Wer hat Angst vor Beischlafgeräuschen?
Tuesday, January 16th, 2007Als Olivier anfängt, von seinem Kumpel Leonard zu erzählen, der Prostituierte stets nur für ihren Geruch bezahlt, sagt ihm Julien, er solle verdammt nochmal den Mund halten. „Du bist widerlich Shela. Wir sind am Essen.“ Weshalb die beiden sich gegenseitig Shela nennen, habe ich nie begriffen, es muss sich dabei wohl um ein Stück frankophonen Humor handeln, der für Aussenstehende einfach nicht zu begreifen ist. Olivier – oder eben in diesem Fall Shela - hat einen Tisch in diesem kleinen aber vorzüglichen Restaurant in Mitte reserviert. Wir sitzen also da zwischen lauter Bobos, schwulen Künstlern und Typen mit roten Schals und bestellen Fielet de Dinde. Die beiden kanadischen Backpacker, die wir auf eine Internetannonce hin bei uns aufgenommen haben, hocken daneben, trinken Cola und schweigen. „Die gehen mir auf den Sack. Die trinken ja nicht einmal Alkohol“, hatte Julien bereits geraunt, als wir auf der Rückbank eines Taxis beinahe lautlos durch das nächtliche Berlin glitten. „Abgesehen davon würde ich das Mädchen nicht einmal mit deinem anfassen.“ Inzwischen hat sich seine Abneigung gegen die Gäste sogar noch verstärkt. Er fährt mit der Gabel ins Putenfleisch, hält dann inne und schaut mich prüfend an: „Die müssen raus!“, sagt er. „Egal wie.“
„Weshalb hast du die eingeladen?“ – „Ich konnte ja nicht wissen, dass die so dröge sind.“ – „Die sind nicht nur dröge, die sind regelrecht mühsam. Ich kann Leute nicht ausstehen die in der Gegend rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt. Das nächste Mal guck ich mir vorher die Fotos an. Ich will sexy Schwedinnen!“ Julien trinkt Wernesgrüner, ich Becks, Dave entlässt den Rauch in kleinen, beinahe runden Wolken und vorne auf der winzigen Bühne spielt eine wirre Funk-Band. Es ist ein ganz normaler Donnerstag Abend in Berlin und ich frage mich, ob ich mich morgen nicht einfach krank melden soll. Neben mir steht dieses Mädchen, sie trägt einen weissen Mantel mit Fellkragen und hohe Absätze, spricht ein raues Englisch und zieht mit beinahe vulgärer Affektiertheit an einer Zigarette. Sie sagt, sie komme aus Jerusalem und als ich ihr erzähle, dass mein Onkel in der Nähe von Tel Aviv wohnt, verzieht sie keine Miene, spielt alles kühl runter und gibt sich schlagfertig und hart. Ich sage nichts. Eigentlich ist sie nicht einmal hübsch, denke ich und sehe Olivier zu, der vor der Bühne steht und zum Takt der Musik mit den Hüften wippt. „Ich will ins Berghain“, höre ich Julien rufen und schüttle den Kopf, als er auffordernd in meine Richtung zeigt.
Ich war letztes Wochenende im Berghain gewesen, hatte mich zwischen all den weggetretenen Fuck-Ups gegen den Lärm der infernalisch stampfenden Bässe gestellt, völlig deplaziert, in Zweireihermantel, Schal und Hugo-Boss- Handschuhen und einem Glas Gin-Tonic in der Hand. PF war eingeschlafen und Julien steckte einem Mädchen Namens Anne die Zunge in den Hals. Später hatte sie dann bei ihm übernachtet und die Nacht darauf gleich nochmal, während ich über Jay McInery’s letztem Roman in eine Totenstarre verfiel. Nein ich will nicht ins Berghain, denke ich jetzt, wenn schon ins Rodeo, diese Mischung aus Zisterne und Edelclub, wo wir zu Beginn des Abends gewesen waren und ich in bedingt zurechnungsfähigem Zustand einem Typ auf die Füsse trat, dessen Gesicht ich kannte. Ich wusste nur nicht woher. Offenbar so ein Tischtennis-Assi aus dem Dr Pong. Ich war trotzdem nett, entschuldigte mich und fragte ob alles okay sei. – „Ist gut, nee lass schon, ist gut“ – „Na dann, bis später“ Der andere nickte, ich ging und ein blondes Mädchen mit Korkenzieherlocken sagte halblaut: „Guck mal, Daniel Brühl ist auch da.“
„Lass uns abhauen“ – „Wohin?“ – „Wohin wohl?“ – „Nein. Nicht ins Pong. Nicht heute.“ – „Hast du eine bessere Idee?“ – „Nein hab ich nicht.“ – „Eben“, Julien dreht sich weg und ich stehe immer noch bei dem Mädchen aus Israel, ich merke wie sie zutraulicher wird, ihr Eis schmilzt, sie fragt was wir jetzt machen, ich sage, ich hätte keine Ahnung, sie sagt: „Na dann“ und „ich habe gerade eben mit meinem Freund Schluss gemacht.“ Ich weiss, ich sollte jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas nettes, empathisches, intimes, doch stattdessen verabschiede ich mich und gehe nach draussen, wo die anderen warten. Später stehen wir im Dr Pong, die verdammten Kanadier sind immer noch dabei, unsicher lächelnd wie Saalgäste in einer Fernsehshow, die man zu ihrer eigenen Überraschung auf die Bühne gebeten hat. „Ich könnte eine schwule Orgie im Wohnzimmer arrangieren“, sagt Dave, „dann wären die ruck-zuck weg“ – „Mach das!“, finde ich, aber Dave schüttelt den Kopf, „Ich kann mich in einer der Bars nicht mehr blicken lassen.“ Dann erzählt er eine wirre Geschichte von zwei Typen, die sich wegen ihm geprügelt hatten. „Ein Pärchen. Ich hab mit einem der Beiden rumgemacht, da ist der andere durchgedreht und mein Typ hat ihm schliesslich eins auf die Fresse gegeben. So richtig reingehauen hat er. Ich stand daneben und rauchte eine Zigarette. Mir war das alles völlig wurscht.“ Er macht eine Pause. „Wir sollten vielleicht weniger trinken“, sagt er dann. „Das macht uns alle fertig.“
Ich werde auch heute nicht früh nach Hause gehen. Ich werde wie immer Lübzer trinken, Blondie hören und den Leuten rund um mich beim Leben zuschauen. Manchmal habe ich das Gefühl, sehr, sehr weit weg zu sein. Ich sehe mich dann auf einer unbewaldeten Anhöhe unter einem grauen Winterhimmel voller Hochnebel, wie er sich jeweils in den kalten Monaten über das schweizerische Mittelland legt. Ich habe meine Zigaretten und eine kleine Flasche Jägermeister mit dabei. Davon trinke ich sobald es kalt und dunkel wird. Denn am Ende wird es immer kälter, weil alles Leben in mir erlischt, denke ich und bin mit einem Mal sehr müde. „Was machen wir jetzt mit den Kanadiern?“, höre ich Dave fragen und schüttle instinktiv den Kopf. „Keine Ahnung“, sage ich, sehe Julien, er sitzt an der Bar und spricht mit einem blonden Mädchen aus Schweden und ich weiss genau, was ich zu tun habe. Ich gehe rüber, tippe ihm auf die Schulter, er dreht sich um, schaut mich fragend an, ich sage: „Julien, du musst mit diesem Mädchen schlafen. Und zwar so laut, dass die beiden Kanadier die ganze Nacht kein Auge zu tun und morgen früh komplett entnervt abhauen.“ Julien nickt, dann fängt er an zu grinsen. „Okay“, sagt er, „ich kümmere mich darum.“ Später nimmt er das Mädchen mit nach Hause, treibt es mit ihr die ganze Nacht hindurch, geht am Freitag nicht zur Arbeit und schiebt sogar sein Bett näher an die Zwischentüre, die sein Zimmer vom Wohnzimmer trennt, wo die Kanadier auf der Couch schlafen. Das sei eine noble und selbstlose Geste, findet er nachher. „Ich habe mich regelrecht aufgeopfert.“ Das mag sein. Nur: die Kanadier sind trotzdem dageblieben.
