Nathalie Portman Sings The Blues

February 18th, 2007

Es ist Sonntagabend im Privatclub, irgendwo in Kreuzberg und vorne auf der Bühne, vor der silbern glitzernden Wand, spielt eine schwedische Frauenband melancholischen Pop. Die Schlagzeugerin sagt kurz „Hallo“ und ich finde, dass sie aussieht wie Nathalie Portman. Die Leute trinken Flensburger und ich ziehe den mit Gummi unterlegten Porzellanpropfen vom Hals meiner Flasche. Das macht erst plop, dann tritt etwas Schaum aus. Julien fasst seine schwedische Freundin um die Hüfte und sagt, ihm ginge es gut. Ich nicke, trinke Bier und sehe mich um: der Raum hier ist dunkel und warm, das Licht so rot wie in einem Puff und die Mädchen hinter der Bar von beinahe tragischer Schönheit. Wenn die Band nicht spielt, feuern die Lautsprecher Salven von traurigen Balladen ab, Lieder von gebrochenen Männern mit Gitarren. Und Where is my mind von den Pixies.

Ich bin erst am frühen Abend aufgestanden, meine innere Uhr ist vernichtet und wenn ich meine Hand gerade halte, fängt sie an zu zittern. Ich habe die letzten Tage in einer Zwischenwelt verbracht, in der es keine klar umrandeten Dinge gab, die man voneinander unterscheiden hätte können. Stattdessen sah ich verwischte Körper von weitem, die sich zum harten Pulsschlag der Musik hin und her bewegten, aus fleckigen Wasserflaschen gierig tranken und mit euphorisiertem Blick zum Klo stolperten. Ich wusste nicht ob Morgen oder Abend war, ob Sommer oder Winter. Die Welt um mich herum war versunken, Atomkriege hätten stattfinden können, ohne dass ich davon irgendetwas mitgekriegt hätte, denn da war bloss der metallerne Bass, der uns alle vorwärts trieb, immer weiter, weiter, weiter.

„Wenn du jemanden berührst, dann glaubst du zu sterben, so schön ist das“, sagte mir PF ins Ohr, ich legte daraufhin meine Hand an die Wange eines schwedischen Mädchens mit dunklem Haar und bekam eine Art Stromschlag, der mich zurück warf und eine Weile lang entrückt lächeln liess. Ich sah die Leute um mich herum in Pastellfarben und empfand die Welt im Allgemeinen als einen sehr schönen und beruhigenden Ort. Alle Menschen waren unglaublich nett und einfühlsam zueinander, sie gaben sich die Hände und lächelten einander vor lauter Glückseligkeit gegenseitig an. Später blendete mich dann die Sonne, weisses Licht, dass vom Himmel fiel und mir die Augen verbrannte. Ich sah nur noch schemenhafte Umrisse, Leute, die vorwärts stolperten, quer durch eine stille Industriezone irgendwo im Osten der Stadt, raus auf die Strasse, wo nur vereinzelte Autos unterwegs waren, lautlos und schnell wie Raumschiffe.

Die Band hat aufgehört zu spielen. „Die Mädchen in Kreuzberg sind schön“, sagt Julien. „Wir könnten vermehrt hier her kommen.“ – „Ja“, mache ich und sehe den Leuten nach, die an mir vorbei nach draussen gehen. Die Schlagzeugerin sagt „Adieu“, ich finde wirklich, dass sie wie Natalie Portman aussieht. „Lass uns gehen“, meint Julien „Wir können ja noch im Zu Mir oder Zu Dir einen White Russian trinken“. Wenig später sitze ich auf der Rückbank eines Mercedes, der rauschend durch matschige Strassen voller Schnee, Regen und Eis fährt. Der Winter in Berlin ist vorüber, ehe er überhaupt richtig angefangen hat. „Von welcher Party redet der Typ“ fragt Julien jetzt, ich weiss erst gar nicht was er meint, ehe ich den Taxifahrer bemerke, der dauernd am Telefon hängt und den Wagen nur mit einer Hand quer durch Friedrichshain steuert. „Ich hab’ keine Ahnung wo die Party ist, aber offenbar sind da verdammt viele Leute, die weggehen wollen“, höre ich ihn sagen. Dann dreht er sich kurz um, grinst und sagt „Berlinale. Jeden Abend was los.” Ich nicke, mehr nicht. Die Berlinale ist für mich sehr weit weg. Dann denke ich daran, dass ich Natalie Portman gesehen habe und das macht mich auf eine glückliche Art traurig. Denn die Schönheit birgt auch immer etwas Hoffnung in sich.
Nathalie Portman sings the blues, sage ich leise, aber weder Julien, noch der Taxifahrer haben mich gehört. Stattdessen schaltet letzterer jetzt das Autoradio an. Es spielen: die Pixies, mit Where is my mind.

Der nächste Sturm kommt bestimmt

January 23rd, 2007

Der Sturm ist längst vorbei und im „Zu mir oder zu dir“ stirbt das Wochenende einen sanften Tod. Ich klopfe ein blau – weiß gestreiftes Kissen zurecht, um meinen geschundenen Rücken darauf zu betten, Dave bringt zwei Gläser White Russian, ich nippe an der süßen, weißen Flüssigkeit und Dave sagt, er fühle sich wie der Typ in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. „Bill Murray erlebt hundert Mal hintereinander denselben Tag. Ich hingegen erlebe hundertmal hintereinander dasselbe Wochenende. Am Schluss steht dann jedes Mal dieser Moment der Ruhe.“ Tatsächlich scheinen sich die Dinge immer mehr anzugleichen und um den Abenden eine individuelle Note zu geben, variiere ich hin und wieder meine Garderobe. Heute trage ich einen wollenen Mantel, ein Jackett von Strellson, dazu Handschuhe aus Leder. Ich versuche, meine innere Abgerissenheit zu kaschieren. Trotzdem fragt mich der Typ hinter der Bar im „Zu mir“, ob es mir wirklich gut ginge. „Du siehst nämlich richtig fertig aus,“ sagt er. Kein Wunder, denke ich, schließlich habe ich die letzten vier Wochen durchgefeiert.

Gestern trug ich eine khakifarbene Mütze aus China – dieselbe Art Kopfbedeckung, wie sie die roten Garden während der Kulturrevolution anhatten, als sie unter dem poetischen Motto „lasst tausend Blumen blühen“ wie ein wilder Mob durch die Strassen Pekings zogen und wahllos Menschen umbrachten. Ich fühlte mich daher ein wenig morbide und auch zynisch, denn als mich ein Mädchen fragte, ob ich ein Linker sei, sagte ich „nein“ und „ich trage dieses Ding bloß aus ästhetischen Gründen.“ So eine Haltung war offenbar mehrheitsfähig und wenn nicht das, dann zumindest akzeptabel. Aber wen verwundert das schon, dachte ich, die Partys in Mitte gleichen sich im Grunde genommen doch alle: Wohnungen mit Stuck an der Decke, italienischer Rotwein aus Plastikbechern, betörende Mädchen in Stiefeletten und Jeanshosen, sparsame Musik und egozentrische DJ´s. Die Leute stehen dann alle rum, tanzen ein wenig und reden über sehr oberflächliche Dinge. Das ist wunderschön blasiert, aber eben auch zutiefst traurig. Ich sprach mit einem Mädchen, dass ich am Abend zuvor im Berghain kennen gelernt hatte, wobei kennen gelernt nicht viel heißen will, denn wir hatten bloß am Ende einer brüllenden, rohen Partynacht abwechselnd irgendwelche Sachen zueinander gesagt. Ich wusste daher nicht, was ich zu ihr sagen sollte, sie erzählte daraufhin von ihrem Sohn und mir fehlten erst recht die Worte. Junge Leute mit Kindern machen mich sprachlos, sie lassen mein eigenes Leben stets vollkommen sinnentleert erscheinen.

Ich bin dann weggegangen und habe mich dabei gefühlt wie Mao Tse Tung, als er Henry Kissinger eröffnete, er sei bereit, bis zu dreißig Millionen Chinesen für einen Atomkrieg zu opfern, – nämlich kalt und berechnend; ich habe Julien daraufhin das Fläschchen weggenommen, welches er sich den ganzen Abend über unter die Nase gehalten hatte und dieses in meine Manteltasche gesteckt. Später, im Rodeo, habe ich mit dem Geist aus der Flasche gesprochen, dessen Worte ihre Wirkung nur noch in abnehmendem Masse entfalteten, was aber nichts machte, da die Musik und der Gin das ihrige taten. PF saß dann mit einem Mädchen auf einem braunen Sofa bei den Toiletten, als sie ein Lied von Moby spielten und ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich tanzte. Zumindest glaubte ich das gestern. Dave fragt jetzt, ob ich Bier nähme, ich sage „ja“, er steht auf und zwei Mädchen setzen sich. Es sind Lucy und Andrea. Lucy trägt eine Tasche, die wir ihr zum Geburtstag geschenkt haben und Andrea sagt, sie sei an einer furchtbaren Party in Greifswald gewesen. „Die Leute dort waren vollkommen unentspannt. Ganz anders als in Berlin.“ Bloß ein paar hübsche Jungs wären da gewesen. „Aber die rannten alle rum wie gestochene Bienen. Wir haben ein Bier getrunken und sind gegangen.“

Ich denke daran, dass ich heute am späten Nachmittag mit Nasenbluten aufgewacht war. Jetzt liege auf dem Sofa einer Bar, die man gemeinhin als Lounge bezeichnen würde: warme Lichtflecken an den Wänden und auf den Gesichtern der Besucher, der Sänger von Beatplanet steht am DJ-Pult und spielt seine eigene Musik, ein paar Typen kiffen und alle sind unheimlich entspannt. Der typische Berliner Post-Orgasm-Chill eben. Oder mit anderen Worten: ein Drink, eine Packung französischer Filterzigaretten und die verblassende Erinnerung an ein paar Augenblicke des kollektiven Rauschs als Komponenten des vorläufigen Glück. Eigentlich gibt es nichts kleinbürgerlicheres als diese Stadt, deren Bewohner es sich in der Ecke des geregelten Nonkonformismus gemütlich gemacht haben. Bereits der kleinste Windstoss lässt sie zittern. „Das sind ja richtige Weicheier“, hatte David gerufen, als wir am vergangenen Donnerstag vor der verrammelten Türe des Dr. Pong gestanden hatten. „Da braucht bloß so ein Lüftchen ein paar Bäume auszureißen und schon verbarrikadieren sich alle in ihren Wohnungen und warten auf das Ende der Welt.“ Das Ende der Welt fand nicht statt und der Orkan zog vorüber, denke ich, als wir durch die von kleinen Ästen übersäte Lychenerstrasee nach Hause gehen. Aber der nächste Sturm kommt bestimmt.

Wer hat Angst vor Beischlafgeräuschen?

January 16th, 2007

Als Olivier anfängt, von seinem Kumpel Leonard zu erzählen, der Prostituierte stets nur für ihren Geruch bezahlt, sagt ihm Julien, er solle verdammt nochmal den Mund halten. „Du bist widerlich Shela. Wir sind am Essen.“ Weshalb die beiden sich gegenseitig Shela nennen, habe ich nie begriffen, es muss sich dabei wohl um ein Stück frankophonen Humor handeln, der für Aussenstehende einfach nicht zu begreifen ist. Olivier – oder eben in diesem Fall Shela - hat einen Tisch in diesem kleinen aber vorzüglichen Restaurant in Mitte reserviert. Wir sitzen also da zwischen lauter Bobos, schwulen Künstlern und Typen mit roten Schals und bestellen Fielet de Dinde. Die beiden kanadischen Backpacker, die wir auf eine Internetannonce hin bei uns aufgenommen haben, hocken daneben, trinken Cola und schweigen. „Die gehen mir auf den Sack. Die trinken ja nicht einmal Alkohol“, hatte Julien bereits geraunt, als wir auf der Rückbank eines Taxis beinahe lautlos durch das nächtliche Berlin glitten. „Abgesehen davon würde ich das Mädchen nicht einmal mit deinem anfassen.“ Inzwischen hat sich seine Abneigung gegen die Gäste sogar noch verstärkt. Er fährt mit der Gabel ins Putenfleisch, hält dann inne und schaut mich prüfend an: „Die müssen raus!“, sagt er. „Egal wie.“

„Weshalb hast du die eingeladen?“ – „Ich konnte ja nicht wissen, dass die so dröge sind.“ – „Die sind nicht nur dröge, die sind regelrecht mühsam. Ich kann Leute nicht ausstehen die in der Gegend rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt. Das nächste Mal guck ich mir vorher die Fotos an. Ich will sexy Schwedinnen!“ Julien trinkt Wernesgrüner, ich Becks, Dave entlässt den Rauch in kleinen, beinahe runden Wolken und vorne auf der winzigen Bühne spielt eine wirre Funk-Band. Es ist ein ganz normaler Donnerstag Abend in Berlin und ich frage mich, ob ich mich morgen nicht einfach krank melden soll. Neben mir steht dieses Mädchen, sie trägt einen weissen Mantel mit Fellkragen und hohe Absätze, spricht ein raues Englisch und zieht mit beinahe vulgärer Affektiertheit an einer Zigarette. Sie sagt, sie komme aus Jerusalem und als ich ihr erzähle, dass mein Onkel in der Nähe von Tel Aviv wohnt, verzieht sie keine Miene, spielt alles kühl runter und gibt sich schlagfertig und hart. Ich sage nichts. Eigentlich ist sie nicht einmal hübsch, denke ich und sehe Olivier zu, der vor der Bühne steht und zum Takt der Musik mit den Hüften wippt. „Ich will ins Berghain“, höre ich Julien rufen und schüttle den Kopf, als er auffordernd in meine Richtung zeigt.

Ich war letztes Wochenende im Berghain gewesen, hatte mich zwischen all den weggetretenen Fuck-Ups gegen den Lärm der infernalisch stampfenden Bässe gestellt, völlig deplaziert, in Zweireihermantel, Schal und Hugo-Boss- Handschuhen und einem Glas Gin-Tonic in der Hand. PF war eingeschlafen und Julien steckte einem Mädchen Namens Anne die Zunge in den Hals. Später hatte sie dann bei ihm übernachtet und die Nacht darauf gleich nochmal, während ich über Jay McInery’s letztem Roman in eine Totenstarre verfiel. Nein ich will nicht ins Berghain, denke ich jetzt, wenn schon ins Rodeo, diese Mischung aus Zisterne und Edelclub, wo wir zu Beginn des Abends gewesen waren und ich in bedingt zurechnungsfähigem Zustand einem Typ auf die Füsse trat, dessen Gesicht ich kannte. Ich wusste nur nicht woher. Offenbar so ein Tischtennis-Assi aus dem Dr Pong. Ich war trotzdem nett, entschuldigte mich und fragte ob alles okay sei. – „Ist gut, nee lass schon, ist gut“ – „Na dann, bis später“ Der andere nickte, ich ging und ein blondes Mädchen mit Korkenzieherlocken sagte halblaut: „Guck mal, Daniel Brühl ist auch da.“

„Lass uns abhauen“ – „Wohin?“ – „Wohin wohl?“ – „Nein. Nicht ins Pong. Nicht heute.“ – „Hast du eine bessere Idee?“ – „Nein hab ich nicht.“ – „Eben“, Julien dreht sich weg und ich stehe immer noch bei dem Mädchen aus Israel, ich merke wie sie zutraulicher wird, ihr Eis schmilzt, sie fragt was wir jetzt machen, ich sage, ich hätte keine Ahnung, sie sagt: „Na dann“ und „ich habe gerade eben mit meinem Freund Schluss gemacht.“ Ich weiss, ich sollte jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas nettes, empathisches, intimes, doch stattdessen verabschiede ich mich und gehe nach draussen, wo die anderen warten. Später stehen wir im Dr Pong, die verdammten Kanadier sind immer noch dabei, unsicher lächelnd wie Saalgäste in einer Fernsehshow, die man zu ihrer eigenen Überraschung auf die Bühne gebeten hat. „Ich könnte eine schwule Orgie im Wohnzimmer arrangieren“, sagt Dave, „dann wären die ruck-zuck weg“ – „Mach das!“, finde ich, aber Dave schüttelt den Kopf, „Ich kann mich in einer der Bars nicht mehr blicken lassen.“ Dann erzählt er eine wirre Geschichte von zwei Typen, die sich wegen ihm geprügelt hatten. „Ein Pärchen. Ich hab mit einem der Beiden rumgemacht, da ist der andere durchgedreht und mein Typ hat ihm schliesslich eins auf die Fresse gegeben. So richtig reingehauen hat er. Ich stand daneben und rauchte eine Zigarette. Mir war das alles völlig wurscht.“ Er macht eine Pause. „Wir sollten vielleicht weniger trinken“, sagt er dann. „Das macht uns alle fertig.“

Ich werde auch heute nicht früh nach Hause gehen. Ich werde wie immer Lübzer trinken, Blondie hören und den Leuten rund um mich beim Leben zuschauen. Manchmal habe ich das Gefühl, sehr, sehr weit weg zu sein. Ich sehe mich dann auf einer unbewaldeten Anhöhe unter einem grauen Winterhimmel voller Hochnebel, wie er sich jeweils in den kalten Monaten über das schweizerische Mittelland legt. Ich habe meine Zigaretten und eine kleine Flasche Jägermeister mit dabei. Davon trinke ich sobald es kalt und dunkel wird. Denn am Ende wird es immer kälter, weil alles Leben in mir erlischt, denke ich und bin mit einem Mal sehr müde. „Was machen wir jetzt mit den Kanadiern?“, höre ich Dave fragen und schüttle instinktiv den Kopf. „Keine Ahnung“, sage ich, sehe Julien, er sitzt an der Bar und spricht mit einem blonden Mädchen aus Schweden und ich weiss genau, was ich zu tun habe. Ich gehe rüber, tippe ihm auf die Schulter, er dreht sich um, schaut mich fragend an, ich sage: „Julien, du musst mit diesem Mädchen schlafen. Und zwar so laut, dass die beiden Kanadier die ganze Nacht kein Auge zu tun und morgen früh komplett entnervt abhauen.“ Julien nickt, dann fängt er an zu grinsen. „Okay“, sagt er, „ich kümmere mich darum.“ Später nimmt er das Mädchen mit nach Hause, treibt es mit ihr die ganze Nacht hindurch, geht am Freitag nicht zur Arbeit und schiebt sogar sein Bett näher an die Zwischentüre, die sein Zimmer vom Wohnzimmer trennt, wo die Kanadier auf der Couch schlafen. Das sei eine noble und selbstlose Geste, findet er nachher. „Ich habe mich regelrecht aufgeopfert.“ Das mag sein. Nur: die Kanadier sind trotzdem dageblieben.

Champagne Supernova

January 4th, 2007

An dem Tag nach dem Tag, an dem Saddam Hussein gehängt worden war, ist das Wetter mild und ich stehe vor dem Dr. Pong und rauche eine Zigarette. Ich komme von dem verdammten Ort nicht mehr los, denke ich. Gestern Abend saß ich bis fünf Uhr früh am Tresen und sprach mit Lorenzo über Gott und die Welt. Lorenzo wohnt in Genf, promoviert in Neurobiologie und weiß daher über Dinge Bescheid von denen ich nicht einmal ahne, dass sie existieren. Trotzdem scheint er nicht ganz glücklich zu sein. „Ich sehe Typen, die sind gleich alt wie ich, aber verdienen das Zehnfache, verdammt“, sagte er irgendwann. Nicht dass es darauf ankäme – „aber so ein bisschen Geld wäre schon nicht schlecht. Schließlich bin ich jetzt Dreißig und für ein Billigstudentenleben langsam zu alt“.  – „Tja, wir sind offenbar zum Ausgeben geboren“, gab ich zurück, „aber das trifft sich im Grunde genommen ja ganz gut. Schließlich hat die Generation unserer Eltern ja eine ganz schöne Menge angehäuft. Das muss auch wer verpulvern.“ Lorenzo fand das gut und gab eine Runde aus und gleich nachher noch eine. Ich habe dann gerade mal  drei Stündchen geschlafen und mich um acht mit pochender Stirn aus dem Bett geschält um nach Potsdam zur Arbeit zu fahren. Für monatlich knapp tausend Euro, notabene. Soviel zum Thema Geld.

Ich trete die erloschene Zigarette in den Teer und gehe nach drinnen. Julien erzählt so eine verworrene Geschichte über drei Mädchen, die er offenbar alle im Visier hatte und erklärt, dass er zwei davon verloren hat – darunter auch seine hin-und-wieder-beinahe-so-etwas-wie-Teilzeitfreundin Mira. „Die hat mich an Silvester mit dieser Französin gesehen. Deshalb ist sie jetzt richtig sauer“ , sagt er. „Kein Wunder“, finde ich. – „Ja, aber ich muss aus diesem Grund woanders einen Unterschlupf finden, für all die kalten Wintertage. Das ist aufwendig und nervt.“ – „Der Winter ist überhaupt nicht kalt“ – „Na und? Für mich ist er kalt genug.“ Ich frage ihn, wo Lorenzo ist und er sagt, er wisse es nicht genau, aber womöglich sei er mit Dave unterwegs, der wiederum mit Rico, Martina und ihrem Freund Nicolas auf Sightseeing Tour gegangen sei. „Aha“, sage ich, und überlege ob ich gehen soll. Am Tischtennistisch machen die üblichen Nerds mit ihren selbst mitgebrachten High-End Schlägern gerade ein paar französische Touristen fertig, am Kicker kleben die ganze Zeit zwei Amis in Baggypants und überhaupt: ich habe kaum geschlafen und den ganzen Tag gearbeitet. Ich bereite mich innerlich auf einen stillen Abgang vor und stelle meine leere Lübzer-Flasche auf den DJ-Tisch. Dann sehe ich Dave und die anderen.

Dave sieht aus, als habe er ein Massaker gesehen. Er kommt auf mich zu, gibt mir die Hand und sagt mit stoischer Ruhe: „Du, ich war im Casino am Potsdamer Platz und hab an so einem Automaten 2´500 Euro gewonnen“. Dann geht er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, rüber zur Bar. „Das gibt es doch nicht“, sagt Lorenzo, der jetzt in seiner Daunenjacke vor mir steht. „Ich mein, die andern verlochen fast hundert Euro in den Automaten und gehen leer aus, während er das Ding mit weniger als einem Fünfziger knackt.“ Dave hatte immer Glück im Spiel, denke ich. Als er achtzehn war, hat bei einem Wettbewerb des schweizerischen Nachrichtenmagazins Facts mitgemacht und prompt einen Gutschein für hundert CD´s gewonnen. Hundert CD´s. Und jetzt 2´500 Euro. Gibt es ausgleichende Gerechtigkeit? Ich glaube nicht. Ich glaube, die Welt ist ein zutiefst unegalitärer Ort und diese ungleiche Verteilung der Gewichte ein unabänderbarer Fakt – Sozialismus hin oder her. „Dafür habe ich Pech in der Liebe“, sagt Dave, der jetzt neben uns steht. „Na und. Wir auch“, rufen Lorenzo und ich beinahe gleichzeitig und realisieren, dass sich unter dem hohlen Mantel der Floskel ein spitzer kleiner Schmerz verbirgt. „Allez hop, Champagner“, höre ich Julien rufen, der offenbar seine Ennuis mit der Damenwelt vorläufig zur Seite gelegt hat, bevor David mit erhobener Hand gleich nachdoppelt.

Wir trinken an diesem Abend ungefähr fünfzehn Flaschen Rotkäppchen – Sekt. Wir fluten das Pong regelrecht mit dem Zeug. Nach ein paar Stunden stellt sich dann auch diese Schaumwein-Trunkenheit ein, die eine leichte und fröhliche ist und dich sorglos werden lässt. Wir liegen uns in den Armen und feiern uns selbst, Martina schlägt halb im Scherz vor, wir sollten und alle lieben und ich verschütte eine halbe Flasche Sekt über das DJ-Pult. Julien ist torkelnd verschwunden und als wir gegen fünf Uhr früh den Heimweg antreten, kann keiner mehr laufen. Als ich dann am nächsten Morgen langsam aus den Tiefen eines bleiernen Schlafes auftauche, stelle ich fest, dass Martina und ihr Freund ihren Rückflug in die Schweiz verpasst und erst nach einer dreistündigen, trunkenen Odyssee den Flughafen gefunden haben, Julien auf die dumme Idee kam, um vier Uhr früh in besinnungslosem Zustand bei Mira vorbeizugehen um zu reparieren, was sowieso nicht mehr zu reparieren war und ich schon wieder einen meiner Mäntel verloren habe. Eigentlich, denke ich in diesem Augenblick, haftet mir das Pech irgendwie an. „Immer geht irgendetwas schief.“ Normalerweise hätte ich mich jetzt grün und blau geärgert. Aber irgendwie bringe ich die Kraft dazu nicht auf. Vielleicht ist mir das alles gleichgültig. Vielleicht stört es mich nicht. Vielleicht bin ich in diesem Moment zufrieden. Oder zumindest so nah dran wie noch nie. Und vielleicht gibt es sie doch, die Gerechtigkeit. Zumindest ein bisschen. Denn als ich spät am Abend von einem Dinner bei Phil und Lucy nach Hause komme und mir in der Küche etwas Wodka hole, finde ich meinen Mantel. Er lag im Eisfach.

One Night At Dr. Pong

January 2nd, 2007

Ich traf Julien an einer Silvesterparty in Paris. 2003 oder 2004 muss das gewesen sein. Wir saßen in Phils Wohnung, tranken Champagner, hörten „Cigarettes & Alcohol“ und nahmen alle möglichen Drogen, während im Hintergrund Paris Hiltons Betthüpfervideo lief. Irgendwann zerrte mich Julien in ein Pub auf den Champs Elysees, ich trank viel zu viel Pina Colada und ließ mich am Ende der Nacht stilgerecht zum Taxi tragen. Ich lebte damals in Schottland und befand mich eigentlich in einem konstanten Dämmerzustand, aber das war trotzdem zuviel. Am darauffolgenden Tag machte ich daher kurzen Prozess, fuhr zerknittert nach Orly, nahm den nächsten Flug zurück in die Schweiz, bestellte Martini mit Eis und fragte mich wie um Himmels Willen ich am Abend zuvor bloß nach Hause gekommen war. Später erfuhr ich, dass es Julien gewesen war, der mir die Taxifahrt spendiert hatte und ich beschloss, ihm dafür ewig dankbar zu sein. Er hatte zwar nicht gerade mein Leben gerettet, mir jedoch eine Menge Ärger erspart. Die Distanz Champs – Montparnasse war nämlich durch meine fortgeschrittene Trunkenheit alles andere als kürzer geworden. Und wenn dir in solch einer Situation ein quasi Unbekannter zehn Euro in die Hand drückt und dem schlecht gelaunten Taxifahrer auch noch sagt wo´s langgeht, dann ist das mehr als nur eine freundliche Geste. Vielleicht sind es genau diese Kleinigkeiten, die Freundschaften entstehen lassen, denke ich und hole Julien ein Lübzer aus dem Kühlschrank hinter der Bar.

Jetzt ist wieder Silvester und Julien mimt den Rausschmeißer im Dr. Pong. Er hockt in seinem Gucci-Blazer am Eingang und lässt Freunde und hübsche Mädels umsonst rein. Als ich ihn ablöse, mache ich dasselbe und weil eigentlich nur Freunde und hübsche Mädels da sind, stehen wir kurz nach zwölf immer noch mit beinahe leeren Kassen da. „Das macht nix, das wird schon noch“, sagt Phil, der mit Kotletten, Afrofrisur, Ray Ban und Pornobalken aussieht wie ein Wiedergänger der vor Virilität bebenden Blaxploation -  Ikone Richard Roundtree. Er hat recht. Um drei Uhr Morgens ist der Laden voll, Bonaparte legt auf und die Leute lassen sich ziemlich gehen. Julien ist mit einem Mädchen aus Frankreich beschäftigt. „Sie ist zu Beginn der Feier auf mich zugekommen und hat gesagt, dass sie heute Nacht mit mir verbringen wird“, sagt er und küsst sie auf den Mund. Die Menschen scheinen aufgelöst an Silvester, es ist als ob sämtliche fest zementierten Lebensentwürfe plötzlich auseinanderbrechen und einen beinahe animalischen Kern freilegen. Der Rousseausche Mensch im Urzustand – wenigstens für eine Nacht im Jahr. Lichterfäden fallen vom Nachthimmel und der beißende Rauch der Knallpetarden hängt in den nassen Strassen. Draußen drehen selbst die größten Spießer völlig durch und schütten einander süßen Champagnerersatz über die Fred Perry-Klamotten. Ich habe Silvester eigentlich nie gemocht, denke ich und bin froh im Pong zu sein. Das Pong ist schließlich eine Konstante in meinem Leben und an einem Abend wie diesem, an dem sich sogar Soziopathen lachend in den Armen liegen, habe ich eine solche Konstante nötiger denn je. Ich stehe also zwischen den nackten Betonwänden, der Bar aus Restholz und warmen Farbflächen einer Lichtinstallation, trinke Rötkäppchensekt und sehe den Leuten beim Durchdrehen zu.

Dort wo normalerweise der Ping-Pong-Tisch steht, ist Phil am Tanzen. Régis – seines Zeichens Verleger und Phils Chef – geht mit dem Gitarristen der französischen Popband Louise Attaque an der Bar unter, an Daves Arm hängt eine sturzbetrunkene Schwedin mit rotem Lippenstift, Clothilde, die – ihre blaue Federboa miteingeschlossen – allerhöchstens drei Kleidungsstücke am Leib trägt, verschwindet mit irgendeinem Typen im Damenklo und selbst Rico und Sabrina, die in solchen Belangen normalerweise eine unterkühltere Herangehensweise an den Tag legen, sitzen Händchenhaltend auf dem Sofa. Das Dr. Pong ist Pissoir und Ballsaal zugleich, der Abend dreht sich um mich herum, ich befinde mich offenbar im Auge eines Orkans, der keinen Stein auf dem andern lässt und uns alle in eine parallele Realität katapultiert: Landunter der Himmel, kieloben die Welt. Später liege ich auf einem der Sofas und habe eine Art semitransparenten Film über den Augen. Ein Mädchen versucht, mich auf den Mund zu küssen, aber ich halte meine Lippen geschlossen. Ich will keine körperliche Nähe, die Möglichkeit eines One-Night-Stand lässt mich vollkommen kalt. Stattdessen denke ich an eine leicht gewellte, leere Voralpenlandschaft, an ein paar erholsame Tage, irgendwo in der Provinz. Offenbar suche ich ein wenig Stabilität – was angesichts des brodelnden Chaos in meinem Magen durchaus verständlich ist. „Du bist ein bisschen unmotiviert“, sagt sie. Ich gebe keine richtige Antwort und mache stattdessen nur die Augen zu. Schließlich küsst sie Lorenzo, einen Freund aus Genf. „You know, sometimes we all need some affection“, höre ich sie sagen, dann kippe ich weg.

Als ich wieder zu mir komme, sind die meisten meiner Freunde bereits nach Hause gegangen. Ich stolpere durch die Strassen, die im fahlen Morgenlicht erbärmlich wirken. Überall liegt Müll rum, – zerbrochene Flaschen, zerschossene Petarden – und selbst die Hausfassaden an der Schönhauserallee sehen mit einem Mal furchtbar ältlich aus. Vor meiner Haustüre stehen Lorenzo und das Mädchen, eng umschlungen. Ich schließe auf, sie kommen mit hoch und verschwinden sofort in der Küche. Ich lege mich in den Kleidern aufs Bett. Im Dämmerlicht des Tages, das durch die Vorhänge in das Innere meines Zimmers dringt, verspüre ich das eigenartige Bedürfnis, etwas Gutes zu tun. Ich habe so eine Art philantrophischen Schub, glaube ich. Vielleicht liegt das ja daran, dass heute Neujahr ist und die meisten Leute die scheinbare Unschuld des anbrechenden Jahres gerne zum Anlass nehmen, ihr Leben neu zu ordnen. Ich weiß genau, dass so ein moralischer Kraftakt innert Stunden verpufft. Darum sollte ich jetzt handeln, denke ich. Vielleicht sollte ich diesmal Julien ein Taxi bezahlen. Aber Julien ist schon lang mit einem Mädchen verschwunden und ich bin komplett betrunken. Wenig später habe ich alles vergessen. „Fuck it“, sage ich leise, „spielt alles keine Rolle“. Es war ja bloß Silvester.

Ich lebe mit angezogener Handbremse

December 17th, 2006

Es gibt Tage, da wäre man am besten einfach im Bett geblieben und nie aufgestanden. Heute ist so einer. Ich bin am Weihnachtsfest meines Arbeitgebers und langweile mich zu Tode. So eine Firmenweihnachtsfeier ist eine furchtbare Angelegenheit: Du stehst den ganzen Abend zwischen schlecht angezogenen Leuten rum, versuchst krampfhaft Interesse zu heucheln, führst völlig Sinn- und freudlose Gespräche über ebenso unnütze wie oberflächliche Themen und betrinkst dich schliesslich gemeinsam mit Menschen, die du in deiner Freizeit eigentlich gar nie sehen willst. Alles in allem ein Abend zum Vergessen – wäre da nicht die Möglichkeit, dass sich irgendein stocksteifer Typ aus der Finanzabteilung daneben benimmt und mit einer Produktionsassistentin auf der Herrentoilette einen Quickie schiebt. Aber nicht einmal dazu kommt es. Stattdessen trinken alle Champagner oder Bier, stopfen Gänsefilet mit Klöpse in sich rein und tun so als wären sie mit ihrer Existenz rundum zufrieden. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich bei einem so genannten Medienunternehmen arbeite, einer Firma also, die im Unterhaltungsbereich tätig ist und deshalb lauter furchtbar kreative und lustige Mitarbeiter beschäftigt. Diese Leute sind das ganze Jahr über locker drauf und können es sich daher leisten, an der Jahresendesause auf die üblichen Ausschreitungen zu verzichten und sich stattdessen ganz zivilisiert gegenseitig verbale Belanglosigkeiten zu zuwerfen.

Bevor die Feier losgeht, hält jeder der Geschäftsführer eine kurze Begrüssungsansprache. Alles in allem eine Sache zum Vergessen, es fallen die übliche Worte, von wegen „wir können alle stolz sein, jeder einzelne von ihnen hat ganz Grosses geleistet“ oder „ein sehr interessantes Jahr liegt hinter uns.“ Alle klatschen wie auf Befehl in die Hände und nachher klimpert ein dicker Pianist mit Kinnbart zwei Stunden lang irgendwelche Evergreens. „Der Kerl sieht aus wie ein Spanner“, sagt Bastian. „Ja“, mache ich. „Irgendwie ein bisschen pädophil.“ Zum Essen trinke ich etwas Rotwein, bereue das aber gleich wieder, denn es handelt sich dabei um richtigen Fusel, der sich wie Dampf im Kopf ausbreitet und mir die Augenlieder nieder drückt. Ich spreche mit einer Produzentin aus meiner Abteilung, sie sagt sie verlasse die Firma um in Österreich irgendetwas neues anzufangen. „Das ist schön“, sage ich und tue so, als freue ich mich für sie. Irgendwer hat mir erzählt sie sei mehr oder weniger gegangen worden, aber ich kann ja nicht direkt nachfragen, sowas tut man nicht. Darum sitze ich bloss da und sage „aha“ und „schön“ und dann kommt ihr offenbar in den Sinn dass ich Schweizer bin und sie fängt mit Namedropping an und sagt „Ich habe Martin Suters ersten Roman in der Rohfassung gelesen, ich liebe Martin Suter“. Und Charles Lewinski. Na ja. Später sind dann ein paar von unseren Leuten etwas angetrunken. Die Chefs machen sich auf den Weg nach Hause und mit ihnen gehen auch die schlecht gelaunten Karrieristen und Wadenbeisser, die bloss zu Networkingzwecken da waren und und in mitten der sich langsam zersetzenden Ordnung steif und deplatziert wirken. Der DJ legt ein Potpourri okzidentaler Tanzmusik auf und bei Jan Delay kann jeder seine Clubtauglichkeit unter Beweis stellen. Ich gehe zurück zur Bar und trinke so lange Gin Tonic bis die Flaschen alle sind. Dann ziehe ich mich mit einem Becks auf ein leeres Sofa zurück und harre der Dinge die da kommen mögen. Doch nichts passiert. Ein Typ aus der PR-Abteilung macht sich an ein Hamburger Castingmädel ran, ohne Erfolg. Ansonsten bleiben die Skandale aus.

Um drei ist die Feier aus. An der Bar fangen sie schon an den Tresen zu putzen und draussen geht die Jagd auf die Taxis los. Ich denke an Sonja, die ihren Arbeitsplatz mir gegenüber hatte und jeden Tag bis acht Uhr abends Mädchen für alles spielte. Hin und wieder kochte sie den Produzenten sogar Kaffee. Als Dankeschön boten die ihr eine Vertragsverlängerung an. Sechs Wochen, zu schlechteren Konditionen. Begründung: du bist eh ersetzbar und wir haben besser qualifizierte Leute, die deinen Job für weniger Geld machen. Natürlich hat sie abgelehnt und sich die noch verbleibende Vertragsdauer frei genommen. Heute war demnach ihr letzter Tag. Einer der beiden Produzenten, für die sie sich einen Monat lang den Arsch aufgerissen hatte, bot ihr an, gemeinsam eine Abschiedszigarette zu rauchen, aber sie hatte die Kopfhörer ihres Ipods in den Ohren und die grosszügige Geste daher nicht mitbekommen. An die Weihnachtsfeier ist sie natürlich nicht gekommen, aber das haben die meisten sowieso nicht gemerkt. Als ich später in einem Taxi zum Senefelderplatz fahre, denke ich einen Augenblick daran, meine vorzeitige Entlassung zu provozieren. Ich wäre dann frei und könnte tun und lassen was ich wollte. Vielleicht, so geht es mir in diesem Augenblick durch den Kopf, würde dann alles besser. Hinter dem beschlagenen Seitenfensters des Mercedes gleiten die Lichter des vorweihnachtlichen Berlin vorbei. Ich wohne seit gut neun Monaten in dieser Stadt, die stets so viel verspricht. Bin ich glücklich hier? Und wenn ja, woran merke ich das? Oder war das alles nur ein ganz grosser Fehler. Später treffe ich PF an einer sterbenden Party in einem Kindergarten an der Schwedter Strasse. PF ist genauso betrunken wie ich und wir beschliessen, nach Kreuzberg zu fahren und uns dort den Rest zu geben. Auf dem Weg dorthin meint PF plötzlich, wir seien ziemlich nutzlos. „Wie meinst du das?“, will ich wissen. „Na ja“, sagt er, „Das Leben ist eine Autobahn und wir fahren mit angezogener Handbremse. Was wir tun, tun wir aus einer Mischung aus Kompromissbereitschaft, Faulheit und Resignation. Das kann es doch nicht sein“ – „Das kann es wirklich nicht sein“, sage ich und denke kurz nach. „Wir haben nur eine Möglichkeit: wir müssen ganz schnell und ohne viel Aufwand berühmt werden.“ – „Stimmt“, antwortet PF, „ich habe bloss keine Ahnung womit.“

Mein kleines Dorf am Ende der Welt

December 6th, 2006

Als ich in Saarbrücken ankomme, scheint die Sonne. Irgendwer hat mal gesagt, das Saarland gehöre eigentlich nicht zu Deutschland und einen Augenblick lang kann ich diese Behauptung nachvollziehen. Allez-hop sagt ein Flughafenangestellter im leuchtgelben Gilet und lacht dabei nonchalant. Über den Tarmac weht ein Hauch von Frankreich; hier könnte genauso gut Béziers sein, Lourdes oder Epinal. Eine leere, rissige Betonpiste, umgeben von Hügeln voller Buschwerk, unregelmässige Windstösse und über allem der azurblaue Himmel. Ich gehe langsam über den Teer zum Terminal. Mein Magen brennt, die Flammen zehren von der unheilvollen Mischung aus Nachbrannt und Filterkaffee und fressen sich durch meine Eingeweide. Natürlich habe ich wieder zu viel getrunken und natürlich habe ich auch deshalb wieder diese verdammten Gliederschmerzen, die sich so anfühlen, als ob jemand deine Arme und Beine mit einer mittelalterlichen Foltermaschine in die Länge zieht. Vor Monaten noch hätte ich mich genau darüber aufgeregt und mir möglicherweise geschworen, in Zukunft weniger zu trinken. Inzwischen wanke ich stumpf und besinnungslos von einem Rausch zum nächsten, ausgelaugt und dumpf, der bedingungslosen Kapitulation nahe. Und selbst diese Aussicht lässt mich höchstens noch müde lächeln.

Ich hole meinen Wagen ab und nehme die Bundesstrasse Richtung Osten. Nach rund zehn Kilometern taucht unten im Tal Blieskastel auf, wenig später dann der Ort Bierbach. Ich steuere den Wagen durch die beinahe vollkommen leeren Dorfstrassen und stelle ihn oben beim Waldeingang ab. „Hier hast du früher den Sommer verbracht“, sage ich beinahe zu mir selbst und denke an all die Dinge, die ich mit dem Geburtsort meiner Mutter verbinde: Werthers Caramelbonbons, wurmstichige Holzkommoden, Aluminiumfässer voller Karlsberger Ur-Pils, der Gong der ARD – Tagesschau, der Geruch nassen Hundefells, speckige D-Markscheine, den blassroten Früchtetee meiner Oma und die allmorgendlichen Grussbotschaften auf dem Saarfunk. Ich trete mit meinen Schuhen in den roten Sand des Parkplatzes und rauche eine Zigarette. Heute ist alles vorbei, sage ich leise und fühle mich mit einem Male furchtbar müde. Im Sommer 2001 war mein Opa gestorben und als ich damals an einem grauen, regnerischen Junitag auf die Holzkiste in der triefenden Erde des Saarpfälzer Bodens blickte, wusste ich nicht was ich sagen sollte. Dabei habe ich so viele Fragen nie gestellt. Zwei Jahre später ging dann meine Oma und das Haus an der Eckstrasse wurde wenig später verkauft. Eine Generation war verschwunden und hinterliess mich sprachlos. Wie war das eigentlich damals, im Krieg, denn ihr alle immer den Kriech genannt habt? Wenig später sitze ich wieder im Wagen, den Kopf aufs Lenkrad gelegt. Aus den Augenwinkeln kann ich den Wald sehen, der das hügelige Land bis Kirkel bedeckt. Mein Blick ist leer und meine Hände taub, ich denke an gar nichts. Nicht an meine Arbeit, die mir wie eine weites, ödes Feld erscheint, nicht an meinen zerissenen Alltag und schon gar nicht an die Zukunft. Ich glaube, wenn ich diesem Moment eine Waffe bei mir hätte, dann würde ich mich auf der Stelle erschiessen.

Irgendwann gewinne ich meine Fassung zurück, starte den Motor und schalte das Autoradio an. Den Rest des Wochenendes verbringe ich in Trance. Ich bringe mein Casting bei einem Förster in Bexbach hinter mich, gebe meinen Mietwagen am Saarbrückener Bahnhof ab und nehme den Eurocity nach Paris-Est. Während der Fahrt durch die Finsternis der ostfranzösischen Provinz schütte ich eine Flasche Jägermeister in mich rein, in Paris, wo ich Julien treffe, haue ich noch Ricard, Gin, Bier und Wodka drauf um schliesslich auf einer ausklappbaren Couch in einer winzigen Wohnung in Clichy in einen kurzen, Komaähnlichen Schlaf zu fallen. Tags darauf dann das gleiche Bild: mindestens zwei Flaschen Champagner und ein paar Drinks an einer Privatparty in einer Villa ausserhalb von Paris, wo die tiefergelegte Ex-Frau eines französischen Comedians Geburtstag feiert. Ich gehe ein paar Mal um den gigantischen Indoor-Pool und finde mich am nächsten Morgen im ersten Stock wieder, auf einem Teppich liegend. Irgendwie bringt mich Julien nach Paris und setzt mich in seiner ehemaligen Wohnung ab, aber ich schaffe es nicht, ich muss raus und treffe daher eine seiner Freundinnen, die mich am Place Bastille mit einem verbeulten, silbergrauen Peugeot abholt. Sie trägt ihre Sonnenbrille auch bei Nacht und hat offenbar zu viel Kokain geschnupft; jedenfalls rasen wir durch die engen Strassen der Pariser Innenstadt, essen im Centre Pompidou zu Nacht und haken ein paar Bars ab, um dann in ihrer Wohnung zu landen und uns völlig den Rest zu geben. Als ich am darauf folgenden Tag am Flughafen Orly auf meine Maschine nach Berlin warte, rinnt meine Nase und meine Augen sind weit offen. „Niemals“ sage ich immer wieder, „niemals kannst du in dein normales Leben zurückkehren. Vielleicht“, denke ich dann noch, „stürzt ja der verdammte Flieger ab“, verwerfe den Gedanken aber sofort wieder. Zu dumm, zu einfach, zu schwach. Stattdessen will ich zurück an die Saar. In mein kleines Dorf am Ende der Welt.

Helden der Popkultur

November 15th, 2006

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Jean-Paul Belomondo und Jean Seberg in Godards Kultfilm „Ausser Atem“? Steve McQueen und Ali Mac Graw in „Getaway“, kurz vor Antritt der Flucht? Beides möglich, aber trotzdem falsch. Die Szene spielt weder in New Mexiko noch im Paris der späten fünfziger Jahre, sondern in der BRD des Jahres 1968. Der Hintergrund: deutsche Anarchisten zünden Kaufhäuser an. Die Hauptdarsteller: Andreas Baader und Gudrun Ensslin oder: Bonnie and Clyde als deutsche Terroristen. „Die RAF war von Anfang an Pop“ behauptet meine Tischnachbarin Anke und weist auf all die Bilder hin, die die Terroristen als Ikonen zeigen. Anke hat in ihrere Magisterarbeit über die RAF geschrieben. Ich überlege eine Weile und nicke dann. Schliesslich habe ich Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex mit siebzehn als Abenteuerroman gelesen. Schnelle Autos, ein unstetes Leben und eine Prise Revolutionsromantik. Und über allem die Ästhetik der französischen Nouvelle Vague. Vielleicht ging es auch nur darum, den Mädchen zu imponieren. Das würde jedenfalls die sinnlosen Worthülsen der Kassiber erklären. Und Baaders Vorliebe für gelbe Porsche Carreras. Was die RAF von den heutigen Terroristen unterscheidet? Sie liebten das Leben, nicht den Tod. Das machte sie kalkulierbar. Und rückblickend gesehen irgendwie naiv. Kann so etwas Sympathie wecken? „Damals erklärte sich laut einer Umfrage jeder siebte Deutsche bereit, Baader und seine Leute bei sich aufzunehmen“, sagt Anke und lächelt scheu. „Ich glaube“, fügt sie dann an, „ich hätte auch dazu gehört.“ Und ich? Ich weiss nicht, wie weit ich gegangen wäre. Der Reiz des unverbrauchten, radikalen Abenteuers lässt sich ja nicht wegdiskutieren. Mit anderen Worten: vielleicht hätte ich mitgemacht.?

Er war mein Kanzler

November 11th, 2006

Es ist Spätherbst in Berlin und in den Strassen hängen die ersten Nebelfetzen. Schwere, nasse Klumpen, deren feuchte Kälte dir dann den ganzen Winter lang in den Knochen hängt. Das will ich mir nicht antun. Darum bleibe ich zu Hause, ziehe die Vorhänge zu und sehe fern. Im Bayrischen Rundfunk hockt Gerhard Schröder bei Siegmund Gottlieb und redet über sein Buch. Na klar, denke ich, er hat ja gerade seine Memoiren veröffentlicht. Jetzt flitzt er von einer Talkshow zur nächsten und plaudert aus dem Nähkästchen von sieben Jahren Rot-Grün. Ja, damals, haha, als ich mit den Joschka, dem Oskar und dem Bodo… so oder ähnlich läuft das dann die ganze Zeit. Die Gerd-Show. Ein Medienmensch war der Schröder ja immer schon. Jetzt wird er auch noch zum Popstar. Zu einer Art Dieter Bohlen der Politik. Die Parallelen lassen sich durchaus ziehen. Wo im Oeuvre des Ex-Modern Talking – Mannes ein Penisbruch zum literarischen Orgasmus führt, erreicht das Schröder-Werk seinen point-culminant zweifellos in der Wahlnacht 2005, als des Kanzlers Verhalten ins Subobtimale abdriftet. „Herr Schröder“, möchte man ihn fragen, „waren sie damals eigentlich betrunken?“

Genau das tut Siegmund Gottlieb und der Altkanzler beugt sich vor und geht zum Gegenangriff über. „Ich möchte da mal was klarstellen, ich war nicht voll“, sagt er und redet von „Stress“ und „all dem, was ich einstecken musste, ganz besonders von Leuten wie ihnen.“ Dabei lächelt er giftig. Schröder ist immer noch derselbe, denke ich. Der Kämpfer, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Den Kopf geduckt, die Schultern gespannt, diesen ich-habe-immer-recht Ausdruck im Gesicht – so sieht ein Mann aus, der sich durchboxen musste. Der unter Dauerbeschuss stand. Ein Arbeiterkind im Brioni-Anzug. Aber für was steht Schröder eigentlich? Für die westdeutsche Version des American Dream? Für das Ende der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer Sparkassen – Gemütlichkeit und dem illusorischen Traum vom bequemen Wohlstand für alle? Ist er der Genosse der Bosse? Der Mann der Hartz IV erfand? Der Deutschland in den Krieg führte? Oder aber der grosse Reformer? Der Friedenskanzler, der dem US-Präsidenten die Stirn bot? Schröder wirkt wie ein Chamäleon, er tut scheinbar alles und nichts zugleich. Gestern noch Staatsmann, heute Aufsichtsrat bei Gasprom. Kann man so einen Typ ernst nehmen? Darf man ihm ein Land anvertrauen? Und überhaupt: hat Schröder Deutschland ruiniert?

An dem Abend, an dem Rot- Grün die Bundestagswahlen 1998 gewann, sass ich Wohnzimmer meines Onkels in Tel Aviv. Draussen ging ein heisser Spätsommertag zu Ende und auf meiner Haut klebte der metallene Staub aus den Strassen von Nazareth. Die ARD zeigte Bilder von der SPD-Wahlparty. Schröder stand zwischen Oskar Lafontaine und Joschka Fischer, trank Champagner und bog sich vor Lachen. Ich war damals achtzehn Jahre alt und seit ich mich erinnern konnte, wurde Deutschland von Helmut Kohl regiert. Kohl war die fleischgewordene Bräsigkeit. Er sah aus wie der Filialleiter einer Kreissparkasse und redete wie ein Pfälzer Gastwirt. Zudem hatte er einen birnenförmigen Kopf und war furchtbar dick. 1998 war Kohl am Ende, er passte einfach nicht mehr zum wiedervereinigten Deutschland der späten Neunzigerjahre. Schröder hingegen, war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ein Windhund, ein pragmatischer Macher, mal Kumpel, mal Arschloch, der aber immer irgendwie die richtigen Worte fand. Ich erinnere mich, dass ich Schröder damals überhaupt nicht mochte. Ich hielt ihn für einen aalglatten Gauner, einen, der dich bloss nett anlächelt um dir gleichzeitig dein Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen. Heute bekenne ich: ich habe mich geirrt. Schröder war kein Gauner. Er war ganz einfach nur einer von uns. Er war der Kanzler der nicht gehaltenen Versprechen, der geplatzten Träume, der grossen Illusionen und Enttäuschungen. Egal ob New-Economy – Blase, Spassgesellschaft, 11. September, neue Ernsthaftigkeit oder Irakkrieg – der Kanzler wirkte immer irgendwie planlos. Und glich damit der Generation, die unter ihm aufwuchs. Orientierungslosigkeit gepaart mit Spontaneität, das Prinzip Hoffnung als Motto und eine ungewisse Zukunft vor Augen. So hat Schröder regiert. Und ich gelebt.

Ich schalte den Fernseher aus, gehe trotz des schlechten Wetters nach draussen und treffe Phil im Pong. Wir hocken an der hölzernen Bar und trinken Ricard, während ein Typ mit halblangen Haaren Retro-Rock auflegt. Das Pong ist beinahe leer und draussen geht jetzt leichter Regen nieder. „Wenn Schröder da wäre, würde ich ihn auf ein Bier einladen“, sage ich. Phil nickt. „Ich hab Schröder auch gemacht. Er war halt einfach ein ganz normaler Typ. Konnte es mit einem Bauarbeiter genauso wie mit einem Soziologieprofessor. Der Mann hatte ganz einfach Charisma.“ Hatte. Denn Schröder ist nicht mehr da. Er hat vor einem Jahr aufgehört. Und wird nie wieder zurückkehren. Sagt er zumindest. Als Schröder an die Macht kam, war ich gerade volljährig geworden und hatte die grosse weite Welt vor mir. Als er 2005 abgewählt wurde, schloss ich mein Studium ab, war abgespannt, ein kleines bisschen desillusioniert und trank zuviel Alkohol. Es ist erstaunlich, wie sich die Dinge entwickeln. Damals wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Inzwischen weiss ich: er war mein Kanzler

Die Jugend von heute

November 7th, 2006

Es ist Samstagnachmittag und ich bin an der YOU. Die YOU ist die größte Jugendmesse Europas, und weil sie diesen Status innehat, kommen natürlich nicht nur ganz viele Jugendliche an die YOU, sondern auch mindestens so viele Unternehmen, die sich dann auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln, um in der Gunst der Halbwüchsigen ganz oben zu stehen. Da gibt es dann den Beauty-Stand von Bébé, wo sich die Mädchen die Pickel zuspachteln lassen können. Oder eine fette Snowboard – Halfpipe, mit der Nokia offenbar den Beweis erbringen möchte, dass Mobiltelefone echt fette Lifestile – Accessoires sind und nicht etwa nur Taschengeldfresser. Die Kids stehen dann kaugummikauend in den Nazi-Bauten des Berliner Messegelände rum und lassen sich mit irgendwelchen Werbegeschenken zumüllen, während auf der VIVA – Bühne nebenan die fünf gelackten Berufsjugendlichen von US 5 die Mädels zum Kreischen bringen. Alles in allem ein richtiges Konsumparadies, irgendwo zwischen BRAVO, Petting, Alcopops und HJ-Reichjugendtag. Mir kommt Joachim Lottmann in den Sinn. Der hat nämlich mal ein Buch geschrieben, über die Jugend von heute und behauptet, von der käme nix mehr: keine Revolte, keine gute Musik und nicht einmal mehr richtiger Sex.

Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Die YOU jedenfalls ist wie Wasser auf die Mühlen aller Zivilisationspessimisten, Jugend – Hasser und Untergangsphilosophen. Die Jungs sehen aus wie schwule Hiphopper, die Mädchen wie minderjährige Prostituierte aus Osteuropa. Die Geschlechterrollen scheinen den Gangsta – Videos zu entstammen und würden wohl jeder emanzipierten post-68er Mutter die Tränen in die Augen treiben. Statt K1 und Emma scheinen heute Neukölln und Bushido angesagt, wo mit Frauen eigentlich „nur gefickt“ wird. Den Teenagern scheint das alles aber zu gefallen. Laut schnatternd schieben sie sich durch die Hallen und bewegen sich mit einer beneidenswerten Eleganz durch das Trommelfeuer einer grellen Warenwelt, die ich selbst nur noch als Terror wahrnehme. Simon, den die UFA extra aus Köln hierher geschickt hat, nennt das „audiovisuelle Reizüberflutung“. Im Prinzip meint er aber dasselbe. Wir gehen daher nach draußen, rauchen eine Zigarette und trinken Cola. Bier gibt´s hier natürlich keines. „Ich verstehe das nicht“, sagt Simon. „Ich wäre als Sechzehnjähriger niemals an so eine Veranstaltung gegangen. Wenn die alle so drauf sind, dann gute Nacht.“

Vielleicht sind liegt es ja an meiner Grundeinstellung und alles wird eines Tages gut. Aber im Moment bestätigt die YOU bloß meinen tiefen Pessimismus. Deutschland ist fertig, denke ich und dann kommt mir die Diskussion mit Volker in den Sinn, die wir vor zwei Wochen in dessen Hamburger Wohnung geführt hatten und die mit der larmoyanten Feststellung endete, dass dieses Land vor die Hunde gehen würde. Na ja, vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als eine Flasche billigen Rotwein intus hatte und als schlechtbezahlter Mediensklave auf Castingtour war. Und dass Volker gerade aus Kasachstan zurückgekehrt war, wo er als vermeintlicher Entwicklungshelfer fünf Monate lang untätig rumsaß und billigen Wodka trank. Wir saßen also bei ihm in der Küche und irgendwann sagte ich, dass ein Land, in dem alle gutausgebildeten Menschen auswanderten, in einer global konkurrenzierenden Weltwirtschaft keine Chance hätte. „Braindrain und Akademikerarbeitslosigkeit zusammen – so was ist einfach absurd.“  – „Tja“, sagt Volker, „der Zug fährt in Richtung dritte Welt. Wie Kasachstan. Alle, die was drauf haben, gehen weg. Selbst die Ossis arbeiten schon in Österreich!“. Zurück bleiben dann, – um noch mal den Lottmann zu zitieren – die Schwachen, die Dummen und die Alten. „Und die ganz Jungen, die dann in so einer absterbenden Gesellschaft aufwachsen“, fügt Volker an. „Zum Glück hab´ ich den Schweizer Pass. Seit ich in Deutschland lebe, kommt mir der vor wie eine Lebensversicherung.“

Jetzt stehe ich also zwischen all den Pimps und Bitches und weiß nicht ob ich mich über die Gnade der frühen Geburt freuen soll oder nicht. Sind wir eigentlich zukunftsfähig oder geht ganz Europa den Bach runter? Werden Leute wie ich irgendwann einmal fähig sein, ein Land zu regieren? Und was passiert dann mit den heute Sechzehnjährigen? Eigentlich hasse ich den Generationenbegriff, aber es gibt Augeblicke, da kommt man um ihn nicht rum. Wenn wir also wirklich eine Generation sind, dann grenzen wir uns doch irgendwie ab. Bloß wie? Die Golfer hatten ihre große Zeit in den Neunzigern, labten sich am schnellen Geld und pflegten nebenbei ihre Luxusneurosen. Daraus entstanden Vera am Mittag, Benjamin von Stuckrad – Barre und eine postmoderne Alltagskultur. Oder in anderen Worten: emotionale Verwirrtheit auf solider materieller Basis. Bei den Jüngeren liegen die Dinge genau umgekehrt: fehlende Jobsicherheit und Unterschichtendebatte versus Weltkirchentag, feste Beziehungen und Nichtraucherbars. Und wir? Die Dazwischengeborenen? Sind wir völlig aus dem Häuschen? Sind wir gleich zweimal gestrandet, ideel sowie materiell? Haben wir mit zu vielen verschiedenen Sexualpartnern geschlafen und gleichzeitig für 400 Euro im Monat Fronarbeit geleistet und sind deshalb sowohl emotional als auch rational ausgebrannt? Das alles würde jedenfalls meinen Defätismus erklären. Und denjenigen meiner Freunde. „Ich halte das nicht mehr länger aus“, sagt Simon jetzt und weist mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Lass uns gehen.“ Wenig später hocken wir in einer Kneipe um die Ecke, trinken Bier und reden über Fussball. „Eigentlich“ denke ich nach ein paar Gläsern, „ist die Zukunft doch einfach egal.“ Und genau das ist das Problem.