We want to be Heroes just for one Day

October 30th, 2006

Ich stehe im Foyer des Admiralspalast und trinke Moet & Chandon aus 3-Deziliter-Flaschen. Julien ist begeistert. „Hast du die Hostessen gesehen? Oh la la, die hätten sich eine Cartouche verdient. Da würde ich nie nein sagen.“ Tatsächlich sind die Hostessen bezaubernd, aber eben: das Lipgloss-Lächeln  mag noch so charmant wirken, irgendwie schwingt halt immer diese Professionalität mit. Ganz nach dem Motto: wir sind bloß deshalb so nett, weil wir dafür bezahlt werden. Ich habe meinen Mantel an der Garderobe abgegeben und trage einen Kaschmirpullover von Bally, Hosen von Daniel Hechter und italienische Herrenschuhe. Julien hat auf die Rive – Gauche – Kombination Rollkragen – unter – Armani – Blazer zurückgegriffen. Ich finde wir machen uns gut. Rundherum dreht sich das Karussell des Sehens und Gesehen – werdens immer schneller. Die Berliner B-Prominenz feiert sich selbst. Der einzige echte Star – Marilyn Manson – hat abgesagt. Dafür ist Collien da. Und Gülcan. Genau, die Frau mit der furchtbaren Stimme, die auf VIVA moderiert. Sie trägt ein bunt geschecktes Kleid und sieht aus, als hätte man sie mit Farbbomben beworfen. Julien, der in Frankreich vermutlich jeden Promi aus Artilleriefeuerdistanz erkennt, in Deutschland aber gerade mal Heidi Klum von Angela Merkel unterscheiden kann, hat sie erkannt und freut sich darüber wie ein Kind. „Gülcan, Gülcan,“ sagt er, „elle est bien“. Gülcan dreht sich um und lässt so ein ich-weiss-dass-ich-bekannt-bin – Lächeln von sich und bedient ein paar People – Journalisten mit netten Posen. „Bof“, macht Julien, „ich kenn die ja nur, weil ich hin und wieder bei dir vor dem Fernseher hocke, VIVA gucke und Joints rauche. Melissa Therieu sieht besser aus. Und was ist mit der Schweiz?“ Mit der Schweiz ist gar nichts, denke ich. Allerhöchstens Mia Aegerter. Aber die ist nicht da.

„Fashion Debut“, heißt die Veranstaltung und ist offenbar so eine Art Berliner Antwort auf Paris oder London. Nur: in London pudern sich Kate Moss und Pete Doherty die Nase. Hier sitzt Boris Beckers Ex-Freundin in der ersten Reihe und klatscht brav in die Hände, als die Modeschau anfängt. Das ist nicht nur eine andere Liga, das ist ein anderer Sport. An mir zieht das auf der Bühne gebotene Defilee ziemlich spurlos vorbei. Spindeldürre Models in sackähnlichen Kleidern und mit absurd geschminkten Gesichtern, die aussehen wie dadaistische Vogelscheuchen sind nicht mein Ding. Aber vielleicht begreife ich das alles nicht. Vielleicht bin ich zu ignorant. Oder zu betrunken. Schließlich habe ich heute Abend noch nichts gegessen und meinen Magen mit zwei Bier und ein paar Gläsern Champagner in Remmi – Demmi – Laune gebracht. Die Show dauert eine gute Stunde, danach gehen wir rüber zur Friedrichstrasse und essen Döner. „Deutschland ist ein komisches Land“, sagt Julien, „die Armen sehen aus wie Arme und die Reichen wie Arme, denen man viel Geld in die Hand gedrückt hat. Was allen abgeht, ist Stil und Klasse.“ Dann sagt er, dass dies in Frankreich völlig anders sei, da bestelle jeder Proll noch seinen Vin du midi. „Natürlich“ gebe ich zurück, „aber Frankreich ist doch im Grunde genommen ein Ständestaat mit einem gewählten Monarchen an der Spitze.“ Deutschland hingegen ist industriell geprägt. Höfische Sitten sind diesem Lande fremd, dessen letzter autokratischer Herrscher ein schnauzbärtiger Kunstmaler aus der österreichischen Provinz war, der kein Fleisch aß und Raucher hasste.

So etwas prägt dann auch das Verhalten der selbsterklärten Elite. Als wir in den Admiralspalast zurückkehren, läuft die After-Show Party. Die Leute stehen rum und betrinken sich mit Champagner, den die Angestellten in Magnum-Flaschen auf Daumen und Zeigefinger durch den Saal balancieren. Je länger der Abend dauert, desto vulgärer verhalten sich die Gäste. Ein Promiphotograf schreit Obszönitäten in eine Fernsehkamera und schmeißt sein leeres Glas hinter sich. Später am Abend wälzt er sich dann auch noch auf dem Boden. „Der darf sich so was erlauben, er ist ein Star und fotografiert für den Stern und so“, sagt Anton, ein Paparrazzi, der für die Bunte hier ist. – „Ich respektiere deine Arbeit“, sage ich ihm und merke, dass ich ebenfalls ziemlich Schieflage habe. „Danke“ sagt er und schimpft auf die ganzen Leute hier. „Alles Deppen, sag ich dir. Vorne durch tun sie so als würde sie das alles stören. In Wahrheit aber lassen sie kein Fettnäpfchen aus, um in die Klatschpresse zu kommen. Ich wette hier kannst du das Kokain von der Klobrille lecken.“ Julien kommt zu mir rüber, er ist ebenfalls betrunken. Jetzt spielen sie Wonderwall, alle Leute recken die Arme in die Höhe, Julien ist völlig euphorisiert und spricht lauter Mädchen an. Champagner ist ein wunderbares Getränk, denke ich, der perlende Rausch hebt dich sanft in höchste Höhen und trägt dich auf Samthandschuhen durch jede zerschossene Nacht. Dein Gang ist aufrecht und deine Blasiertheit für einmal nicht gespielt. Eigentlich sollte das immer so sein.

Dann kommt der tiefe Fall. Als ich nach draußen gehe um meinen Mantel abzuholen, gesteht mir die Dame an der Garderobe, dass sie ihn fälschlicherweise rausgegeben hat. In diesem Moment wird alles anders. Es ist, als ob in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wird. „Wissen sie, was für einen emotionalen Wert dieser Mantel für mich hatte“, sage ich und beiße mir in die Unterlippe. – Tut mir leid“, bedauert die Garderobenfrau und nimmt meinen Personalien auf. „Wir tun alles was wir können!“ Ich drehe mich um und die Trunkenheit wird zu Wut und ballt sich zu einer gigantischen, steinernen Faust in meinem Kopf. Ich greife nach einem leeren Champagnerglas, hebe es hoch und schleudere es mit aller Wucht gegen die Wand. Dann geht alles schnell: ich werde rausgeschmissen, der betrunkene Starfotograf schiebt mich gemeinsam mit Anton in ein Taxi, wir fahren zum Ballhaus und passieren die Eingangskontrolle ohne zu bezahlen, trinken Bier, der Starfotograf sagt „das Leben ist beschissen“ und sinkt auf dem Tresen zusammen, Julien ruft an und fragt wo ich bin, ich tanze mit irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne, Julien kommt, trinkt, macht mit einem Mädchen rum und geht wieder, ich liege draußen vor der Türe und schlafe beinahe ein, ein Mädchen weckt mich und packt mich in ein wartendes Taxi, das uns zum Weekend Club bringt, ich sage „nein“ werde aber nach oben gespült, weil eine Griechin die Schlüssel hat, die Freunde der Griechin entpuppen sich als aalglatte Kokser, der Beat des House geht auf meine Schädeldecke nieder, ich will weg, weg, sitze wieder in einem Taxi, ein blondes, sehr betrunkenes Mädel  legt ihren Kopf an meine Schulter und Kreuzberg brennt lichterloh. Das ist Rock n´Roll, Baby.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist meine Erinnerung ein weites, leeres Feld. Ich bin in Kreuzberg, in einer geräumigen Dachwohnung die einer Amerikanerin gehört. In der Küche nehme ich mir ein Glas Wasser und werfe eine halbe Dose Painkillers ein, die dort auf dem Tisch stehen. Dann gehe ich zur U-Bahn und kaufe mir die B.Z. Als der Zug in Richtung Alexanderplatz einfährt, habe ich dann dieses Lied in meinem Kopf. Ich glaube es ist von David Bowie und geht so: „We want to be heroes, just for one day.“ Meiner war gestern.

Born to Run

October 11th, 2006

Nördlich von Wiesbaden wird das Land hügeliger. Die dreispurige Betonpiste der A3 windet sich über die Kuppen der Berghänge, stürzt sich Abhänge hinab und setzt in hohen Stelzen über breite Täler. Beiderseits der Fahrbahn erstrecken sich tiefe Wälder und irgendwo hier muss die Varusschlacht stattgefunden haben, dieses mythenumwobene Gemetzel, in dem die Germanen unter Arminius den Vormarsch des römischen Imperiums stoppten und die nördliche Grenze der mediterranen Hochkultur mit Eisen und Blut für immer festlegten. Ganz nach dem Motto: bis hier und nicht weiter reicht die Zivilisation, dahinter sind nur noch Barbaren. Die bewaldete Gegend zwischen Frankfurt und Köln scheint sowieso zum Grenzland prädestiniert: hier sangen die deutschen Nationalisten im 19. Jahrhundert von der „Wacht am Rhein“, standen die französischen Truppen während der Rheinlandbesetzung in den zwanziger- und Dreißigerjahren, ehe sie im Zuge der Appeasement – Politik der Westmächte vor Hitlers Wehrmacht kampflos kehrtmachten, um nach Jahren der kollektiven, europäischen Selbstzerfleischung gemeinsam mit ihren Gegnern von damals den geteilten Kontinent gegen einen neuen Feind namens Sowjetunion zu verteidigen. Der Krieg, der Hass, der überbordende Nationalismus, diese blutrünstigen Fratzen der Geschichte, scheint im Westerwald so präsent, dass man meinen könnte, er tropfe wie Harz aus den Nadeln der Tannenwälder. Dabei wirkt die Gegend eigentlich friedlich; saftige, grüne Wiesen, hin und wieder etwas Wald und über allem der blaue, kalte Himmel eines sonnigen Herbsttages.

Die Familie, die ich caste, bewohnt ein geräumiges Haus in einem Kaff irgendwo in der Nähe von Limburg. Die Leute führen mich in ihr sonnendurchflutetes Wohnzimmer und geben sich weltmännisch; er habe bereits in Bahrein, Frankreich und Spanien gearbeitet, sagt der Vater, die Tochter spricht fließend Französisch und der jüngste Sohn sieht nicht nur aus wie der Junge auf der Kinderschokolade, sondern strebt auch eine ähnliche Karriere an: er macht nämlich als Kinderstar bei irgendwelchen Produktionen des WDR mit. Ich weiß nicht was ich von alledem halten soll, dann meldet sich der Jägermeister von gestern Abend in einer Ecke meines Gehirns und einen Augenblick lang will ich einfach nur meine Kamera hinschmeißen und wegrennen. Irgendwie stehe ich das Casting durch, der Vater der Familie entpuppt sich mit der Zeit jedoch als ein ziemlicher Schleimer; er geht mit mir nach draußen, raucht eine Zigarette, fachsimpelt über Autos und fängt dann auch noch mit so einem von-Kollege-zu-Kollege – Gespräch über die Medienbranche an. Bei dem Typ handelt es sich offenbar um einen richtigen Namedropper, er hört gar nicht mehr auf, von irgendwelchen Produzenten, Intendanten und Regisseure zu erzählen, die ich nicht kenne. Ich sage „ja“ und „amen“ und „überhaupt, ich muss jetzt los“ und fliehe mit offenem Autofenster, eine fast abgebrannte Zigarette im Mundwinkel. Aus dem Radio nölt James Blunt look who`s alone now, it´s not me, it´s not me und ich möchte dem blöden, gitarrespielenden Weichei am liebsten ins Gesicht schreien: ja, ich bin jetzt wieder allein und ich bin verdammt noch mal froh drum. Stattdessen wechsle ich ganz einfach den Sender.

Die Fahrt in den Süden gleicht einem barfüssigen Gang durch die antike Hölle; ab Frankfurt geht auf sämtlichen Autobahnen und Bundesstrassen gar nichts mehr, Mitteldeutschland steht kurz vor dem totalen Verkehrskollaps. Zudem streiken auch noch irgendwelche Bahnangestellte in der Gegend, weil sie mit den Tarifverträgen nicht zufrieden sind. Verflucht noch mal, was geht mich das alles an, sage ich laut und sehe meinen nächsten Termin in Nürnberg in weite Ferne rücken. Nach mehreren Stunden Stop-and-go komme ich völlig entnervt in Würzburg an, mein Rücken tut weh und ich bin komplett durchgeschwitzt. Nie mehr Autofahren im Rhein-Main-Gebiet, sage ich mir. Nie mehr, nur über meine Leiche! Zum Glück übernimmt Philip das Steuer und drückt den Wagen mit 180 kmh nach München runter, es ist beinahe Elf Uhr, als wir dort ankommen und wir beschließen, uns sofort die Kante zu geben. Das klappt leider nicht, weil ihr aus unerfindlichen Gründen in einer vollkommen bekloppten Tabledance – Bar im Kunstpark landen, dort unser letztes Geld für zwei Drinks ausgeben und die verbleibende Zeit damit verbringen, eine Reihe osteuropäischer Tänzerinnen und zwei männliche Stripper davon zu überzeugen, dass wir a) kein Geld haben und b) nicht schwul sind. Der Laden, in dem außer uns nur fette Engländer rumhängen, gibt mir den Rest und als ein kahlgeschorener Animator in Hotpants und Ledergilet die Gäste auffordert, zu Robbie Williams Song Angels gemeinsam die Feuerzeuge in die Luft zu heben, hauen wir schließlich ab. Das darf doch nicht wahr sein, das kann nicht München sein, denke ich, aber soviel Zeit habe ich gar nicht, denn am nächsten Nachmittag sind wir wieder am Trinken – diesmal allerdings am Oktoberfest. Durch einen glücklichen Zufall landen wir in einem Bierzelt, die Luft da drinnen ist so schwer, dass ich sie beinahe anfassen kann, aber nach drei Mass bin ich bei den Leuten und als mir ein völlig betrunkener Aargauer mit hochrotem Kopf eine Villiger -Zigarre mit Plastikmundstück anbietet, schunkle ich paffend mit. Den Rest des Abends verbringe ich im Wachkoma, irgendwo zwischen Rummelplatz, gebrannten Mandeln und Indie – Pop. Ich wanke hin und her, einen Drink in der Hand und ein Flimmern vor den Augen. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Lisa sagt, sie habe mich dann gegen vier Uhr früh zu Hause deponiert.

Es ist Sonntag Mittag, ich wache auf und stelle fest, dass ich erstens in meinen Kleidern geschlafen habe und zweitens in spätestens zwei Stunden in Nürnberg sein muss. Ich krieche zu meinem Wagen (laufen geht nicht, dazu bin ich immer noch zu betrunken), brettere im Vollrausch über die Autobahn nach Norden, stopfe in einem Burger King an einer vierspurigen Einfallstrasse bei Nürnberg einen pomadigen Wopper in mich rein und lasse mich wenig später von einem fränkischen Hausmeister mit Oberarmen wie Pferdeschenkel durch ein leeres Schulhaus führen. Der Hausmeister hat eine glänzend polierte Glatze und Ringerohren, die ihm wie verbeulte Blechteller am Schädel kleben. Er wünsche sich einen sportlichen Opa mit Harley, sagt er und seine blonde Frau, die aussieht wie eine Barbiepuppe die zwei Minuten lang in eine Mikrowelle gesteckt wurde, nickt beflissentlich. Ich muss mich richtig anstrengen, um die Filmerei einigermaßen anständig auf die Reihe zu kriegen und als ich eine Stunde später wieder im Wagen sitze, bin ich völlig fertig. Trotzdem beschließe ich nochmals aufs Oktoberfest zu gehen, und rufe Steffi an, die mich zu irgendeinem Schützenfestzelt dirigiert Das Oktoberfest ist nämlich eine äußerst egalitäre Veranstaltung, da hocken dann die Söhne der Münchner Schickeria in ihren Polohemden gleich neben fetten Oberbayern in Lederhosen und besoffenen australischen Touristen mit Sandalen an den Füssen und heben alle fünf Minuten den Bierkrug, um ein Prosit in den Dunst raus zu schreien. Jeder ist im Bierzelt daheim, Klassenunterschiede scheint es auf der Wiesn – abgesehen vom schickelnden Käferzelt – keine zu geben. Dafür dreht eine polternde Blaskapelle irgendwelche Rock – Classics durch den musikalischen Fleischwolf und die Mädels tragen diese engen Dirndl, die ihnen die Brüste hochdrücken und diese gleich auch noch ein bisschen größer aussehen lassen. „Ah, Schweizer. Sehr schön!“, brüllt mir ein junger Typ quer über den Tisch entgegen. „Wo wohnst du?“ will er wissen. – „In Berlin“, antworte ich – „Mein Beileid“ sagt der Typ und stößt mit mir an. Typisch, denke ich, Münchner können Berlin nicht riechen. Berliner München aber auch nicht. Dann die letzte Runde: noch einmal Ich will heim nach Fürstenfeld singen, ein Brathändel mit den bloßen Fingern zerlegen und dann ab ins P1, in die Münchner Nobeldisko, wo unter anderem Oliver Kahn seine Freundin aufgerissen hat. Steffi trägt ein äußerst geschmackvolles Dirndl, in dunkelrot und blau, sehr dezent, sehr ladylike. Sie hängt sich bei mir ein und als ich in dem dunklen Raum stehe, umgeben vom lederüberzogenen fin-de-siècle- Deko der French- House –Ära der späten Neunzigerjahre mit quadratischen Sitzelementen und aufgereihten Absolut-Flaschen, stelle ich fest, dass ich Steffi eigentlich ganz gerne mag. Ich drücke sie an mich, als sie geht und gebe mein letztes Geld für eine Gin Tonic aus. Lisa erzählt, dass sie bis heute Nachmittag in Österreich war, dann ist Schluss. Am nächsten Morgen warte ich auf meine Maschine nach Berlin und trinke Kaffee. Die Leute um mich herum sehen müde aus. Sie sind geboren um zu rennen und ich bin jetzt einer von ihnen. Es gibt nur eine Gewissheit, denke ich: am Ende bleibt alles unklar.

Southern Comfort

October 10th, 2006

Mein Linienflug nach Stuttgart hat Verspätung und ich sitze untätig in der Lagerhalle, die in Berlin Schönefeld als Abfertigungsgebäude dient. Mit der rechten Hand zerdrücke ich einen Kaffeebecher aus Karton, mit der linken blättere ich in einer zerfledderten Ausgabe der Bild-Zeitung, die irgendwer auf einem der Bistrotische des Coffee-Shops liegen gelassen hat. Ich werde zu spät in Stuttgart sein und meinen Termin verpassen, denke ich – aber egal, ich kann ja nichts dafür. Irgendwann lassen sie uns dann endlich einsteigen und die Maschine hebt ab, Richtung Süden. Unter mir schrumpfen Autobahnen, Bundestrassen und Eisenbahnlinien zu immer dünneren werdenen Adern, die sich einem Netz gleich durch das grau braune Land ziehen, ehe sie unter einem schmutzig weissen Film aus Wolken und Dunst verschwinden. Der Kaffee brennt in meinem Magen, ich bestelle etwas Mineralwasser bei einer kühlen, blondhaarigen Stewardess und muss dafür zwei Euro bezahlen – natürlich, Germanwings ist eine verfluchte Billigfluggesellschaft, da kann man froh sein, wenn man während dem Flug wenigstens kostenlos pinkeln darf. Anne-Marie hat mir erzählt, dass früher alle Firmenmitarbeiter Business Class flogen, weil sich dort die Tickets leichter umbuchen liessen. Diese fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Darum sitze ich nun in dieser gelb – rot bemalten Röhre und lasse mich, eingezwängt zwischen fettig glänzenden Rentnerpaaren und Möchtegern – Geschäftsleuten in schlecht sitzenden Stangenanzügen von einer Flughafenbaracke zur nächsten transportieren. Fliegen im Jahre zweitausendundsechs hat mit Eleganz und Exklusivität etwa eben soviel gemein, wie Mac Donalds mit dem Fünf-Sterne – Restaurant von Michel Gérard – nämlich gar nichts.

In Stuttgart hole ich meinen Mietwagen ab – einen Ford Focus mit der Beschleunigung eines kasachischen Eselskarren. Wie ich mit diesem Scheiss-Concept-Car (so heissen diese Kisten glaub’ ich im Fachjargon) auf der German Autobahn überleben soll, ist mit ein Rätsel. Aber soweit kommt es erst gar nicht, denn auf der Rhein-Neckar-Autobahn herrscht Stau: überall Baustellen, die mindestens eine Fahrspur blockieren und den Verkehr alle drei Kilometer fast vollends zum Erliegen bringen – an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Ich zwänge mich zwischen tschechischen Lastwagenkolonnen quer durchs Schwabenland, Hügel rauf, Hügel runter und dauernd klebt einem so ein Depp in einem Audi oder BMW an der Stossstange, drängelnd und wild blinkend. Als ob es nur an mir liegen würde, dass nichts vorwärts geht. Ab Karlsruhe wird es dann besser, ich fahre konstant 160, mehr lässt sich aus meinem Wagen nicht rausholen. Am späten Nachmittag bin ich in Südbaden, ich durchquere die Rheinebene und nähere mich den Ausläufern des Schwarzwaldes, die wie eine olivgrüne Socke am Horizont liegen. Die Dörfer hier sehen sauber aus, sauber und reich, fast wie in der Schweiz, die ja nur eine knappe Autostunde entfernt liegt. Lauter kleine Einfamilienhaussiedlungen, viel Bausparkassenarchitektur, kleinbürgerliche Bescheidenheit mit sauber gefegten Bürgersteigen und grün bemalten Radwegen. Diese radikale Durchschnittlichkeit setzt sich fort, als ich bei der Familie, die ich casten muss, im Wohnzimmer sitze: Häckeldeckchen, Nippes und eine Wanduhr, die penetrant tickt. „Kommen se, Käffche“ ruft die Mutter Birgit, wir sitzen an einem Tisch aus hell lackiertem Holz und die Familienmitglieder erzählen mit stoischer Freundlichkeit von sich selbst: keine Brüche, keine Extreme, Biographien so geradlinig wie die Kieferstämme im Hochschwarzwald. Obwohl die Kinder kein Gymnasium besuchen, gibt es kaum Grund zur Sorge: während in anderen Bundesländern ein Realschulabschluss wohl automatisch in ein Schicksal als Harz IV – Empfänger mündet, machen die Jungen hier ganz einfach eine Banklehre. So wie das vor dreissig Jahren üblich war, als das Land noch BRD hiess.

Am Abend treffe ich Niels in einer Bar in Freiburg. Er umarmt mich und bestellt gleich zwei Jägermeister. „Der alten Zeiten wegen“, ruft er. Wir stossen an und leeren das bittere Zeug in einem Zug runter. Freiburg ist eine schöne Stadt, die Badische Weinseligkeit vermischt sich mit Elsässer Charme, die Leute stossen mit Spätburgunder an und essen Flammekuche, Frankreich liegt ja auch gleich jenseits des Rheins. Dieses Stück Savoir-Vivre berührt mich und obwohl ich irgendwo mal gelesen habe, dass in Freiburg nur Esoteriker und Studenten wohnen, weckt der Ort meine Sympathie. Niels stimmt mir grundsätzlich zu, aber nach ein paar Flaschen Tannzäpfle kommt bei ihm plötzlich so etwas wie Berlin-Nostalgie auf. „Irgendwie ist das alles hier ja ganz nett“, sagt er und schaut rüber zum Fernseher, wo jetzt Leverkusen gegen den FC Sion spielt. „Aber Freiburg ist halt ein Dorf. Ein kleines, provinzielles Dorf. Hier hat man schnell einmal die Runde gemacht.“ Ich bestelle noch eine Runde Jägermeister und als Sion den Ausgleich schiesst, springe ich auf. „Ihr Schweizer!“ ruft ein fetter Typ hinter der Bar hervor, „ihr habt doch bloss den Schiri bestochen, mit eurem Geld“ – „Und wer hat den Krieg verloren?“ gebe ich zurück. „Leverkusen macht euch 4:1 fertig, dass sag’ ich dir!“ – „Blödsinn, ihr fliegt raus“. Dummerweise gewinnt Leverkusen, wenn auch nur mit 3:1.  „Nix für Ungut“, ruft der Fettsack versöhnlich und ich gebe ihm die Hand. Es gibt Abende, da muss man einfach in Frieden auseinander gehen. Und heute ist genau so ein Abend: Der Barmann, ein sympathischer Secondo mit aalig gegelter Igelfrisur, dessen Eltern aus Palermo stammen, gibt eine Runde aus und ein blond gelocktes Mädchen stellt sich quer über den Tresen als Halbfranzösin vor: „Meine Mama kommt aus Toulouse“, sagt sie, verdreht die Augen und zieht lasziv an einer Marlboro-Light. Später treten wir raus in die Dunkelheit, vor meinem verschwommenen Auge leuchtet Freiburg wie ein mit Kerzen und Girlanden behängter Weihnachtsbaum. Ich schlafe in Niels Wohnzimmer, auf dem Sofa und bin sofort weg. Der Südwesten Deutschlands, denke ich, ist vielleicht nicht sexy, dafür hat er etwas anderes zu bieten: der Süden ist gemütlich. Das mag zwar lächerlich tönen, aber es gibt durchaus richtige Momente für diese Gemütlichkeit. Denn sie umfasst dein Herz und hält es warm, selbst draussen, in der kalten, weiten Welt.

Nächste Ausfahrt: Bitterfeld

October 9th, 2006

Gestern war Julien genervt, was aber sicher nicht an der Gesamtsituation lag, sondern nur daran, wie die Party am Samstag Abend geendet hatte. „Ihr seid zwei richtige Deppen, du und Phil“, hat er zu mir gesagt, während ich ein paar Meter hinter meiner Schwester herging, die gemeinsam mir einer Freundin zu Besuch war. „Da haben wir für ein Mal die ganze Wohnung voller Paquets und dann müsst ihr zwei Flachwichser euch natürlich prügeln.“ Ich habe gar nicht erst versucht, mich zu rechtfertigen, warum auch – dieses Wochenende erscheint mir rückblickend wie ein Horrortrip, eine Aneinanderreihung von zutiefst verunsichernden Grenzerfahrungen. Ich weiß nicht mehr wie viele Leute in den rot erleuchteten Zimmern rumstanden und Wodka in sich reinleerten; Julien war der Meinung, dass es sich um mehr als Hundert handelte -  ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr fähig bis Zehn zu zählen. Ich weiß nur noch, dass irgendwann Bonaparte, der Schweizer Songschreiber und Produzent, der gemeinsam mit einem Freund von mir aus Bern an der Popkomm gespielt hatte, ein Set auflegte, welches die Mädels zum Tanzen brachte. Dann wir alles grau und brüchig und meine Erinnerung setzt am düsteren Sonntag Morgen wieder ein, der in einen von Magenkrämpfen und fürchterlichen Kopfschmerzen geschüttelten Nachmittag überging. „Na, ja“, kommentierte Julien den Abend, „die Leute haben aus allen Löchern gekotzt: aus dem Wohnzimmerfenster, über den Balkon und selbst in den Hausflur. Ich glaub´ ich habe noch nie so viele Besoffene auf einem Haufen gesehen. Und die Mädels, Mann! Eine von den Schwedinnen hat mich auf den Mund geküsst. Ich hätte die flachgelegt. Aber du und Phil, ihr musstet natürlich eure Show abziehen.“

Jetzt ist alles vorbei. Ich fahre auf der Autobahn Richtung Süden und mein Verstand ist nach zwei Tagen Alkohol- und Drogenabstinenz klar wie ein Bergkristall. Ich bin auf Castingtour – ich caste Familien für eine Fernsehshow auf RTL 2 – und drücke das Gaspedal meines Ford Mondeo bis zum Anschlag durch. Der Wagen rast über das silbergraue Band aus Betonplatten, welches von Berlin aus quer durch die Ostdeutsche Provinz nach Bayern führt. Die Autobahnen hier sind neu und breit und leer, sie sind die Reminiszenz der Kohl- und Schröderjahre, die einzigen sichtbaren Relikte einer Epoche, in der die deutsche Politik unter „Aufbau Ost“ offenbar ein wenig mehr verstand, als bloße Kesselflickerei. Das Symbol dieser Anstrengungen und deren Scheiterns liegt an einem Autobahnkreuz nördlich von Leipzig: mitten in der dunkelgrünen Ebene, zwischen leeren Lagerhallen, Billigmärkten und den Filialen amerikanischer Fast- Food – Ketten steht da der überdimensionierte Bau des Flughafens Leipzig-Halle. Wie eine gigantisches Insekt aus Stahl und Glas hebt sich das Terminalgebäude von der platten Umgebung ab, doch vor dem Pharaonischen Bau herrscht gähnende Leere. Zwischen zwei- drei bunt bemalten Billigfliegern und einer DC-10 Frachtmaschine liegt ein weites Feld von Beton und Teer. Die Bezeichnung „Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland“, die auf großflächigen Schildern beiderseits der Fahrbahn prangt, wirkt da wie purer Hohn: das einzige, was hier in interkontinentale Sphären abhebt, ist der Größenwahn – und vielleicht hin und wieder ein Charterflieger nach Punta Cana oder der obligate Bumsbomber in Richtung Pattaya.

Kurz nach Gera verlasse ich die Autobahn und finde mich in einer längst vergessen geglaubten Zeit wieder. Die Dörfer in Thüringen sehen offenbar alle gleich aus: abgewrackt, ältlich und müde. Hier herrscht noch richtige Kittelschürzenarchitektur, mit rissigen, grauen Fassaden, ausgebleichten Vorhängen und wurmstichigen Fensterrahmen. Frisch wirken nur die Lidl-Supermärkte und die zur „Bundesagentur für Arbeit“ hochstilisierten Filialen der Arbeitsämter. Verwundern tut das natürlich keinen: bei mehr als zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit verkörpern diese meist sechseckigen, hellrot leuchtenden Klinkersteinbauten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Günther, der Vater der Familie, die ich besuche, hat da eigentlich noch Glück gehabt, er arbeitet in einer Dosenfabrik. Trotzdem will er nicht so recht reden und sitzt schweigend in der düsteren Küche, während mir seine Frau die ganze Zeit dünnen Filterkaffee einschenkt. Die Kinder hocken derweil im Wohnzimmer und sehen fern. Früher war Günther Stellwerkbeamter bei der deutschen Reichsbahn, aber das ist lange her. Die Reichsbahn gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden, genau so wie der dazugehörige Staat, die DDR, wo Günther groß geworden ist. Günther ist jedoch kein Nostalgiker, er hat nichts übrig für die Ostverklärung, die nach der Wende einsetzte und die Ex-Staatspartei PDS als Wendeverliererverein in den Bundestag katapultierte. „Ich war ein Heimkind“, sagt er leise. „Damals hat man halt alle Leute, die nicht ins Schema passten, einfach abgeschoben.“ Er zuckt mit den Schultern und wirkt irgendwie defätistisch, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. „Immerhin habe ich wieder Arbeit“, sagt er ein paar Mal und fängt an zu lächeln. Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den Adiletten an den Füssen und der dunkelblauen Trainerjacke sieht er aus, wie die Verkörperung des typischen Proleten-Ossi.

Doch der Eindruck täuscht, denn die Kinder sind keine verzogenen Tyrannen, die Ehefrau kein übergewichtiger, hysterischer Kugelblitz und Günther selbst kein Dosenbiertrinkender Fernseh- Fußballgucker. „Zur Zeit haben wir Glück“, findet er, „aber das kann sich schnell ändern.“ Da hat er recht, denn die Konkurrenz ist bereit und liegt im fernen Osten. Wer braucht noch Industrie in Thüringen, wenn irgendwelche Chinesen schneller und günstiger arbeiten. Der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel ist ein unabwendbarer Fakt, keine Gewerkschaft und auch keine Regierung kann ihn aufhalten, weder Streiks noch Maßnahmenpakete, noch irgendwelche klug formulierte Reformen werden den Gang der Geschichte verändern. Und auch die NPD nicht, die den Leuten weismacht, sie könnte es und mit schlecht sitzenden Reiheanzügen und Buchhaltervisagen Landkreis um Landkreis erobert, indem sie die Menschen mit nationalen Lügen füttert, die bereits vor sechzig Jahren in Tränen und Blut geendet hatten. Sie ist nicht mehr als ein kurzer Spuk, ein oberflächlicher Kratzer im stählernen Mantel der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit.  „Die Sonne“, denke ich, während ich im sterbenden Tageslicht über die A9 nach Norden jage, „geht im fernen Osten auf. Im Westen geht sie unter“. Rechts der Fahrbahn erhebt sich jetzt ein dunkelblaues Strassenschild. Darauf steht: Nächste Ausfahrt: Bitterfeld.

Ein Tag im September

September 12th, 2006

Ich nehme die S7 Richtung Berlin-Stadtbahn. Es ist ein Tag im September, die Sonne steht dementsprechend tief und taucht die märkischen Laubwälder rundherum in mildes Licht. Im Fünf-uhr-dreißig- Zug sind wenig Leute, ich setze mich auf einen Klappsitz mit türkisfarbenem Polster und versuche, die Wochenendausgabe der taz zu lesen. „Bin Laden: der Sieger“, steht vorne drauf und sofort widert mich die peinliche Schadenfreude an, die da offenbar unterschwellig mitschwingt. Ich lege die Zeitung weg und hebe den Kopf und denke: what if? Nehmen wir mal an, mein Zug würde bei der Einfahrt in den neuen Hauptbahnhof in die Luft gesprengt – so wie dies vor ein paar Jahren mit den Regionalzügen in Madrid oder den Bussen und U-Bahnen in London geschehen war: Ein gewaltiger Knall, die Außenwände der Waggons zerbersten, und Teile von Türen und Fensterscheiben fliegen messerscharfen Klingen gleich durch die Luft. Eine unglaubliche Druckwelle reißt die wartenden Passagiere vom S-Bahnsteig, zermalmt ihre Knochen an Eisenträgern oder unter herunterfallenden Balkenstücken und bohrt glühend heiße Metallstücke in ihre Körper. In kürzester Zeit gleicht der Glas- und Stahlpalast des Hauptbahnhofes einem Schlachtfeld: dunkelrotes Blut auf hellem Stein, das Schreien und Wimmern der Verletzten, welches bis zur Kuppel dringt und von dort als Echo wieder niedergeht, auf die ausgebrannten Gerippe der drei S- und Regionalbahnzüge, die zeitgleich explodierten und deren Plastikinterieur mit dem zerronnenen Körperfett der pulverisierten Passagiere zu einer klebrigen, schwarzen Masse verschmolzen ist.

Was würde danach geschehen? Berlin im Ausnahmezustand, der öffentliche Nahverkehr kommt zum erliegen, Polizei und Bundeswehr sperren die drei städtischen Flughäfen ab, das Mobilfunknetz bricht wegen Überlastung zusammen, eine sichtlich bestürzte Kanzlerin hält eine Ansprache ans deutsche Volk, ihr französischer Kollege Jacques Chirac bekundet seine Solidarität und bekräftigt die deutsch-französische Freundschaft, Präsident Bush spricht von einem „verbrecherischen Akt der Barbarei, der sich gegen die Freiheit und die Demokratie richtet“ und redet dann „von einem gemeinsamen Vorgehen gegen diejenigen, die Hass und Leid sähen“ und Russlands Staatschef Wladmir Putin meldet sich umgehend aus Moskau und verdammt den Terrorismus im Allgemeinen und die Tschetschenen im Speziellen. Auf allen Fernsehsendern laufen Sondersendungen, Ofpertelephone werden eingerichtet und Politologen, Fraktionsvorsitzende und Vertreter der großen Religionsrichtungen hocken bei Sabine Christiansen und reden über „die Ankunft des Terrors in Deutschland und die damit verbundenen Konsequenzen.“ Will heißen: die komplette medial-gesellschaftliche Verarbeitungsmaschinerie setzt sich mit ihrer ganzen Wucht in Gange, zerlegt das Geschehene in Einzelteile, sucht nach Erklärungen ringt um Lösungen und beäugt die Ungeheuerlichkeit so lange, bis sich die Möglichkeit des Terrors in den Köpfen der Menschen als ganz normales Übel unserer Zeit eingenistet hat – irgendwo zwischen Hartz IV, Verkehrsunfallstatistik und Frühjahrsüberschwemmung.

Jetzt fährt der Zug in den Hauptbahnhof ein und nichts geschieht. Friede über der deutschen Hauptstadt, der Albtraum bleibt ein Albtraum, mehr nicht. „Man kann sich ja trotzdem amüsieren“, sagt Phil, als er mich später am Abend zu Hause abholt, um etwas essen zu gehen. „Abgesehen davon ist der Terror banal geworden. Zumindest seit dem 11. September. Wir machen ja sogar Witze darüber.“ Hat der Anschlag auf das World Trade Center unser Leben verändert? Hat er mehr bewirkt, als einen kurzen Schauer des Entsetzens und das betäubende aber auch berauschende Gefühl, ein Stück Geschichte zu erleben? Where were you when we were getting high? Ich saß in einem Reisebüro in Bern und buchte einen Flug nach Bilbao, als die Nachrichten aus den USA den Tag zur Nacht machten. Ausgerechnet Bilbao, Baskenland, dort wo die ETA seit dreißig Jahren mit Bomben und Attentaten für Angst und Schrecken sorgten. Am Abend fuhr ich nach Genf und traf dort Jules, in einer Bar in Carouge. Wir tranken Rotwein und sprachen mit zwei Mädchen am Nebentisch. Eine von ihnen, so stellte sich im Verlaufe des Gesprächs heraus, stammte aus Israel. „Du kennst dich also mit solchen Sachen aus“, fragte Jules, dem der Wein Mut gegeben hatte. –„Womit?“, wollte die Israelin wissen. – „Na ja, damit halt“, machte Jules, griff sich eine der leeren Weinflaschen, die vor uns auf dem runden Holztisch standen, hob sie hoch und tat, als ob es sich bei dem Ding um eine Rohrbombe handle: „Booom!“ Die Israelin sah im ersten Augenblick etwas verwirrt aus. Dann wich sie zurück, hielt die Hand vor den Mund und fing an zu lachen. Jules lachte ebenfalls und ich auch. Da lagen rund dreitausend tote Körper in Trümmern und wir saßen in einer Genfer Bar und lachten uns kaputt. „Finde ich gut“, sagt Phil, während er sein Fahrrad aufschließt „das Leben muss ja schließlich weitergehen. Wir wollen ja nicht kapitulieren.“ – „Stimmt“, antworte ich. Denn wir sind Zyniker. Und Zyniker sind die größten Moralisten. Solange wir Zyniker bleiben, haben die Bärtigen verloren – taz-Titel hin oder her.

Findet das Glück einem?

September 9th, 2006

„Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“ fragt Julien. „Ich habe dich mindestens zwei Tage lang nicht mehr gesehen. Phil und ich dachten bereits, du seist tot. Wir waren nah dran die Bullen anzurufen.“ Es ist kurz vor zehn Uhr morgens und ich habe Kopfweh. Verdammtes Berlin, diese Stadt saugt mich aus, denke ich. „Sag jetzt, wo warst du?“, hakt Julien nach und ich drücke Zeige- und Mittelfinger an die rechte Schläfe: ja verflucht, wo war ich eigentlich? Okay, am Montag hat Lydia ihren Abschied gefeiert, im Zu Mir oder zu Dir. Ich bin natürlich sofort hin gefahren, direkt vom Flughafen aus und habe Astra-Bier getrunken. Lydia hat natürlich geheult und Sachen gesagt, die man einfach sagen muss, wenn man eine Stadt verlässt: ich mag nicht weg, ich würde gerne hier bleiben, ich werde euch alle vermissen, ich liebe euch, wir bleiben in Kontakt, lass uns mal wieder was machen, ich komme zurück, aber sicher, komme ich zurück, ich werde mir einen Job suchen, wenn ich zurück bin, macht’s gut, denkt an mich und tschüss. Ich habe sie kurz umarmt und ihr drei Küsse gegeben. Dann bin ich weggegangen, habe ein paar Stunden geschlafen und bin zur Arbeit gegangen. Dann war da noch dieses Fussballspiel, das Deutschland mit 13:0 gewonnen hat und der verdammte Donnerstag Abend im Magnet, der nach den ersten paar Bier und einer Flasche Wodka in Lisas Wohnung innert kurzer Zeit zum Desaster wurde und in der kompletten Amnesie endete. „Du hast also keine Ahnung, was du gestern Abend getan hast?“ – „Nicht ganz. Aber ich hatte einen verdammten Filmriss.“ Julien lacht und haut mir auf die Schulter: „Du bist ein Depp, weisst du das. Aber mach dir nichts daraus, ich habe für heute Abend ein paar Leute zum Essen eingeladen.“

Mit „Leute“ hat Julien natürlich in erster Linie „Mädels“ gemeint und so hocke ich mit unseren schwedischen Nachbarinnen auf dem Sofa und trinke Chardonnay, während Julien gemeinsam mit seinem Kumpel Olivier den Rotbarsch und etwas selbst gemachten Kartoffelmousse zubereitet. Dazu trinken wir dann ein paar Flaschen französischen Rotwein und rauchen Zigarillos. Es ist schön, zu Hause zu Essen und Freunde da zu haben. All das erinnert mich an Genf, an die frankophone Esskultur mit ihrem aristokratischen Flair, wo für jedes Studenten – Dinner mindesten vier Flaschen Beaujolais draufgehen und bei Zigaretten und Calvados über Gott, die Welt und Frédéric Bégebeider diskutiert wird. Die Schwedinnen sind charmant und Oliviers Hippie- Nachbarin, die ebenfalls anwesend ist, fragt nach Gras. Julien dreht einen Joint und irgendwer kommt auf die Idee, zu Clothildes Party zu gehen, die in einer Bar in Mitte stattfindet. Dort ist aber nicht viel los, die einzige Attraktion sind ein paar besoffene Ostdeutsche, die Matthias-Reim Lieder singen und die Karaokemaschine kaputt machen. „Natürlich bin ich ein Öko“, sagt Phil zu dem Hippiemädchen und nimmt einen Schluck Becks, „schliesslich respektiere ich die Umwelt mehr als meinen eigenen Körper“.Das Hippiemädchen lacht und dreht sich um. Ich spreche mit einer der beiden Schwedinnen, frage sie ob sie Mandio Diao gut fände, sie sagt etwas in Richtung „soso“ und ich biete ihr eine Zigarette an, weil ich nicht weiss, was ich jetzt sagen soll. „Die ist doch gar nicht schlecht, oder“, raunt Julien. „Wir könnten sie mit nach Hause nehmen.“ Na ja, die Schwedinnen sind offenbar anderer Meinung und verabschieden sich kurz darauf. Wir sind also wieder allein und Phil drängt darauf, ins Pong zu gehen. Ich bin natürlich dafür, schliesslich habe ich dort vor ein paar Monaten das Mädchen meiner Träume gesehen. Seither gibt es für mich einen echten Grund, auf dem Barhocker zu sitzen und Ricard zu trinken. Könnte ja sein, dass sie irgendwann mal wiederkommt.

Wir stehen vor dem Pong. Zwei Mädchen überqueren die Eberswalderstrasse, Arm in Arm. Julien, der völlig betrunken ist, boxt mich in den Oberarm: “Guck mal, du paquet! Vor allem die linke!” Die Mädchen kommen näher und Julien grinst debil vor sich hin, bis er plötzlich feststellt, dass es sich bei der Dame, welche er eben noch als “heiss” bezeichnet hatte, in Tat und Wahrheit um seine Affäre Mira handelt. “Das ist echt peinlich, Jules”, sage ich und lache ihn aus. Im Pong herrscht Hochbetrieb, ich drängle an den Leuten vorbei, die um die Tischtennisplatte rumstehen und auf den nächsten Rundlauf warten, Phil geht vor, sagt dem Barkeeper Hallo, der Typ – blond, Amerikaner, so wie die männlichen Kandidaten bei „Dismissed“ – zeigt auf mich und ruft: „Hey Dan, für dich gibt es was auf dem Klo“. Ich gehe zwischen den zerschlissenen Sofas durch zur Herrentoilette. Tatsächlich, über dem Spiegel hängt ein Zettel mit dem Photo eines Mädchens drauf. „Suche Daniel, du bist gross, blond, trägst eine schwarze Brille und hast Französisch gesprochen. Hab dich im August im Pong gesehen. Bitte melde dich“, steht daneben. Dann folgt eine email- Adresse. „Keine Ahnung“, sagt der Barkeeper, als ich ihn frage, wer das Ding aufgehängt hat. Ich gucke auf den Zettel und versuche nachzudenken. Pong? August? What the Fuck! „Sag mal Phil, verarscht du mich?“ – „Nein, nein“, sagt Phil und macht eine beschwichtigende Geste. „Ich habe keine Ahnung, wirklich!“ – „Okay, aber wer könnte das gewesen sein?“ Phil zuckt mit den Schultern. Dann legt er mir den Arm um den Hals: „Schreib ihr einfach. Schreib ihr. Vielleicht ist das die Frau deines Lebens.“ Ich stecke den Zettel in meine Hosentasche und bestelle Ricard für alle. Vielleicht, denke ich, ist das der Moment, von dem Kuno Lauener singt: irgendwann findet das Glück einem. Gibt es so etwas? Möglicherweise. Wir trinken aus und Phil isst ein Hähnchenschnitzel im Aysata gegenüber. Danach gehe ich nach Hause.

Happiness is a Warm Gun

August 25th, 2006

„Meine Freundinnen in Bordeaux waren bis vor kurzem alle in festen Händen, weißt du, ich war da als Single richtig die Ausnahme. Also eine hat ’nen festen Freund seit fast fünf Jahren,  – fünf Jahre, überleg dir das mal – dann hat sie Schluss gemacht, wieso weiß ich auch nicht, aber vermutlich hatte sie einfach die Nase voll oder jemanden anderes kennen gelernt, na ja, wie auch immer; die zweite hat ihren Typen nach vier Jahren Beziehung geheiratet und steht jetzt, nach gerade mal knapp zehn Monaten Ehe vor der Scheidung, das ist bitter, nicht wahr“, Lydia macht eine kurze Pause, offenbar will sie, dass ich irgendetwas sage, ich nicke darum ein paar Mal, wiege den Kopf hin und her und wiederhole ganz einfach ihren letzten Satz: „Yeah, so was tönt wirklich bitter“ – „Eben“, fährt Lydia fort, sie spricht schnell und laut und die ansonsten weichen Zischlaute tönen bei ihr wie Papier, das gerade in Fetzen gerissen wird. Aber vielleicht liegt es an ihrer Herkunft: Bordeaux ist nicht Paris und das Französisch des Südens ein von rauschenden Konsonanten unterbrochener Singsang. „Aber dieses Mädchen, ich meine jetzt nicht die, die verheiratet war, sondern eine andere, die hat es am härtesten getroffen“, sagt sie jetzt und ich reiße einzelne Etikettenstücke von meiner Bierflasche. Es ist Mittwochabend, im Zu Mir oder zu Dir läuft nicht viel und Lydia sitzt neben mir und hört gar nicht mehr auf zu reden. Der Typ – ein Peruaner -  habe sie zwei Mal betrogen, sagt sie, zwei Mal -  „Wen? Dich ?“ frage ich etwas geistesabwesend, „Scheiße nein, natürlich nicht mich, eine meiner Freundinnen, sag ich doch!“ – „Und du?“ – „Was und ich?“ – „Na ja“, ich versuche das Gespräch irgendwie wieder auf eine persönliche Ebene zu hieven, „was ist eigentlich mit dir?“ sage ich einfach so, ohne wirklich zu wissen, welche Antwort ich jetzt erwarten sollte. „Phh „ macht Lydia, „ich hatte ja diese Geschichte, aber das ist jetzt vorbei. Alles vorbei.“

Ich frage nicht weiter und stehe auf um Drinks zu holen. Als ich zurückkomme, macht Lydia ihr finales Statement und sagt: „Ich glaube nicht, dass man richtig glücklich werden kann“. Solche Worte wiegen natürlich furchtbar schwer und bedürfen einer Erklärung, ich frage daher :“Wie meinst du das?. Sie verwirft die Hände, nimmt ein paar Mal Anlauf und sagt dann: „Weil sich die Leute nicht ein Leben lang gegenseitig lieben können. So was klappt einfach nicht.“ – „Aber bei deinen Eltern hat es doch geklappt. Die sind doch immer noch zusammen, oder?“ erwidere ich. Das sei etwas anderes, sagt Lydia, „die stammen aus einer anderen Generation“. Womöglich hat sie recht. Ich kann mich erinnern, dass sie vor ein paar Wochen einmal von ihrem Vater erzählt hat. Er sei im Krieg gewesen, wie alle Portugiesen, die in den Siebzigerjahren jung waren. Allerdings, so Lydia, habe er nie darüber geredet. „vermutlich hat er ein paar scheußliche Sachen gesehen“. Möglich wäre es, denn der Krieg, den Portugal damals in seiner südwestafrikanischen Kolonie Angola führte, war äußerst brutal gewesen: Guerilleros der marxistischen MPLA, die ganze Farmerfamilien mit Kreissägen hinrichten, Regierungssoldaten, die Dörfer samt Bewohner niederbrennen  – das Wirrwarr aus afrikanischer Unabhängigkeit, amtimperialistischem Befreiungskampf und klandestinem Kräftemessen der Supermächte hat Salazars Portugal damals mit voller Wucht getroffen. Beinahe 230’000 junge Männer kämpften schmutzige Dschungelkriege in Angola, Mozambique und Guinea-Bissau, ließen sich mit Macheten die Köpfe abhacken oder wurden für den Rest ihres Lebens zu psychischen Wracks, während ihre deutschen und französischen Altersgenossen zur gleichen Zeit ein paar Pflastersteine auf Polizisten warfen, um dann nachher dreißig Jahre lang von einer „Revolution“ zu faseln. „Mein Vater“, sagt Lydia, „hat in der Militäruniform geheiratet, unmittelbar bevor er nach Afrika eingeschifft wurde. Er hat es getan um meine Mutter abzusichern. Schließlich wusste er ja nicht, ob er jemals wiederkehren würde. Es ging nicht einfach nur ums Glücklichsein, sondern ums Überleben.“

Jetzt ist alles anders und ich glaube die gleiche Geschichte zu hören, die mein Großvaters dreißig Jahre früher erlebt hatte. Salazar oder Hitler, Angola oder Russland; die Unterschiede bestehen – abgesehen von dem historisch beispiellosen Verbrechen des Holocaust -  in Namen, Zahlen, Örtlichkeiten. Ansonsten bleibt der Kampf ums nackte Überleben, dessen gespenstische Ungeheuerlichkeit nur noch als Schatten einer fernen Vergangenheit über der von Wohlstandsdepressionen und Befindlichkeitsdebatten geprägten Gegenwart. Ich habe keine Ahnung, was Krieg ist. Ich sehe hin und wieder Bilder aus irgendwelchen nahöstlichen Ländern,  Jungs mit Kalaschnikows und Trainerjacken oder die krümeligen schwarzgrünen Wärmebilder einschlagender Fernlenkwaffen. So what? Das ist doch alles viel zu weit weg um das Glück von der metaphysischen Ebene runter zu holen und als das zu definieren, was es früher vermutlich einmal war: Ehe, Friede, Wohlstand, ein Auto und einen Kühlschrank. Lydia fragt mich ob ich noch etwas zu Trinken möchte. Ich nicke, sie steht auf und kommt kurz darauf mit einem White Russian zurück. „Ich glaube ja nicht, dass es früher besser war“, sagt sie und setzt sich wieder auf die blaugrün gestreifte Couch. „Aber rückblickend sieht es so einfach aus: du lernst einen Jungen in der Nachbarschaft kennen, heiratest ihn und gründest eine Familie, basta!“ – „Willst du eine Familie?“ frage ich sie. „Ich. Du meinst, ob gerne mal Kinder hätte?“ Ich nicke. „Sicher will ich Kinder. Alle Frauen wollen Kinder. Eigentlich suchen wir Frauen bloß zwei Dinge: Stabilität und Kinder. Beides passt nicht in unsere Zeit. Darum sind wir unglücklich.“ – „Ist das nicht ein bisschen gar einfach als Erklärung?“ – „Natürlich ist es einfach. Aber irgendwie stimmt es ja trotzdem.“ Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich darauf schon antworten?

Als ich um halb zwei nach Hause komme, sitz Julien auf dem Balkon und raucht einen Joint. „He Dan, hock dich hin und rauch’ noch schnell ne Zigarette“, ruft er. Ich frage ihn, wo er war, er sagt: „Bei einer Arbeitskollegen. Achtunddreißig – aber die Figur: der Hammer! Trotz zwei Kindern.“ – „Wie alt sind denn die Kinder?“ will ich wissen. „Einer ist vierzehn. Das Alter des Anderen hab ich vergessen“ – „Vierzehn?“ – „Jep. Wirkt aber älter.“ – „Und du hast mit ihr geschlafen. Mit der Mutter, meine ich.“ – „Ja“, Julien fängt jetzt an zu grinsen. „Und der Sohn hatte nix dagegen“, frage ich– „Nein hat er nicht. Ich hab ihn gefragt: Hör mal, was ist dir lieber: dass ich mit deiner Mutter ins Bett gehe oder irgend so ein fetter haariger fünfzigjähriger Sack? Da hat er dann ja gesagt.“ Julien bietet mir etwas Joint an, ich lehne dankend ab. Ich blicke auf die Schönhauserallee runter, sehe den wenigen Fahrrädern hinterher, deren Dynamos leise surren. Vielleicht sollte ich ja in die Fremdenlegion gehen, so wie Friedrich Glauser das gemacht hat. Aber die würden mich mit ziemlicher Sicherheit wieder nach hause schicken. Zu schmächtig. „Sag mal Julien“, frage ich dann. „Bist du glücklich?“ – „Was? Was laberst du da?“ höre ich ihn sagen – „Ob du glücklich bist?“  – „Glücklich? Natürlich bin ich glücklich. Ich habe mit einer gutaussehenden, sympathischen Frau geschlafen und in zwei Tagen ist Wochenende. Warum verdammt noch mal sollte ich da unglücklich sein?“

Vive la Bourgeoisie

August 16th, 2006

Ich fahre mit dem ICE in Richtung Süden, Philip hat russischen Wodka und Birnensaft mitgebracht, wir trinken zwei Shot pro Haltestelle und löschen den darauffolgenden Rachenbrand mit etwas Fruchtsaft. Philip hat ein paar Zeitungen dabei, ich lese und sage: „Guck mal, die Lisa hat was in der taz gemacht“, er kontert das mit einem nicht minder blasierten „Da, lies mal is nich schlecht, bloß ein wenig feuilletonistisch“ und drückt mir ein Stück der Tapetengrossen „Zeit“ in die Hand. Wir führen uns auf wie richtige Berlin-Berlin – Medienfuzzis: halb Snobs, halb Prolls, irgendwo zwischen dem Rio und der Landdisko in Wanne-Eickel. So was ist furchtbar peinlich aber trotzdem lustig. Später Abend in Würzburg: leichter Niederschlag und ein Long Island Eistee in einer mexikanischen Bar, ich bin jetzt ziemlich dicht und sage immer wieder: „Das ist ja ganz nett hier“. Mit dem Taxi an eine Party, die Disco Fantastique heißt, Gin Tonics kommen und gehen, die Band spielt Funk und ein Mädchen mit kurzen, blonden Haaren erzählt, dass sie in Fribourg studiert hat. Ich will irgendetwas antworten, kriege aber nix auf die Reihe. Stattdessen trinke ich weiter, Philip hebt seinen Cuba Libre auf Castros Ende, die Mädels sehen jetzt verschwommen aus und Würzburg ist eine schöne Stadt. Alles total verpeilt, heute.

Ich wache dann auf einer nackten Matratze in einem leeren Zimmer auf. Irgendwie typisch, aber ich mag mir keine unnötigen Fragen stellen. Das anschließende Weißwurstfrühstück gibt meinem zerrütteten Magen den Rest, Philip schleppt mich zur Festung hoch über der Stadt, wo irgendwelche Heavy-Metal-Freaks ein Ritterspektakel aufführen. Kutten und Kettenhemden, oh lala wie wirkt das alles absurd. Später Essen bei KFC, fette Brathähnchen mit schlaffen Pommes, – ein einziger großer Ekel das Ganze. Wir beschließen da nie wieder hinzugehen und fahren mit der Regionalbahn nach München. Alle Leute hier reisen mit der Regionalbahn, weil das billiger ist. Da kann man dann für fünf Euro pro Person quer durch ganz Bayern fahren, während die gleiche Distanz mit dem ICE ein Vermögen kosten würde. Warum das so ist, hab’ ich nicht begriffen, aber vielleicht erklärt mir mal irgendwer die Tarifstruktur der Deutschen Bahn. Die ist nämlich mindestens so kompliziert wie alle Stammeskriege in ganz Westafrika zusammen. München. Philip geht vor, ich wanke hinterher, wir nehmen die S-Bahn nach Markt Schwaben und treffen ein paar von Philips Kumpels, leeren die angebrochene Wodkaflasche und gleich noch eine und weil grad so gut läuft auch noch ein paar Flaschen Wein, was mich in kurzer Zeit aber in eine neblige Parallelwelt befördert. Nach sechs Stunden grenzdebiler Trunkenheit tauche ich endlich wieder auf und stelle verwundert fest, dass ich im Frühzug der S-Bahn Richtung Erding sitze, Philips Kumpel Q gegenüber, der sich ans Poloshirt fasst und irgendetwas über seine Ex-Freundin faselt: „Wenn die blond gwesn wär, da hätt ich sie heut no duarchgvöglt“ höre ich ihn sagen und dann setzt die Vergangenheitsbewältigung auch in meinem Kopf an: was war da noch mal passiert?

Okay: im Auto nach München gefahren, irgendwo in der Vorstadt klappt ein Mädchen Namens Kathi schier zusammen und wird in männlicher Begleitung am Straßenrand deponiert, dann ein Platz an den ich mich nicht mehr erinnern kann, später ein Club, in den wir nicht reinkamen, weil wir entweder nicht zur lokalen Schickeria gehören oder nie mit dem Türsteher im Bett waren, Q kam raus und war betrunken, irgendwie haben wir es aber trotzdem bis in die Milchbar geschafft, ich trank Gin Tonic für zehn Euro das Glas und versank zwei Stunden lang in eine Art Dämmerzustand bis sie Wonderwall spielten und ich mich unerklärlicherweise auf den Boxen wieder fand. Dann ging alles drunter und drüber, ich sah Mädels im Bikini auf einer Bar tanzen und irgendwer leerte Pina Colada aus, wirr, wirr all diese Dinge, jetzt sitze ich also in der S-Bahn und die Sonne sticht in mein rauschgequältes Gehirn, später schlafe sofort ein und träume nichts, die Tage gleichen sich, die Orte ebenfalls, es geht weiter, weiter, weiter, weiter.

Am darauffolgenden Tag – einem für diese Jahreszeit empfindlich kühlen Sonntag – dann endlich eine Atempause, die mir vorkommt wie der Sekundenbruchteil des Innehaltens zwischen zwei Herzschlägen. Ich sehe den Marienplatz bei Tag und drücke mich an der Feldherrenhalle vorbei, geduckt unter Vordächern der Häuser gehend um ja dem Sprühregen auszuweichen der vom immergrauen Alpenhimmel auf das Land niedergeht. München ist eine schöne Stadt, sauber und reich, ein bisschen wie Schickeria in Lederhosen. Wenn der Westen den Kalten Krieg gewonnen hat, dann hat ihn die Bundesrepublik eigentlich verloren und mit der Bundesrepublik auch München. Die Bayrische Metropole spielt wirtschaftlich erste Geige, aber mag all die Dynamik den Prestigeverlust aufwiegen, den die ehemalige heimliche Hauptstadt des Rumpfstaates Namens BRD im Zuge der Wiedervereinigung hinnehmen musste. Denn Berlin mag zwar arm sein, ist aber zweifelsohne en Vogue. Was bleibt da für München? Wohlstand? Technologieparks? Modernere S-Bahn-Züge? Alles Dinge, die vielleicht angenehm sein mögen, deswegen aber noch lange nicht sexy wirken. München verfüge über den „diskreten Charme der Bourgeoise“, würde Luis Bunuel womöglich sagen. Le fric, c’est chic anstelle der kultverliebten Aufgekratztheit der Berliner Bohemien – Prominenz. Irgendwie hat das aber auch was Nettes, denn die leicht grantige Abgründigkeit der Münchner erinnert mich an meine schweizerische Heimat.

Später am Nachmittag treffe ich Steffi, eine Bekannte aus Genfer Zeiten. Sie macht gerade ihr Staatsexamen, wohnt in Schwabing und will eigentlich weg. „Wohin?“ frage ich sie, als wir in nahe der Frauenhoferstrasse in einer getäfelten Bar sitzen und Chardonnay trinken. Sie sagt: „Berlin“, fügt aber sofort an, dass sie sich niemals vorstellen könnte, dort für immer zu bleiben. „Nur für ein bis zwei Jahre“ sagt sie und ich nicke ein paar Mal, denn ich sehe das genau so. Berlin ist eine Heimat auf Zeit, ein Lieu-de-Passage, eine Art durchgestylte Transitlounge auf einem großen Flughafen. Berlin bleibt ewig jung während wir alle altern. Vielleicht, denke ich ganz kurz, ziehe ich später mal nach München. Als ich am nächsten Tag in der Cafeteria des Franz- Josef- Strauss Flughafens sitze und auf einer vertrockneten Brezel kaue, meint Philip dasselbe: „München“, sagt er „ist eine Stadt in der ich leben möchte. Hier bei einer Werbeagentur zu arbeiten und ein wenig Geld zu verdienen, das wäre ehrlich gesagt gar nicht so übel.“ Ich nicke ohne wirklich nachzudenken. Wenig später geht unser Flieger nach Berlin. Von Schönefeld aus fahre ich direkt ins Pong und bestelle einen Ricard. Ist das gut? Keine Ahnung, es ist bloß normal

Génération Désenchantée

July 31st, 2006

Ich sitze im Pong und mache mir Gedanken über meine Zukunft. Dabei fällt mir – ehrlich gesagt – gar nicht viel anderes ein, als der ganze Generation – Praktikum – Müll, den sich irgendwelche Feuilletonisten vor ein paar Jahren aus den Fingern gesogen haben, um mich und meine Altersgenossen in Kollektivhaftung zu nehmen: ja, ja, wir machen alle Praktika, obwohl wir ganz tolle Ausbildungen hinter uns haben und hunderttausend Sprachen sprechen. Wir haben riesig viel investiert und mindestens vier Jahre unseres Lebens in schlecht belüfteten Hörsälen verbracht, bloss um die nächsten vier als kriechende Gussputzer der Medienbranche zu verbringen – und dies alles ohne dafür bezahlt zu werden, versteht sich. Mit anderen Worten: wir sind nichts anderes als verdammte Opfer, wehrlose, dumme Opfer! “So ein Schwachsinn”, denke ich und spicke eine zu Ende gerauchte Davidoff, die ich Julien ausgerissen habe, mit den Fingerspitzen in die Mitte des Raums. Ich bin kein Opfer, ich bin Täter – schliesslich habe ich mich ja für all das entschieden. Ansonsten hätte ich nicht herzukommen brauchen, hätte ruhig in Bern hocken bleiben können, auf einem anständigen Lohn und der Aussicht auf eine mittelmässige Karriere als neurotischer Kleinstadtyuppie. “Pfui Teufel”, sage ich zu mir selbst, ganz leise nur aber offenbar trotzdem laut genug für Phils Ohren. “Was denn?” fragt der und schaut mich kritisch an, zieht die Augenbrauen zusammen und lässt die Mundwinkel hängen. “Ist was?” Ich schüttle den Kopf und sage irgendetwas Banales. Aber Phil hört sowieso nicht mehr hin. Er springt auf, greift nach seinem Ping Pong – Schläger und fängt an, wie wild um die grüne Tischtennisplatte zu rennen, die im vorderen Teil des Pong steht. Dabei ist er nicht allein, rund zwanzig Leute tun nämlich das gleiche. Sowas nennt man dann einen Rundlauf.

Ich habe jetzt zwei Monate bei der taz hinter mir und ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich zum Journalisten tauge. Tagesjournalismus ist einfach Fliessbandarbeit, bei der es in erster Linie darum geht, quasi vorproduzierte Textfragmente zu einer Art Geschichte zusammenzusetzten, deren lyrische Frische am ehesten mit derjenigen vakuumverpackter Käsescheiblettchen aus dem Extra zu vergleichen ist. Macht das Spass? Keine Ahnung, vielleicht ja, vielleicht nein. Man muss trotz allem bedenken, dass es schlimmere Jobs gibt. Schreiben ist doch eigentlich ganz nett. Bloss: was wird, wenn die Nettigkeit unter der Routine verschwindet? Wenn sie regelrecht aufgefressen wird? Bin ich dann ausgebrannt? Ein Ping – Pong – Ball prallt knapp zehn Zentimeter neben meinem Kopf von der Wand und fällt mit einem trockenen Klacken auf den Betonboden. Phil setzt sich neben mich, er hat zwei Ricard in der Hand und hält mir einen hin. Ich trinke und höre, wie Phil irgendetwas über seine Arbeit sagt. “Was?” frage ich und jetzt wird er lauter: “Ich will mir ein weiteres Standbein schaffen” ruft er und weil ich nicht kapiere worauf er hinaus will, frag’ ich nochmal “Was?”. – “Wegen der Arbeit”, höre ich ihn sagen und nicke. – “So. was denn?” will ich wissen, nachdem Phil einen Augenblick lang nichts mehr gesagt hat, aber er winkt bloss ab. “Eigentlich will ich gar nicht mehr als Journalist arbeiten” sagt er dann nach einer Weile. “Aber was soll ich tun? Ich meine, wenn ich wollte könnte ich nach Frankreich zurück um dort in der Raumplanung zu arbeiten. Als Funktionär, in der Provinz. Aber wer will das schon? Ich jedenfalls nicht” – “Komm schon”, erwidere ich in einem Anflug von verzweifelter Witzigkeit, “da verdienst du wenigstens ordentlich und kannst die Töchter der lokalen Bourgeoise flachlegen.” Ich weiss sofort, dass die Bemerkung eigentlich dämlich ist. Phil lacht trotzdem, wenn auch gequält.

Ich erinnere mich an den Vorabend, als wir in Phils Wohnung sassen und Rosewein tranken. Draussen fing die fast subtropisch – heisse Nacht an, und der Alkohol füllte meinen ausgetrockneten Körper mit dumpfer Müdigkeit. Ein Typ der sich als Gunnar vorstellte, aber eigentlich Günther hiess fragte plötzlich ganz unverbindlich in die Runde: “Sagt mal, was macht ihr eigentlich in Berlin?” Eigentlich hätten wir alle “Nichts!” rufen können, aber stattdessen zog jeder von uns irgendwelche Erklärungen an den Haaren herbei, um seinem Tun einen tieferen Sinn zu geben. Bei mir war’s die “Erfahrung” sowie die Tatsache, dass ich damit “einen Fuss in die Türe krieg”. Wenn ich richtig darüber nachdenke, dann kommen mir solche Argumente wie eine Kapitulationserklärung vor: händeringend das eigene Scheitern erklären und gleichzeitig so tun als betreibe man gerade aussichtsreiches Career-Networking! Oh la la, wie arm… Aber ehe ich irgendetwas unüberlegtes sagte, kam mir Phils Arbeitskollegin Jennifer zuvor. “Wir leben von der Hand in den Mund”, sagte sie und grinste – ganz so, als ob sie das bloss ironisch gemeint hätte. Gunnar fand’s offenbar auch lustig, er hat nämlich gelacht. Dabei war es bitterer Ernst. Wir sind die Bohème, denke ich und die Bohème ist ein mit Idealen besticktes Hungertuch ohne Zukunft. Sind wir unter Umständen einfach nur nutzlos? Gibt es irgendetwas auf der Welt, das ohne mein Zutun nicht mehr funktionieren würde? Nein, natürlich nicht. Wir sind ein Luxusgut, von dem die westliche Gesellschaft in ihrer dekadenten Spätphase glaubt, sie könne es sich leisten. In Tat und Wahrheit aber ist weit und breit keiner bereit, uns dafür zu bezahlen. Wäre die Welt ein konsequenter Ort, dann sässen wir den ganzen Tag über an der Riviera und erzählten uns Geschichten. Stattdessen hocke ich aber auf einem abgeriebenen Holzstuhl im Pong, und trinke Ricard aus einem Plastikbecher. What a shame. Jetzt spielen sie Mylène Farmer, einen Remix von “Désenchantée.” Generation Désenchantée – ja, ja, uns geht’s allen schlecht. Blödes Gejammer. Ich raffe mich auf. “Eigentlich braucht es uns gar nicht” sage ich dann und Phil, der inzwischen aus dem Ping-Pong – Rundlauf geflogen ist, haut mir joval auf die Schulter: “Unsinn” ruft er “Such dir eine Frau und eine Job. dann wirst du glücklich!” Er springt auf, fängt an zu tanzen und sein entrücktes Lachen lässt erahnen, wie ernst ihm die vorherige Aussage war – nämlich gar nicht.

Schweizer im Ausland

July 29th, 2006

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Da verbringe ich den Sonntagnachmittag in Köpenik, gebe mir mit Berliner Pilsner die Kante und dann sowas: Alex Frei kommt vorbei und will ein Bild mit mir. “Also gut”, sag’ ich, “wenn’s unbedingt sein muss.” Ein Autogramm hab’ ich ihm dann aber trotzdem nicht gegeben, er hat aber auch gar keins gewollt. Understatement ist schliesslich Pflicht, für Schweizer im Ausland.