Archive for the ‘wege zum ruhm’ Category

The End has no End

Monday, July 3rd, 2006

Die Strokes spielen in Berlin und ich gehe hin. Nach zwei Stunden Musik sitze ich dann am Ufer der Spree, schaue nach Friedrichshain rüber und rauche Zigaretten. Am Abend zuvor war die Schweizer Nationalmannschaft ausgeschieden, nach einem völlig missratenen Penaltyschiessen gegen die Ukraine. Keinen einzigen Elfer haben unsere Jungs im Tor untergebracht; so was ist WM – Rekord. Meine Kumpels, die sich das Spiel als neutrale Beobachter angesehen haben, sprachen nachher von einer grauenvollen Partie. Ich weiss nicht, ob das stimmt, glaube es ihnen aber gerne. Irgendwie passt das alles ja zusammen: elf verklemmte Schweizer stolpern aus Angst vor dem eigenen Erfolg gegen eine mediokre Auswahl aus Kiew und Donezk dem bitteren Ende in Peinlichkeit entgegen – ich hätte es wissen müssen. Stattdessen habe ich geglaubt, alles würde anders: dynamischer, schneller, frecher und irgenwie auch ästhetischer.

Nun hocke ich an der Spree und glaube in meinem Spiegelbild unseren viel gescholtenen Nationalcharakter zu erkennen: wir sind diskret, wir sind höflich, wir sind unglaublich effizient und leistungsstark im Stillen – aber wehe irgendwer stellt uns ins Rampenlicht: dann werden wir ganz schnell zu unbeholfenen Angsthasen die nur darauf warten, geduckten Hauptes von der grossen Bühne zu schleichen. Hauptsache keiner merkts. Bin ich auch so? Natürlich. Ansonsten würde ich das alles ja gar nicht schreiben. Der ewige Selbstzweifel ist Teil von uns. Ob er mehr Gutes oder Schlechtes mit sich bringt, sei dahingestellt. Vielleicht kann ja Julian Casablancas was dazu sagen. Als ich nach dem Konzert auf dem Weg zur Strandbar am Hintereingang der Berlin Arena vorbeikomme, laufe ich beinahe in den Sänger der Strokes. Er macht eine Art entschuldigende Geste, ich erwidere das ohne etwas zu sagen und gehe weiter. Die deutschen Groupies hingegen, die die ganze Zeit über um den Tourbous herschleichen, stürzen sich unter hysterischem Geheul auf ihn. In der Schweiz wäre das unter Umständen nicht passiert, wer weiss.

Ein paar Tage später schickt Frankreich die Brasilianer nch Hause und diesmal sind die Franzosen dran mit Feiern. Während Phil und Maxim mit einer Trikolore aus Stoff in den Händen die Schwedterstrasse entlang rennen und in akzentgefärbtem Deutsch “Ohne Brasilien, fahren wir nach Berlin!” singen, ruft mich Dave aus der Schweiz an. “Ha, ha”, ruft er, “jetzt sind die auch raus. Das ist die Quittung für den ganzen Zirkus, den sie bei ihrem Trainingslager in Weggis veranstaltet haben!” Ich stimme ihm zu und merke, dass es trotz allem weitergeht. Wenn die eigene Mannschaft rausfliegt, kommt die Zeit der Schadenfreude: jeder Grosse, der ausscheidet, wird mit Spott und Hohn überschüttet. Egal ob grossmäulige Brasilianer, arrogante Franzosen oder vor Selbstbewusstsein strotzende Deutsche: jeder Stolperer wird hämisch beklatscht von uns Keinen, die soweiso nie etwas gewinnen. Man mag es Minderwertigkeitskomplex nennen – ich bezeichne es ganz einfach als angenehmen Zeitvertreib: wenn es für uns vorbei ist, freuen wir uns über die Enden der anderen, denn: the End has no End.

Ich will nach Hiddensee

Wednesday, June 21st, 2006

Deutschland gewinnt 3:0 gegen Ecuador. Ich schaue das Spiel in einem modrigen Keller an der Kopenhagenerstrasse, nicht weit vom U-Bahnhof Schönhauserallee. Die Wände sind feucht, der Videoprojektor hat einen Blaustich und wirft ein leicht fiebriges Bild an die Wand. Phil bittet mich um zwei Euro, damit er sich ein Becks kaufen kann. Ich gebe ihm das Geld. Er geht zur Bar und als er fünf Minuten später zurückkommt, hat Lukas Podolski gerade das dritte Tor geschossen. Es ist sein erster Treffer bei dieser WM, vorher hatte das, was man bei Stürmern “Ladehemmungen” nennt. Eigentlich ein stupides Wort. Toreschiessen hat doch nichts mit Laden zu tun, sondern in erster Linie mit Abdrücken. Aber egal, Podolski trifft wieder und freut sich dementsprechend. Er rennt die ganze Reservebank ab und klatscht zum Schluss auch noch den Klinsmann ab.  Der grinst natürlich übers ganze Gesicht und nach dem Spiel wird er dann wieder Sachen sagen wie: “Wir sind natürlisch froh des de Lukas jetzt zu seiner Form gfunde hat.”

Es ist schwül in Berlin und der Sommer fühlt sich irgendwie ungesund an. Vielleicht liegt das aber an der hohen Luftfeuchtigkeit die einen ohne Unterbruch schwitzen lässt. Als wir die enge Treppe nach oben steigen, raus, an die dicke Luft, zupfe ich ein wenig an meinem T-Shirt. Woche zwei der WM, Deutschland immer noch dabei und die Freude ist so gross wie nie. Wie jedesmal nach den Heimsiegen fahren hupende Autos durch die Strassen und die Leute stehen auf den Gehsteigen und schwenken lachend ihre Fahnen. “Eigentlich würde ich mich heute Abend gerne betrinken”, sagt Phil neben mir und ich stimme ihm zu. Aber das geht gar nicht, denn ich mus jeden Morgen pünktlich zur Arbeit erscheinen. Da hocke ich dann bei der taz vor einem verdammten Erstgeneration- Pentium mit Scheiss- Linux – Betriebssystem und schreibe über Dinge, die eh kein Schwein interessieren. Aber immerhin: nach zwei Monaten Werbung hat die Tätigkeit katharsische Wirkung und reinigt mich von der moralischen Prostitution, die ich zuvor im Dienste des Klassenfeindes begangen hatte. Dafür benötige ich jeden Tag aufs neue ein wenig Klassenbewusstsein, denn um mich erneut in Versuchung zu führen genügt ein Blick nach links: dort steht nämlich das Springerhochhaus.

Phil schlägt vor zu essen, wir kaufen Steaks bei Extra und braten die Dinger bei ihm zu Hause. Beim Essen fängt er dann an, über die Vorteile langlebiger Beziehungen zu referieren. “Du hast dann jemand, der immer für dich da ist”, sagt er. Ich widerspreche nur halbherzig, das Thema geht an mir vorbei. Ich will Fussball. Später am Abend spielt Schweden gegen England 2:2. Damit stehen die Skandinavier als Achtelfinalgegener des deutscen Teams fest. Ob das gut ist, weiss keiner so genau. “England wäre einfacher gewesen”, sagt Oliver, dem das Pong gehört und den wir vor seinem Laden treffen. “Aber ich bin für Schweden” – “Als Gegner?” – “Nein. Als Mannschaft.” Er lacht und geht nach draussen, Eis holen. Drinnen spielen ein paar leute Tischtennis, aber irgendwie wirkt das Pong tot, desen Sommer. Durch die Hitze scheint der Ort in ein Koma gefallen und der Schweiss klebt am Beton der Wände. Vielleicht ist das Pong ein Winter-Ort. Vielleicht ist Berlin, allen Unkenrufen zum Trotz, eine Winterstadt. Weil die Kälte die Menschen aneinanderschmiegt, sie nach drinnen gehen lässt. Weil der Schmutz nicht noch durch die trockene Hitze verstärkt wird. Berlin im Sommer macht müde, furchtbar müde. “Ich will ans Meer”, denke ich und erinnere mich an ein Wochenende im letzten Monat, als ich auf Usedom am Strand sass und gegen den Wind anrauchte. Usedom ist schön. Hddensee noch schöner. “Ich will nach Hiddensee”, sag ich daher zu mir selbst. “Hiddensee”. Kurz darauf gehen wir alle nach Hause und ich finde eine angebrochen Packung Gummibären auf meinem Fussboden. Ich schmeisse sie sofort weg.

Gone By My Love I Miss You So

Tuesday, May 30th, 2006

An einem kühlen Montagabend sitze ich im Zu Mir oder Zu Dir und höre zu, wie mir Phil von seiner Arbeit erzählt. Die erste Ausgabe einer französischsprachigen Zeitung, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war, gehe nun in den Druck, erzählt er und freut sich aufrichtig. „Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu Ende zu bringen“ sagt Phil und wirkt dabei so richtig abgeklärt. Eigentlich sollten wir ja längst erwachsen sein, denke ich in diesem Augenblick. Dann fällt mir ein, dass dies ja das Motto des in Hamburg erscheinenden Monatsmagazins Neon ist. Alles also schon da gewesen. Doch als ich mich umschaue, sehe ich lauter Leute in Kapuzenpullis oder Sportjacken, die sich kleiden wie Zwanzigjährige, aussehen wie Fünfundzwanzigjährige und vermutlich trotzdem alle schon beinahe dreißig sind. Ein Abschied von der ewigen Jugendlichkeit bleibt offenbar nichts anderes als ein frommer aber unerfüllbarer Wunsch.

Gestern Abend saß ich mit Dave hier, nur wenige Stunden bevor er zurück in die Schweiz flog. Wir tranken White Russian und sahen all den Alt- und Neu – Berlinern zu, die den letzten, sonntagabendlichen Hauch des Wochenendes zu einem finalen Flirtversuch nutzen wollten. Die Leute stellten sich dabei nicht etwa dumm an oder so; nein, ganz im Gegenteil, Frauen und Männer saßen beisammen und gaben sich ungezwungen. Manchmal berührten sie sich ganz leicht an den Oberarmen und hin und wieder fuhr sich ein Mädchen durch die Haare. Doch trotz all dem Lächeln und den ganzen Augenaufschlägen blieb ein leicht bittersüßer Nachgeschmack. Vielleicht, habe ich gedacht, ist das alles zu kalkuliert, zu maschinell, zu routiniert. Wir sind ja alles Profis in diesem Bereich. Jeden Tag treffen wir irgendwelche Menschen und ordnen sie anhand eines oberflächlichen Persönlichkeitsprofils in irgendwelche Kategorien ein, die wir dann je nach Laune abrufen. So wie die Lieder auf der Playliste unserer IPods. „Es ist schwierig geworden, sich zu verlieben“ hat Dave dann gesagt. „Jedes Mal wenn du eine Person kennen lernst, checkst du sie erst auf eventuelle Makel ab. Wenn du dann was findest, sagst du dir: okay, die ist es nicht, schauen wir weiter. So läuft die Partnerwahl: viel zu viele Möglichkeiten und keine Entscheidungen. Das macht die Liebe kaputt.“ Ich habe zustimmend genickt und bin kurz darauf zur Bar gegangen, um eine letzte Runde White Russian zu holen. Als ich dann spätabends nach Hause ging, war ich fest davon überzeugt, dass die Liebe heutzutage unmöglich wäre.

Dave ist um sieben Uhr früh nach Tegel gefahren und ich habe den ganzen Tag in einem Dämmerzustand verbracht. Bis mich Phil anrief. Jetzt sitze ich hier, trinke Becks aus der Flasche, draußen gehen vereinzelte Regenschauer nieder und um mich herum vermischen sich die Gespräche der in Sesseln und Sofas liegenden Gäste zu einem unsteten Surren. Phil stößt mich in die Rippen und sagt: „Schau!“ Von draußen tritt ein dunkelhaariges Mädchen in den vom vielfarbigen Licht erhellten Raum. Sie ist von derart radikaler Schönheit, dass wir beinahe zu Salzsäulen erstarren und Phil beim Aufstehen gleich zwei leere Gläser vom Nebentisch stößt. Erst als Phils Freundin Lucy mit zwei Französinnen auftaucht, kommen wir wieder zu Bewusstsein. Die drei Mädchen haben den Grund für unsere Entrücktheit sehr wohl bemerkt und kommentieren ihn – wie nicht anders zu erwarten – mit ein paar hämischen Bemerkungen. „Nicht schlecht, aber na ja“ finden sie. Phil tut das als Eifersucht ab und ich stimme ihm gerne zu. Untereinander können Mädchen richtig wadenbeißerisch sein, denke ich.

Bevor wir gehen, versucht Phil, mit dem besagten Mädchen ins Gespräch zu kommen und lädt sie für nächsten Freitag auf eine nicht existierende Party ein. Sie lächelt überlegen und nickt; dann erfahren wir, dass sie noch zur Schule geht und nur auf Besuch hier ist. „Zu jung“ sage ich beim Rausgehen. „Egal“ meint Phil und zündet sich eine Zigarette an. „Weiterschauen.“ Immerhin. Wir haben auch diesmal einen Makel gefunden.

Dame de Coeur

Monday, May 15th, 2006

Im Verlaufe des Freitagabends stelle ich fest, dass ich innerlich leer bin. Ich lehne an der schmutziggrauen Zwischenwand im Pong und trinke Lübzer in kleinen Schlucken. Ein Mädchen, welches ich offenbar genau vor sieben Tagen kennen gelernt hatte, will mit mir reden, aber ich habe echt keine Lust zu erklären, weshalb ich nicht angerufen habe. Ich mache daher die Augen zu und schüttle den Kopf. Das Mädchen ist offenbar ein wenig traurig, sie sagt etwas in Richtung „Enttäuschung“ oder so, aber mir ist das egal, ich bin abgestumpft und roh, ich habe kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen und kann den Leuten weh tun, ohne es selbst zu bemerken. Ich betrinke mich im Pong und als wir später am Abend im Club der Republik landen, tanze ich auf einer kreisförmigen Sitzbank aus schwarzem Leder. Ein Mädchen in engen Hosen kommt rüber zu mir und fragt ob ich ihr etwas Ecstasy verkaufen könnte. Ich schüttle den Kopf und sage ihr, dass ich keines habe. Sie schüttelt ungläubig den Kopf und schreit was von „kannichsein“ durch den vom metallischen Pulsschlag der elektronischen Musik zerschnittenen Raum. Ich weise auf Julien und nicke, das Mädchen geht an mir vorbei ohne etwas zu sagen. Ganz tief innen spüre ich ein kleines bisschen Widerwillen.

Julien hat auch kein Ecstasy. Er schickt das Mädchen daher ohne Umstände weg und fängt an, eine kurzhaarige Blondine namens Mira zu küssen. Wenig später verschwinden die beiden, ich fahre mit Phil und den anderen an den Weissensee, klettere über einen zwei Meter hohen Metallzaun und gehe baden. Das Wetter in Berlin ist mild und eigentlich sollte ich glücklich sein. Ich habe Arbeit, ich habe Freunde und ich habe eine Wohnung mit ein paar Möbelstücken drin. Aber irgendwie fehlt etwas Wichtiges, ein verbindendes Element, welches all den mich umgebenden Dingen einen Sinn verleihen würde. Am Samstag Nachmittag ruft mich dann Dave aus Bern an und erzählt, dass der FC Zürich in Extremis Schweizer Fussballmeister geworden ist. Mit Lucien Favre als Trainer. Lucien Favre galt einmal als Supertechniker der Schweizer Nationalmannschaft. Damals, in den Siebzigerjahren, als das Team chronisch erfolglos war und sich während achtundzwanzig Jahren für kein internationales Turnier qualifizieren konnte. Ich habe Favre vor Jahren in Genf getroffen, als er noch Trainer beim FC Servette war. Ein Kumpel, der für das Westschweizer Radio arbeitete, hatte mich mit an ein Meisterschaftsspiel in der Charmilles genommen und nach dem Abpfiff sind wir in den Pressecontainer unter der Haupttribüne gegangen. Dort haben wir dann gemeinsam mit Lucien Favre Chablis getrunken. Zwar hatte seine Mannschaft an diesem Abend gerade gegen Sion verloren, aber Favre war das ziemlich egal. Rückblickend betrachtet macht sein Verhalten durchaus Sinn, denn schliesslich kippten seine Spieler eine Woche später den Bundesligisten Hertha BSC aus dem UEFA-Cup und realisierten den wohl grössten Coup der Vereinsgeschichte, der aber gleichzeitig auch der letzte sein sollte.

Heute ist alles anders. Servette Genf ist Konkurs gegangen und Luvien Favre hat die Stadt verlassen. Auch fast alle meine Freunde haben die Stadt verlassen. Sie sind nach Paris gezogen, nach Wien, nach Tokio oder einfach nur nach Zürich und Bern. Es bleibt nicht viel in Genf; wenige gute Freunde, die paar welschen Bekannten mit ihrer nonchalanten Oberflächlichkeit, zwei, drei Clubs und Bars, die zwar ganz anders aber trotzdem immer noch gleich aussehen, vereinzelte Wohnungen, die Luxusläden an der Rue de Rhone und Lorenzos nach frisch gemähtem Gras duftendes Geburtstagsfest in einer Villa am See. Und ich, ich bin auch schon längst weg. Ich sitze im Doktor Pong in Berlin und fühle eine abgrundtiefe Müdigkeit, als ich plötzlich dem Mädchen meiner Träume begegne. Sie hat dunkles Haar, ein Gesicht mit hohen Wangenknochen, welches im Kinnbereich schmal zuläuft, trägt einen pettycoatähnlichen Rock, ein Blousonjäckchen sowie ein schmales Tuch um den Hals. Sie schwebt durch die lärmerfüllte Betonhöhle des Pong und sieht dabei aus wie eine Diva aus den längst vergangenen Zeiten, in denen die Männer die Türen der Karamann Gias und MG´s aufhielten und mit ihren Geliebten an der Amalfiküste entlang bis nach Capri fuhren. Sie steht jetzt mit ihren Begleiterinnen neben dem DJ – Tisch und wartet darauf, angesprochen zu werden, aber ich krieg nichts auf die Reihe und Phil ist irgendwie auch unfähig heute Abend. Nach einer guten halben Stunde verschwindet sie wieder. „Scheisse“ sagt Phil. „Heute haben wir versagt. Wie kleine Jungs.“ Ich nicke und denke daran, dass ich dieses Mädchen jetzt eigentlich sofort heiraten würde. Obwohl ich ja nicht einmal weiss wie sie heisst.

Kurz darauf sitze mitten in der Plastikverkleideten Sofalandschaft des Zu mir oder zu Dir und trinke White Russian. Gaelle und Lydia sprechen mit ironischem Ton in der Stimme über Oralsexpraktiken, Julien verabschiedet sich gemeinsam mit seiner Partybekannschaft Mira heim in Richtung Bett und der DJ legt souligen Pop auf. Die Welt im Jahre Zweitausendundsechs ist ein postmoderner, willkürlicher Ort, der keine Tabus kennt und schon gar keine naiven Wünsche mehr. Ich sitze also da, inmitten der Berliner Abgefucktheit und denke daran, dass ich mich gerne verlieben würde. In ein Mädchen, das zu unnahbar und zu schön aussieht um wahr zu sein. „Regarder, mais pas toucher“ singt Stephan Eicher in Les filles du Limmatquai. Genau so denke ich in diesem Augenblick und ich komme mir dabei sehr altmodisch vor. Aber eben auch sehr naiv. „Ich schlafe nicht mehr mit irgendwem“ kündige ich Phil gegenüber an. „Denn heute Abend hat sich mein Leben verändert.“ Phil nickt und zeigt auf einen Typ, der draussen vor der Glasfront des Zu Mir auf einer Holzkiste hockt und sich über die Hosen gekotzt hat. „Widerlich, so etwas“ sage ich und zünde mir eine Zigarette an. „Du wirst mit fast niemandem mehr schlafen, wenn du so denkst“ sagt Phil dann plötzlich mitten in die kühle Frühlingsnacht und schaut mich an. „Gute Mädchen sind rar und schwer zu kriegen.“ Mir egal, denke ich. Man muss nur nie aufgeben. Oder Lucien Favre als Trainer haben.

Daft Punk Is Playing At My House

Wednesday, May 10th, 2006

Partys machen ganz besonders Spass, wenn sie nicht bei dir zu Hause stattfinden. Du kannst dann nämlich mit offenem Flanellhemd, dunkelblau getönter Ray Ban – Brille, wirrem Haar und einer bis zur Hälfte ausgetrunkenen Flasche Dom Perignon in der Hand durch die Türe stürzen, den Jungs zur Begrüssung in die Backe zwicken, den Mädchen zweifelhafte Küsschen auf die Mundecken geben, am Kühlschrank den grossen Mann markieren und ausgiebig fremdes Bier an betrunkene Leute verteilen, die tanzenden Möchtegern – Latinos mit abrupten Stilwechseln und blechernen Oasis – Songs nerven, neben das Klo kotzen und zu guter Letzt auch noch die hübsche, aber unerreichbar scheinende Flamme des Gastgebers in dessen eigenem Zimmer unsittlich berühren. Du riskierst mit so einem Verhalten zwar in Zukunft nicht mehr eingeladen zu werden, aber hey: macht dir das wirklich was aus? Spätestens beim nächsten Fest nämlich, wenn kein Mensch mehr die Sau rauslässt und alle bloss Apfelschorle trinken um dann über Katie Melua – Songs zu gähnen, spätestens dann werden sie dich so richtig vermissen. Und bei den Mädchen hast du trotz deines recht zweifelhaften Benehmens ziemlich schnell einen Stein im Brett. Die mögen zwar ab all deinen platten „mal-drüber-schlafen-bloss-mit-wem“ – Sprüchen erst mal theatralisch die Augen verdrehen. Sobald sie aber irgendeinem fahrradfahrenden Biottasaft – Junkie gegenüberstehen, der beim Sex auf Geschlechtergleichheit pocht und Abende lang über biologischen Gemüseanbau in Papua – Neuguinea referiert, werden sie sich nach deinem prollig – maskulinen Rock n´Roll – Urinstinkt geradezu sehnen. Du brauchst dich dann nur noch grinsend in den Türrahmen zu stellen und musst dazu ein paar Mal schwachsinnig grinsen. Der Rest geht von allein.

Heute Abend bin ich bei mir selbst zu Gast und ich benehme mich auch genau so. Ich stehe auf dem Balkon, der von Juliens Zimmer auf die Strasse geht, lasse die Asche auf den Boden fallen und trinke Becks. Drinnen tanzen ein paar Nachwuchsjournalisten aus Lille zu Phoenix und trinken Martini aus Plastikbechern. Mein Wohnzimmer leuchtet rot, von draussen muss das Ganze aussehen wie ein Puff in Schöneberg. Ein Norweger ist derart betrunken, dass er dauernd gegen die Wand läuft und dreimal hintereinander eine volle Bierflasche fallen lässt. Das zeug spritzt rum und hinterlässt klebrige Flecken auf dem Holzboden. „Heute Abend“ fängt Julien an und legt mir den Arm um die Schultern, weiter kommt er nicht, irgendein Mädchen reisst ihn weg. Im Hintergrund verkauft Juliens Dealer Säckchenweise E und Kokain. Phil ist um drei Uhr Morgens ausser Gefecht, er kotzt erst durchs Fenster auf die Schönhauseralle und legt sich dann in Maxims Zimmer zur Ruhe. Ich mache auch nicht mehr lange, werfe noch ein paar Wodka Martini ein, spiele drei mal hintereinander „You Only Live Once“ von den Strokes und küsse ein Mädchen auf den Mund. Was danach geschieht, weiss ich nicht.

Ich wache um halb Elf auf und frage mich, wie ich ins Bett gekommen bin. In Socken und Unterhose gehe ich durch die Wohnung, die aussieht wie Deutschland nach dem Krieg: Flaschen, Trümmer, Dreck und hin und wieder ein eigenartig verrenkt daliegender menschlicher Körper. Phil springt auf, greift nach seiner falschen Hugo Boss – Jacke aus China und will nach draussen. Wir gehen also die Schönhauseralle runter und es ist schön und warm und nur noch ein See fehlt. In Genf würde ich jetzt ins Bains de Paquis gehen, auf dem rissigen Beton rumliegen und das flirrende Dreieck des Mont Blanc am azurblauen Westalpenhimmel anschauen. Aber hier ist nicht Genf, hier ist Berlin, also trinke ich Milchkaffee in einem Strassenkaffee in der Nähe der Ringbahnlinie. Julien und Lucile stossen hinzu und Julien erzählt von gestern Abend. „Es war grossartig“ sagt er „verdammt noch mal grossartig. Ich habe lauter Frauen auf den Mund geküsst.“ Dann erwähnt er ein blondes Mädchen, welches offenbar hintereinander mit fünf verschiedenen Typen rumgemacht hat. „Der Letzte hat sie schliesslich mit nach Hause genommen“ – „Ja und?“ mache ich. „Was ja und?“ Julien schaut mich fragend an. Ich schüttle den Kopf. „Die war erst fünfzehn“ ruft er dann und fängt an, laut zu lachen. „Fünfzehn. So was muss man sich mal vor Augen führen.“ Ich weiss nicht was ich sagen soll und zucke mit den Schultern. Phil legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: „Das muss jetzt erst mal getoppt werden.“ – „Wie soll man so was toppen?“ fragt Julien und schaut mich an: „Du bist an deiner eigenen Party und führst dich auf, als wärst du bei jemandem zu Gast und gäbst keinen Scheiss auf irgendwas.“ – „Bullshit“ – „Nix Bullshit.“ Phil wirft den Kopf zurück und zündet sich eine Parisienne an, die Luca aus der Schweiz mitgebracht hat. „Weißt du was wir brauchen“ sagt er dann und fixiert mich einen Augenblick. „Weißt du was? Fürs nächste Mal?“ – Ich schüttle den Kopf. – „Wir brauchen Daft Punk. Daft Punk bei uns zu Hause. Live.“ Ich nicke. Ich nicke weil ich das gut finde. Daft Punk bei mir zu Hause, what a fuckin´ great idea.

Mittwoch Abend Music Club

Thursday, April 27th, 2006

Arbeiten ist so eine Sache. Man läuft mit halbvollen Wassergläsern über die Etage, setzt sich bei Felix an den Gästecomputer und trinkt Tee aus der Thermoskanne oder macht mit den Jungs aus dem vierten Stock um halb vier Uhr Nachmittags unten im Keller zum Kickern ab. Es muss aber nicht immer gleich so anstrengend sein; hin und wieder sitzt man dann auch bei einem Seniortexter im Glaskasten und denkt über Werbesachen nach. Heute aber ist ein sonniger, warmer Tag, darum trete ich oben auf der Dachterrasse von einem Bein aufs andere und rauche selbst gedrehte Zigaretten. Die Leute aus der Personalabteilung sind ebenfalls da und gucken sich die Bewerbungsmappen potentieller Praktikanten an. Dazu rauchen sie Gauloises Rot, essen zwei ganze Packungen Gummibärchen leer und hin und wieder sagt einer von ihnen so Sachen wie: „Dat iss ja ne komplette Scheisse, schubs dat mal in de Tonne, ja!“

Am Abend gehe ich auf eine Party, die in der Wohnung eines Kreativdirektors stattfindet. Die Wohnung liegt in Berlin – Mitte, hat versiegeltes Parkett, etwas Stuck an der Decke und einen Balkon, der auf eine beinahe schon pittoresk anmutende Quartiersstrasse mit Kopfsteinpflaster geht. Ich halte mich am Geländer fest und trinke Gin Tonic. Ein paar Mädchen aus meiner Abteilung echauffieren sich über die Mietpreise am Prenzlauer Berg („Achthundert Euro für ne hundert Quadratmeter grosse Maisonette am Kollwitzplatz – daran muss doch einfach was faul sein“) und nippen an Prosecco. Später brät ein bärtiger Seniortexter Würste und Steaks und gleichzeitig treffe ich auf meinen Copywriter, der gerade aus dem Fitnessstudio kommt und mich ganz unverblümt fragt, ob ich denn eher zur Kokain- oder zur Marihuanafraktion gehöre. Ich sage ihm, dass ich schon gleich nach der Matura auf der weissen Seite stand, inzwischen aber zu solchen Substanzen lieber etwas Distanz halte. Er nickt und fängt dann an über Crack zu reden, beteuert aber, mit harten Drogen eigentlich nichts am Hut zu haben. Er habe bloss im SZ – Magazin darüber gelesen.

Eine Art – Direktorin kniet vor dem Notebook auf dem Boden und spielt französischen House ab, die blonden Mädchen aus der Beratung, die oben alle dieselben tailliert geschnittenen Hemden und unten dann braune Lederstiefel über den Jeans tragen, fangen an zu tanzen. Irgendwer ruft „Ich will Roland Kaiser singen“ aber niemand scheint davon Notiz zu nehmen. Ein Texter, der ursprünglich aus Polen stammt, läuft mit einer offenen Wodkaflasche durch die Wohnung und bietet jedem einen Schluck an. Ich kann in solchen Situationen nicht richtig Nein sagen und fange an, alles durcheinander zu trinken: Gin, Bier, Wodka, Prosecco und schliesslich auch noch Rotwein aus einer Flasche mit Drehverschluss. Als um Viertel vor Zwölf die Polizei kommt und Ruhe verlangt, bin ich ein wenig betrunken. Rundherum brechen die Leute langsam auf. Irgendwer redet was von einer Adidas – Party, die Seniortexter und Texter greifen den Beratungsmädchen auffällig oft an die Schultern und photographieren sich gegenseitig. Die Deutschen flirten eigenartig, denke ich. Mit dem Flirten ist es vielleicht wie mit dem Fussballspielen: jede Nation bestätigt ihre Klischees: die Briten schlagen direkte Bälle auf die Spitzen, die Franzosen spielen sich hundert Mal den Ball zu, ehe sie schiessen, die Brasilianer tanzen und bei den Italienern passiert eine Stunde lang erst gar nichts bevor sie mit einer Aktion das Spiel für sich entscheiden. Bei den Deutschen schliesslich ist bei all der hinzugewonnenen Spielfreude halt immer noch ein bisschen Härte und Kampf mit dabei. Vielleicht wollen die deutschen Mädchen unter anderem auch genau deswegen nicht auf die Wangen geküsst werden.

Wir verlassen die Wohnung und trinken Bier in einer dunklen Bar gleich um die Ecke. Aus den Boxen der Stereoanlage dröhnt Pulp mit Disco 2000. Mir ist ein wenig schwindlig, aber ich halte durch. Um drei Uhr Früh sitze ich dann in einem Taxi, das die Kastanienallee entlang fährt und uns zur Kulturbrauerei bringt, wo eine Gruppe amerikanischer Mädchen zu Kate Bush tanzt. Die Mädchen sehen schön aus, wenn auch ein wenig verschwommen. Das hat alles keinen Sinn mehr, denke ich und kaufe mir ein letztes Becks. Kurz nach vier bin ich dann zu Hause.

Viermächtedisko

Monday, April 24th, 2006

„Wenn du nie mit einer Dicken im Bett warst, kannst du gar nicht wissen wie sich das anfühlt“ sagt Julien und guckt so als suche er Zustimmung. „Stimmt. Sehr kluge Bemerkung, ha, ha, ha“ höhnt Phil und verzieht den Mund. „Trotzdem würde ich mir so was nie antun. Ganz im Gegensatz zu dir.“ – „Was?“ – „Wie ´was´. Jetzt tu nicht so als würdest du dich nicht mehr erinnern. So was vergisst man nie. Dabei hab ich dir sogar am selben Abend noch gesagt, dass du das bereuen wirst.“ – „Ich bereue überhaupt nichts. Ich hab nämlich Spass gehabt, ob du es nun glaubst oder nicht“ Julien reisst Streifen von dem fettigen Hamburgerpapier, zerknüllt sie zu kleinen Bällchen und wirft sie Phil ins Gesicht. „Fuck you, du Arsch“ ruft der und schüttelt wie wild den Kopf. „So einer ist doch pervers, oder?“ sagt er dann zu mir. Ich nicke zustimmend, denn ich finde, dass sich Perversion durchaus auch ästhetisch definieren lässt. Julien scheint da nicht einverstanden; für ihn ist das offenbar eine Frage des Alters – oder zumindest hat er sich heute Abend auf dieses Argument eingeschossen. Zu jung, zu jung, zu jung: damit beschiesst er Phil den ganzen Abend. „Je jünger desto besser! So was nenn ich pervers, du Pädophiler!“ Phil zuckt bloss mit den Schultern und sagt dann: „Red nur, du Idiot! Du bist nur sauer weil du nach mehr als zwei Wochen Berlin immer noch nichts rumgekriegt hast.“

Kurz darauf verlassen wir die Mc Donalds – Filiale in der Schönhauserallee, wo wir zu Nacht gegessen haben und gehen rüber ins Doktor Pong, um uns dort mit Ricard aus dem Plastikbecher auf das Abendprogramm einzustimmen. Im Pong hängen die üblichen Leute rum; Lili und ihr Bruder spielen Tischtennis, ein paar amerikanische Backpacker liegen in den Sofas, rauchen Pott und kommen sich dabei offenbar wahnsinnig nonkonformistisch vor. Eigentlich zum Lachen, so etwas, aber seit das Pong im Lonely – Planet als Insidertipp fungiert, stehen da halt jedes Wochenende irgendwelche schlecht rasierte Typen in Jack Wolfskin – Klamotten rum und freuen sich „a really, really funky place“ gefunden zu haben. Wenigstens seien die Mädchen dann einfach rumzukriegen, meint Julien und erzählt von irgendeiner Schottin oder Engländerin, die er vor zwei Jahren mal im Freedom an den Champs Elysees aufgelesen hatte. In Paris war Julien unbesiegbar. Er kam überall rein, kannte beinahe alle Türsteher persönlich und verteilte grosszügig Trinkgeld ans Barpersonal, welches sich dann mittels kostenlosen Champagnerflaschen zu revanchieren pflegte. Hier aber ist alles anders. Hier gibt es keine käuflichen Türsteher und auch keine VIP – Bereiche, in denen man Tische reservieren und Champagner bestellen kann. Hier gibt es bloss Beton, Neonlicht, Vintagemöbel und DDR – Lampen aus dem Palast der Republik. Im Vergleich zu Paris wirkt Berlin karg und rissig, fast ein bisschen wie eine ältliche Trümmerfrau. Und Trümmerfrauen sind nun mal nicht empfänglich für leichtlebigen, frakophonen Charme.

Um zwölf Uhr Nachts fahren wir mit der U2 zum Senefelder Platz. Im Kaffee Burger läuft Russendisko (ja, genau die Russendisko, die hat ja mittlerweile auch schon jeder Reiseführer im Hauptprogramm). Wir gehen allerdings nur deswegen rein, weil Phil unbedingt mit dem Wladimir Kaminer einen Interviewtermin vereinbaren muss. Nicht für sich selbst, versteht sich, nein, Phil hat mit dem Typ eigentlich nichts am Hut. Bloss für eine Freundin von einer Freundin, die in Lille eine Journalistenschule besucht, ein paar Artikel über die Russen in Berlin schreiben muss und daher meint, ein Interview mit dem Partyveranstalter, Schriftsteller und Vorzeige – Exilrussen Wladimir Kaminer sei eine gute Idee. Grundsätzlich hat sie ja Recht. Aber als wir erst fünf Euro zahlen und dann in dem düsteren, überfüllten und stinkenden Kaffee Burger eng aneinander gedrängt Wodka auf Eis trinken, kommen wir Zweifel. In diesem Gruselkabinett aus amerikanischen Touristen, rumänischer Zigeunermusik und ukrainischen Autoknackervisagen werden wir Kaminer nie finden. Nie. Und so ist es dann auch. Kaminer bleibt unauffindbar. Julien scheint der Verlauf des Abends ebenfalls zu missfallen. Er schaut genervt umher, beugt sich dann vor und ruft mehrmals hintereinender: „Ich will weg. Hier sind nur Typen!“

Der Rote Salon ist gleich um die Ecke. Drinnen hat es zwar viele Mädchen, aber die Tatsache, dass hier eine Franzosenparty steigt, gibt Julien endgültig den Rest. „Ich bin doch nicht tausend Kilometer weit gefahren, um mir diesen französischen Tryo – Manau – Jonny Hallyday – Provinz – Scheiss anzuhören!“ macht er genervt, lässt sich in einen Sessel im hinteren Teil des Raumes fallen und raucht etwas Pott. Ich dränge vorbei an den Tanzenden bis zur Bar und bestelle Bier. Plötzlich steht Francis neben mir, wir stossen an und suchen die anderen. Phil ist verschwunden, Julien nervt sich, der Abend geht so langsam aber sicher den Bach runter. Gegen drei Uhr Morgens hauen wir ab. Auf dem Heimweg schauen wir noch mal beim Kaffe Burger vorbei, aber die Situation dort hat sich nur noch verschlimmert. Angesichts des ihm offenbar feindlich gesinnten Viermächtepakts aus amerikanischen Backpackers, englischen Matronen, russischen Säufern und französischen Beaufs entscheidet sich Julien für die bedingungslose Kapitulation und geht nach Hause. Es ist seine erste Partyniederlage in Berlin. Ich selbst gehe auf dem Heimweg noch beim Pong vorbei, beschliesse aber angesichts der dort herrschenden Endzeitstimmung, das Feuer heute Nacht ebenfalls einzustellen.

Wieder ein Tag Leben

Friday, April 21st, 2006

Ich wache in meiner vollkommen leeren Wohnung auf, weil die Sonnenstrahlen schräg durch die Fenster auf mein Bett fallen und draussen die U-Bahnzüge vorbeifahren. Der Geruch von frischer Farbe hat sich in meine Nasenhöhlen gebrannt, auf dem Parkett liegt ein Film von Kalk und Schmutz, der weisse Spuren an den Unterseiten meiner Füsse hinterlässt. Ich durchquere die leere Halle, die einmal mein Wohnzimmer sein wird und gehe rüber ins Bad, wo Julien so eine Art Bettbezug ans Fenster gehängt hat, damit uns die Nachbarn nicht beim Duschen zuschauen können. Ich kann den Hausmeister hören, der unten im Hof mit irgendwelchem blechernen Abfall hantiert. Vielleicht, denke ich in diesem Augenblick, werde ich mich hier einmal zu Hause fühlen. Vermutlich werde ich diesen Ort, der jetzt noch so öde scheint, irgendeinmal richtig vermissen.

Die Strassenbahn ist voll und fast alle Leute lesen irgendetwas, Zeitungen und Romane, von Nicholas Sparks oder Caroline Link. Offenbar mögen sie so etwas. Ich höre Richard Ashcroft auf meinem Ipod und klammere mich an eine gelb lackierte Haltestange. Im Büro esse ich zum Frühstück zwei Brötchen mit Edamer, Senf und Hinterschinken und eine Fruchteinheit, die je nach Wochentag entweder aus einer Banane, einem Pfirsich oder einem Apfel besteht. Dann lese ich die Schlagzeilen auf Spiegel – Online und Alescha, der mir gegenüber sitzt, schüttelt den Kopf und verweist lachend auf ein Foto, welches in der Britischen Boulevardzeitung „The Sun“ erschienen ist und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Umziehen am Strand von Usedom zeigt. Ich schaue auf den verpixelten Zellulitishintern der Merkel vor mir auf dem Bidschirm, dann höre ich, wie mein Nachbar sagt: „Weisst du was ich gedacht hab’, als ich die Mekel – Bilder zum ersten Mal sah?“ – „Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“ – „Nah ja ich hab mich gefreut, dass uns das nicht schon mit Kohl passiert ist. Das wäre nämlich erst recht hässlich geworden.“ Ich nicke zustimmend. Später essen wir unten in der Cafeteria. Nils setzt sich zu uns, wir reden über banale Sachen und gehen dann eine halbe Stunde Tischfussball spielen.

Den Nachmittag verbringe ich mit unausgegorenem Nachdenken und Kaffeetrinken. Irgendwann gegen vier Uhr kommt Felix aus der Grafikabteilung rüber und fragt, ob wir mit ihm auf der Dachterasse eine Zigarette rauchen. Oben geht ein leichter Wind und ein paar Typen aus dem Stock unter dem meinem sitzen an einem Tisch aus dunkel gebeizten Holzlatten und malen Logos. Einer von ihnen sagt die ganze Zeit: „Wir brauchen ‘ne Goldidee, Mann, ‘ne verdammte Goldidee.“ Ich sehe ihnen eine Weile zu und versuche zu verstehen, ob sie das nicht nur als Witz meinen, merke aber dann dass ihnen ernst ist. Ich drücke mein Zigarette aus und geh nach unten, schreibe eine halbe Stunde lang Slogans für so eine gelackte Beratungsfirma in der vermutlich bloss verkappte Nekrophile arbeiten und gehe gegen sieben Uhr Abends nach Hause.

Die Strassenbahn ruckelt die Kastanienallee hoch, ein paar müde Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Tages beleuchten die mit Staub überzogenen Scheiben der Wagen. Ich bin nicht wirklich müde. Ich fühle mich bloss ein wenig ermattet. Ermattet ist so ein schönes Wort, es bezeichnet nämlich einen Zustand der totalen Gleichgültigkeit, eine Art spätnachmittäglichen Komatod, der sich vom entgültigen Ableben haupsächlich durch die damit verbundene anspruchslose und schmerzlose Genügsamkeit unterscheidet. Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse steige ich aus und gehe nach Hause. Später werde ich weggehen. Ins Doktor Pong, oder ins Zu Mir Oder Zu Dir. Oder runter nach Mitte. Oder zum Ostbahnhof. Oder aber ich werde zu Hause bleiben und zum zehnten Mal Rules of Attraction gucken. Oder gar nichts tun. Ich verpasse ja nichts. Heute ist bloss ein ganz normaler Tag. Ein weiterer Tag Leben. In Berlin.

Metro – Mädchen

Sunday, April 16th, 2006

Donnerstag um halb sechs höre ich auf zu arbeiten, steige die fünf Stockwerke runter bis auf die Strasse und zünde mir als erstes eine Zigarette an. Leichter Regen geht nieder und ich frage mich, ob der Frühling dieses Jahr an Berlin wohl unverrichteter Dinge vorbeiziehen wird. Momentan sieht es ganz danach aus. Vor mir läuft ein Mädchen mit hellblondem Haar, die auf dem gleichen Stock wie ich arbeitet, allerdings nicht in der Kreation, sondern in der Beratung. Ich erinnere mich daran, dass sie mich letzte Woche einmal gebeten hat, das Papierfach des Laserdruckers wieder aufzufüllen. Ich habe dann gar nicht gross nachgedacht und dieses blöde Fach ganz einfach mit A4- Papier gefüllt. Als Phil davon erfuhr, hat er mich ausgelacht „Die wollte dich anmachen, du Depp!“, hat er gerufen. „Und du merkst so was nicht einmal“.

In der U-Bahn spreche ich das Mädchen an. Sie heisst Eva und kommt aus Ulm. Ich will wissen, wie lange sie schon in Berlin ist und sie sagt „vier Jahre“ und lacht. Überhaupt lacht sie die ganze Zeit über und ich bin nicht sicher, ob sie das aus Kalkül tut oder nicht. Aber vielleicht habe ich einfach nur die Angewohnheit, die kleinen Gesten anderer Leute stets falsch einzuschätzen. Vielleicht hat das alles nichts zu bedeuten. Der Zug hält im Bahnhof Friedrichstrasse, wir steigen beide aus und sie sagt, dass ihre ältere Schwester Schauspielerin ist. Ich frage „Wo?“, sie antwortet: „Beim Fernsehen“. „Aha“, mache ich, weiche einem fetten Typ mit FC Union – Schal aus und höre gerade noch, wie Eva sagt, dass ihre Schwester in der Telenovela „Verliebt in Berlin“ eine Hauptrolle hat. Gut zu wissen, denke ich, endlich mal wieder was zum Namedroppen. Kurz darauf verabschieden wir uns, ich küsse sie drei Mal auf die Wangen, fahre mit Rolltreppe zur S-Bahn hoch, nehme den nächsten Zug Richtung Norden und steige an der Bornholmerstrasse aus. Phil hockt zu Hause und starrt den Bildschirm seines Computers an, so wie immer. Später stossen Julien und Lucile hinzu, die beiden waren einkaufen und Julien kündigt an, an einem der folgenden Tage ein Boef Bourginion zu kochen. Finde ich gut, sag ich zu mir selbst, endlich mal was anderes als diese ewigen Hähnchenschnitzel im Brot aus dem “Aysata” an der Eberswalderstrasse. Nichts gegen Hähnchenschnitzel im Allgemeinen, aber nach drei verdammten Wochen ohne festen Wohnsitz hängen mir diese nach abgestandenem Frittenöl riechenden Kebapbuden mit ihrem Hähnchen - Döner – Kräutersauce - Rotkohl – Zwiebeln – Einerlei ziemlich zum Hals raus.

Julien will richtig auf den Putz hauen, ich bin aber nicht wirklich in Form, fühle mich wie ein Fussballspieler, der nach langer Verletzungspause wieder zurück ins Team kommt und jetzt plötzlich alle entscheidenden Treffer erzielen muss. Wir essen erst ein halbes Hähnchen an der Schönhauserallee, fahren zu irgendeinem Rockklub in der Nähe des Alexanderplatzes, resignieren angesichts der kilometerlangen Schlange, die sich vor dem Eingang gebildet hat, nehen den nächsten Zug zurück Richtung Pankow und landen am Konzert einer Bielefelder Rockband, deren Sängerin mehrmals auf ihre Herkunft verweist und darauf offensichtlich auch noch stolz ist. Julien holt ein Bier nach dem anderen, ich merke, wie ich schnell betrunken werde. Wir machen dann all die üblichen Sachen, die man halt so macht, wenn man an einem Donnerstag Abend am Prenzlauerberg unterwegs ist: im Doktor Pong dem Oliver Hallo sagen, Ricard trinken und dem Julien dabei zusehen, wie er aufgrund seiner Trunkenheit keinen Ball mehr trifft, beim Pingpong – Rundlauf vier Mal hintereinander in der ersten Runde raus fliegt und daraufhin einer dunkelhaarigen Bosnierin die Zunge in den Hals steckt.

Später stranden wir im August Fengler. Verfluchtes August Fengler. Sabrina und ich reden über gemeinsame Freunde, hin und wieder kommt Julien dazu und stusst  unverständliches Zeugs. Um Fünf ist Ende Feuer, wir nehmen die U-Bahn, Sabrina verabschiedet sich mit einer Umarmung, Julien beklagt sich darüber, dass er heute Abend keinen Sex haben wird. Ich nicke nur und sage erst Mal gar nichts, erwähne dann aber aus irgendeinem Grund das Mädchen Eva und sage, dass ich in der U-Bahn mit ihr gesprochen habe. „Da musst du rangehen, das Zeug flachlegen!“ ruft Julien und erzählt mir daraufhin eine Geschichte aus Paris, in welcher er selbst sowie ein Mädchen vorkommen, welches er offenbar um sieben Uhr früh in der Metro aufgegabelt und mit nach Hause genommen hatte. „Die hat alles gemacht, das sage ich dir. ALLES.“ Ich lache ein bisschen und sage dann zu mir selbst, dass ich ihn darum keineswegs beneide. Ich will in diesem Augenblick niemanden aufgabel. Ich will bloss endlich in meine Wohnung einziehen, Essen kaufen und ein geregeltes Leben führen. Das ist alles.

Just a Freitagabend

Monday, April 10th, 2006

Wieder ein Freitagabend in Berlin. Ich habe eine Woche Arbeit hinter mir, in einer Werbeagentur im Wedding. Werbeagenturen sind schöne Firmen, meist in ehemaligen Industriegebäuden untergebracht und bevölkert von jungen, schönen und äußerst kreativen Menschen. Das ist auch bei meiner der Fall. Die Typen tragen diese Britpopfrisuren und dicke Brillen, die Frauen allesamt Jeans und Stiefel. Manchmal fährt jemand auf einem Kickboard durch die Gänge und unten im Keller steht ein Tischfussballkasten und ein Ping – Pong – Tisch. Echt Berlin, Berlin, das Ganze. Da soll nochmal wer behaupten, Klischees hätten grundsätzlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun.Ich bin also jeden Morgen brav aufgestanden, mit der U-Bahn an die Schwarzkopffstrasse gefahren, habe mich vor meinen surrenden, Bonbonfarbenen Erstgeneration – i-Mac gesetzt und darüber nachgedacht, wie man völlig öde Produkte mit einem peppigen Werbeslogan besser an die Leute bringen könnte. Wahnsinnig viel ist mir bisher nicht eingefallen, aber das macht auch nichts, denn meinen Kollegen dort geht es glaube ich auch nicht viel anders. Die meisten von ihnen sitzen dann locker am Schreibtisch, trinken Milchkaffee und surfen auf dem Internet. So was nennt man dann „die Inspirationsquelle abchecken“.Wenn das „Abchecken“ nichts bringt, geht’s ab auf die Dachterrasse zum Rauchen. Und wenn einem beim Rauchen auch nichts einfällt, setzt man sich zu Felix, dem Grafikpraktikanten an den Tisch, guckt sich den Meissen – Porzellan- Adult – Content – Nacktkalender an und redet dummes Zeug. Erstaunlicherweise lassen sich aber so trotz allem Ergebnisse erzielen. Wie genau das funktioniert, hab’ ich allerdings noch nicht ganz begriffen.

Meistens arbeite ich bis acht Uhr Abends und fahre dann nach Hause. So auch heute. Ich komme an und Phil liegt müde im Sofa. Er trägt einen dieser schlabbrigen Kapuzenpullis von Tommy Hilfiger und sieht mit seinen kurzen Haaren und seinem dunklen Teint aus wie ein französischer Vorstadtjugendlicher aus Nordafrika. Als ich ihn frage, ob er noch weg wolle, schüttelt er den Kopf und sagt „Nee, bin krank“ oder „Verdammt, ich bleibe zu Hause“ oder „Das alles kackt mich an.“ Ich zucke mit den Schultern, esse eine Pizza und gehe dann gemeinsam mit Julien und Sabrina ins Doktor Pong. Dort ist viel zu viel los und eine Freundin von Felix, dem Graphiker, legt Sechzigerjahre – Rock auf. Sie ist blond, trägt so ein weites, rotes Top mit Rüschchen dran und sieht aus wie Debbie Harry zu Beginn ihrer Karriere. Julien weiss nicht, dass Debbie Harry mal als Playmate gearbeitet hatte, bevor sie bei Blondie einstieg, aber ihm ist das sowieso egal, er findet einfach nur das Mädchen hinter dem DJ – Pult sehe umwerfend aus. „Keinen super Körper, aber ein interessantes Gesicht“ sagt er ein paar Mal. Interessantes Gesicht, was will das schon heissen, denke ich und trinke ein paar Gläser Ricard bis ich betrunken bin.

Später fordert uns Felix auf, mit ihm und den Mädchen in die Panorama Bar zu fahren, ich nicke und wir halten draußen auf der Eberswalderstrasse ein Taxi an. Julien versucht mit dem Debbie-Harry – Mädchen zu reden, aber sie gibt sich wortkarg und abweisend. In der Panorama Bar herrscht ein Heidenlärm und die Leute sehen alle sehr unfreundlich aus. Ich trinke Bier und werde zusehnds müde, rede mit ein paar Schweden, denen Felix zwecks Devisenbeschaffung seine Wohnung übers Wochenende vermacht hat und erzähle den Leuten, dass ich heute Nachmittag ein Fotoshooting für eine Werbekampagne hinter mir hatte. Aber das scheint niemanden zu beeindrucken, warum auch, ist ja eigentlich bloß peinlich. Um sieben Uhr früh fahren wir mit einem Taxi nach Hause, Julien besteht darauf an einer Dönerbude an zu halten und bestellt Hühnchenschnitzel im Brot. Ich krieg das Zeug nicht runter und will nur noch schlafen.