Nathalie Portman Sings The Blues

Es ist Sonntagabend im Privatclub, irgendwo in Kreuzberg und vorne auf der Bühne, vor der silbern glitzernden Wand, spielt eine schwedische Frauenband melancholischen Pop. Die Schlagzeugerin sagt kurz „Hallo“ und ich finde, dass sie aussieht wie Nathalie Portman. Die Leute trinken Flensburger und ich ziehe den mit Gummi unterlegten Porzellanpropfen vom Hals meiner Flasche. Das macht erst plop, dann tritt etwas Schaum aus. Julien fasst seine schwedische Freundin um die Hüfte und sagt, ihm ginge es gut. Ich nicke, trinke Bier und sehe mich um: der Raum hier ist dunkel und warm, das Licht so rot wie in einem Puff und die Mädchen hinter der Bar von beinahe tragischer Schönheit. Wenn die Band nicht spielt, feuern die Lautsprecher Salven von traurigen Balladen ab, Lieder von gebrochenen Männern mit Gitarren. Und Where is my mind von den Pixies.

Ich bin erst am frühen Abend aufgestanden, meine innere Uhr ist vernichtet und wenn ich meine Hand gerade halte, fängt sie an zu zittern. Ich habe die letzten Tage in einer Zwischenwelt verbracht, in der es keine klar umrandeten Dinge gab, die man voneinander unterscheiden hätte können. Stattdessen sah ich verwischte Körper von weitem, die sich zum harten Pulsschlag der Musik hin und her bewegten, aus fleckigen Wasserflaschen gierig tranken und mit euphorisiertem Blick zum Klo stolperten. Ich wusste nicht ob Morgen oder Abend war, ob Sommer oder Winter. Die Welt um mich herum war versunken, Atomkriege hätten stattfinden können, ohne dass ich davon irgendetwas mitgekriegt hätte, denn da war bloss der metallerne Bass, der uns alle vorwärts trieb, immer weiter, weiter, weiter.

„Wenn du jemanden berührst, dann glaubst du zu sterben, so schön ist das“, sagte mir PF ins Ohr, ich legte daraufhin meine Hand an die Wange eines schwedischen Mädchens mit dunklem Haar und bekam eine Art Stromschlag, der mich zurück warf und eine Weile lang entrückt lächeln liess. Ich sah die Leute um mich herum in Pastellfarben und empfand die Welt im Allgemeinen als einen sehr schönen und beruhigenden Ort. Alle Menschen waren unglaublich nett und einfühlsam zueinander, sie gaben sich die Hände und lächelten einander vor lauter Glückseligkeit gegenseitig an. Später blendete mich dann die Sonne, weisses Licht, dass vom Himmel fiel und mir die Augen verbrannte. Ich sah nur noch schemenhafte Umrisse, Leute, die vorwärts stolperten, quer durch eine stille Industriezone irgendwo im Osten der Stadt, raus auf die Strasse, wo nur vereinzelte Autos unterwegs waren, lautlos und schnell wie Raumschiffe.

Die Band hat aufgehört zu spielen. „Die Mädchen in Kreuzberg sind schön“, sagt Julien. „Wir könnten vermehrt hier her kommen.“ – „Ja“, mache ich und sehe den Leuten nach, die an mir vorbei nach draussen gehen. Die Schlagzeugerin sagt „Adieu“, ich finde wirklich, dass sie wie Natalie Portman aussieht. „Lass uns gehen“, meint Julien „Wir können ja noch im Zu Mir oder Zu Dir einen White Russian trinken“. Wenig später sitze ich auf der Rückbank eines Mercedes, der rauschend durch matschige Strassen voller Schnee, Regen und Eis fährt. Der Winter in Berlin ist vorüber, ehe er überhaupt richtig angefangen hat. „Von welcher Party redet der Typ“ fragt Julien jetzt, ich weiss erst gar nicht was er meint, ehe ich den Taxifahrer bemerke, der dauernd am Telefon hängt und den Wagen nur mit einer Hand quer durch Friedrichshain steuert. „Ich hab’ keine Ahnung wo die Party ist, aber offenbar sind da verdammt viele Leute, die weggehen wollen“, höre ich ihn sagen. Dann dreht er sich kurz um, grinst und sagt „Berlinale. Jeden Abend was los.” Ich nicke, mehr nicht. Die Berlinale ist für mich sehr weit weg. Dann denke ich daran, dass ich Natalie Portman gesehen habe und das macht mich auf eine glückliche Art traurig. Denn die Schönheit birgt auch immer etwas Hoffnung in sich.
Nathalie Portman sings the blues, sage ich leise, aber weder Julien, noch der Taxifahrer haben mich gehört. Stattdessen schaltet letzterer jetzt das Autoradio an. Es spielen: die Pixies, mit Where is my mind.

2 Responses to “Nathalie Portman Sings The Blues”

  1. Lady Alroy says:

    Verdammt. Das ist richtig, richtig gut. Verdammt gut sogar. Das beste, was ich bis jetzt von dir gelesen habe. Mach weiter so.

    L.A.

  2. Boris says:

    Sehr schön, Respekt!

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