Archive for the ‘wege zum ruhm’ Category

Wer hat Angst vor Beischlafgeräuschen?

Tuesday, January 16th, 2007

Als Olivier anfängt, von seinem Kumpel Leonard zu erzählen, der Prostituierte stets nur für ihren Geruch bezahlt, sagt ihm Julien, er solle verdammt nochmal den Mund halten. „Du bist widerlich Shela. Wir sind am Essen.“ Weshalb die beiden sich gegenseitig Shela nennen, habe ich nie begriffen, es muss sich dabei wohl um ein Stück frankophonen Humor handeln, der für Aussenstehende einfach nicht zu begreifen ist. Olivier – oder eben in diesem Fall Shela - hat einen Tisch in diesem kleinen aber vorzüglichen Restaurant in Mitte reserviert. Wir sitzen also da zwischen lauter Bobos, schwulen Künstlern und Typen mit roten Schals und bestellen Fielet de Dinde. Die beiden kanadischen Backpacker, die wir auf eine Internetannonce hin bei uns aufgenommen haben, hocken daneben, trinken Cola und schweigen. „Die gehen mir auf den Sack. Die trinken ja nicht einmal Alkohol“, hatte Julien bereits geraunt, als wir auf der Rückbank eines Taxis beinahe lautlos durch das nächtliche Berlin glitten. „Abgesehen davon würde ich das Mädchen nicht einmal mit deinem anfassen.“ Inzwischen hat sich seine Abneigung gegen die Gäste sogar noch verstärkt. Er fährt mit der Gabel ins Putenfleisch, hält dann inne und schaut mich prüfend an: „Die müssen raus!“, sagt er. „Egal wie.“

„Weshalb hast du die eingeladen?“ – „Ich konnte ja nicht wissen, dass die so dröge sind.“ – „Die sind nicht nur dröge, die sind regelrecht mühsam. Ich kann Leute nicht ausstehen die in der Gegend rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt. Das nächste Mal guck ich mir vorher die Fotos an. Ich will sexy Schwedinnen!“ Julien trinkt Wernesgrüner, ich Becks, Dave entlässt den Rauch in kleinen, beinahe runden Wolken und vorne auf der winzigen Bühne spielt eine wirre Funk-Band. Es ist ein ganz normaler Donnerstag Abend in Berlin und ich frage mich, ob ich mich morgen nicht einfach krank melden soll. Neben mir steht dieses Mädchen, sie trägt einen weissen Mantel mit Fellkragen und hohe Absätze, spricht ein raues Englisch und zieht mit beinahe vulgärer Affektiertheit an einer Zigarette. Sie sagt, sie komme aus Jerusalem und als ich ihr erzähle, dass mein Onkel in der Nähe von Tel Aviv wohnt, verzieht sie keine Miene, spielt alles kühl runter und gibt sich schlagfertig und hart. Ich sage nichts. Eigentlich ist sie nicht einmal hübsch, denke ich und sehe Olivier zu, der vor der Bühne steht und zum Takt der Musik mit den Hüften wippt. „Ich will ins Berghain“, höre ich Julien rufen und schüttle den Kopf, als er auffordernd in meine Richtung zeigt.

Ich war letztes Wochenende im Berghain gewesen, hatte mich zwischen all den weggetretenen Fuck-Ups gegen den Lärm der infernalisch stampfenden Bässe gestellt, völlig deplaziert, in Zweireihermantel, Schal und Hugo-Boss- Handschuhen und einem Glas Gin-Tonic in der Hand. PF war eingeschlafen und Julien steckte einem Mädchen Namens Anne die Zunge in den Hals. Später hatte sie dann bei ihm übernachtet und die Nacht darauf gleich nochmal, während ich über Jay McInery’s letztem Roman in eine Totenstarre verfiel. Nein ich will nicht ins Berghain, denke ich jetzt, wenn schon ins Rodeo, diese Mischung aus Zisterne und Edelclub, wo wir zu Beginn des Abends gewesen waren und ich in bedingt zurechnungsfähigem Zustand einem Typ auf die Füsse trat, dessen Gesicht ich kannte. Ich wusste nur nicht woher. Offenbar so ein Tischtennis-Assi aus dem Dr Pong. Ich war trotzdem nett, entschuldigte mich und fragte ob alles okay sei. – „Ist gut, nee lass schon, ist gut“ – „Na dann, bis später“ Der andere nickte, ich ging und ein blondes Mädchen mit Korkenzieherlocken sagte halblaut: „Guck mal, Daniel Brühl ist auch da.“

„Lass uns abhauen“ – „Wohin?“ – „Wohin wohl?“ – „Nein. Nicht ins Pong. Nicht heute.“ – „Hast du eine bessere Idee?“ – „Nein hab ich nicht.“ – „Eben“, Julien dreht sich weg und ich stehe immer noch bei dem Mädchen aus Israel, ich merke wie sie zutraulicher wird, ihr Eis schmilzt, sie fragt was wir jetzt machen, ich sage, ich hätte keine Ahnung, sie sagt: „Na dann“ und „ich habe gerade eben mit meinem Freund Schluss gemacht.“ Ich weiss, ich sollte jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas nettes, empathisches, intimes, doch stattdessen verabschiede ich mich und gehe nach draussen, wo die anderen warten. Später stehen wir im Dr Pong, die verdammten Kanadier sind immer noch dabei, unsicher lächelnd wie Saalgäste in einer Fernsehshow, die man zu ihrer eigenen Überraschung auf die Bühne gebeten hat. „Ich könnte eine schwule Orgie im Wohnzimmer arrangieren“, sagt Dave, „dann wären die ruck-zuck weg“ – „Mach das!“, finde ich, aber Dave schüttelt den Kopf, „Ich kann mich in einer der Bars nicht mehr blicken lassen.“ Dann erzählt er eine wirre Geschichte von zwei Typen, die sich wegen ihm geprügelt hatten. „Ein Pärchen. Ich hab mit einem der Beiden rumgemacht, da ist der andere durchgedreht und mein Typ hat ihm schliesslich eins auf die Fresse gegeben. So richtig reingehauen hat er. Ich stand daneben und rauchte eine Zigarette. Mir war das alles völlig wurscht.“ Er macht eine Pause. „Wir sollten vielleicht weniger trinken“, sagt er dann. „Das macht uns alle fertig.“

Ich werde auch heute nicht früh nach Hause gehen. Ich werde wie immer Lübzer trinken, Blondie hören und den Leuten rund um mich beim Leben zuschauen. Manchmal habe ich das Gefühl, sehr, sehr weit weg zu sein. Ich sehe mich dann auf einer unbewaldeten Anhöhe unter einem grauen Winterhimmel voller Hochnebel, wie er sich jeweils in den kalten Monaten über das schweizerische Mittelland legt. Ich habe meine Zigaretten und eine kleine Flasche Jägermeister mit dabei. Davon trinke ich sobald es kalt und dunkel wird. Denn am Ende wird es immer kälter, weil alles Leben in mir erlischt, denke ich und bin mit einem Mal sehr müde. „Was machen wir jetzt mit den Kanadiern?“, höre ich Dave fragen und schüttle instinktiv den Kopf. „Keine Ahnung“, sage ich, sehe Julien, er sitzt an der Bar und spricht mit einem blonden Mädchen aus Schweden und ich weiss genau, was ich zu tun habe. Ich gehe rüber, tippe ihm auf die Schulter, er dreht sich um, schaut mich fragend an, ich sage: „Julien, du musst mit diesem Mädchen schlafen. Und zwar so laut, dass die beiden Kanadier die ganze Nacht kein Auge zu tun und morgen früh komplett entnervt abhauen.“ Julien nickt, dann fängt er an zu grinsen. „Okay“, sagt er, „ich kümmere mich darum.“ Später nimmt er das Mädchen mit nach Hause, treibt es mit ihr die ganze Nacht hindurch, geht am Freitag nicht zur Arbeit und schiebt sogar sein Bett näher an die Zwischentüre, die sein Zimmer vom Wohnzimmer trennt, wo die Kanadier auf der Couch schlafen. Das sei eine noble und selbstlose Geste, findet er nachher. „Ich habe mich regelrecht aufgeopfert.“ Das mag sein. Nur: die Kanadier sind trotzdem dageblieben.

Champagne Supernova

Thursday, January 4th, 2007

An dem Tag nach dem Tag, an dem Saddam Hussein gehängt worden war, ist das Wetter mild und ich stehe vor dem Dr. Pong und rauche eine Zigarette. Ich komme von dem verdammten Ort nicht mehr los, denke ich. Gestern Abend saß ich bis fünf Uhr früh am Tresen und sprach mit Lorenzo über Gott und die Welt. Lorenzo wohnt in Genf, promoviert in Neurobiologie und weiß daher über Dinge Bescheid von denen ich nicht einmal ahne, dass sie existieren. Trotzdem scheint er nicht ganz glücklich zu sein. „Ich sehe Typen, die sind gleich alt wie ich, aber verdienen das Zehnfache, verdammt“, sagte er irgendwann. Nicht dass es darauf ankäme – „aber so ein bisschen Geld wäre schon nicht schlecht. Schließlich bin ich jetzt Dreißig und für ein Billigstudentenleben langsam zu alt“.  – „Tja, wir sind offenbar zum Ausgeben geboren“, gab ich zurück, „aber das trifft sich im Grunde genommen ja ganz gut. Schließlich hat die Generation unserer Eltern ja eine ganz schöne Menge angehäuft. Das muss auch wer verpulvern.“ Lorenzo fand das gut und gab eine Runde aus und gleich nachher noch eine. Ich habe dann gerade mal  drei Stündchen geschlafen und mich um acht mit pochender Stirn aus dem Bett geschält um nach Potsdam zur Arbeit zu fahren. Für monatlich knapp tausend Euro, notabene. Soviel zum Thema Geld.

Ich trete die erloschene Zigarette in den Teer und gehe nach drinnen. Julien erzählt so eine verworrene Geschichte über drei Mädchen, die er offenbar alle im Visier hatte und erklärt, dass er zwei davon verloren hat – darunter auch seine hin-und-wieder-beinahe-so-etwas-wie-Teilzeitfreundin Mira. „Die hat mich an Silvester mit dieser Französin gesehen. Deshalb ist sie jetzt richtig sauer“ , sagt er. „Kein Wunder“, finde ich. – „Ja, aber ich muss aus diesem Grund woanders einen Unterschlupf finden, für all die kalten Wintertage. Das ist aufwendig und nervt.“ – „Der Winter ist überhaupt nicht kalt“ – „Na und? Für mich ist er kalt genug.“ Ich frage ihn, wo Lorenzo ist und er sagt, er wisse es nicht genau, aber womöglich sei er mit Dave unterwegs, der wiederum mit Rico, Martina und ihrem Freund Nicolas auf Sightseeing Tour gegangen sei. „Aha“, sage ich, und überlege ob ich gehen soll. Am Tischtennistisch machen die üblichen Nerds mit ihren selbst mitgebrachten High-End Schlägern gerade ein paar französische Touristen fertig, am Kicker kleben die ganze Zeit zwei Amis in Baggypants und überhaupt: ich habe kaum geschlafen und den ganzen Tag gearbeitet. Ich bereite mich innerlich auf einen stillen Abgang vor und stelle meine leere Lübzer-Flasche auf den DJ-Tisch. Dann sehe ich Dave und die anderen.

Dave sieht aus, als habe er ein Massaker gesehen. Er kommt auf mich zu, gibt mir die Hand und sagt mit stoischer Ruhe: „Du, ich war im Casino am Potsdamer Platz und hab an so einem Automaten 2´500 Euro gewonnen“. Dann geht er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, rüber zur Bar. „Das gibt es doch nicht“, sagt Lorenzo, der jetzt in seiner Daunenjacke vor mir steht. „Ich mein, die andern verlochen fast hundert Euro in den Automaten und gehen leer aus, während er das Ding mit weniger als einem Fünfziger knackt.“ Dave hatte immer Glück im Spiel, denke ich. Als er achtzehn war, hat bei einem Wettbewerb des schweizerischen Nachrichtenmagazins Facts mitgemacht und prompt einen Gutschein für hundert CD´s gewonnen. Hundert CD´s. Und jetzt 2´500 Euro. Gibt es ausgleichende Gerechtigkeit? Ich glaube nicht. Ich glaube, die Welt ist ein zutiefst unegalitärer Ort und diese ungleiche Verteilung der Gewichte ein unabänderbarer Fakt – Sozialismus hin oder her. „Dafür habe ich Pech in der Liebe“, sagt Dave, der jetzt neben uns steht. „Na und. Wir auch“, rufen Lorenzo und ich beinahe gleichzeitig und realisieren, dass sich unter dem hohlen Mantel der Floskel ein spitzer kleiner Schmerz verbirgt. „Allez hop, Champagner“, höre ich Julien rufen, der offenbar seine Ennuis mit der Damenwelt vorläufig zur Seite gelegt hat, bevor David mit erhobener Hand gleich nachdoppelt.

Wir trinken an diesem Abend ungefähr fünfzehn Flaschen Rotkäppchen – Sekt. Wir fluten das Pong regelrecht mit dem Zeug. Nach ein paar Stunden stellt sich dann auch diese Schaumwein-Trunkenheit ein, die eine leichte und fröhliche ist und dich sorglos werden lässt. Wir liegen uns in den Armen und feiern uns selbst, Martina schlägt halb im Scherz vor, wir sollten und alle lieben und ich verschütte eine halbe Flasche Sekt über das DJ-Pult. Julien ist torkelnd verschwunden und als wir gegen fünf Uhr früh den Heimweg antreten, kann keiner mehr laufen. Als ich dann am nächsten Morgen langsam aus den Tiefen eines bleiernen Schlafes auftauche, stelle ich fest, dass Martina und ihr Freund ihren Rückflug in die Schweiz verpasst und erst nach einer dreistündigen, trunkenen Odyssee den Flughafen gefunden haben, Julien auf die dumme Idee kam, um vier Uhr früh in besinnungslosem Zustand bei Mira vorbeizugehen um zu reparieren, was sowieso nicht mehr zu reparieren war und ich schon wieder einen meiner Mäntel verloren habe. Eigentlich, denke ich in diesem Augenblick, haftet mir das Pech irgendwie an. „Immer geht irgendetwas schief.“ Normalerweise hätte ich mich jetzt grün und blau geärgert. Aber irgendwie bringe ich die Kraft dazu nicht auf. Vielleicht ist mir das alles gleichgültig. Vielleicht stört es mich nicht. Vielleicht bin ich in diesem Moment zufrieden. Oder zumindest so nah dran wie noch nie. Und vielleicht gibt es sie doch, die Gerechtigkeit. Zumindest ein bisschen. Denn als ich spät am Abend von einem Dinner bei Phil und Lucy nach Hause komme und mir in der Küche etwas Wodka hole, finde ich meinen Mantel. Er lag im Eisfach.

One Night At Dr. Pong

Tuesday, January 2nd, 2007

Ich traf Julien an einer Silvesterparty in Paris. 2003 oder 2004 muss das gewesen sein. Wir saßen in Phils Wohnung, tranken Champagner, hörten „Cigarettes & Alcohol“ und nahmen alle möglichen Drogen, während im Hintergrund Paris Hiltons Betthüpfervideo lief. Irgendwann zerrte mich Julien in ein Pub auf den Champs Elysees, ich trank viel zu viel Pina Colada und ließ mich am Ende der Nacht stilgerecht zum Taxi tragen. Ich lebte damals in Schottland und befand mich eigentlich in einem konstanten Dämmerzustand, aber das war trotzdem zuviel. Am darauffolgenden Tag machte ich daher kurzen Prozess, fuhr zerknittert nach Orly, nahm den nächsten Flug zurück in die Schweiz, bestellte Martini mit Eis und fragte mich wie um Himmels Willen ich am Abend zuvor bloß nach Hause gekommen war. Später erfuhr ich, dass es Julien gewesen war, der mir die Taxifahrt spendiert hatte und ich beschloss, ihm dafür ewig dankbar zu sein. Er hatte zwar nicht gerade mein Leben gerettet, mir jedoch eine Menge Ärger erspart. Die Distanz Champs – Montparnasse war nämlich durch meine fortgeschrittene Trunkenheit alles andere als kürzer geworden. Und wenn dir in solch einer Situation ein quasi Unbekannter zehn Euro in die Hand drückt und dem schlecht gelaunten Taxifahrer auch noch sagt wo´s langgeht, dann ist das mehr als nur eine freundliche Geste. Vielleicht sind es genau diese Kleinigkeiten, die Freundschaften entstehen lassen, denke ich und hole Julien ein Lübzer aus dem Kühlschrank hinter der Bar.

Jetzt ist wieder Silvester und Julien mimt den Rausschmeißer im Dr. Pong. Er hockt in seinem Gucci-Blazer am Eingang und lässt Freunde und hübsche Mädels umsonst rein. Als ich ihn ablöse, mache ich dasselbe und weil eigentlich nur Freunde und hübsche Mädels da sind, stehen wir kurz nach zwölf immer noch mit beinahe leeren Kassen da. „Das macht nix, das wird schon noch“, sagt Phil, der mit Kotletten, Afrofrisur, Ray Ban und Pornobalken aussieht wie ein Wiedergänger der vor Virilität bebenden Blaxploation -  Ikone Richard Roundtree. Er hat recht. Um drei Uhr Morgens ist der Laden voll, Bonaparte legt auf und die Leute lassen sich ziemlich gehen. Julien ist mit einem Mädchen aus Frankreich beschäftigt. „Sie ist zu Beginn der Feier auf mich zugekommen und hat gesagt, dass sie heute Nacht mit mir verbringen wird“, sagt er und küsst sie auf den Mund. Die Menschen scheinen aufgelöst an Silvester, es ist als ob sämtliche fest zementierten Lebensentwürfe plötzlich auseinanderbrechen und einen beinahe animalischen Kern freilegen. Der Rousseausche Mensch im Urzustand – wenigstens für eine Nacht im Jahr. Lichterfäden fallen vom Nachthimmel und der beißende Rauch der Knallpetarden hängt in den nassen Strassen. Draußen drehen selbst die größten Spießer völlig durch und schütten einander süßen Champagnerersatz über die Fred Perry-Klamotten. Ich habe Silvester eigentlich nie gemocht, denke ich und bin froh im Pong zu sein. Das Pong ist schließlich eine Konstante in meinem Leben und an einem Abend wie diesem, an dem sich sogar Soziopathen lachend in den Armen liegen, habe ich eine solche Konstante nötiger denn je. Ich stehe also zwischen den nackten Betonwänden, der Bar aus Restholz und warmen Farbflächen einer Lichtinstallation, trinke Rötkäppchensekt und sehe den Leuten beim Durchdrehen zu.

Dort wo normalerweise der Ping-Pong-Tisch steht, ist Phil am Tanzen. Régis – seines Zeichens Verleger und Phils Chef – geht mit dem Gitarristen der französischen Popband Louise Attaque an der Bar unter, an Daves Arm hängt eine sturzbetrunkene Schwedin mit rotem Lippenstift, Clothilde, die – ihre blaue Federboa miteingeschlossen – allerhöchstens drei Kleidungsstücke am Leib trägt, verschwindet mit irgendeinem Typen im Damenklo und selbst Rico und Sabrina, die in solchen Belangen normalerweise eine unterkühltere Herangehensweise an den Tag legen, sitzen Händchenhaltend auf dem Sofa. Das Dr. Pong ist Pissoir und Ballsaal zugleich, der Abend dreht sich um mich herum, ich befinde mich offenbar im Auge eines Orkans, der keinen Stein auf dem andern lässt und uns alle in eine parallele Realität katapultiert: Landunter der Himmel, kieloben die Welt. Später liege ich auf einem der Sofas und habe eine Art semitransparenten Film über den Augen. Ein Mädchen versucht, mich auf den Mund zu küssen, aber ich halte meine Lippen geschlossen. Ich will keine körperliche Nähe, die Möglichkeit eines One-Night-Stand lässt mich vollkommen kalt. Stattdessen denke ich an eine leicht gewellte, leere Voralpenlandschaft, an ein paar erholsame Tage, irgendwo in der Provinz. Offenbar suche ich ein wenig Stabilität – was angesichts des brodelnden Chaos in meinem Magen durchaus verständlich ist. „Du bist ein bisschen unmotiviert“, sagt sie. Ich gebe keine richtige Antwort und mache stattdessen nur die Augen zu. Schließlich küsst sie Lorenzo, einen Freund aus Genf. „You know, sometimes we all need some affection“, höre ich sie sagen, dann kippe ich weg.

Als ich wieder zu mir komme, sind die meisten meiner Freunde bereits nach Hause gegangen. Ich stolpere durch die Strassen, die im fahlen Morgenlicht erbärmlich wirken. Überall liegt Müll rum, – zerbrochene Flaschen, zerschossene Petarden – und selbst die Hausfassaden an der Schönhauserallee sehen mit einem Mal furchtbar ältlich aus. Vor meiner Haustüre stehen Lorenzo und das Mädchen, eng umschlungen. Ich schließe auf, sie kommen mit hoch und verschwinden sofort in der Küche. Ich lege mich in den Kleidern aufs Bett. Im Dämmerlicht des Tages, das durch die Vorhänge in das Innere meines Zimmers dringt, verspüre ich das eigenartige Bedürfnis, etwas Gutes zu tun. Ich habe so eine Art philantrophischen Schub, glaube ich. Vielleicht liegt das ja daran, dass heute Neujahr ist und die meisten Leute die scheinbare Unschuld des anbrechenden Jahres gerne zum Anlass nehmen, ihr Leben neu zu ordnen. Ich weiß genau, dass so ein moralischer Kraftakt innert Stunden verpufft. Darum sollte ich jetzt handeln, denke ich. Vielleicht sollte ich diesmal Julien ein Taxi bezahlen. Aber Julien ist schon lang mit einem Mädchen verschwunden und ich bin komplett betrunken. Wenig später habe ich alles vergessen. „Fuck it“, sage ich leise, „spielt alles keine Rolle“. Es war ja bloß Silvester.

Ich lebe mit angezogener Handbremse

Sunday, December 17th, 2006

Es gibt Tage, da wäre man am besten einfach im Bett geblieben und nie aufgestanden. Heute ist so einer. Ich bin am Weihnachtsfest meines Arbeitgebers und langweile mich zu Tode. So eine Firmenweihnachtsfeier ist eine furchtbare Angelegenheit: Du stehst den ganzen Abend zwischen schlecht angezogenen Leuten rum, versuchst krampfhaft Interesse zu heucheln, führst völlig Sinn- und freudlose Gespräche über ebenso unnütze wie oberflächliche Themen und betrinkst dich schliesslich gemeinsam mit Menschen, die du in deiner Freizeit eigentlich gar nie sehen willst. Alles in allem ein Abend zum Vergessen – wäre da nicht die Möglichkeit, dass sich irgendein stocksteifer Typ aus der Finanzabteilung daneben benimmt und mit einer Produktionsassistentin auf der Herrentoilette einen Quickie schiebt. Aber nicht einmal dazu kommt es. Stattdessen trinken alle Champagner oder Bier, stopfen Gänsefilet mit Klöpse in sich rein und tun so als wären sie mit ihrer Existenz rundum zufrieden. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich bei einem so genannten Medienunternehmen arbeite, einer Firma also, die im Unterhaltungsbereich tätig ist und deshalb lauter furchtbar kreative und lustige Mitarbeiter beschäftigt. Diese Leute sind das ganze Jahr über locker drauf und können es sich daher leisten, an der Jahresendesause auf die üblichen Ausschreitungen zu verzichten und sich stattdessen ganz zivilisiert gegenseitig verbale Belanglosigkeiten zu zuwerfen.

Bevor die Feier losgeht, hält jeder der Geschäftsführer eine kurze Begrüssungsansprache. Alles in allem eine Sache zum Vergessen, es fallen die übliche Worte, von wegen „wir können alle stolz sein, jeder einzelne von ihnen hat ganz Grosses geleistet“ oder „ein sehr interessantes Jahr liegt hinter uns.“ Alle klatschen wie auf Befehl in die Hände und nachher klimpert ein dicker Pianist mit Kinnbart zwei Stunden lang irgendwelche Evergreens. „Der Kerl sieht aus wie ein Spanner“, sagt Bastian. „Ja“, mache ich. „Irgendwie ein bisschen pädophil.“ Zum Essen trinke ich etwas Rotwein, bereue das aber gleich wieder, denn es handelt sich dabei um richtigen Fusel, der sich wie Dampf im Kopf ausbreitet und mir die Augenlieder nieder drückt. Ich spreche mit einer Produzentin aus meiner Abteilung, sie sagt sie verlasse die Firma um in Österreich irgendetwas neues anzufangen. „Das ist schön“, sage ich und tue so, als freue ich mich für sie. Irgendwer hat mir erzählt sie sei mehr oder weniger gegangen worden, aber ich kann ja nicht direkt nachfragen, sowas tut man nicht. Darum sitze ich bloss da und sage „aha“ und „schön“ und dann kommt ihr offenbar in den Sinn dass ich Schweizer bin und sie fängt mit Namedropping an und sagt „Ich habe Martin Suters ersten Roman in der Rohfassung gelesen, ich liebe Martin Suter“. Und Charles Lewinski. Na ja. Später sind dann ein paar von unseren Leuten etwas angetrunken. Die Chefs machen sich auf den Weg nach Hause und mit ihnen gehen auch die schlecht gelaunten Karrieristen und Wadenbeisser, die bloss zu Networkingzwecken da waren und und in mitten der sich langsam zersetzenden Ordnung steif und deplatziert wirken. Der DJ legt ein Potpourri okzidentaler Tanzmusik auf und bei Jan Delay kann jeder seine Clubtauglichkeit unter Beweis stellen. Ich gehe zurück zur Bar und trinke so lange Gin Tonic bis die Flaschen alle sind. Dann ziehe ich mich mit einem Becks auf ein leeres Sofa zurück und harre der Dinge die da kommen mögen. Doch nichts passiert. Ein Typ aus der PR-Abteilung macht sich an ein Hamburger Castingmädel ran, ohne Erfolg. Ansonsten bleiben die Skandale aus.

Um drei ist die Feier aus. An der Bar fangen sie schon an den Tresen zu putzen und draussen geht die Jagd auf die Taxis los. Ich denke an Sonja, die ihren Arbeitsplatz mir gegenüber hatte und jeden Tag bis acht Uhr abends Mädchen für alles spielte. Hin und wieder kochte sie den Produzenten sogar Kaffee. Als Dankeschön boten die ihr eine Vertragsverlängerung an. Sechs Wochen, zu schlechteren Konditionen. Begründung: du bist eh ersetzbar und wir haben besser qualifizierte Leute, die deinen Job für weniger Geld machen. Natürlich hat sie abgelehnt und sich die noch verbleibende Vertragsdauer frei genommen. Heute war demnach ihr letzter Tag. Einer der beiden Produzenten, für die sie sich einen Monat lang den Arsch aufgerissen hatte, bot ihr an, gemeinsam eine Abschiedszigarette zu rauchen, aber sie hatte die Kopfhörer ihres Ipods in den Ohren und die grosszügige Geste daher nicht mitbekommen. An die Weihnachtsfeier ist sie natürlich nicht gekommen, aber das haben die meisten sowieso nicht gemerkt. Als ich später in einem Taxi zum Senefelderplatz fahre, denke ich einen Augenblick daran, meine vorzeitige Entlassung zu provozieren. Ich wäre dann frei und könnte tun und lassen was ich wollte. Vielleicht, so geht es mir in diesem Augenblick durch den Kopf, würde dann alles besser. Hinter dem beschlagenen Seitenfensters des Mercedes gleiten die Lichter des vorweihnachtlichen Berlin vorbei. Ich wohne seit gut neun Monaten in dieser Stadt, die stets so viel verspricht. Bin ich glücklich hier? Und wenn ja, woran merke ich das? Oder war das alles nur ein ganz grosser Fehler. Später treffe ich PF an einer sterbenden Party in einem Kindergarten an der Schwedter Strasse. PF ist genauso betrunken wie ich und wir beschliessen, nach Kreuzberg zu fahren und uns dort den Rest zu geben. Auf dem Weg dorthin meint PF plötzlich, wir seien ziemlich nutzlos. „Wie meinst du das?“, will ich wissen. „Na ja“, sagt er, „Das Leben ist eine Autobahn und wir fahren mit angezogener Handbremse. Was wir tun, tun wir aus einer Mischung aus Kompromissbereitschaft, Faulheit und Resignation. Das kann es doch nicht sein“ – „Das kann es wirklich nicht sein“, sage ich und denke kurz nach. „Wir haben nur eine Möglichkeit: wir müssen ganz schnell und ohne viel Aufwand berühmt werden.“ – „Stimmt“, antwortet PF, „ich habe bloss keine Ahnung womit.“

Mein kleines Dorf am Ende der Welt

Wednesday, December 6th, 2006

Als ich in Saarbrücken ankomme, scheint die Sonne. Irgendwer hat mal gesagt, das Saarland gehöre eigentlich nicht zu Deutschland und einen Augenblick lang kann ich diese Behauptung nachvollziehen. Allez-hop sagt ein Flughafenangestellter im leuchtgelben Gilet und lacht dabei nonchalant. Über den Tarmac weht ein Hauch von Frankreich; hier könnte genauso gut Béziers sein, Lourdes oder Epinal. Eine leere, rissige Betonpiste, umgeben von Hügeln voller Buschwerk, unregelmässige Windstösse und über allem der azurblaue Himmel. Ich gehe langsam über den Teer zum Terminal. Mein Magen brennt, die Flammen zehren von der unheilvollen Mischung aus Nachbrannt und Filterkaffee und fressen sich durch meine Eingeweide. Natürlich habe ich wieder zu viel getrunken und natürlich habe ich auch deshalb wieder diese verdammten Gliederschmerzen, die sich so anfühlen, als ob jemand deine Arme und Beine mit einer mittelalterlichen Foltermaschine in die Länge zieht. Vor Monaten noch hätte ich mich genau darüber aufgeregt und mir möglicherweise geschworen, in Zukunft weniger zu trinken. Inzwischen wanke ich stumpf und besinnungslos von einem Rausch zum nächsten, ausgelaugt und dumpf, der bedingungslosen Kapitulation nahe. Und selbst diese Aussicht lässt mich höchstens noch müde lächeln.

Ich hole meinen Wagen ab und nehme die Bundesstrasse Richtung Osten. Nach rund zehn Kilometern taucht unten im Tal Blieskastel auf, wenig später dann der Ort Bierbach. Ich steuere den Wagen durch die beinahe vollkommen leeren Dorfstrassen und stelle ihn oben beim Waldeingang ab. „Hier hast du früher den Sommer verbracht“, sage ich beinahe zu mir selbst und denke an all die Dinge, die ich mit dem Geburtsort meiner Mutter verbinde: Werthers Caramelbonbons, wurmstichige Holzkommoden, Aluminiumfässer voller Karlsberger Ur-Pils, der Gong der ARD – Tagesschau, der Geruch nassen Hundefells, speckige D-Markscheine, den blassroten Früchtetee meiner Oma und die allmorgendlichen Grussbotschaften auf dem Saarfunk. Ich trete mit meinen Schuhen in den roten Sand des Parkplatzes und rauche eine Zigarette. Heute ist alles vorbei, sage ich leise und fühle mich mit einem Male furchtbar müde. Im Sommer 2001 war mein Opa gestorben und als ich damals an einem grauen, regnerischen Junitag auf die Holzkiste in der triefenden Erde des Saarpfälzer Bodens blickte, wusste ich nicht was ich sagen sollte. Dabei habe ich so viele Fragen nie gestellt. Zwei Jahre später ging dann meine Oma und das Haus an der Eckstrasse wurde wenig später verkauft. Eine Generation war verschwunden und hinterliess mich sprachlos. Wie war das eigentlich damals, im Krieg, denn ihr alle immer den Kriech genannt habt? Wenig später sitze ich wieder im Wagen, den Kopf aufs Lenkrad gelegt. Aus den Augenwinkeln kann ich den Wald sehen, der das hügelige Land bis Kirkel bedeckt. Mein Blick ist leer und meine Hände taub, ich denke an gar nichts. Nicht an meine Arbeit, die mir wie eine weites, ödes Feld erscheint, nicht an meinen zerissenen Alltag und schon gar nicht an die Zukunft. Ich glaube, wenn ich diesem Moment eine Waffe bei mir hätte, dann würde ich mich auf der Stelle erschiessen.

Irgendwann gewinne ich meine Fassung zurück, starte den Motor und schalte das Autoradio an. Den Rest des Wochenendes verbringe ich in Trance. Ich bringe mein Casting bei einem Förster in Bexbach hinter mich, gebe meinen Mietwagen am Saarbrückener Bahnhof ab und nehme den Eurocity nach Paris-Est. Während der Fahrt durch die Finsternis der ostfranzösischen Provinz schütte ich eine Flasche Jägermeister in mich rein, in Paris, wo ich Julien treffe, haue ich noch Ricard, Gin, Bier und Wodka drauf um schliesslich auf einer ausklappbaren Couch in einer winzigen Wohnung in Clichy in einen kurzen, Komaähnlichen Schlaf zu fallen. Tags darauf dann das gleiche Bild: mindestens zwei Flaschen Champagner und ein paar Drinks an einer Privatparty in einer Villa ausserhalb von Paris, wo die tiefergelegte Ex-Frau eines französischen Comedians Geburtstag feiert. Ich gehe ein paar Mal um den gigantischen Indoor-Pool und finde mich am nächsten Morgen im ersten Stock wieder, auf einem Teppich liegend. Irgendwie bringt mich Julien nach Paris und setzt mich in seiner ehemaligen Wohnung ab, aber ich schaffe es nicht, ich muss raus und treffe daher eine seiner Freundinnen, die mich am Place Bastille mit einem verbeulten, silbergrauen Peugeot abholt. Sie trägt ihre Sonnenbrille auch bei Nacht und hat offenbar zu viel Kokain geschnupft; jedenfalls rasen wir durch die engen Strassen der Pariser Innenstadt, essen im Centre Pompidou zu Nacht und haken ein paar Bars ab, um dann in ihrer Wohnung zu landen und uns völlig den Rest zu geben. Als ich am darauf folgenden Tag am Flughafen Orly auf meine Maschine nach Berlin warte, rinnt meine Nase und meine Augen sind weit offen. „Niemals“ sage ich immer wieder, „niemals kannst du in dein normales Leben zurückkehren. Vielleicht“, denke ich dann noch, „stürzt ja der verdammte Flieger ab“, verwerfe den Gedanken aber sofort wieder. Zu dumm, zu einfach, zu schwach. Stattdessen will ich zurück an die Saar. In mein kleines Dorf am Ende der Welt.

We want to be Heroes just for one Day

Monday, October 30th, 2006

Ich stehe im Foyer des Admiralspalast und trinke Moet & Chandon aus 3-Deziliter-Flaschen. Julien ist begeistert. „Hast du die Hostessen gesehen? Oh la la, die hätten sich eine Cartouche verdient. Da würde ich nie nein sagen.“ Tatsächlich sind die Hostessen bezaubernd, aber eben: das Lipgloss-Lächeln  mag noch so charmant wirken, irgendwie schwingt halt immer diese Professionalität mit. Ganz nach dem Motto: wir sind bloß deshalb so nett, weil wir dafür bezahlt werden. Ich habe meinen Mantel an der Garderobe abgegeben und trage einen Kaschmirpullover von Bally, Hosen von Daniel Hechter und italienische Herrenschuhe. Julien hat auf die Rive – Gauche – Kombination Rollkragen – unter – Armani – Blazer zurückgegriffen. Ich finde wir machen uns gut. Rundherum dreht sich das Karussell des Sehens und Gesehen – werdens immer schneller. Die Berliner B-Prominenz feiert sich selbst. Der einzige echte Star – Marilyn Manson – hat abgesagt. Dafür ist Collien da. Und Gülcan. Genau, die Frau mit der furchtbaren Stimme, die auf VIVA moderiert. Sie trägt ein bunt geschecktes Kleid und sieht aus, als hätte man sie mit Farbbomben beworfen. Julien, der in Frankreich vermutlich jeden Promi aus Artilleriefeuerdistanz erkennt, in Deutschland aber gerade mal Heidi Klum von Angela Merkel unterscheiden kann, hat sie erkannt und freut sich darüber wie ein Kind. „Gülcan, Gülcan,“ sagt er, „elle est bien“. Gülcan dreht sich um und lässt so ein ich-weiss-dass-ich-bekannt-bin – Lächeln von sich und bedient ein paar People – Journalisten mit netten Posen. „Bof“, macht Julien, „ich kenn die ja nur, weil ich hin und wieder bei dir vor dem Fernseher hocke, VIVA gucke und Joints rauche. Melissa Therieu sieht besser aus. Und was ist mit der Schweiz?“ Mit der Schweiz ist gar nichts, denke ich. Allerhöchstens Mia Aegerter. Aber die ist nicht da.

„Fashion Debut“, heißt die Veranstaltung und ist offenbar so eine Art Berliner Antwort auf Paris oder London. Nur: in London pudern sich Kate Moss und Pete Doherty die Nase. Hier sitzt Boris Beckers Ex-Freundin in der ersten Reihe und klatscht brav in die Hände, als die Modeschau anfängt. Das ist nicht nur eine andere Liga, das ist ein anderer Sport. An mir zieht das auf der Bühne gebotene Defilee ziemlich spurlos vorbei. Spindeldürre Models in sackähnlichen Kleidern und mit absurd geschminkten Gesichtern, die aussehen wie dadaistische Vogelscheuchen sind nicht mein Ding. Aber vielleicht begreife ich das alles nicht. Vielleicht bin ich zu ignorant. Oder zu betrunken. Schließlich habe ich heute Abend noch nichts gegessen und meinen Magen mit zwei Bier und ein paar Gläsern Champagner in Remmi – Demmi – Laune gebracht. Die Show dauert eine gute Stunde, danach gehen wir rüber zur Friedrichstrasse und essen Döner. „Deutschland ist ein komisches Land“, sagt Julien, „die Armen sehen aus wie Arme und die Reichen wie Arme, denen man viel Geld in die Hand gedrückt hat. Was allen abgeht, ist Stil und Klasse.“ Dann sagt er, dass dies in Frankreich völlig anders sei, da bestelle jeder Proll noch seinen Vin du midi. „Natürlich“ gebe ich zurück, „aber Frankreich ist doch im Grunde genommen ein Ständestaat mit einem gewählten Monarchen an der Spitze.“ Deutschland hingegen ist industriell geprägt. Höfische Sitten sind diesem Lande fremd, dessen letzter autokratischer Herrscher ein schnauzbärtiger Kunstmaler aus der österreichischen Provinz war, der kein Fleisch aß und Raucher hasste.

So etwas prägt dann auch das Verhalten der selbsterklärten Elite. Als wir in den Admiralspalast zurückkehren, läuft die After-Show Party. Die Leute stehen rum und betrinken sich mit Champagner, den die Angestellten in Magnum-Flaschen auf Daumen und Zeigefinger durch den Saal balancieren. Je länger der Abend dauert, desto vulgärer verhalten sich die Gäste. Ein Promiphotograf schreit Obszönitäten in eine Fernsehkamera und schmeißt sein leeres Glas hinter sich. Später am Abend wälzt er sich dann auch noch auf dem Boden. „Der darf sich so was erlauben, er ist ein Star und fotografiert für den Stern und so“, sagt Anton, ein Paparrazzi, der für die Bunte hier ist. – „Ich respektiere deine Arbeit“, sage ich ihm und merke, dass ich ebenfalls ziemlich Schieflage habe. „Danke“ sagt er und schimpft auf die ganzen Leute hier. „Alles Deppen, sag ich dir. Vorne durch tun sie so als würde sie das alles stören. In Wahrheit aber lassen sie kein Fettnäpfchen aus, um in die Klatschpresse zu kommen. Ich wette hier kannst du das Kokain von der Klobrille lecken.“ Julien kommt zu mir rüber, er ist ebenfalls betrunken. Jetzt spielen sie Wonderwall, alle Leute recken die Arme in die Höhe, Julien ist völlig euphorisiert und spricht lauter Mädchen an. Champagner ist ein wunderbares Getränk, denke ich, der perlende Rausch hebt dich sanft in höchste Höhen und trägt dich auf Samthandschuhen durch jede zerschossene Nacht. Dein Gang ist aufrecht und deine Blasiertheit für einmal nicht gespielt. Eigentlich sollte das immer so sein.

Dann kommt der tiefe Fall. Als ich nach draußen gehe um meinen Mantel abzuholen, gesteht mir die Dame an der Garderobe, dass sie ihn fälschlicherweise rausgegeben hat. In diesem Moment wird alles anders. Es ist, als ob in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wird. „Wissen sie, was für einen emotionalen Wert dieser Mantel für mich hatte“, sage ich und beiße mir in die Unterlippe. – Tut mir leid“, bedauert die Garderobenfrau und nimmt meinen Personalien auf. „Wir tun alles was wir können!“ Ich drehe mich um und die Trunkenheit wird zu Wut und ballt sich zu einer gigantischen, steinernen Faust in meinem Kopf. Ich greife nach einem leeren Champagnerglas, hebe es hoch und schleudere es mit aller Wucht gegen die Wand. Dann geht alles schnell: ich werde rausgeschmissen, der betrunkene Starfotograf schiebt mich gemeinsam mit Anton in ein Taxi, wir fahren zum Ballhaus und passieren die Eingangskontrolle ohne zu bezahlen, trinken Bier, der Starfotograf sagt „das Leben ist beschissen“ und sinkt auf dem Tresen zusammen, Julien ruft an und fragt wo ich bin, ich tanze mit irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne, Julien kommt, trinkt, macht mit einem Mädchen rum und geht wieder, ich liege draußen vor der Türe und schlafe beinahe ein, ein Mädchen weckt mich und packt mich in ein wartendes Taxi, das uns zum Weekend Club bringt, ich sage „nein“ werde aber nach oben gespült, weil eine Griechin die Schlüssel hat, die Freunde der Griechin entpuppen sich als aalglatte Kokser, der Beat des House geht auf meine Schädeldecke nieder, ich will weg, weg, sitze wieder in einem Taxi, ein blondes, sehr betrunkenes Mädel  legt ihren Kopf an meine Schulter und Kreuzberg brennt lichterloh. Das ist Rock n´Roll, Baby.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist meine Erinnerung ein weites, leeres Feld. Ich bin in Kreuzberg, in einer geräumigen Dachwohnung die einer Amerikanerin gehört. In der Küche nehme ich mir ein Glas Wasser und werfe eine halbe Dose Painkillers ein, die dort auf dem Tisch stehen. Dann gehe ich zur U-Bahn und kaufe mir die B.Z. Als der Zug in Richtung Alexanderplatz einfährt, habe ich dann dieses Lied in meinem Kopf. Ich glaube es ist von David Bowie und geht so: „We want to be heroes, just for one day.“ Meiner war gestern.

Findet das Glück einem?

Saturday, September 9th, 2006

„Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“ fragt Julien. „Ich habe dich mindestens zwei Tage lang nicht mehr gesehen. Phil und ich dachten bereits, du seist tot. Wir waren nah dran die Bullen anzurufen.“ Es ist kurz vor zehn Uhr morgens und ich habe Kopfweh. Verdammtes Berlin, diese Stadt saugt mich aus, denke ich. „Sag jetzt, wo warst du?“, hakt Julien nach und ich drücke Zeige- und Mittelfinger an die rechte Schläfe: ja verflucht, wo war ich eigentlich? Okay, am Montag hat Lydia ihren Abschied gefeiert, im Zu Mir oder zu Dir. Ich bin natürlich sofort hin gefahren, direkt vom Flughafen aus und habe Astra-Bier getrunken. Lydia hat natürlich geheult und Sachen gesagt, die man einfach sagen muss, wenn man eine Stadt verlässt: ich mag nicht weg, ich würde gerne hier bleiben, ich werde euch alle vermissen, ich liebe euch, wir bleiben in Kontakt, lass uns mal wieder was machen, ich komme zurück, aber sicher, komme ich zurück, ich werde mir einen Job suchen, wenn ich zurück bin, macht’s gut, denkt an mich und tschüss. Ich habe sie kurz umarmt und ihr drei Küsse gegeben. Dann bin ich weggegangen, habe ein paar Stunden geschlafen und bin zur Arbeit gegangen. Dann war da noch dieses Fussballspiel, das Deutschland mit 13:0 gewonnen hat und der verdammte Donnerstag Abend im Magnet, der nach den ersten paar Bier und einer Flasche Wodka in Lisas Wohnung innert kurzer Zeit zum Desaster wurde und in der kompletten Amnesie endete. „Du hast also keine Ahnung, was du gestern Abend getan hast?“ – „Nicht ganz. Aber ich hatte einen verdammten Filmriss.“ Julien lacht und haut mir auf die Schulter: „Du bist ein Depp, weisst du das. Aber mach dir nichts daraus, ich habe für heute Abend ein paar Leute zum Essen eingeladen.“

Mit „Leute“ hat Julien natürlich in erster Linie „Mädels“ gemeint und so hocke ich mit unseren schwedischen Nachbarinnen auf dem Sofa und trinke Chardonnay, während Julien gemeinsam mit seinem Kumpel Olivier den Rotbarsch und etwas selbst gemachten Kartoffelmousse zubereitet. Dazu trinken wir dann ein paar Flaschen französischen Rotwein und rauchen Zigarillos. Es ist schön, zu Hause zu Essen und Freunde da zu haben. All das erinnert mich an Genf, an die frankophone Esskultur mit ihrem aristokratischen Flair, wo für jedes Studenten – Dinner mindesten vier Flaschen Beaujolais draufgehen und bei Zigaretten und Calvados über Gott, die Welt und Frédéric Bégebeider diskutiert wird. Die Schwedinnen sind charmant und Oliviers Hippie- Nachbarin, die ebenfalls anwesend ist, fragt nach Gras. Julien dreht einen Joint und irgendwer kommt auf die Idee, zu Clothildes Party zu gehen, die in einer Bar in Mitte stattfindet. Dort ist aber nicht viel los, die einzige Attraktion sind ein paar besoffene Ostdeutsche, die Matthias-Reim Lieder singen und die Karaokemaschine kaputt machen. „Natürlich bin ich ein Öko“, sagt Phil zu dem Hippiemädchen und nimmt einen Schluck Becks, „schliesslich respektiere ich die Umwelt mehr als meinen eigenen Körper“.Das Hippiemädchen lacht und dreht sich um. Ich spreche mit einer der beiden Schwedinnen, frage sie ob sie Mandio Diao gut fände, sie sagt etwas in Richtung „soso“ und ich biete ihr eine Zigarette an, weil ich nicht weiss, was ich jetzt sagen soll. „Die ist doch gar nicht schlecht, oder“, raunt Julien. „Wir könnten sie mit nach Hause nehmen.“ Na ja, die Schwedinnen sind offenbar anderer Meinung und verabschieden sich kurz darauf. Wir sind also wieder allein und Phil drängt darauf, ins Pong zu gehen. Ich bin natürlich dafür, schliesslich habe ich dort vor ein paar Monaten das Mädchen meiner Träume gesehen. Seither gibt es für mich einen echten Grund, auf dem Barhocker zu sitzen und Ricard zu trinken. Könnte ja sein, dass sie irgendwann mal wiederkommt.

Wir stehen vor dem Pong. Zwei Mädchen überqueren die Eberswalderstrasse, Arm in Arm. Julien, der völlig betrunken ist, boxt mich in den Oberarm: “Guck mal, du paquet! Vor allem die linke!” Die Mädchen kommen näher und Julien grinst debil vor sich hin, bis er plötzlich feststellt, dass es sich bei der Dame, welche er eben noch als “heiss” bezeichnet hatte, in Tat und Wahrheit um seine Affäre Mira handelt. “Das ist echt peinlich, Jules”, sage ich und lache ihn aus. Im Pong herrscht Hochbetrieb, ich drängle an den Leuten vorbei, die um die Tischtennisplatte rumstehen und auf den nächsten Rundlauf warten, Phil geht vor, sagt dem Barkeeper Hallo, der Typ – blond, Amerikaner, so wie die männlichen Kandidaten bei „Dismissed“ – zeigt auf mich und ruft: „Hey Dan, für dich gibt es was auf dem Klo“. Ich gehe zwischen den zerschlissenen Sofas durch zur Herrentoilette. Tatsächlich, über dem Spiegel hängt ein Zettel mit dem Photo eines Mädchens drauf. „Suche Daniel, du bist gross, blond, trägst eine schwarze Brille und hast Französisch gesprochen. Hab dich im August im Pong gesehen. Bitte melde dich“, steht daneben. Dann folgt eine email- Adresse. „Keine Ahnung“, sagt der Barkeeper, als ich ihn frage, wer das Ding aufgehängt hat. Ich gucke auf den Zettel und versuche nachzudenken. Pong? August? What the Fuck! „Sag mal Phil, verarscht du mich?“ – „Nein, nein“, sagt Phil und macht eine beschwichtigende Geste. „Ich habe keine Ahnung, wirklich!“ – „Okay, aber wer könnte das gewesen sein?“ Phil zuckt mit den Schultern. Dann legt er mir den Arm um den Hals: „Schreib ihr einfach. Schreib ihr. Vielleicht ist das die Frau deines Lebens.“ Ich stecke den Zettel in meine Hosentasche und bestelle Ricard für alle. Vielleicht, denke ich, ist das der Moment, von dem Kuno Lauener singt: irgendwann findet das Glück einem. Gibt es so etwas? Möglicherweise. Wir trinken aus und Phil isst ein Hähnchenschnitzel im Aysata gegenüber. Danach gehe ich nach Hause.

Vive la Bourgeoisie

Wednesday, August 16th, 2006

Ich fahre mit dem ICE in Richtung Süden, Philip hat russischen Wodka und Birnensaft mitgebracht, wir trinken zwei Shot pro Haltestelle und löschen den darauffolgenden Rachenbrand mit etwas Fruchtsaft. Philip hat ein paar Zeitungen dabei, ich lese und sage: „Guck mal, die Lisa hat was in der taz gemacht“, er kontert das mit einem nicht minder blasierten „Da, lies mal is nich schlecht, bloß ein wenig feuilletonistisch“ und drückt mir ein Stück der Tapetengrossen „Zeit“ in die Hand. Wir führen uns auf wie richtige Berlin-Berlin – Medienfuzzis: halb Snobs, halb Prolls, irgendwo zwischen dem Rio und der Landdisko in Wanne-Eickel. So was ist furchtbar peinlich aber trotzdem lustig. Später Abend in Würzburg: leichter Niederschlag und ein Long Island Eistee in einer mexikanischen Bar, ich bin jetzt ziemlich dicht und sage immer wieder: „Das ist ja ganz nett hier“. Mit dem Taxi an eine Party, die Disco Fantastique heißt, Gin Tonics kommen und gehen, die Band spielt Funk und ein Mädchen mit kurzen, blonden Haaren erzählt, dass sie in Fribourg studiert hat. Ich will irgendetwas antworten, kriege aber nix auf die Reihe. Stattdessen trinke ich weiter, Philip hebt seinen Cuba Libre auf Castros Ende, die Mädels sehen jetzt verschwommen aus und Würzburg ist eine schöne Stadt. Alles total verpeilt, heute.

Ich wache dann auf einer nackten Matratze in einem leeren Zimmer auf. Irgendwie typisch, aber ich mag mir keine unnötigen Fragen stellen. Das anschließende Weißwurstfrühstück gibt meinem zerrütteten Magen den Rest, Philip schleppt mich zur Festung hoch über der Stadt, wo irgendwelche Heavy-Metal-Freaks ein Ritterspektakel aufführen. Kutten und Kettenhemden, oh lala wie wirkt das alles absurd. Später Essen bei KFC, fette Brathähnchen mit schlaffen Pommes, – ein einziger großer Ekel das Ganze. Wir beschließen da nie wieder hinzugehen und fahren mit der Regionalbahn nach München. Alle Leute hier reisen mit der Regionalbahn, weil das billiger ist. Da kann man dann für fünf Euro pro Person quer durch ganz Bayern fahren, während die gleiche Distanz mit dem ICE ein Vermögen kosten würde. Warum das so ist, hab’ ich nicht begriffen, aber vielleicht erklärt mir mal irgendwer die Tarifstruktur der Deutschen Bahn. Die ist nämlich mindestens so kompliziert wie alle Stammeskriege in ganz Westafrika zusammen. München. Philip geht vor, ich wanke hinterher, wir nehmen die S-Bahn nach Markt Schwaben und treffen ein paar von Philips Kumpels, leeren die angebrochene Wodkaflasche und gleich noch eine und weil grad so gut läuft auch noch ein paar Flaschen Wein, was mich in kurzer Zeit aber in eine neblige Parallelwelt befördert. Nach sechs Stunden grenzdebiler Trunkenheit tauche ich endlich wieder auf und stelle verwundert fest, dass ich im Frühzug der S-Bahn Richtung Erding sitze, Philips Kumpel Q gegenüber, der sich ans Poloshirt fasst und irgendetwas über seine Ex-Freundin faselt: „Wenn die blond gwesn wär, da hätt ich sie heut no duarchgvöglt“ höre ich ihn sagen und dann setzt die Vergangenheitsbewältigung auch in meinem Kopf an: was war da noch mal passiert?

Okay: im Auto nach München gefahren, irgendwo in der Vorstadt klappt ein Mädchen Namens Kathi schier zusammen und wird in männlicher Begleitung am Straßenrand deponiert, dann ein Platz an den ich mich nicht mehr erinnern kann, später ein Club, in den wir nicht reinkamen, weil wir entweder nicht zur lokalen Schickeria gehören oder nie mit dem Türsteher im Bett waren, Q kam raus und war betrunken, irgendwie haben wir es aber trotzdem bis in die Milchbar geschafft, ich trank Gin Tonic für zehn Euro das Glas und versank zwei Stunden lang in eine Art Dämmerzustand bis sie Wonderwall spielten und ich mich unerklärlicherweise auf den Boxen wieder fand. Dann ging alles drunter und drüber, ich sah Mädels im Bikini auf einer Bar tanzen und irgendwer leerte Pina Colada aus, wirr, wirr all diese Dinge, jetzt sitze ich also in der S-Bahn und die Sonne sticht in mein rauschgequältes Gehirn, später schlafe sofort ein und träume nichts, die Tage gleichen sich, die Orte ebenfalls, es geht weiter, weiter, weiter, weiter.

Am darauffolgenden Tag – einem für diese Jahreszeit empfindlich kühlen Sonntag – dann endlich eine Atempause, die mir vorkommt wie der Sekundenbruchteil des Innehaltens zwischen zwei Herzschlägen. Ich sehe den Marienplatz bei Tag und drücke mich an der Feldherrenhalle vorbei, geduckt unter Vordächern der Häuser gehend um ja dem Sprühregen auszuweichen der vom immergrauen Alpenhimmel auf das Land niedergeht. München ist eine schöne Stadt, sauber und reich, ein bisschen wie Schickeria in Lederhosen. Wenn der Westen den Kalten Krieg gewonnen hat, dann hat ihn die Bundesrepublik eigentlich verloren und mit der Bundesrepublik auch München. Die Bayrische Metropole spielt wirtschaftlich erste Geige, aber mag all die Dynamik den Prestigeverlust aufwiegen, den die ehemalige heimliche Hauptstadt des Rumpfstaates Namens BRD im Zuge der Wiedervereinigung hinnehmen musste. Denn Berlin mag zwar arm sein, ist aber zweifelsohne en Vogue. Was bleibt da für München? Wohlstand? Technologieparks? Modernere S-Bahn-Züge? Alles Dinge, die vielleicht angenehm sein mögen, deswegen aber noch lange nicht sexy wirken. München verfüge über den „diskreten Charme der Bourgeoise“, würde Luis Bunuel womöglich sagen. Le fric, c’est chic anstelle der kultverliebten Aufgekratztheit der Berliner Bohemien – Prominenz. Irgendwie hat das aber auch was Nettes, denn die leicht grantige Abgründigkeit der Münchner erinnert mich an meine schweizerische Heimat.

Später am Nachmittag treffe ich Steffi, eine Bekannte aus Genfer Zeiten. Sie macht gerade ihr Staatsexamen, wohnt in Schwabing und will eigentlich weg. „Wohin?“ frage ich sie, als wir in nahe der Frauenhoferstrasse in einer getäfelten Bar sitzen und Chardonnay trinken. Sie sagt: „Berlin“, fügt aber sofort an, dass sie sich niemals vorstellen könnte, dort für immer zu bleiben. „Nur für ein bis zwei Jahre“ sagt sie und ich nicke ein paar Mal, denn ich sehe das genau so. Berlin ist eine Heimat auf Zeit, ein Lieu-de-Passage, eine Art durchgestylte Transitlounge auf einem großen Flughafen. Berlin bleibt ewig jung während wir alle altern. Vielleicht, denke ich ganz kurz, ziehe ich später mal nach München. Als ich am nächsten Tag in der Cafeteria des Franz- Josef- Strauss Flughafens sitze und auf einer vertrockneten Brezel kaue, meint Philip dasselbe: „München“, sagt er „ist eine Stadt in der ich leben möchte. Hier bei einer Werbeagentur zu arbeiten und ein wenig Geld zu verdienen, das wäre ehrlich gesagt gar nicht so übel.“ Ich nicke ohne wirklich nachzudenken. Wenig später geht unser Flieger nach Berlin. Von Schönefeld aus fahre ich direkt ins Pong und bestelle einen Ricard. Ist das gut? Keine Ahnung, es ist bloß normal

Génération Désenchantée

Monday, July 31st, 2006

Ich sitze im Pong und mache mir Gedanken über meine Zukunft. Dabei fällt mir – ehrlich gesagt – gar nicht viel anderes ein, als der ganze Generation – Praktikum – Müll, den sich irgendwelche Feuilletonisten vor ein paar Jahren aus den Fingern gesogen haben, um mich und meine Altersgenossen in Kollektivhaftung zu nehmen: ja, ja, wir machen alle Praktika, obwohl wir ganz tolle Ausbildungen hinter uns haben und hunderttausend Sprachen sprechen. Wir haben riesig viel investiert und mindestens vier Jahre unseres Lebens in schlecht belüfteten Hörsälen verbracht, bloss um die nächsten vier als kriechende Gussputzer der Medienbranche zu verbringen – und dies alles ohne dafür bezahlt zu werden, versteht sich. Mit anderen Worten: wir sind nichts anderes als verdammte Opfer, wehrlose, dumme Opfer! “So ein Schwachsinn”, denke ich und spicke eine zu Ende gerauchte Davidoff, die ich Julien ausgerissen habe, mit den Fingerspitzen in die Mitte des Raums. Ich bin kein Opfer, ich bin Täter – schliesslich habe ich mich ja für all das entschieden. Ansonsten hätte ich nicht herzukommen brauchen, hätte ruhig in Bern hocken bleiben können, auf einem anständigen Lohn und der Aussicht auf eine mittelmässige Karriere als neurotischer Kleinstadtyuppie. “Pfui Teufel”, sage ich zu mir selbst, ganz leise nur aber offenbar trotzdem laut genug für Phils Ohren. “Was denn?” fragt der und schaut mich kritisch an, zieht die Augenbrauen zusammen und lässt die Mundwinkel hängen. “Ist was?” Ich schüttle den Kopf und sage irgendetwas Banales. Aber Phil hört sowieso nicht mehr hin. Er springt auf, greift nach seinem Ping Pong – Schläger und fängt an, wie wild um die grüne Tischtennisplatte zu rennen, die im vorderen Teil des Pong steht. Dabei ist er nicht allein, rund zwanzig Leute tun nämlich das gleiche. Sowas nennt man dann einen Rundlauf.

Ich habe jetzt zwei Monate bei der taz hinter mir und ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich zum Journalisten tauge. Tagesjournalismus ist einfach Fliessbandarbeit, bei der es in erster Linie darum geht, quasi vorproduzierte Textfragmente zu einer Art Geschichte zusammenzusetzten, deren lyrische Frische am ehesten mit derjenigen vakuumverpackter Käsescheiblettchen aus dem Extra zu vergleichen ist. Macht das Spass? Keine Ahnung, vielleicht ja, vielleicht nein. Man muss trotz allem bedenken, dass es schlimmere Jobs gibt. Schreiben ist doch eigentlich ganz nett. Bloss: was wird, wenn die Nettigkeit unter der Routine verschwindet? Wenn sie regelrecht aufgefressen wird? Bin ich dann ausgebrannt? Ein Ping – Pong – Ball prallt knapp zehn Zentimeter neben meinem Kopf von der Wand und fällt mit einem trockenen Klacken auf den Betonboden. Phil setzt sich neben mich, er hat zwei Ricard in der Hand und hält mir einen hin. Ich trinke und höre, wie Phil irgendetwas über seine Arbeit sagt. “Was?” frage ich und jetzt wird er lauter: “Ich will mir ein weiteres Standbein schaffen” ruft er und weil ich nicht kapiere worauf er hinaus will, frag’ ich nochmal “Was?”. – “Wegen der Arbeit”, höre ich ihn sagen und nicke. – “So. was denn?” will ich wissen, nachdem Phil einen Augenblick lang nichts mehr gesagt hat, aber er winkt bloss ab. “Eigentlich will ich gar nicht mehr als Journalist arbeiten” sagt er dann nach einer Weile. “Aber was soll ich tun? Ich meine, wenn ich wollte könnte ich nach Frankreich zurück um dort in der Raumplanung zu arbeiten. Als Funktionär, in der Provinz. Aber wer will das schon? Ich jedenfalls nicht” – “Komm schon”, erwidere ich in einem Anflug von verzweifelter Witzigkeit, “da verdienst du wenigstens ordentlich und kannst die Töchter der lokalen Bourgeoise flachlegen.” Ich weiss sofort, dass die Bemerkung eigentlich dämlich ist. Phil lacht trotzdem, wenn auch gequält.

Ich erinnere mich an den Vorabend, als wir in Phils Wohnung sassen und Rosewein tranken. Draussen fing die fast subtropisch – heisse Nacht an, und der Alkohol füllte meinen ausgetrockneten Körper mit dumpfer Müdigkeit. Ein Typ der sich als Gunnar vorstellte, aber eigentlich Günther hiess fragte plötzlich ganz unverbindlich in die Runde: “Sagt mal, was macht ihr eigentlich in Berlin?” Eigentlich hätten wir alle “Nichts!” rufen können, aber stattdessen zog jeder von uns irgendwelche Erklärungen an den Haaren herbei, um seinem Tun einen tieferen Sinn zu geben. Bei mir war’s die “Erfahrung” sowie die Tatsache, dass ich damit “einen Fuss in die Türe krieg”. Wenn ich richtig darüber nachdenke, dann kommen mir solche Argumente wie eine Kapitulationserklärung vor: händeringend das eigene Scheitern erklären und gleichzeitig so tun als betreibe man gerade aussichtsreiches Career-Networking! Oh la la, wie arm… Aber ehe ich irgendetwas unüberlegtes sagte, kam mir Phils Arbeitskollegin Jennifer zuvor. “Wir leben von der Hand in den Mund”, sagte sie und grinste – ganz so, als ob sie das bloss ironisch gemeint hätte. Gunnar fand’s offenbar auch lustig, er hat nämlich gelacht. Dabei war es bitterer Ernst. Wir sind die Bohème, denke ich und die Bohème ist ein mit Idealen besticktes Hungertuch ohne Zukunft. Sind wir unter Umständen einfach nur nutzlos? Gibt es irgendetwas auf der Welt, das ohne mein Zutun nicht mehr funktionieren würde? Nein, natürlich nicht. Wir sind ein Luxusgut, von dem die westliche Gesellschaft in ihrer dekadenten Spätphase glaubt, sie könne es sich leisten. In Tat und Wahrheit aber ist weit und breit keiner bereit, uns dafür zu bezahlen. Wäre die Welt ein konsequenter Ort, dann sässen wir den ganzen Tag über an der Riviera und erzählten uns Geschichten. Stattdessen hocke ich aber auf einem abgeriebenen Holzstuhl im Pong, und trinke Ricard aus einem Plastikbecher. What a shame. Jetzt spielen sie Mylène Farmer, einen Remix von “Désenchantée.” Generation Désenchantée – ja, ja, uns geht’s allen schlecht. Blödes Gejammer. Ich raffe mich auf. “Eigentlich braucht es uns gar nicht” sage ich dann und Phil, der inzwischen aus dem Ping-Pong – Rundlauf geflogen ist, haut mir joval auf die Schulter: “Unsinn” ruft er “Such dir eine Frau und eine Job. dann wirst du glücklich!” Er springt auf, fängt an zu tanzen und sein entrücktes Lachen lässt erahnen, wie ernst ihm die vorherige Aussage war – nämlich gar nicht.

Schweizer im Ausland

Saturday, July 29th, 2006

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Da verbringe ich den Sonntagnachmittag in Köpenik, gebe mir mit Berliner Pilsner die Kante und dann sowas: Alex Frei kommt vorbei und will ein Bild mit mir. “Also gut”, sag’ ich, “wenn’s unbedingt sein muss.” Ein Autogramm hab’ ich ihm dann aber trotzdem nicht gegeben, er hat aber auch gar keins gewollt. Understatement ist schliesslich Pflicht, für Schweizer im Ausland.