Held der Arbeit

July 6th, 2007

Ich trinke Bier in der Bar 25 und vorne auf der Bühne spielt Bonaparte sein Set. Ich habe heute vierzehn Stunden lang gearbeitet und gestern auch und vorgestern sogar noch mehr. Eigentlich, denke ich, sollte ich längst im Bett liegen und schlafen, aber ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich muss raus, unter die Leute und trinken. Meine Freunde haben alle etwas eingeworfen, aber ich weiß, dass ich mir das nicht leisten kann. Ansonsten würde ich morgen wieder auf den Knien rumrutschen und den rhythmisch niedergehenden Hammer in meinem Kopf verfluchen, während der Pulschlag der Musik unter den Neonlampen des Büros weitermachen würde wie bisher und mich langsam in Richtung Wahnsinn treiben würde. Nein, das will ich nicht, sage ich mir und trinke stattdessen noch etwas Bier, denn Bier ist im Grunde genommen nichts anderes als glückbringendes, gelbes Wasser: es hilft gegen den Durst, schont den Rachen und reinigt den Kopf von unnötigen Sorgen, ohne ihn gleich in einen Haufen triefenden Matsch zu verwandeln.

„Ich respektiere deine Haltung“, sagt Julien ein paar Mal und meint damit die Tatsache, dass ich trotz kompletter Überarbeitung nicht nach Hause gegangen, sondern hier her gekommen bin. Ich lächle ein wenig und schaue weg, ich will nicht diskutieren, jedenfalls nicht über das, ich fühle mich ausgenutzt und schmutzig, wie jemand, der um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird und dies zu alledem auch noch lächelnd hinnimmt. Ich trinke noch ein Bier und etwas Wodka mit Red Bull, den Julien mir hinhält und spüre die Flammen der Euphorie und des Selbstbewusstseins, welches der Alkohol jeweils in mir entfacht. „Weißt du was“, sage ich zu Julien, der mich entrückt anschielt, „ich habe genug. Ich mache noch diesen einen Auftrag fertig, dann kündige ich. Diese Scheissbude kann mir mal. Die sollen sich einen anderen Idioten suchen.“ Julien nickt und sagt etwas aufmunterndes, dann haut er mir noch auf die Schulter und verschwindet. Etwas später sehe ich ihn durch die Hüttenlandschaft der Bar 25 torkeln, er fasst den Mädchen an die Hüften und fragt sie, ob sie alleine seien. Aber die Mädchen sind nicht alleine oder behaupten jedenfalls, sie wären es nicht und Julien wird immer weggetretener und sieht irgendwie ein bisschen traurig aus.

Die Spree, diese dreckige Kloake fließt langsam vorbei, und ich spucke in das schlammige Wasser, als mich Phil um Geld anhaut. Er habe leider keines mehr, sagt er und erzählt dann zum x-ten Mal die Geschichte, wie er heute Nachmittag innerhalb von nur sechs Stunden ein WG-Zimmer gefunden hat. „Die erste WG, die ich besuche, nimmt mich sofort“, ruft er abschließend und ballt mit fanatisch-euphorisiertem Blick die Hand zur Faust. Ich drücke ihm ein Becks in die Hand, er trinkt daraus und geht tänzelnd weg. Einen Augenblick lang komme ich mir ziemlich blöd vor; ich arbeite das ganze Wochenende durch für einen Hungerlohn, nur um dann meinen arbeitslosen Freunden beim Feiern zuzusehen, und ihnen wenn möglich auch noch die Drinks vorzuschießen. Aber ehe ich mich aufrege, schaltet mein Hirn auf Rausch und Gleichgültigkeit und begnügt sich mit der Feststellung, dass ein Morgen in der Bar 25 doch eigentlich ganz angenehm sei, Arbeit hin oder her. Zudem steht jetzt auch noch PF neben mir und redet irgendetwas von wegen Jobsuche und Ebay, aber schon Julien hat früher einmal bei Ebay gearbeitet und diese Tätigkeit gehasst. „Ebay ist ein Witzverein“, hat er damals gesagt. „Ich habe die meiste Zeit nichts anderes getan, als meinen Myspace- Account schön hergerichtet und Videos auf dem Internet angeschaut.“ Ich kann mir PF nicht bei Ebay vorstellen. „Ich mir auch nicht“, sagt er selbst jetzt, „aber die Aussichtslosigkeit meiner finanziellen Lage führt fast zwangsläufig da hin.“ Das kann ich nicht glauben. Berlin ist die Stadt des Müßiggangs, denke ich und meine Freunde sind alles Müßiggänger, darum passen sie ja perfekt hierher. Sie sind alle auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und sogar wenn sie ihn eher torkelnd denn gehend beschreiten, ist das für mich immer noch ein Grund, sie manchmal um ihre scheinbare Leichtigkeit zu beneiden.

Ich verlasse die Bar 25 gegen fünf Uhr früh und nehme ein Taxi in Richtung Prenzlauer Berg. Es ist bereits Tag, als der Wagen quer durch den realsozialistischen Größenwahn rund um den Alex kurvt. Phil und ich haben die Fenster runtergekurbelt, rauchen Zigaretten und trinken Wodka pur aus einem Glas, welches Phil aus der Bar 25 mitgehen ließ. „Könnten sie die Musik etwas lauter machen?“ fragt Phil den Taxifahrer zum zweiten Mal, der Typ dreht das Autoradio auf und U2 schreien In the Name of Love in den kränklich gelben Berliner Morgenhimmel. Es ist Sonntag und in sechs Stunden muss ich wieder im Büro sein. In der DDR hätte ich für so was noch den Titel Held der Arbeit verliehen gekriegt. Heute bekomme ich nicht einmal mehr das.

1993

June 19th, 2007

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Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich das erste Mal an einer Party war, aber ich glaube, das muss so um 1993 herum gewesen sein. Wir fuhren damals mit unseren Mountainbikes zu einer Efeuüberwachsenen Villa, die im Berner Stadtteil Weissenbühl lag, tranken Cola und tanzten mit den pummeligen Mädchen aus unserer Parallelklasse zu Dr. Albarns It´s My Live. Ich weiß noch, dass eines der Mädchen ein paar Tage später bei mir anrief und fragte, ob ich mit ihr gehen wollte. Ich habe eine Weile lang überlegt und dann „nein“ gesagt. Das Mädchen hat daraufhin nicht mehr mit mir gesprochen, aber das hat mich nicht im Geringsten gestört, denn ich stand kurz vor dem Übertritt ins Gymnasium und würde sowohl das Mädchen als auch die Efeuüberwachsene Villa nie mehr wieder sehen. Was übrig bleibt, ist der kurze, aber heftige Rausch des Augenblicks, den du wie ein verwischtes Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen deiner Erinnerung ablegst und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachtest.

Heute ist wieder so ein Augenblick und als ich auf dem Dach dieses leerstehenden Hauses stehe und mit meinen Augen aus Milchglas in die Morgensonne blinzle, glaube ich erneut eines dieser Polaroidfotos geschossen zu haben. Ich sehe die erwachenden Konturen vor mit, die sich aus der cremefarbenen Oberfläche schälen und den Moment für immer festhalten. „Daniel, komm runter“, ruft Lady Lanza, ich sehe sie durch Luke hindurch auf dem Dachboden stehen und lächle sie an, trunken vor Glück und ein paar anderen Dingen. Weiter hinten sitzen ein paar Typen auf warmen Metallplatten und rauchen etwas Pott während tief unten, in der Eberswalderstrasse die Straßenbahnen der Linie 10 in Richtung Nordbahnhof fahren. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, heißt es immer, und heute haben wir uns daran gehalten. „Das hier“, hat irgendeiner meiner Freunde gerufen, „entschädigt uns für all die nutzlosen, deprimierenden Winterabende, die wir trinkend im Dr. Pong verbracht haben.“

„Das ist wie nach der Wende, als im Osten all die Häuser leer standen“, hat Sascha, der DJ gesagt, obwohl er doch damals viel zu jung gewesen war. 1993 war Berlin eine offene Wunde, der Heilungsprozess setzte gerade erst ein und Stadt war wild und frei. Inzwischen ist der Heilungsprozess beinahe abgeschlossen und wir sitzen bloß nächtelang in Bars, die aussehen wie Raumstationen und trinken Gin Tonic, während ein diskreter DJ den Rhythmus der Musik in sonore Chromstahlstrukturen gießt. Nur heute ist alles anders, denn wir haben ein leerstehendes Haus besetzt und darin gefeiert. Paul hat von allen Leuten Geld eingesammelt und unten beim Spätkauf vier Kisten Sternburg Export gekauft, Sascha hat acht Stunden lang bis zur Erschöpfung hinter den Plattentellern gestanden und wir haben getanzt, als wären wir auf Drogen. „Ich fühle mich wie auf Ecstasy, dabei hab ich gar nix eingeworfen“, hat Dave gerufen und ist in irgendeinem der Zimmer verschwunden. Die Leute standen im Treppenhaus, auf den Balkonen, in den leeren, verlassenen Küchen und umarmten sich unter dem Stuck langsam zerfallender Gründerzeitwohnungen. Es gab keinen Eintritt und keine Türsteher, keine Bar und keine Klos mit elektrischen Händetrockner. Und niemand fragte: „Was machst du eigentlich in Berlin.“ Diese Dinge spielten alle überhaupt keine Rolle und ich bin sicher, wenn sich die Freiheit in nur einer Nacht gewinnen ließe, hätten wir sie bestimmt gewonnen.

Ich habe dann irgendwann ein dunkelhaariges Mädchen auf den Mund geküsst und danach einen Augenblick lang in den Armen gehalten. Später habe ich dann Phil und die anderen gesucht, aber die waren alle längst verschwunden. Jetzt stehe ich auf dem Dach und es ist Sonntag und Lady Lanza ruft immer noch, ich solle endlich runterkommen. Ich frage warum, sie sagt: „Caroline fährt noch runter in die Bar 25, da gehst du doch sicher auch noch mit“. Als ich dann wenig später auf der Rückbank eines Taxis sitze und durch das frühmorgendliche Berlin in Richtung Ostbahnhof fahre bleibt nichts zurück, als der kurze und heftige Rausch eines Augenblicks, den ich wie ein Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen meiner Erinnerung ablege und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachte.

Das Mädchen aus der Efeuüberwachsenen Villa hat inzwischen – so glaube ich jedenfalls – einen Gleisbauarbeiter geheiratet und ein paar Kinder zu Welt gebracht. Genau weiß ich das nicht, denn ich habe sie seit 1993 nie mehr gesehen.

photos:  http://www.tomsfete.de/

You Look Like Lindsay Lohan

June 13th, 2007

Draussen ist es stockfinster und trotzdem heiss und als ich in dem Wagen von diesem Mädchen nach Mitte fahre, kurble ich hektisch das Fenster runter. Ich brauche Luft, viel Luft, denn ich habe Unmengen geraucht, letzte Nacht. Mein Hals fühlt sich daher an wie aus Pergament und ich spüre eine leichtes Stechen in der Lunge. Aber das geht vorüber, man muss nur ein wenig trinken und schon versinken alle Schmerzen im lockeren Schaum der Benommenheit. Gestern hat das jedenfalls auch geklappt und wir lagen uns nach mehreren Stunden im Dr. Pong alle in den Armen, beinahe wahnsinnig vor Glück. PF sagte irgendetwas von wegen „nur noch ein Schritt und wir sind alle berühmt“ und ich pflichtete ihm bei, gemeinsam redeten wir unsere Leben schön und irgendwie glaubten wir auch daran, wenigstens einen Abend lang, einen weiteren Abend. In Berlin ist so etwas ja auch nicht allzu schwer, hier brauchst du dich bloss mit einem Drink vor das Dr. Pong zu stellen und in betrunkenem Zustand laut über deine mögliche Zukunft nachzudenken, um dich wie ein Popstar zu fühlen. Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte.

Das Mädchen parkt den Wagen in einer Seitenstrasse nahe der amerikanischen Botschaft und wir gehen in einen Club, der Picknick heisst. „Ich hoffe wir kommen da rein“, sagt das Mädchen, „jetzt wo das Rio zu ist, muss hier die Hölle los sein.“ Im Rio waren vorher all die Elektrotrash – Leute zu Hause, die aus jeder Party ein Happening machten. Will heissen: die Mädchen sahen aus wie Farah Fawcett im LSD-Rausch, die Jungs trugen hautenge Jeans und absurde Hüte während vorne auf der Bühne drei furchterregend geschminkte israelische Matronen in leuchtenden Polyesterbadeanzügen eine Art Post-Punk-Girlie-Elektro-Rock – Intifada entfachten. Das Rio war Schlachthaus und Paradies zugleich und es gab Abende, da glaubte ich den Himmel zu berühren. Ich bekenne, ich habe diesen Club geliebt, denke ich, als wir vor dem Picknick stehen. Die Sorge das Mädchens bezüglich des Einlasses erweist sich als unbegründet, wir kommen ohne Probleme rein und landen aus irgendeinem Grund auch noch auf der Gästeliste. Ein Typ mit geschminkten Augenrändern gibt uns Lakritzebonbons und das Mädchen sagt: „Ich habe da drinnen einmal aufgelegt. Ich glaube, die Party ist gut.“

Ein paar Stunden später steht die Welt um mich herum in Flammen und ich drehe mich mittendrin um meine eigene Achse und lache. Lady Lanza - eine Freundin aus Schweden - trägt ein Paar dieser kurzen Stiefeletten aus Wildleder und sieht ein wenig aus wie ein It-Girl, obwohl sie im Grunde genommen gar keines ist und wo das Mädchen hin gegangen ist, mit dem ich hergekommen war, weiss ich nicht. Zwei lesbische DJ’s spielen Musik so präzise wie Fernlenkwaffen und ich halte mich mit aller Kraft an meinem Becher voller Gin fest. Die Menschen hier drinnen sind schön und nett und möglicherweise auf euphorisierenden Drogen. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor und sie sind alle bloss glücklich. Ich gebe mein Bestes um mithalten zu können, komme aber kaum aus meiner Bucht heraus, die Strömung wirft mich immer wieder zurück. Einen Augenblick lang, denke ich, ich wäre reich und berühmt obwohl ich genau weiss, dass ich es nicht bin, aber niemals zuvor wurde mir die Illusion auf eine so schöne Art vermittelt. Ich glaube hier drinnen geht das den meisten Menschen so.

Ich gehe an einem Paar vorbei, dessen beinahe physische Vollkommenheit nicht einmal mehr Neid hervorruft, sondern bloss ehrliche und uneingeschränkte Bewunderung. Im Gang der zu den Toiletten führt, begegne ich einem Mädchen, das aussieht wie Lindsay Lohan. Lindsay Lohan mag zwar wunderschön sein, ist aber Amerikas weibliche Antwort auf Pete Doherty und zur Zeit gerade auf Drogenentzug. „Solltest du nicht in der Reha-Klinik sein?“, frage ich sie darum auf Englisch und bemerke in diesem Augenblick, dass ich sehr, sehr betrunken bin. „Why that?“ will das Mädchen wissen und sieht mich dabei mit einer Mischung aus Entsetzten und Neugier an. „Because you look like Lindsay Lohan“ - „Oh really?“, sie lacht und greift sich mit der flachen Hand an die Brust. „That’s so nice!“ Der Rest geht im Lärm unter, denn sie spielen jetzt diesen Song von Justice, den sie seit ein paar Monaten immer spielen: “We are your friends, you will never be alone again, come on, oh come on!”

„Du sieht ja jämmerlich aus“, sagt Julien, als ich am nächsten Tag gegen Mittag aufstehe. Im Bad lasse ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen, aber das hilft nichts. Draussen ist ein sonniger, heisser Tag und diese Hitze macht mich fertig. Ich nehme die Strassenbahn, steige aber nach einer Station wieder aus, weil ich es unter Menschen nicht aushalte. Stattdessen fahre ich mit einem Taxi zum Hauptbahnhof, wo ich mir einen Pappbecher mit Kaffee und ein paar Gossip-Magazine kaufe. Im Intercity-Express nach Hamburg lese ich darin. „Lindsay Lohan ist am Ende“, steht da. „Wenn sie so weiter macht, wird sie vermutlich bald sterben.“

Der Tod und das Mädchen

May 30th, 2007

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Vor fünfundzwanzig Jahren war Jupp Derwall Bundestrainer und die DDR noch ein Staat. Vor fünfundzwanzig Jahren war Helmut Kohl noch nicht Bundeskanzler und Lukas Podolski noch nicht einmal geboren. Vor fünfundzwanzig Jahren war ich gerade Mal zwei Jahre alt, mein Vater hatte eine Beatles-Frisur und meine Mutter trug immer noch diese erdfarbenen, indischen Kleider. Und vor fünfundzwanzig Jahren, an einem Frühlingstag des Jahres 1982 starb ein Mädchen namens Romy Schneider. Dieses Mädchen haben die Deutschen geliebt, weil es vor langer Zeit einmal die Sissi war. Aber Romy wollte keine Sissi sein. Darum floh sie aus Deutschland, vor der Liebe der Deutschen, drehte Filme in Frankreich und Italien, wo sie zum Star wurde. Zu Deutschlands letztem und vermutlich auch unnahbarsten Weltstar.

Vor fünfundzwanzig Jahren flog die Swissair von Genf aus in die weite Welt. Heute tut das Easyjet, denn die Swissair gibt es nicht mehr. Ich trete auf das Rollfeld des Flughafens Cointrin und die Hitze fährt mir wuchtig wie ein Hammer ins Gesicht. Die Luft riecht ein wenig nach Mittelmeer und der Himmel über der Stadt hat eine azurblaue Farbe angenommen, wie man sie üblicherweise nur aus südlichen Ländern kennt.  Autos und Busse schleppen sich röchelnd durch die engen Strassen und vom See her weht ein leichter Wind, der jedoch kaum Abkühlung bringt. Vor beinahe zwei Jahren habe ich Genf verlassen. Jetzt bin ich zurückgekehrt und Lorenzo schlägt vor, unten am See eine Flasche Roséwein zu trinken. Ich halte das für eine gute Idee und kurz darauf sitzen wir in Sesseln aus geflochtenem Korb und blicken auf die vertäuten Segelboote, die im Takt der Wellen einen sanften Walzer tanzen. „Wie sind die Partys?“, frage ich. „Ganz gut. Aber irgendwie zu gehemmt“, sagt Lorenzo. - „Und die Mädchen?“ – „Unberührbar“, er lacht. „Wie immer.“

Genf ist eine reiche Stadt. Hier wohnen mehr Millionäre pro Einwohner als anderswo auf der Welt. Unter anderem auch Alain Delon, der eiskalte Engel des französischen Kinos, der zum Star gewordene Metzgergeselle und Indochinakrieger mit Hang zum Sadismus und Verbindungen zum Milieu. Ausgerechnet in ihn hatte sich Romy damals verliebt. Er war die Liebe ihres Lebens und damit ihr Unglück. Denn die Liebe ist ein Vabanquespiel und ein Vabanquespiel mit Alain Delon, diesem aus glattem Marmor gehauenen Zyniker, kann keiner gewinnen. Nicht einmal Romy Schneider, die kühle Schönheit aus Deutschland. Es heißt, Alain Delon habe sich nicht einmal richtig von ihr verabschiedet und ihr stattdessen nur einen kleinen Zettel hinterlassen. Auf dem stand: „Bin in Mexiko, mit Nathalie“. Romy schnitt sich daraufhin die Pulsadern auf, wurde aber rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht und überlebte. Die beiden blieben in losem Kontakt und nach Romys Tod organisierte Alain die Beerdingung. Heute lebt er allein und sinniert verbittert über Selbstmord: „Es ist alles zusammen: eine gewisse Müdigkeit, die Zeit, die vergeht, die verstorbenen Freunde, die auseinander gebrochene Familie.”

Der Himmel über Genf ist jetzt dunkelblau und sie haben die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Wir essen in einem libanesischen Restaurant, welches Lorenzo als vorzüglich angepriesen hat und das den dadurch geweckten Erwartungen auch durchaus entspricht. Luca erzählt von seiner Arbeit im operativen Geschäft einer Privatairline und wirkt sehr zufrieden. „Erzähl mir eine Anekdote“, bitte ich ihn, er lacht und redet über Robbie Williams. „Dem sein Manager ruft vor jedem Flug extra an und verlangt, dass die Minibar an Bord ausgebaut wird. Ansonsten, so sagt er, würde Robbie Williams den Kühlschrank mit Gewalt aufbrechen, um an Alkohol zu kommen.“ – „Ruhm und Alkoholismus gehen Hand in Hand, weil du mit deinem Selbstbild nicht mehr fertig wirst“, sagt Lorenzo. Ich nicke und denke an Romy Schneider, die nach der gescheiterten Beziehung mit ihrem dritten Ehemann Daniel Biasini zur Alkoholikerin wurde. „Ich glaube, das ist ganz legitim“, sage ich, „schließlich ist der Rausch ein Zustand der Erleichterung, so traurig das klingen mag.“ Später betrinke ich mich in einer Bar an der Rue de Lausanne mit Gin und Tonic. Ich tue das ganz sanft, während Lorenzo mit einem japanischen Model spricht. Trinken, denke ich in diesem Augenblick, gleicht der Reise in einem Privatjet. Du gleitest ganz allein in höchsten Höhen dahin, betrachtest die Welt von oben und stellst fest, dass sie eigentlich ein schöner Ort ist. Aber nur für ein paar Stunden, denn dann leitet der kleine Pilot in deinem Kopf unweigerlich den Sinkflug ein.

Gegen zwei Uhr Morgens gehen wir nach Hause. Lauter Paläste aus der Zeit der Jahrhundertwende säumen die Uferpromenade, es sind Monumente des Luxus, des Ruhmes und des großen Geldes aber auch der Vergänglichkeit.  Der einsame Tod im Hotelzimmer, umgeben von seidener Bettwäsche und anderen teuren Accessoires ist immer noch die traurigste Art des Dahinscheidens. „Da“, sagt Lorenzo plötzlich und zeigt auf eine kleine Statue aus Metall. „Hier starb Sissi.“ Die österreichische Kaiserin war, als sie 1889 von einem italienischen Anarchisten erstochen wurde, ein innerliches Wrack. Sie hatte den Selbstmord ihres Sohnes nicht verkraftet. Romy Schneider hat das auch nicht. Ihr Sohn kam 1981 bei einem Unfall ums Leben. Romy selbst wurde ein Jahr später in ihrer Pariser Wohnung tot aufgefunden. Sie hatte sich umgebracht.

source pic: Romy Schneider by Will Mc Bride, found at:openPR.de

Die Indie-Disko ist tot, es lebe die Indie-Disko.

May 23rd, 2007

Julien sei nicht besonders gut drauf, hat mir Phil bereits am Telefon gesagt und als ich nach Hause komme, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott. Ich frage ihn ob alles okay sei, er hebt die Hand und macht so eine beiläufige Geste, die sowohl ja als auch nein heißen könnte. „Die anderen sind irgendwo“, sagt er, „Phil isst mit irgendwelchen Leuten auf der Gleim. Ich glaube er war an so einer komischen Vernissage irgendwo in Friedrichshain und hat da ein paar Franzosen aufgegabelt.“ Vernissagen sind immer komisch, denke ich, meistens stehen da lauter Leute rum, die sich nur flüchtig kennen, trinken entweder Flaschenbier oder Sekt mit Orangensaft und lassen dabei federleichte Aschepartikel auf den gescheuerten Parkettboden fallen. Eine Art Sehen-und-Gesehen-werden auf sehr tiefem Celebrity-Niveau. „Irgendwie sind heute alle unmotiviert“, sagt Julien und schießt ein paar lilafarbene Phantasiekreaturen auf seinem Bildschirm ab. „Ich glaube das wird nix mit einem großen Abend.“

„Stimmt“, möchte ich sagen, halte mich aber zurück, denn jeder Kommentar wäre bloß noch mehr Wasser auf die Mühlen einer langsam anrollenden Wochenend-Depression. Ich bin ausgepumpt und matt, denn ich habe achthundert Kilometer Autobahn hinter mir. Will heißen: kriechende Lastwagen, dicke Frauen in Kittelschürzen vor dampfenden Töpfen voller Kasslerbraten und Jägerschnitzel, überall Staus und im Hintergrund stets der monotone Geräuschteppich einfallsloser Formatradios. Zu guter Letzt bin ich dann in einer Nebenstrasse in Hamburg auch noch einem BMW in die Seite gefahren. „Verdammt“, sagte der Fahrer des BMW, der ein Jackett und Jeans trug und aussah wie ein Yuppie. „Ich wollte mit meiner Freundin in den Urlaub fahren. Aber daraus wird jetzt wohl nix.“ Ich rief die Produktionsabteilung an, ließ mir ein bisschen Balsam auf die völlig entnervte Seele schmieren, regelte alle Formalitäten mit der Polizei, drehte ein letztes Casting ab und fuhr über die leere A 24 zurück nach Berlin.

Im Dr. Pong frage ich PF, ob er einen Plan für heute Abend hätte. An unserer internen who-is-going-to-be-famous-the-first –Börse ist PF nämlich der Aufsteiger der Woche, seit er ein Exklusivinterview mit Wim Wenders geführt hat. Viel geholfen hat das aber scheinbar nicht, denn auch er weiß nicht weiter und zündet sich achselzuckend eine Zigarette an. Etwas Rauch schwebt in der Leere des Raumes, ich drehe mich um und denke, dass ich den Abenden zu viel Bedeutung beimesse und die Tage vernachlässige. Vielleicht werde ich deswegen das Gefühl nicht mehr los, dass irgendetwas Wichtiges in meinem Leben fehlt. Julien spricht mit einem Mädchen aus Frankreich, sieht aber immer wieder zur Seite, ganz so als wolle nur weg. „Lass uns verschwinden“ sage ich zu ihm, er nickt, fragt „Wohin?“ – „Ins Magnet, Lisa ist mit ein paar Freunden dort.“ Julien überlegt einen Augenblick. „Wenn du meinst“, sagt er dann. Vielleicht, denke ich, rettet uns diesmal die Indie-Disko.

Vor ein paar Jahren hat mich die Indie-Disko an der Hand genommen. Damals fielen die Strokes vom heiteren Himmel, Jungs in Röhrenjeans und mit lockigen Fransen im Gesicht, deren Gitarren wie batteriebetriebene Bohrmaschinen klangen und dem Rock eine breite Schneise durch den sich auflösenden Housenebel bahnten. Dazu sang dann Julian Casablancas mit seiner Kopfstimme „Last Night“ und die Leute in New York tanzten sich durch kleine Untergrundclubs, trugen Puma-Schuhe und blaue Adidas- Trainerjacken mit Streifen auf den Armen. Ich weiß noch ganz genau, wie wir die Strokes zum ersten Mal an einer Studentenparty in Genf abspielten, auf Phils altem Notebook und die Leute mit beglückten Gesichtern dazu tanzten. Es war ein Moment der Erleuchtung, selbst wenn der scheppernde Garagensound doch eigentlich nichts anderes darstellte als die lauwarme Reminiszenz an die Musik unserer Eltern. Aber vielleicht passte das ja zu der leicht wehmütigen Stimmung der Zeit. 2001 ging die Krise los und es gab einfach nichts Schöneres als die kuschelige Wärme der guten, alten Sechzigerjahre.

Jetzt ist alles anders. „Scheisse sind die alle jung“, sagt Julien als wir am Rand der Tanzfläche des Magnet stehen. Überall Menschen in Berlin-Uniformen, mit Motto T-Shirts sowie Jeans, die an den Knöcheln ganz eng werden und dazu schreiende Gitarren von Bands, deren Namen ich mir schon lange nicht mehr merken kann. Die Indie-Disko ist tot, denke ich. „Es lebe die Indie-Disko“, ruft Julien und leert ein halbes Glas Gin Tonic in einem runter. Wir betrinken uns und irgendwann verliere ich meine Brille. Julien findet sie zwar sofort wieder, aber der Niedergang ist trotzdem eingeleitet: ich werfe aus Frust ein Glas auf den Boden, Julien übergibt sich erst an der Bar, dann vor den Toiletten und schließlich draußen im Hof, wo einer der Türsteher in Ruhe eine Zigarette raucht. „Alles okay?“ fragt er, ich sage ihm, er solle sich keine Sorgen machen, ich würde mich um alles kümmern, doch ich glaube meinen eigenen Worten nicht. Irgendwie schaffen wir es nach draußen, wo die Vögel zwitschern und junge Paare Händchenhalten. Es ist vier Uhr und der Himmel über der Greifswalderstraße bereits dunkelblau. Die Tage beginnen früh, denke ich. Bald ist Sommer und im Sommer wird alles besser.

Am darauffolgenden Morgen ist Julien nicht besonders gut drauf. Aber das hat mir Phil ja bereits gestern Nachmittag am Telefon gesagt und als ich aufstehe, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott.

Der Herbst des Patriarchen

May 15th, 2007

“Was, du bist immer noch da?“ – „Draußen regnet es quer. Da kann ich einfach nicht nach Hause laufen“. Julien nimmt den Herrenhut ab, den er immer trägt, streicht sich durch die Haare und lässt sich auf einen Barhocker fallen. „Eigentlich wollte ich früh ins Bett. Aber das klappt nie.“ Später trinkt er ein Bier und dreht einen Joint. Wir sitzen im Dr. Pong, Oliver dreht an seinem schwarz lackierten Verstärker aus dem HiFi- Kambrium herum und eine Gruppe amerikanischer Touristen in zu großen T-Shirts und Adiletten stellen entzückt fest, dass man in Berliner Bars Pingpong spielen kann. „Ich habe überhaupt nichts gegen Amis“, sagt Dave, „aber sie sehen nun mal alle Scheisse aus. Oder käme es dir je in den Sinn, um elf Uhr Abends in Gummisandalen in eine Bar zu gehen?“ Natürlich nicht, denke ich, aber wir Europäer sind schließlich alles postmoderne Ästheten, denen nach der Dekonstruktion aller positivistischen Erklärungsansätze nicht anderes bleibt, als die hymnische Überhöhung des schönen Scheins. „Wir achten auf unser Aussehen“, sage ich, „selbst wenn wir nur rüber zu Kaisers Bier kaufen gehen.“ Schließlich sind wir die Kinder der Neunzigerjahre und die Neunzigerjahre waren die Epoche, in der Barbourjacken in die Literatur eingeführt wurden. Eigentlich waren die Neunzigerjahre unsere Zeit. Wir waren bloß zu jung um das zu erkennen.

Aber diese Zeit ist längst vorbei und kommenden Mittwoch verschwindet auch der allerletzte Repräsentant dieser goldenen Jahre aus unserem medial geprägten Bewusstsein. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. In dem Augenblick, in dem er durch das Tor des Elysée-Palast schreitet und – seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy nur eines kühlen Blickes würdigend - an den wächsern wirkenden Prätorianern der republikanischen Garde vorbei auf eine abgedunkelte Limousine zu geht, legt sich der schwere Damastvorhang der Geschichte endgültig über all das, was wir in einigen Jahrzehnten vielleicht als die große Zeit des Übergangs bezeichnen werden. Will heißen: Francis Fukuyama und das Ende der Geschichte, Sex im Oval Office, Dot-Com Blase, Prä-Osama - Ära in Nahost und so weiter und so fort. Chirac ist der letzte Dinosaurier, der einzige Überlebende einer ganzen Generation von Staatsmännern, die der grimmigen Fratze der Politik wenigstens ein paar Jahre lang die clowneske Maske des Pop aufgesetzt haben. Er muss sich inzwischen ziemlich alleine vorkommen. Sein ehemaliger Kumpel, Gerhard „hol-mir-mal-ein-Bier“ – Schröder ist bereits vor zwei Jahren polternd aus dem Amt gerumpelt. Der Ur-Politpopper Blair, mit dem er seit dem Irakkrieg sowieso auf Kriegsfuss steht, hört diesen Sommer ebenfalls auf. Und mit all den zackigen Männern, die im Hexagon nun das sagen haben werden, hat er ungefähr gleich viel gemeinsam wie ein Nachtklubbesitzer mit der Sittenpolizei. Ja, ja, die lustigen Jahre sind vorbei.

Zuletzt, so schreibt der Chirac – Biograph Franz-Olivier Griesbert, hätten sich am Hofe des letzten republikanischen Königs sowieso längst Verfallserscheinungen breitgemacht. Von allen Getreuen verlassen, habe der Präsident alleine im Elysée Palast gesessen und der Dinge geharrt, die kommen mochten. Selbst der Hund der Familie Chirac habe die Erosion der Macht gespürt und angefangen, den Staatssekretären die Schuhe zu zerbeißen. Die Szenerie erinnert an Halie Selassies Ende in Ryszard Kapuczinskis Meisterwerk „König der Könige“. Oder an Garcia Marques´ Herbst des Patriarchen. Mit dem Unterschied, dass Chiracs Regnum nicht – wie diejenigen der zitierten Autokraten - in Eisen und Blut enden wird, sondern – wenn er Pech hat - allerhöchstens vor dem Richter. Aber macht das den letzten Akt nicht beinahe noch trauriger? „Oh, le vieux Jacques“, sagt Julien jedes Mal, wenn der alte Präsident am Fernsehen auftaucht und auf einer schier endlos erscheinenden Abschiedstournee zum hundertsten Male Angela Merkels Hand küsst. Manchmal, denke ich, schwingt in seiner Aussage beinahe so etwas wie Mitleid und Wehmut mit.

Dabei ist Jacques Chirac selbst keineswegs unschuldig an dem tristen Schauspiel. Zwölf Jahre hatte er Zeit, Frankreich stark, groß, gerecht und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu machen. Zwölf Jahre, in denen er die halbe Welt mit Atomversuchen ärgerte, eine komfortable Mehrheit im Parlament verspielte und Frankreich durch seine Totalopposition während des Irakkrieges erst jenseits des Atlantiks und später, nach dem verlorenen EU-Verfassungsreferendum auch noch innerhalb Europas außenpolitisch isolierte um eine bleiernes, von sozialen- und wirtschaftlichen Fieberkrämpfen geschütteltes Land zu hinterlassen. Chiracs politische Bilanz ist eigentlich verheerend, sie erscheint als ein ungenießbarer Cocktail aus halbherzigen, gaullistischen Großmachtsanfällen, abgetrieben Reformversuchen und unendlichem Taktieren, das nichts anderem diente, als dem reinen Machterhalt. Und trotzdem kann man dem Mann nicht böse sein. Warum, bloß, warum?

Vor etwas mehr als einem Monat traf ich Jacques Chirac in der französischen Botschaft in Berlin. Während Angela Merkel draußen vor dem Brandenburger Tor anlässlich des Jahrestages der Römer Verträge blaue Luftballone in den Berliner Frühjahrshimmel steigen ließ, plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen der deutsch-französischen Beziehungen, bekannte sich als Bierliebhaber und äußerte sich ausführlich zu dem „wunderschönen Henkelglas mit Deckel aus dem Sechzehnten Jahrhundert“, welches ihm die Kanzlerin offenbar kurz zuvor als Geschenk überreicht hatte. Nach der Veranstaltung gab er allen Anwesenden die Hand, bedankte sich für die schöne Zeit und fand für jeden einzelnen ein passendes Wort. Es war eine Demonstration des Charmes, des Stils, der Grandeur. Eine Lektion der Demagogie selbstverständlich, aber eben, lassen wir uns nicht gerne angenehm einlullen? Chirac so erscheint mir rückblickend, war der letzte Postmodernist in Amt und Würden. Jetzt kommen die Macher, die Pragmatiker, die sich – ähnlich wie die Sandalentragenden Amerikaner im Dr. Pong  - einen Dreck um die Ästhetik kümmern, weder rauchen, noch trinken und stattdessen verbissen Pingpong spielen. „Vielleicht“, sagt Dave jetzt, „ist unsere Zeit hier rum und wir sollten uns langsam eine neue Bar suchen“. Ich weiß, dass er das nur im Spaß meint. Trotzdem ist es ein Stich ins Herz, wenn auch nur ein ganz kleiner.

Es geht uns gut

April 27th, 2007

Die Tage in Berlin sind lang und warm geworden und die Mädchen auf der Kastanienallee tragen kurze Röcke und Trägershirts. Ich sitze in einem Biergarten, trinke Hefeweizen und Phil sagt, er habe sich verliebt. „Siehst du das Mädchen in dem roten Rock da drüben. Ich würde sie auf der Stelle heiraten.“ Phil ist in aufgeräumter Stimmung, offenbar tut ihm das Lagerbier gut. Oder die Sonne. „Der Winter in Berlin macht mich immer furchtbar depressiv“, sagt er. „Ich verkrieche mich in meiner Wohnung, nehme das Telefon nur widerwillig ab und mache gar nichts“. Aber jetzt sei alles anders und die Mädchen plötzlich wunderschön. Und überhaupt: bald könnten wir an die Seen raus fahren, zum Grillen und Fußballspielen. Es wird wunderbar sein: mit nassen Haaren in der Sonne liegen und sandverklebte Zigaretten rauchen – der Sommer ist ein unsichtbarer Schleier, der sich über dich legt und dich auf eine diffuse Art glücklich macht.

18 Prozent hat Francois Bayrou bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen geholt und das hat nicht gereicht. Aber Phil hat keine Mine verzogen. „Das ist ein verdammt gutes Ergebnis“, hat er gesagt und mir dabei ins Ohr geschrien, denn im Dr. Pong feierten die Sozialisten Segolene Royals Einzug in die letzte Runde. „Vor fünf Jahren waren wir noch bei sechs Prozent. Irgendwann wird die Wende kommen, da bin ich überzeugt.“ Später haben wir dann die letzten Sektflaschen getrunken, die Bayrous Wahlkampfzentrale in Paris zur Verfügung gestellt hatte. Einen Koffer voll hatte Phil in meiner Wohnung untergebracht und das reichte gerade für ein Wochenende. Seit Phil von Berlin aus französische Politik macht (daher die Sektflaschen) ist er ein gefragter Mann. Manchmal gibt er Interviews auf France 24 oder der Deutschen Welle. Und er macht das gut, denn schließlich ist er ein Charmeur und Charmeure sind immer gute Politiker, weil die Menschen Charmeure im Allgemeinen lieben.

Als Julien kommt, sagt Phil, er solle sich umdrehen, und Julien sieht das Mädchen, grinst über das ganze Gesicht und ruft „ou lala“, dann setzt er sich und sagt, dass heute ein glücklicher Tag sei, weil er seinen Arbeitsplatz gerettet habe. „Ebay hat gestern unseren Account geschlossen. Aber irgendwie haben wir das alles wieder hingebogen.“ – „Wer sie anspricht“, macht Phil unbeirrt weiter, „dem zahle ich ein Bier.“ – „Ich mach´s auch ohne Bier“, sagt Vlada, ein Kumpel aus Bern, der in Berlin eine Wohnung sucht. „Du bist ein Schönling. Wenn du sie ansprichst, dann ist sie für uns alle verloren. Da muss ein Dilettant her.“ – „Stimmt. Wenn du sie ansprichst, dann wähle ich Sarkozy“ – „Was bitteschön hat Sarko mit dem Mädchen zu tun?“ – „Nichts“, Phil lacht und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. „Sarko ist ein Arschloch“, sagt Julien, „wenn er Präsident wird, gibt´s in Frankreich einen Bürgerkrieg.“ Ich nicke und denke daran, dass Lisa sich fragt, warum in deutschen Blogs nur selten subjektiv über Politik geschrieben wird. In Frankreich wird in Blogs fast immer über Politik geschrieben und das Sujet lautet in beinahe allen Fällen TSS – Tout Sauf Sarkozy. Oder mit anderen Worten: wählt Segolene. Ich mag Segolene nicht. Ich mag auch Sarkozy nicht. Und ich darf nicht wählen, weil ich kein Franzose bin. Vielleicht schreibe ich deshalb nicht über die Politik, aber umso mehr über die Abendsonne in Berlin, den entrückt wirkenden, leeren Flughafen in Basel oder über die unnahbar schönen Mädchen vom Limmatquai. Weil die Politik in diesem Augenblik trotz allem sehr weit weg ist.

„Heute hat Bayrou seine neue Zentrumspartei gegründet“, sagt Phil jetzt, ruft „Vive le Parti democratique“, hebt sein Bierglas und ein paar Tropfen fallen klatschend auf den hell lackierten Holztisch. „Vive le PD“, ruft Julien lachend und zieht die Buchstaben in die Länge pédé. Will heissen: schwul! Das hübsche Mädchen in dem roten Kleid hat uns aber immer noch nicht bemerkt oder tut nicht dergleichen oder interessiert sich sowieso nicht für uns und ist in den Gedanken irgendwo, bei ihrem Freund oder Ehemann oder einfach nur ganz weit weg, an einem fernen Ort, wo es statt Kiefern Palmen gibt und leuchtende Drinks mit kleinen Sonnenschirmchen im Glas. Aber das ist uns egal, denn es geht uns gut.

Charité

April 12th, 2007

Im Viertelfinale der Champions League spielt Manchester United die AS Roma an die Wand. Nach rund vierzig Minuten steht es 4:0; es handelt sich um eine hymnische Demonstration des modernen, britischen Fußballs, zelebriert von Spielern aus aller Welt. Christiano Ronaldo, dieses hochtalentierte aber ebenso selbstverliebte Weichei liefert das Spiel seines Lebens und die Jungs im Dr. Pong klatschen in die Hände und brüllen vor Freude die fleckenübersähte Wand an, auf die der Projektor ein müdes Bild wirft. Die Leute im Dr. Pong sind alle für Manchester, keiner mag die Italiener, denn die Italiener, so sagen sie, sind alles bloß korrupte Simulanten, die in verrotteten Stadien voller prügelnder Tifosi dramatisch zu Boden gehen und ihre ermauerten Siege stets gestohlen und ermogelt haben. Na ja. Dann fängt die zweite Halbzeit an und die roten und weißen Blitze vor meinen Augen fangen wieder an zu zucken. „Great, fuckin´ great“, ruft irgendwer nach Christiano Ronaldos zweitem Tor, aber ich kann nicht hinsehen, weil mir schwindlig ist. Verdammt, mein Kopf, sage ich zu mir selbst und vergrabe mein Gesicht in beide Hände, als mir Lucy ein Bier hinhält. Ich betrachte die Wassertropfen am grünen Flaschenhals und schüttle den Kopf. „Ich kann nicht, nicht mehr.“ Dann schießt Manchester das 6:0 und Lucys überraschter Gesichtausdruck wird von einer Welle der Begeisterung weggeschwemmt. Ich schließe die Augen.

Das Spiel endet 7:1 und Phil hat jetzt seine Hand auf meine Schulter gelegt. „Du siehst richtig schlecht aus“, sagt er und fragt, ob ich nicht lieber nach Hause gehen wollte. Ich nicke nur, denn nach Reden ist mir nicht zumute, in meinem Kopf schlagen lauter böse, kleine Männchen mit Vorschlaghammern auf die Synapsen ein, draußen wird das Pochen immer heftiger und auf der Eberswalderstrasse, Ecke Schönhauser stolpere ich über den Hinterreifen eines abgestellten Fahrrades. „Ach du Scheisse“, sagt Phil und nimmt meinen Arm. „Ich hoffe das ist nix schlimmes“, lalle ich in meiner Benommenheit. „Ach nee, wird schon“ – „Weiß nicht, wegen dem Blutdruck, mein Opa ist an einem Hirnschlag gestorben.“ – „Dein Opa war über Siebzig, das ist was völlig anderes“, Phil schließt die Haustüre auf, oben falle ich auf mein Bett und starre die Wand an, weiße Flecken tanzen auf meiner Netzhaut herum, ich kann nicht hören, was die Leute um mich rum sagen, nur sehen, aber nein, sehen kann ich auch nicht mehr richtig dann ist Phils Stimme ganz weit weg, er sagt etwas von „Köpfchen“ und wenig später schiebt er mich auf die Rückbank eines Taxis. Ich sage „Charité“, der Wagen fährt an und ich lege meine Stirn an die Scheibe des Seitenfensters, die angenehm kühl ist. Draußen fliegt die steinerne Herrlichkeit von Berlin – Mitte vorbei, aber alles was ich sehe, ist das blaue Licht des Hamburger Bahnhofs.

In der Notaufnahme in der Charité lassen sie mich ein paar Stunden warten, gemeinsam mit ein paar anderen Leuten sitze ich da, in einer freudlosen Umgebung aus Kirchgemeindehaus-Möbeln und Neonröhren und schlage die Zeit tot. Ein Berliner Junge bringt einer französischen Austauschstudentin deutsche Sprichworte bei und sagt irgendwann, „ich komm aus ´em Wedding“, als ein Türke mit zerschundenem Gesicht dazwischen geht, sein Mobiltelefon zückt und es der Französin vor die Nase hält. „Das ist mein Sohn, mein dreijähriger Sohn, der liegt da drinnen“. Er sagt immer wieder „Mein Sohn, mein Sohn“ und die Französin sagt gar nichts, sie guckt nur weg, aber was soll man in so einer Situation auch anderes tun. Es ist alles zu wirr, zu bitter, zu traurig. Ich stütze meinen Kopf auf, drücke die Finger in meine Schläfe, und hoffe, dass der Türke nicht zu mir rüber kommt, denn zur Anteilnahme würde mir jegliche Kraft fehlen, aber jetzt kommt ein anderer Türke, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach draußen. Ich sitze dann eine Ewigkeit da, bis mich schließlich eine Krankenschwester abholt. Sie ist rund, hat schwarze Haare und jagt mir eine Nadel in die Armbeuge. „Aus welcher Ecke kommen sie?“, fragt sie, während mein Blut in ein Plastikröhrchen fließt. Ich sage ihr, dass ich aus der Schweiz stamme und sie sagt, dass die dort Freunde hätte. „Kollegen. Leute, die es geschafft haben von hier wegzugehen.“

Daraufhin schraubt sie das Röhrchen ab, zieht die Nadel aus meiner Haut, steckt einen Plastikschlauch rein und verschwindet. Ich sitze da, mit meiner Kanüle im Arm und warte. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr Morgens kommt dann eine Neurologin und lässt mich Bewegungsübungen machen. Ich muss die Arme heben, auf einem Bein durch die Gegend hüpfen und mit meinen Augen einem Wattestäbchen folgen, mit dem die Neurologin vor meinem Gesicht rumwedelt. Die Neurologin ist klein und blond und trägt eine Brille. Sie sieht aus wie eines dieser braven, unscheinbaren Mädchen, die wir damals in der Primarschule immer aufgezogen haben und ich frage mich, ob sie einen Freund hat, ob sie glücklich ist, ob sie abends weggeht, ob sie dann zerrissene Strümpfe anzieht, Drogen nimmt und Alkohol trinkt. „Ihr Blutwerte sind in Ordnung“, sagt die Neurologin jetzt, „ihre Koordination auch. Sie leiden ganz einfach nur unter Spannungskopfschmerzen. Zu viel Stress, das Gehirn kann nicht mehr abschalten. So was geht vorüber.“ Sie klappt die grüne Mappe mit meinen Resultaten zu und lächelt mich an. „Ruhen sie sich aus. Und trinken sie weniger.“

Zwei Stunden später wache ich mit einem steifen Nacken auf, ich bin immer noch in dieser verdammten Charité. „Die haben mich vergessen, die Deppen“, sage ich halblaut und trete in den Korridor. Eine Putzfrau in einem dunkelblauen Kittel schiebt einen Reinigungswagen vor sich her, sie nickt zu Begrüßung und fängt an, den Boden aufzunehmen. Ich taste nach meinem Unterarm und fühle ein Stück Plastik. Die Kanüle steckt immer noch in meiner Haut, das Blut rund um die Einstichstelle ist inzwischen geronnen. Ich zerre daran, und mein Arm schmerzt, als ein Pfleger mit Glatze und gezwirbeltem Bart in den Raum tritt. Sicher so ein Zivi, denke ich. „So, ihre Papiere und was gegen´s aua-aua“, sagt er und wirft ein paar zusammengefaltete Zettel sowie zwei Schmerztabletten neben mich auf die Liege. Dann zieht er mir mit einer schnellen Bewegung den Schlauch aus dem Arm, hält ihn hoch, sieht mich an und fragt: „Oder wollten sie den für ´ne Drogeninfusion noch drinnen lassen?“ Ich lache nur ein bisschen, zu mehr reicht es nicht.

Der Himmel über Berlin ist dunkelblau, und als ich durch die Chausseestrasse gehe, kommt mir kein Mensch entgegen. In einer Bar an der Ecke Zinnowitzer trinke ich eine Tasse Kaffee. Das Mädchen hinter dem Tresen hat dunkle Haare und blaue Augen. „Auf dem Weg zur Arbeit?“, fragt sie. Ich verneine und sage ihr, dass ich aus dem Spital komme. „Ach Gott, dann wünsche ich ihnen gute Besserung.“ Ich betrachte sie und finde, dass mir seit längerer Zeit niemand mehr so etwas Schönes gesagt hat. Darum sage ich „Danke, das ist lieb von ihnen“, zu ihr. Sie lächelt und ich denke, dass ich am allerliebsten mit ihr weggehen würde. Irgendwohin, wo es schön ist. Aber es ist sieben Uhr Morgens an einem ganz gewöhnlichen Tag im April, Manchester hat Roma mit 7:1 fertiggemacht und ich komme aus der Charité. Draußen geht die Sonne auf und die Romantik schwindet mit dem Tageslicht. Ich zahle, verabschiede mich und fahre mit der Straßenbahn nach Hause.

La France va mal

April 10th, 2007

Ich sitze auf dem aufklappbaren DDR-Sofa in meinem Wohnzimmer und rauche eine Zigarette. Phil starrt auf den Computerbildschirm und macht - wie immer – tausend Sachen gleichzeitig. „Eigentlich sollte ich ja einen Artikel über Knut, den Eisbären schreiben. Aber ich habe einfach keine Lust dazu.“ Stattdessen loggt er sich auf der Seite des französischen Privatsenders Canal Plus ein und ruft die letzten paar Ausgaben der täglichen Talk-Show le Grand Journal auf. Normalerweise ist le Grand Journal ein sanfter, unterhaltsamer Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem sich Frankreichs soziokulturelle Elite der kultivierten Selbstbeweihräucherung hingibt. Jetzt aber ist im Hexagon der Wahlkampf ausgebrochen und der damit verbundene Trend des politischen Hundekampfs macht auch vor den Toren des Beigbeder´schen „Nouvelles on Ecstasy“ – Walhallas nicht halt. Darum flirrt heute Jean-Marie Le Pens fleischiges Gesicht über Phils LCD-Bildschirm und ruft: „La France va mal.“

Phil schüttelt den Kopf und greift nach einer beinahe leeren Packung Marlboro, die vor ihm auf dem Tisch liegt, er sieht abgespannt aus, abgespannt und matt, er zündet sich eine Zigarette an und während er das tut, denke ich daran, dass in den letzten paar Wochen sehr viele Dinge schief gelaufen sind und ich mich kaum mehr wiedererkenne, wenn ich morgens in den zersprungenen Spiegel in meinem Badezimmer schaue. Meine Augen sind schmal und meine Tränensäcke dick und geschwollen und der dumpfe Druck in meinem Kopf erinnert mich daran, dass wir alle zu weit gegangen sind. „Wir sollten eine Pause einlegen“, sage ich. „Zumindest eine Woche lang“. Phil sieht mich an, lässt etwas Asche in den übervollen Aschenbecher fallen, nickt und grinst. „Okay, ein paar Tage wenigstens“, probiere ich es noch einmal– „Einverstanden. Bloß: morgen ist Fußball.“ „Ihr ignoriert mich alle absichtlich“ ruft Le Pen in die Runde und meint damit den Kommentator mit dem Bürstenschnitt, der ihm ein Scheitern vorausgesagt hat. Le Pen ist ein alter Faschist, ich habe Kopfweh und la France va mal.

Es war nicht von einem Tag auf den anderen passiert, es hatte sich um einen schleichenden Niedergang gehandelt, ein langsamer, aber unaufhaltsamer Zersetzungsprozess, den wir erst begeistert begrüßten, ehe er uns alle in die Tiefe riss. In Berlin sind die Dinge so einfach, vieles, was du tust scheint keinerlei Konsequenzen zu haben und am Ende steht immer ein Flugzeug bereit, das dich weit weg in ein anderes Land bringt. Im Dr. Pong konnte ich meinen Kopf kaum mehr aufrecht halten, aber ich habe trotzdem weitergemacht. PF bestellte Jägermeister und dann spielten sie einen Song von The Knife, den wir alle kannten. Nach dem dritten Kurzen ging es mir einigermaßen gut, ich konnte klar sehen und aufrecht stehen und als in der zentralen Randlage der elektronische Puls wieder einsetzte, fing ich sogar an zu lächeln. Dann begannen die Leute rundherum, sich gegenseitig zu küssen und ich sagte zu PF: „Wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns verschwinden“. Wir liefen die Schönhauserallee hoch und tranken Kaffee aus Pappbechern bei Mc Donalds. Das Flugzeug ist gelandet, ich habe festen Boden unter den Füssen, aber was nützt das schon, wenn ich gleichzeitig ein Stück meines Gehirnes in höchsten Höhen zurückgelassen habe? „Selbst Pauline findet, das alles wäre zuviel„ hat PF gesagt und mit einem Plastiklöffel in der Brühe herumgestochert. Dann hat er innegehalten und einfach so losgelacht: „Eigentlich hat sie mich noch nie nüchtern gesehen.“

„Ihre Redezeit ist vorüber“, unterbricht der Moderator den polternden Le Pen. Ich drücke meine Zigarette aus und dann ist auch dieser Schwindel wieder da, der mich tagelang niederdrückt und mich stundenlang regungslos in meinem Bett verharren lässt. Phil klappt sein Notebook zu und steht auf, „Keine Angst, ich hole nur Wasser“, sagt er. Ich weiß nicht, was die anderen machen, ich will es eigentlich gar nicht wissen, ich will nur alleine sein, irgendwo weit weg, vielleicht zu Hause, wo sich meine Eltern um mich kümmern. Phil kommt mit einem Glas in der Hand zurück ins Wohnzimmer, er bleibt in der Mitte des Raums stehen und starrt einen Augenblick lang mit leerem Blick ins Nichts. „Vielleicht“, sagt er dann, „sollten wir in nächster Zeit irgendetwas sinnvolles tun“.- „Ja klar“, sage ich, „sicher, sicher.“ Irgendetwas Sinnvolles. Bitte, denn La France va mal.

Die Liebe der Segolène Royal

March 6th, 2007

Sie trägt eine weiße Bluse mit halbem Stehkragen und eine komische Kette aus Gold. An ihren Seiten klebt ein Pulk aus Journalisten, Beratern und Bodyguards und als sie die stickige Halle betritt, ertönen ein paar Takte scheppernder Musik - eine krude Mischung aus Marsch und Mersey-Beat. Die Menschen in dem Raum stehen alle auf und klatschen, ganz so als wollten sie sagen: erhebt euch, ihr Linken dieser Stadt und schaut her, denn hier kommt Segolène Royal, die Jeanne d´Arc der französischen Sozialisten. Ich rauche meine Zigarette zu Ende und setze mich auf einen Treppenabsatz. Und zwar ganz hinten, dort wo die Kameramänner ihre Geräte aufgestellt haben und den Auftritt der Präsidentschaftskandidatin mit stoischer Miene runterfilmen. Madame Royal hat jetzt das Podium erreicht. Sie schüttelt ein paar Hände und lächelt dabei, während ihr dunkelbraunes Haar im Licht der Neonlampen glänzt wie Seide. Ich kann verstehen, dass die Menschen Segolène mögen, denn sie ist hübsch und wirkt sympathisch. Von den furchteinflößenden Gestalten, die die Marken „links“ und „Frau“ in Deutschland seit Jahren monopolisiert haben scheint die aparte Französin ungefähr ähnlich weit entfernt, wie der trikolore Überfussballer Zinedine Zidane von Christian Wörns. Oder könnte sich irgendwer Heidemarie Wieczorek-Zeul auf dem Cover der „Vogue“ vorstellen?

Schade nur, dass Segolène Royal jetzt auch noch über Politik sprechen muss. Denn über Politik zu sprechen ist eine schwierige Sache. Entweder, man treibt sein Publikum mit einem emotionalen Trommelfeuer an die Urnen und riskiert dafür das Etikett des Populisten und Demagogen. Oder aber man serviert den Zuhörern eine stumpfe Ansammlung politisch korrekter Harmlosigkeiten. Die ecken zwar nirgends an, haben dafür aber die aufputschende Wirkung von Schlaftabletten. Segolène Royal hat sich heute leider für die zweite Variante entschieden. Egal ob es um Europa, die Achse Berlin-Paris, Terrorismus, den Stellenabbau bei Airbus oder wieder um Europa geht – die Worte der Lichtgestalt der französischen Sozialisten haben höchstens die Strahlkraft einer Nachttischlampe. Auf ein Bekenntnis zur sozialen Sicherheit („Frankreich muss wieder gerechter werden“ – aha!) folgen Allgemeinplätze zur Welt im Grossen und Ganzen („Ich will den Frieden fördern“) und reihenweise Versprechungen („ich werde mich um all das kümmern“). Mehr Geld für Studenten, sozial Benachteiligte, Praktikanten und – sie spricht ja schließlich in Berlin – für die Auslandfranzosen. „Ich frage mich, ob die Frau im Lotto gewonnen hat, bei all dem was sie da verspricht“, raunt Phil und ich muss ihm recht geben: wer Segolène heute Abend zuhört, könnte meinen, die Manna falle demnächst in dicken Flocken vom Himmel.

An nichtsagende Phrasendrescherei und leere Versprechungen habe ich mich als Wähler inzwischen gewöhnt. Und dass sich Frau Royal nicht zu weit aus dem ideologischen Fenster lehnt, kann man ebenfalls nachvollziehen. Schließlich haben Frankreichs Linke aus dem traumatischen Wahldesaster von 2002 ihre Lehren gezogen. Damals hatte der spröde Ex-Premier Lionel Jospin bereits wie der sichere Sieger ausgesehen, ehe er  den Karren mit einer späten Kehrtwende hin zur altlinken Klassenkampfrhetorik dann doch noch an die Wand fuhr und seiner Partei eine Niederlage von beinahe epischem Ausmaß bescherte. Der Zurückhaltung mag unter diesen Umständen durchaus etwas Weisheit innewohnen. Was mich an diesem Abend aber vielmehr überrascht, ist die Tatsache, dass es Segolène nicht fertig bringt, die Leere mit Charme aufzufüllen. Sie wirkt müde und abgekämpft, blass und farblos, ihre Worte ziehen beinahe ungehört an mir vorbei und verlieren sich irgendwo in der abstoßenden Hässlichkeit des Konferenzsaals des Westberliner Hotels. „So wird das nix“, meint Bastian, der neben mir sitzt. „Der Frau fehlt die Aura, die Grandezza.“

Vielleicht weiß sie ja instinktiv, dass der Elyséepalast mit zunehmender Dauer des Wahlkampfes immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Weil die machtgierigen, alten Männer der Sozialistischen Partei mit den Zähnen knirschen und sowieso nur warten, dass sie fällt. Weil der Terrier Nicolas Sarkozy, der Kandidat der Rechten, die Umfragen seit einiger Zeit anführt. Oder der Zentrist Bayrou immer näher rückt. Und zu guter Letzt ist da ja auch noch Jean-Marie Le Pen, dessen kinnlose Visage wie ein Damoklesschwert über dem kollektiven Gedächtnis der Linken schwebt. Jetzt hebt Segolène Royal den Arm. Sie ruft  „Vive la France“ und „Vive la République“. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und jemand schenkt ihr einen Strauss roter Rosen. Rote Rosen sind Blumen voller Symbolgehalt; wer rote Rosen schenkt, drückt damit seine Liebe aus. Aber lieben die Franzosen Segolène? Und selbst wenn sie das täten, würde es genügen? Denn Frankreich ist trotz seines republikanischen Kultes im Grunde genommen ein zutiefst monarchischer Staat. Und Monarchen liebt man nicht in erster Linie. Monarchen fürchtet man.

Die Franzosen haben, so scheint mir, ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu ihrem Staat. Einerseits verehren sie ihn mit einer Mischung aus Stolz und Erwartungshaltung, andererseits hassen sie ihn wie die Pest. Dieses Volk, das die Rhetorik und die hitzige Debatte liebt wie kein anderes, pflegt seine Herrscher stets mit Pomp und Gloria zu inthronisieren um ihnen dann bei der erstbesten Gelegenheit den Kopf abzuschneiden. Die sich daraus entwickelnden antiken Dramen bedürfen stets einer minimalen Fallhöhe. Ob Segolène diese Fallhöhe auszufüllen vermag, ist äußerst fraglich. Und das liegt nicht etwa daran, dass sie eine Frau ist. Das Symbol der Republik ist ebenfalls weiblich. Aber la Marianne hat mit einer netten Mademoiselle aus den Vogesen nur wenig gemein. Wenn Frankreich eine Frau wäre, dann eine opulente Puffmutter, eine alte Mätresse oder eine hysterische, etwas zu stark geschminkte Drama Queen. Segolène Royal aber ist keine Drama Queen. Sie ist einfach nur ein Mädchen vom Lande. Und Mädchen vom Lande sterben in den klassischen Dramen stets einen tragischen Tod. Sie sterben aus Gram über die unerwiderte Liebe.