwar wunderschön sein, ist aber Amerikas weibliche Antwort auf Pete Doherty und zur Zeit gerade auf Drogenentzug. „Solltest du nicht in der Reha-Klinik sein?“, frage ich sie darum auf Englisch und bemerke in diesem Augenblick, dass ich sehr, sehr betrunken bin. „Why that?“ will das Mädchen wissen und sieht mich dabei mit einer Mischung aus Entsetzten und Neugier an. „Because you look like Lindsay Lohan“ - „Oh really?“, sie lacht und greift sich mit der flachen Hand an die Brust. „That’s so nice!“ Der Rest geht im Lärm unter, denn sie spielen jetzt diesen Song von Justice, den sie seit ein paar Monaten immer spielen: “We are your friends, you will never be alone again, come on, oh come on!”

„Du sieht ja jämmerlich aus“, sagt Julien, als ich am nächsten Tag gegen Mittag aufstehe. Im Bad lasse ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen, aber das hilft nichts. Draussen ist ein sonniger, heisser Tag und diese Hitze macht mich fertig. Ich nehme die Strassenbahn, steige aber nach einer Station wieder aus, weil ich es unter Menschen nicht aushalte. Stattdessen fahre ich mit einem Taxi zum Hauptbahnhof, wo ich mir einen Pappbecher mit Kaffee und ein paar Gossip-Magazine kaufe. Im Intercity-Express nach Hamburg lese ich darin. „Lindsay Lohan ist am Ende“, steht da. „Wenn sie so weiter macht, wird sie vermutlich bald sterben.“

Der Tod und das Mädchen

Wednesday, May 30th, 2007

romy.jpg

Vor fünfundzwanzig Jahren war Jupp Derwall Bundestrainer und die DDR noch ein Staat. Vor fünfundzwanzig Jahren war Helmut Kohl noch nicht Bundeskanzler und Lukas Podolski noch nicht einmal geboren. Vor fünfundzwanzig Jahren war ich gerade Mal zwei Jahre alt, mein Vater hatte eine Beatles-Frisur und meine Mutter trug immer noch diese erdfarbenen, indischen Kleider. Und vor fünfundzwanzig Jahren, an einem Frühlingstag des Jahres 1982 starb ein Mädchen namens Romy Schneider. Dieses Mädchen haben die Deutschen geliebt, weil es vor langer Zeit einmal die Sissi war. Aber Romy wollte keine Sissi sein. Darum floh sie aus Deutschland, vor der Liebe der Deutschen, drehte Filme in Frankreich und Italien, wo sie zum Star wurde. Zu Deutschlands letztem und vermutlich auch unnahbarsten Weltstar.

Vor fünfundzwanzig Jahren flog die Swissair von Genf aus in die weite Welt. Heute tut das Easyjet, denn die Swissair gibt es nicht mehr. Ich trete auf das Rollfeld des Flughafens Cointrin und die Hitze fährt mir wuchtig wie ein Hammer ins Gesicht. Die Luft riecht ein wenig nach Mittelmeer und der Himmel über der Stadt hat eine azurblaue Farbe angenommen, wie man sie üblicherweise nur aus südlichen Ländern kennt.  Autos und Busse schleppen sich röchelnd durch die engen Strassen und vom See her weht ein leichter Wind, der jedoch kaum Abkühlung bringt. Vor beinahe zwei Jahren habe ich Genf verlassen. Jetzt bin ich zurückgekehrt und Lorenzo schlägt vor, unten am See eine Flasche Roséwein zu trinken. Ich halte das für eine gute Idee und kurz darauf sitzen wir in Sesseln aus geflochtenem Korb und blicken auf die vertäuten Segelboote, die im Takt der Wellen einen sanften Walzer tanzen. „Wie sind die Partys?“, frage ich. „Ganz gut. Aber irgendwie zu gehemmt“, sagt Lorenzo. - „Und die Mädchen?“ – „Unberührbar“, er lacht. „Wie immer.“

Genf ist eine reiche Stadt. Hier wohnen mehr Millionäre pro Einwohner als anderswo auf der Welt. Unter anderem auch Alain Delon, der eiskalte Engel des französischen Kinos, der zum Star gewordene Metzgergeselle und Indochinakrieger mit Hang zum Sadismus und Verbindungen zum Milieu. Ausgerechnet in ihn hatte sich Romy damals verliebt. Er war die Liebe ihres Lebens und damit ihr Unglück. Denn die Liebe ist ein Vabanquespiel und ein Vabanquespiel mit Alain Delon, diesem aus glattem Marmor gehauenen Zyniker, kann keiner gewinnen. Nicht einmal Romy Schneider, die kühle Schönheit aus Deutschland. Es heißt, Alain Delon habe sich nicht einmal richtig von ihr verabschiedet und ihr stattdessen nur einen kleinen Zettel hinterlassen. Auf dem stand: „Bin in Mexiko, mit Nathalie“. Romy schnitt sich daraufhin die Pulsadern auf, wurde aber rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht und überlebte. Die beiden blieben in losem Kontakt und nach Romys Tod organisierte Alain die Beerdingung. Heute lebt er allein und sinniert verbittert über Selbstmord: „Es ist alles zusammen: eine gewisse Müdigkeit, die Zeit, die vergeht, die verstorbenen Freunde, die auseinander gebrochene Familie.”

Der Himmel über Genf ist jetzt dunkelblau und sie haben die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Wir essen in einem libanesischen Restaurant, welches Lorenzo als vorzüglich angepriesen hat und das den dadurch geweckten Erwartungen auch durchaus entspricht. Luca erzählt von seiner Arbeit im operativen Geschäft einer Privatairline und wirkt sehr zufrieden. „Erzähl mir eine Anekdote“, bitte ich ihn, er lacht und redet über Robbie Williams. „Dem sein Manager ruft vor jedem Flug extra an und verlangt, dass die Minibar an Bord ausgebaut wird. Ansonsten, so sagt er, würde Robbie Williams den Kühlschrank mit Gewalt aufbrechen, um an Alkohol zu kommen.“ – „Ruhm und Alkoholismus gehen Hand in Hand, weil du mit deinem Selbstbild nicht mehr fertig wirst“, sagt Lorenzo. Ich nicke und denke an Romy Schneider, die nach der gescheiterten Beziehung mit ihrem dritten Ehemann Daniel Biasini zur Alkoholikerin wurde. „Ich glaube, das ist ganz legitim“, sage ich, „schließlich ist der Rausch ein Zustand der Erleichterung, so traurig das klingen mag.“ Später betrinke ich mich in einer Bar an der Rue de Lausanne mit Gin und Tonic. Ich tue das ganz sanft, während Lorenzo mit einem japanischen Model spricht. Trinken, denke ich in diesem Augenblick, gleicht der Reise in einem Privatjet. Du gleitest ganz allein in höchsten Höhen dahin, betrachtest die Welt von oben und stellst fest, dass sie eigentlich ein schöner Ort ist. Aber nur für ein paar Stunden, denn dann leitet der kleine Pilot in deinem Kopf unweigerlich den Sinkflug ein.

Gegen zwei Uhr Morgens gehen wir nach Hause. Lauter Paläste aus der Zeit der Jahrhundertwende säumen die Uferpromenade, es sind Monumente des Luxus, des Ruhmes und des großen Geldes aber auch der Vergänglichkeit.  Der einsame Tod im Hotelzimmer, umgeben von seidener Bettwäsche und anderen teuren Accessoires ist immer noch die traurigste Art des Dahinscheidens. „Da“, sagt Lorenzo plötzlich und zeigt auf eine kleine Statue aus Metall. „Hier starb Sissi.“ Die österreichische Kaiserin war, als sie 1889 von einem italienischen Anarchisten erstochen wurde, ein innerliches Wrack. Sie hatte den Selbstmord ihres Sohnes nicht verkraftet. Romy Schneider hat das auch nicht. Ihr Sohn kam 1981 bei einem Unfall ums Leben. Romy selbst wurde ein Jahr später in ihrer Pariser Wohnung tot aufgefunden. Sie hatte sich umgebracht.

source pic: Romy Schneider by Will Mc Bride, found at:openPR.de

Die Indie-Disko ist tot, es lebe die Indie-Disko.

Wednesday, May 23rd, 2007

Julien sei nicht besonders gut drauf, hat mir Phil bereits am Telefon gesagt und als ich nach Hause komme, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott. Ich frage ihn ob alles okay sei, er hebt die Hand und macht so eine beiläufige Geste, die sowohl ja als auch nein heißen könnte. „Die anderen sind irgendwo“, sagt er, „Phil isst mit irgendwelchen Leuten auf der Gleim. Ich glaube er war an so einer komischen Vernissage irgendwo in Friedrichshain und hat da ein paar Franzosen aufgegabelt.“ Vernissagen sind immer komisch, denke ich, meistens stehen da lauter Leute rum, die sich nur flüchtig kennen, trinken entweder Flaschenbier oder Sekt mit Orangensaft und lassen dabei federleichte Aschepartikel auf den gescheuerten Parkettboden fallen. Eine Art Sehen-und-Gesehen-werden auf sehr tiefem Celebrity-Niveau. „Irgendwie sind heute alle unmotiviert“, sagt Julien und schießt ein paar lilafarbene Phantasiekreaturen auf seinem Bildschirm ab. „Ich glaube das wird nix mit einem großen Abend.“

„Stimmt“, möchte ich sagen, halte mich aber zurück, denn jeder Kommentar wäre bloß noch mehr Wasser auf die Mühlen einer langsam anrollenden Wochenend-Depression. Ich bin ausgepumpt und matt, denn ich habe achthundert Kilometer Autobahn hinter mir. Will heißen: kriechende Lastwagen, dicke Frauen in Kittelschürzen vor dampfenden Töpfen voller Kasslerbraten und Jägerschnitzel, überall Staus und im Hintergrund stets der monotone Geräuschteppich einfallsloser Formatradios. Zu guter Letzt bin ich dann in einer Nebenstrasse in Hamburg auch noch einem BMW in die Seite gefahren. „Verdammt“, sagte der Fahrer des BMW, der ein Jackett und Jeans trug und aussah wie ein Yuppie. „Ich wollte mit meiner Freundin in den Urlaub fahren. Aber daraus wird jetzt wohl nix.“ Ich rief die Produktionsabteilung an, ließ mir ein bisschen Balsam auf die völlig entnervte Seele schmieren, regelte alle Formalitäten mit der Polizei, drehte ein letztes Casting ab und fuhr über die leere A 24 zurück nach Berlin.

Im Dr. Pong frage ich PF, ob er einen Plan für heute Abend hätte. An unserer internen who-is-going-to-be-famous-the-first –Börse ist PF nämlich der Aufsteiger der Woche, seit er ein Exklusivinterview mit Wim Wenders geführt hat. Viel geholfen hat das aber scheinbar nicht, denn auch er weiß nicht weiter und zündet sich achselzuckend eine Zigarette an. Etwas Rauch schwebt in der Leere des Raumes, ich drehe mich um und denke, dass ich den Abenden zu viel Bedeutung beimesse und die Tage vernachlässige. Vielleicht werde ich deswegen das Gefühl nicht mehr los, dass irgendetwas Wichtiges in meinem Leben fehlt. Julien spricht mit einem Mädchen aus Frankreich, sieht aber immer wieder zur Seite, ganz so als wolle nur weg. „Lass uns verschwinden“ sage ich zu ihm, er nickt, fragt „Wohin?“ – „Ins Magnet, Lisa ist mit ein paar Freunden dort.“ Julien überlegt einen Augenblick. „Wenn du meinst“, sagt er dann. Vielleicht, denke ich, rettet uns diesmal die Indie-Disko.

Vor ein paar Jahren hat mich die Indie-Disko an der Hand genommen. Damals fielen die Strokes vom heiteren Himmel, Jungs in Röhrenjeans und mit lockigen Fransen im Gesicht, deren Gitarren wie batteriebetriebene Bohrmaschinen klangen und dem Rock eine breite Schneise durch den sich auflösenden Housenebel bahnten. Dazu sang dann Julian Casablancas mit seiner Kopfstimme „Last Night“ und die Leute in New York tanzten sich durch kleine Untergrundclubs, trugen Puma-Schuhe und blaue Adidas- Trainerjacken mit Streifen auf den Armen. Ich weiß noch ganz genau, wie wir die Strokes zum ersten Mal an einer Studentenparty in Genf abspielten, auf Phils altem Notebook und die Leute mit beglückten Gesichtern dazu tanzten. Es war ein Moment der Erleuchtung, selbst wenn der scheppernde Garagensound doch eigentlich nichts anderes darstellte als die lauwarme Reminiszenz an die Musik unserer Eltern. Aber vielleicht passte das ja zu der leicht wehmütigen Stimmung der Zeit. 2001 ging die Krise los und es gab einfach nichts Schöneres als die kuschelige Wärme der guten, alten Sechzigerjahre.

Jetzt ist alles anders. „Scheisse sind die alle jung“, sagt Julien als wir am Rand der Tanzfläche des Magnet stehen. Überall Menschen in Berlin-Uniformen, mit Motto T-Shirts sowie Jeans, die an den Knöcheln ganz eng werden und dazu schreiende Gitarren von Bands, deren Namen ich mir schon lange nicht mehr merken kann. Die Indie-Disko ist tot, denke ich. „Es lebe die Indie-Disko“, ruft Julien und leert ein halbes Glas Gin Tonic in einem runter. Wir betrinken uns und irgendwann verliere ich meine Brille. Julien findet sie zwar sofort wieder, aber der Niedergang ist trotzdem eingeleitet: ich werfe aus Frust ein Glas auf den Boden, Julien übergibt sich erst an der Bar, dann vor den Toiletten und schließlich draußen im Hof, wo einer der Türsteher in Ruhe eine Zigarette raucht. „Alles okay?“ fragt er, ich sage ihm, er solle sich keine Sorgen machen, ich würde mich um alles kümmern, doch ich glaube meinen eigenen Worten nicht. Irgendwie schaffen wir es nach draußen, wo die Vögel zwitschern und junge Paare Händchenhalten. Es ist vier Uhr und der Himmel über der Greifswalderstraße bereits dunkelblau. Die Tage beginnen früh, denke ich. Bald ist Sommer und im Sommer wird alles besser.

Am darauffolgenden Morgen ist Julien nicht besonders gut drauf. Aber das hat mir Phil ja bereits gestern Nachmittag am Telefon gesagt und als ich aufstehe, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott.

Es geht uns gut

Friday, April 27th, 2007

Die Tage in Berlin sind lang und warm geworden und die Mädchen auf der Kastanienallee tragen kurze Röcke und Trägershirts. Ich sitze in einem Biergarten, trinke Hefeweizen und Phil sagt, er habe sich verliebt. „Siehst du das Mädchen in dem roten Rock da drüben. Ich würde sie auf der Stelle heiraten.“ Phil ist in aufgeräumter Stimmung, offenbar tut ihm das Lagerbier gut. Oder die Sonne. „Der Winter in Berlin macht mich immer furchtbar depressiv“, sagt er. „Ich verkrieche mich in meiner Wohnung, nehme das Telefon nur widerwillig ab und mache gar nichts“. Aber jetzt sei alles anders und die Mädchen plötzlich wunderschön. Und überhaupt: bald könnten wir an die Seen raus fahren, zum Grillen und Fußballspielen. Es wird wunderbar sein: mit nassen Haaren in der Sonne liegen und sandverklebte Zigaretten rauchen – der Sommer ist ein unsichtbarer Schleier, der sich über dich legt und dich auf eine diffuse Art glücklich macht.

18 Prozent hat Francois Bayrou bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen geholt und das hat nicht gereicht. Aber Phil hat keine Mine verzogen. „Das ist ein verdammt gutes Ergebnis“, hat er gesagt und mir dabei ins Ohr geschrien, denn im Dr. Pong feierten die Sozialisten Segolene Royals Einzug in die letzte Runde. „Vor fünf Jahren waren wir noch bei sechs Prozent. Irgendwann wird die Wende kommen, da bin ich überzeugt.“ Später haben wir dann die letzten Sektflaschen getrunken, die Bayrous Wahlkampfzentrale in Paris zur Verfügung gestellt hatte. Einen Koffer voll hatte Phil in meiner Wohnung untergebracht und das reichte gerade für ein Wochenende. Seit Phil von Berlin aus französische Politik macht (daher die Sektflaschen) ist er ein gefragter Mann. Manchmal gibt er Interviews auf France 24 oder der Deutschen Welle. Und er macht das gut, denn schließlich ist er ein Charmeur und Charmeure sind immer gute Politiker, weil die Menschen Charmeure im Allgemeinen lieben.

Als Julien kommt, sagt Phil, er solle sich umdrehen, und Julien sieht das Mädchen, grinst über das ganze Gesicht und ruft „ou lala“, dann setzt er sich und sagt, dass heute ein glücklicher Tag sei, weil er seinen Arbeitsplatz gerettet habe. „Ebay hat gestern unseren Account geschlossen. Aber irgendwie haben wir das alles wieder hingebogen.“ – „Wer sie anspricht“, macht Phil unbeirrt weiter, „dem zahle ich ein Bier.“ – „Ich mach´s auch ohne Bier“, sagt Vlada, ein Kumpel aus Bern, der in Berlin eine Wohnung sucht. „Du bist ein Schönling. Wenn du sie ansprichst, dann ist sie für uns alle verloren. Da muss ein Dilettant her.“ – „Stimmt. Wenn du sie ansprichst, dann wähle ich Sarkozy“ – „Was bitteschön hat Sarko mit dem Mädchen zu tun?“ – „Nichts“, Phil lacht und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. „Sarko ist ein Arschloch“, sagt Julien, „wenn er Präsident wird, gibt´s in Frankreich einen Bürgerkrieg.“ Ich nicke und denke daran, dass Lisa sich fragt, warum in deutschen Blogs nur selten subjektiv über Politik geschrieben wird. In Frankreich wird in Blogs fast immer über Politik geschrieben und das Sujet lautet in beinahe allen Fällen TSS – Tout Sauf Sarkozy. Oder mit anderen Worten: wählt Segolene. Ich mag Segolene nicht. Ich mag auch Sarkozy nicht. Und ich darf nicht wählen, weil ich kein Franzose bin. Vielleicht schreibe ich deshalb nicht über die Politik, aber umso mehr über die Abendsonne in Berlin, den entrückt wirkenden, leeren Flughafen in Basel oder über die unnahbar schönen Mädchen vom Limmatquai. Weil die Politik in diesem Augenblik trotz allem sehr weit weg ist.

„Heute hat Bayrou seine neue Zentrumspartei gegründet“, sagt Phil jetzt, ruft „Vive le Parti democratique“, hebt sein Bierglas und ein paar Tropfen fallen klatschend auf den hell lackierten Holztisch. „Vive le PD“, ruft Julien lachend und zieht die Buchstaben in die Länge pédé. Will heissen: schwul! Das hübsche Mädchen in dem roten Kleid hat uns aber immer noch nicht bemerkt oder tut nicht dergleichen oder interessiert sich sowieso nicht für uns und ist in den Gedanken irgendwo, bei ihrem Freund oder Ehemann oder einfach nur ganz weit weg, an einem fernen Ort, wo es statt Kiefern Palmen gibt und leuchtende Drinks mit kleinen Sonnenschirmchen im Glas. Aber das ist uns egal, denn es geht uns gut.

Charité

Thursday, April 12th, 2007

Im Viertelfinale der Champions League spielt Manchester United die AS Roma an die Wand. Nach rund vierzig Minuten steht es 4:0; es handelt sich um eine hymnische Demonstration des modernen, britischen Fußballs, zelebriert von Spielern aus aller Welt. Christiano Ronaldo, dieses hochtalentierte aber ebenso selbstverliebte Weichei liefert das Spiel seines Lebens und die Jungs im Dr. Pong klatschen in die Hände und brüllen vor Freude die fleckenübersähte Wand an, auf die der Projektor ein müdes Bild wirft. Die Leute im Dr. Pong sind alle für Manchester, keiner mag die Italiener, denn die Italiener, so sagen sie, sind alles bloß korrupte Simulanten, die in verrotteten Stadien voller prügelnder Tifosi dramatisch zu Boden gehen und ihre ermauerten Siege stets gestohlen und ermogelt haben. Na ja. Dann fängt die zweite Halbzeit an und die roten und weißen Blitze vor meinen Augen fangen wieder an zu zucken. „Great, fuckin´ great“, ruft irgendwer nach Christiano Ronaldos zweitem Tor, aber ich kann nicht hinsehen, weil mir schwindlig ist. Verdammt, mein Kopf, sage ich zu mir selbst und vergrabe mein Gesicht in beide Hände, als mir Lucy ein Bier hinhält. Ich betrachte die Wassertropfen am grünen Flaschenhals und schüttle den Kopf. „Ich kann nicht, nicht mehr.“ Dann schießt Manchester das 6:0 und Lucys überraschter Gesichtausdruck wird von einer Welle der Begeisterung weggeschwemmt. Ich schließe die Augen.

Das Spiel endet 7:1 und Phil hat jetzt seine Hand auf meine Schulter gelegt. „Du siehst richtig schlecht aus“, sagt er und fragt, ob ich nicht lieber nach Hause gehen wollte. Ich nicke nur, denn nach Reden ist mir nicht zumute, in meinem Kopf schlagen lauter böse, kleine Männchen mit Vorschlaghammern auf die Synapsen ein, draußen wird das Pochen immer heftiger und auf der Eberswalderstrasse, Ecke Schönhauser stolpere ich über den Hinterreifen eines abgestellten Fahrrades. „Ach du Scheisse“, sagt Phil und nimmt meinen Arm. „Ich hoffe das ist nix schlimmes“, lalle ich in meiner Benommenheit. „Ach nee, wird schon“ – „Weiß nicht, wegen dem Blutdruck, mein Opa ist an einem Hirnschlag gestorben.“ – „Dein Opa war über Siebzig, das ist was völlig anderes“, Phil schließt die Haustüre auf, oben falle ich auf mein Bett und starre die Wand an, weiße Flecken tanzen auf meiner Netzhaut herum, ich kann nicht hören, was die Leute um mich rum sagen, nur sehen, aber nein, sehen kann ich auch nicht mehr richtig dann ist Phils Stimme ganz weit weg, er sagt etwas von „Köpfchen“ und wenig später schiebt er mich auf die Rückbank eines Taxis. Ich sage „Charité“, der Wagen fährt an und ich lege meine Stirn an die Scheibe des Seitenfensters, die angenehm kühl ist. Draußen fliegt die steinerne Herrlichkeit von Berlin – Mitte vorbei, aber alles was ich sehe, ist das blaue Licht des Hamburger Bahnhofs.

In der Notaufnahme in der Charité lassen sie mich ein paar Stunden warten, gemeinsam mit ein paar anderen Leuten sitze ich da, in einer freudlosen Umgebung aus Kirchgemeindehaus-Möbeln und Neonröhren und schlage die Zeit tot. Ein Berliner Junge bringt einer französischen Austauschstudentin deutsche Sprichworte bei und sagt irgendwann, „ich komm aus ´em Wedding“, als ein Türke mit zerschundenem Gesicht dazwischen geht, sein Mobiltelefon zückt und es der Französin vor die Nase hält. „Das ist mein Sohn, mein dreijähriger Sohn, der liegt da drinnen“. Er sagt immer wieder „Mein Sohn, mein Sohn“ und die Französin sagt gar nichts, sie guckt nur weg, aber was soll man in so einer Situation auch anderes tun. Es ist alles zu wirr, zu bitter, zu traurig. Ich stütze meinen Kopf auf, drücke die Finger in meine Schläfe, und hoffe, dass der Türke nicht zu mir rüber kommt, denn zur Anteilnahme würde mir jegliche Kraft fehlen, aber jetzt kommt ein anderer Türke, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach draußen. Ich sitze dann eine Ewigkeit da, bis mich schließlich eine Krankenschwester abholt. Sie ist rund, hat schwarze Haare und jagt mir eine Nadel in die Armbeuge. „Aus welcher Ecke kommen sie?“, fragt sie, während mein Blut in ein Plastikröhrchen fließt. Ich sage ihr, dass ich aus der Schweiz stamme und sie sagt, dass die dort Freunde hätte. „Kollegen. Leute, die es geschafft haben von hier wegzugehen.“

Daraufhin schraubt sie das Röhrchen ab, zieht die Nadel aus meiner Haut, steckt einen Plastikschlauch rein und verschwindet. Ich sitze da, mit meiner Kanüle im Arm und warte. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr Morgens kommt dann eine Neurologin und lässt mich Bewegungsübungen machen. Ich muss die Arme heben, auf einem Bein durch die Gegend hüpfen und mit meinen Augen einem Wattestäbchen folgen, mit dem die Neurologin vor meinem Gesicht rumwedelt. Die Neurologin ist klein und blond und trägt eine Brille. Sie sieht aus wie eines dieser braven, unscheinbaren Mädchen, die wir damals in der Primarschule immer aufgezogen haben und ich frage mich, ob sie einen Freund hat, ob sie glücklich ist, ob sie abends weggeht, ob sie dann zerrissene Strümpfe anzieht, Drogen nimmt und Alkohol trinkt. „Ihr Blutwerte sind in Ordnung“, sagt die Neurologin jetzt, „ihre Koordination auch. Sie leiden ganz einfach nur unter Spannungskopfschmerzen. Zu viel Stress, das Gehirn kann nicht mehr abschalten. So was geht vorüber.“ Sie klappt die grüne Mappe mit meinen Resultaten zu und lächelt mich an. „Ruhen sie sich aus. Und trinken sie weniger.“

Zwei Stunden später wache ich mit einem steifen Nacken auf, ich bin immer noch in dieser verdammten Charité. „Die haben mich vergessen, die Deppen“, sage ich halblaut und trete in den Korridor. Eine Putzfrau in einem dunkelblauen Kittel schiebt einen Reinigungswagen vor sich her, sie nickt zu Begrüßung und fängt an, den Boden aufzunehmen. Ich taste nach meinem Unterarm und fühle ein Stück Plastik. Die Kanüle steckt immer noch in meiner Haut, das Blut rund um die Einstichstelle ist inzwischen geronnen. Ich zerre daran, und mein Arm schmerzt, als ein Pfleger mit Glatze und gezwirbeltem Bart in den Raum tritt. Sicher so ein Zivi, denke ich. „So, ihre Papiere und was gegen´s aua-aua“, sagt er und wirft ein paar zusammengefaltete Zettel sowie zwei Schmerztabletten neben mich auf die Liege. Dann zieht er mir mit einer schnellen Bewegung den Schlauch aus dem Arm, hält ihn hoch, sieht mich an und fragt: „Oder wollten sie den für ´ne Drogeninfusion noch drinnen lassen?“ Ich lache nur ein bisschen, zu mehr reicht es nicht.

Der Himmel über Berlin ist dunkelblau, und als ich durch die Chausseestrasse gehe, kommt mir kein Mensch entgegen. In einer Bar an der Ecke Zinnowitzer trinke ich eine Tasse Kaffee. Das Mädchen hinter dem Tresen hat dunkle Haare und blaue Augen. „Auf dem Weg zur Arbeit?“, fragt sie. Ich verneine und sage ihr, dass ich aus dem Spital komme. „Ach Gott, dann wünsche ich ihnen gute Besserung.“ Ich betrachte sie und finde, dass mir seit längerer Zeit niemand mehr so etwas Schönes gesagt hat. Darum sage ich „Danke, das ist lieb von ihnen“, zu ihr. Sie lächelt und ich denke, dass ich am allerliebsten mit ihr weggehen würde. Irgendwohin, wo es schön ist. Aber es ist sieben Uhr Morgens an einem ganz gewöhnlichen Tag im April, Manchester hat Roma mit 7:1 fertiggemacht und ich komme aus der Charité. Draußen geht die Sonne auf und die Romantik schwindet mit dem Tageslicht. Ich zahle, verabschiede mich und fahre mit der Straßenbahn nach Hause.

Nathalie Portman Sings The Blues

Sunday, February 18th, 2007

Es ist Sonntagabend im Privatclub, irgendwo in Kreuzberg und vorne auf der Bühne, vor der silbern glitzernden Wand, spielt eine schwedische Frauenband melancholischen Pop. Die Schlagzeugerin sagt kurz „Hallo“ und ich finde, dass sie aussieht wie Nathalie Portman. Die Leute trinken Flensburger und ich ziehe den mit Gummi unterlegten Porzellanpropfen vom Hals meiner Flasche. Das macht erst plop, dann tritt etwas Schaum aus. Julien fasst seine schwedische Freundin um die Hüfte und sagt, ihm ginge es gut. Ich nicke, trinke Bier und sehe mich um: der Raum hier ist dunkel und warm, das Licht so rot wie in einem Puff und die Mädchen hinter der Bar von beinahe tragischer Schönheit. Wenn die Band nicht spielt, feuern die Lautsprecher Salven von traurigen Balladen ab, Lieder von gebrochenen Männern mit Gitarren. Und Where is my mind von den Pixies.

Ich bin erst am frühen Abend aufgestanden, meine innere Uhr ist vernichtet und wenn ich meine Hand gerade halte, fängt sie an zu zittern. Ich habe die letzten Tage in einer Zwischenwelt verbracht, in der es keine klar umrandeten Dinge gab, die man voneinander unterscheiden hätte können. Stattdessen sah ich verwischte Körper von weitem, die sich zum harten Pulsschlag der Musik hin und her bewegten, aus fleckigen Wasserflaschen gierig tranken und mit euphorisiertem Blick zum Klo stolperten. Ich wusste nicht ob Morgen oder Abend war, ob Sommer oder Winter. Die Welt um mich herum war versunken, Atomkriege hätten stattfinden können, ohne dass ich davon irgendetwas mitgekriegt hätte, denn da war bloss der metallerne Bass, der uns alle vorwärts trieb, immer weiter, weiter, weiter.

„Wenn du jemanden berührst, dann glaubst du zu sterben, so schön ist das“, sagte mir PF ins Ohr, ich legte daraufhin meine Hand an die Wange eines schwedischen Mädchens mit dunklem Haar und bekam eine Art Stromschlag, der mich zurück warf und eine Weile lang entrückt lächeln liess. Ich sah die Leute um mich herum in Pastellfarben und empfand die Welt im Allgemeinen als einen sehr schönen und beruhigenden Ort. Alle Menschen waren unglaublich nett und einfühlsam zueinander, sie gaben sich die Hände und lächelten einander vor lauter Glückseligkeit gegenseitig an. Später blendete mich dann die Sonne, weisses Licht, dass vom Himmel fiel und mir die Augen verbrannte. Ich sah nur noch schemenhafte Umrisse, Leute, die vorwärts stolperten, quer durch eine stille Industriezone irgendwo im Osten der Stadt, raus auf die Strasse, wo nur vereinzelte Autos unterwegs waren, lautlos und schnell wie Raumschiffe.

Die Band hat aufgehört zu spielen. „Die Mädchen in Kreuzberg sind schön“, sagt Julien. „Wir könnten vermehrt hier her kommen.“ - „Ja“, mache ich und sehe den Leuten nach, die an mir vorbei nach draussen gehen. Die Schlagzeugerin sagt „Adieu“, ich finde wirklich, dass sie wie Natalie Portman aussieht. „Lass uns gehen“, meint Julien „Wir können ja noch im Zu Mir oder Zu Dir einen White Russian trinken“. Wenig später sitze ich auf der Rückbank eines Mercedes, der rauschend durch matschige Strassen voller Schnee, Regen und Eis fährt. Der Winter in Berlin ist vorüber, ehe er überhaupt richtig angefangen hat. „Von welcher Party redet der Typ“ fragt Julien jetzt, ich weiss erst gar nicht was er meint, ehe ich den Taxifahrer bemerke, der dauernd am Telefon hängt und den Wagen nur mit einer Hand quer durch Friedrichshain steuert. „Ich hab’ keine Ahnung wo die Party ist, aber offenbar sind da verdammt viele Leute, die weggehen wollen“, höre ich ihn sagen. Dann dreht er sich kurz um, grinst und sagt „Berlinale. Jeden Abend was los.” Ich nicke, mehr nicht. Die Berlinale ist für mich sehr weit weg. Dann denke ich daran, dass ich Natalie Portman gesehen habe und das macht mich auf eine glückliche Art traurig. Denn die Schönheit birgt auch immer etwas Hoffnung in sich.
Nathalie Portman sings the blues, sage ich leise, aber weder Julien, noch der Taxifahrer haben mich gehört. Stattdessen schaltet letzterer jetzt das Autoradio an. Es spielen: die Pixies, mit Where is my mind.