The End has no End
Monday, July 3rd, 2006Die Strokes spielen in Berlin und ich gehe hin. Nach zwei Stunden Musik sitze ich dann am Ufer der Spree, schaue nach Friedrichshain rüber und rauche Zigaretten. Am Abend zuvor war die Schweizer Nationalmannschaft ausgeschieden, nach einem völlig missratenen Penaltyschiessen gegen die Ukraine. Keinen einzigen Elfer haben unsere Jungs im Tor untergebracht; so was ist WM – Rekord. Meine Kumpels, die sich das Spiel als neutrale Beobachter angesehen haben, sprachen nachher von einer grauenvollen Partie. Ich weiss nicht, ob das stimmt, glaube es ihnen aber gerne. Irgendwie passt das alles ja zusammen: elf verklemmte Schweizer stolpern aus Angst vor dem eigenen Erfolg gegen eine mediokre Auswahl aus Kiew und Donezk dem bitteren Ende in Peinlichkeit entgegen – ich hätte es wissen müssen. Stattdessen habe ich geglaubt, alles würde anders: dynamischer, schneller, frecher und irgenwie auch ästhetischer.
Nun hocke ich an der Spree und glaube in meinem Spiegelbild unseren viel gescholtenen Nationalcharakter zu erkennen: wir sind diskret, wir sind höflich, wir sind unglaublich effizient und leistungsstark im Stillen – aber wehe irgendwer stellt uns ins Rampenlicht: dann werden wir ganz schnell zu unbeholfenen Angsthasen die nur darauf warten, geduckten Hauptes von der grossen Bühne zu schleichen. Hauptsache keiner merkts. Bin ich auch so? Natürlich. Ansonsten würde ich das alles ja gar nicht schreiben. Der ewige Selbstzweifel ist Teil von uns. Ob er mehr Gutes oder Schlechtes mit sich bringt, sei dahingestellt. Vielleicht kann ja Julian Casablancas was dazu sagen. Als ich nach dem Konzert auf dem Weg zur Strandbar am Hintereingang der Berlin Arena vorbeikomme, laufe ich beinahe in den Sänger der Strokes. Er macht eine Art entschuldigende Geste, ich erwidere das ohne etwas zu sagen und gehe weiter. Die deutschen Groupies hingegen, die die ganze Zeit über um den Tourbous herschleichen, stürzen sich unter hysterischem Geheul auf ihn. In der Schweiz wäre das unter Umständen nicht passiert, wer weiss.
Ein paar Tage später schickt Frankreich die Brasilianer nch Hause und diesmal sind die Franzosen dran mit Feiern. Während Phil und Maxim mit einer Trikolore aus Stoff in den Händen die Schwedterstrasse entlang rennen und in akzentgefärbtem Deutsch “Ohne Brasilien, fahren wir nach Berlin!” singen, ruft mich Dave aus der Schweiz an. “Ha, ha”, ruft er, “jetzt sind die auch raus. Das ist die Quittung für den ganzen Zirkus, den sie bei ihrem Trainingslager in Weggis veranstaltet haben!” Ich stimme ihm zu und merke, dass es trotz allem weitergeht. Wenn die eigene Mannschaft rausfliegt, kommt die Zeit der Schadenfreude: jeder Grosse, der ausscheidet, wird mit Spott und Hohn überschüttet. Egal ob grossmäulige Brasilianer, arrogante Franzosen oder vor Selbstbewusstsein strotzende Deutsche: jeder Stolperer wird hämisch beklatscht von uns Keinen, die soweiso nie etwas gewinnen. Man mag es Minderwertigkeitskomplex nennen – ich bezeichne es ganz einfach als angenehmen Zeitvertreib: wenn es für uns vorbei ist, freuen wir uns über die Enden der anderen, denn: the End has no End.